Sonntag, 31. Mai 2020
Interview mit Felicitas Woll
Berlin, Berlin
Felicitas Woll wurde 1980 in Homberg geboren. Ihren Durchbruch als Schauspielerin erlebte sie in Dennis Gansels Kinofilm Mädchen, Mädchen (2001) und natürlich als Lolle in der mehrfach preisgekrönten, erfolgreichen ARD-Vorabendserie Berlin, Berlin. Sie wurde von ihrem späteren Agenten Frank Oliver Schulz in einer Diskothek entdeckt und ging mit 19 Jahren nach Peking, wo sie für das chinesische Fernsehen in der deutsch-chinesischen Serie True Love is invisible | Magic Love vor der Kamera stand. Anschließend wurde für die RTL-Serie Die Camper engagiert, in der sie drei Jahre lang in der Rolle der Tanja Ewermann zu sehen war.
Es folgten diverse Rollen in TV-Projekten, doch nach ihrem Durchbruch zog sie nach Berlin, um dort als Lolle vor der Kamera zu spielen. Sie wurde hierfür 2002 mit dem Deutschen Fernsehpreis, 2003 mit dem Grimme-Preis und 2004 mit der Goldenen Rose von Luzern für die beste weibliche Sitcom-Hauptrolle ausgezeichnet. Die Fernsehserie erhielt darüber hinaus 2004 einen International Emmy® Award.
Zu ihrer Filmografie gehören überdies die temporeiche Actionkomödie Abgefahren – Mit Vollgas in die Liebe (2004) sowie der überaus erfolgreiche ZDF-Zweiteiler Dresden von Roland Suso Richter über die Bombardierung Dresdens im Februar 1945. Zu ihren Kinoarbeiten zählen Vater Morgana (2009) von Till Endemann, Kein Sex ist auch keine Lösung (2010) von Torsten Wacker sowie Daniel Harrichs Ein schmaler Grat.
Seit 2013 ist sie als Kommissarin Pia Sander in der ZDF-Reihe Taunuskrimi zu erleben. Für ihre schauspielerische Leistung in Nackt. Das Netz vergisst nie von Jan-Martin Scharf wurde Felicitas Woll als beste Schauspielerin für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Für ihre Hauptrolle im TV-Drama Die Ungehorsame (2015) erhielt sie den Bayerischen Fernsehpreis als beste Schauspielerin.
👩🏼
Mit welchem Gefühl standen Sie am Set des Films?
Mit einer ganzen Menge! Mit Freude und Spaß, aber auch Aufgeregtheit und Nervosität. Dennoch überwog ganz klar der Spaß und die Freude, wieder mit allen vereint zu sein.
Wie würden Sie Lolle beschreiben?
Meine Freunde sind meine Nummer 1. Ich bin nur komplett, wenn alle anderen da sind! Für Lolle ist es ganz schwer, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, weil in ihr drin so viel los ist. Das Wort Chaos trifft es bei ihr ziemlich gut. Seit dem Abschluss der Serie ist sehr viel Zeit vergangen. Man möchte denken, dass alle erwachsen geworden sind, dass man vollkommen neue Personen erlebt, die mitten in ihrem Leben stehen. Doch Pustekuchen! Sonst wäre es ja auch langweilig. Lolle ist genauso chaotisch wie früher!
Was war Ihre erste Reaktion, als klar war: Jetzt wird der Kinofilm endlich gedreht!
Ich hatte Respekt vor dem Projekt. Ich habe mich gefragt, ob ich wieder in die Figur zurückfinde, ob wir diese Lockerheit, die wir mit Anfang 20 hatten, noch einmal erleben dürfen. Damals haben wir einfach gespielt, teils improvisiert, heute ist das alles anders. Deshalb stand für mich erst die Frage im Raum, ob wir mit derselben Kraft einsteigen können wie damals. Schließlich fand ein Treffen statt und es war ziemlich schnell klar, dass es wieder so funktionieren wird.
Die Freude überwog und ich war wahnsinnig gespannt auf das Drehbuch. Wohin würde uns David Safier führen? Wie würde die Geschichte weitergehen? Lolle war und ist für mich eine ganz wichtige Figur. Sie hat mir so viel für meinen eigenen Weg mitgegeben. Es war schön für mich zu sehen, was mit ihr passiert ist. Und das Drehbuch konnte nur gut werden, weil David Safier nicht nur die Figuren, sondern auch uns genau kennt.
Wie unterscheidet sich die Kinofilm-Lolle von der Serien-Lolle?
Die Kinofilm-Lolle hat ein paar Falten gekriegt! Die man natürlich vor allem sieht, wenn sie lacht. Und Lolle lacht nun mal viel. Natürlich ist Lolle auch ein wenig reifer geworden, hat ihre Erfahrungen gesammelt, Dinge erlebt, ist beruflich ein ganzes Stück weitergekommen, kippt jedoch schnell wieder, als die alte Konstellation mit den Freunden wieder zu Tage tritt und Lolle das Leben der anderen aufmischt. Im Großen und Ganzen ist die Truppe genauso wie vor 15 Jahren.
Überwiegt die Wiedersehensfreude mit der Serienfigur oder lastet auch ein gewisser Druck auf Ihnen? Die Serie war schließlich sehr erfolgreich, wurde mit Preisen überschüttet…
Einen Erfolgsdruck verspüre ich gar nicht. Das hatte ich damals auch nicht. Ich denke gar nicht daran, ob etwas erfolgreich werden könnte oder muss, oder ob etwas erfolgreich war und jetzt wieder erfolgreich werden muss. Lolle wird mich mein ganzes Leben begleiten. Ich werde sicherlich auch noch mit 70 als Lolle angesprochen. Ich liebe es, sie zu spielen. Es ist viel wichtiger, wenn man den Schauspielern anmerkt, dass sie Spaß hatten. Und das hatten wir!
Warum kann sich Lolle immer noch nicht für den richtigen Mann entscheiden?
Da geht es Lolle wie vielen anderen Frauen auch. Wer ist denn der eine richtige Mann im Leben? Mit dem einen kann man prima lachen, mit dem anderen kann man toll reisen und so weiter. Wenn es jemanden gäbe, der alle Eigenschaften in sich vereint, wäre das perfekt.
Die Meisten sehnen sich nach einer Beziehung. Das tut Lolle auch. Auch sie hat Sehnsucht nach dem Ankommen, dem Zuhause sein, dem Erwachsensein, nach Kindern in sich. Doch ich denke, dass einige Menschen auf ihrem Weg zu diesem vermeintlichen Ziel merken, dass sie dafür gar nicht gemacht sind. Viele Menschen sind Reisende, die sich zwar schon auch verlieben, sehr tief lieben, dann aber irgendwann wieder gehen, weiterziehen. Das Konzept Heiraten und Kinder kriegen ist einfach nicht für Jeden. Das muss man einsehen und das Leben akzeptieren, wie es für einen geschaffen ist. Das muss Lolle erst für sich entdecken.
Warum ist der Konflikt Sven gegen Hart in Lolles Leben nach all den Jahren noch so wichtig?
Es ist der Konflikt ihres Lebens. Einerseits sehnt sie sich nach dem Ankommen, dem Wunsch, eine Familie zu gründen, der Sicherheit…was sie mit Hart haben könnte. Auf der anderen Seite steht da aber Sven, der Wilde, der Abenteurer, der Impulsive. Bei ihm spürt Lolle die Leidenschaft. Und zwischen diesen beiden Polen bewegt sie sich.
Welche Rolle übernimmt Dana in Lolles Gefühlswelt?
Dana ist zunächst eine totale Irritation für Lolle – und Konfrontation! Eine Person, auf die sie einfach so gar keinen Bock hat. Dana übernimmt jedoch die Rolle einer Führerin und holt Lolle aus diesem Muster heraus, in dem sie gar nicht stecken möchte, weil sie so eigentlich auch gar nicht ist. Dana zieht sie mit und schenkt ihr eine Erkenntnis und letztendlich auch eine Klarheit. Sie ist die zentrale Figur für Lolles Entwicklung in dieser Geschichte.
Welchen Rat würden Sie der jungen Lolle von damals geben?
Entspann dich! Es wird irgendwann alles klar. Sei nicht so irre, werd‘ nicht so nervös, versuche mal durchzuatmen! Liebe, lebe, lache trotzdem! Aber mach‘ nicht immer aus allem gleich so ein Drama!
In wenigen Worten: Lolle damals, Lolle heute…
Lolle damals: jung, chaotisch, irre, empathisch, liebevoll, lustig. Lolle heute: bisschen konservativ, aber immer noch lustig, immer noch auf der Suche, immer noch auf der Suche nach der Liebe, immer noch das Feuer in ihr. Sie hat sich eigentlich nicht groß geändert!
Wie sympathisch ist Ihnen Lolle?
Lolle hat einen großen Teil von mir und ich habe einen großen Teil von Lolle. In all den Jahren, in denen ich als Schauspielerin tätig bin, hatte ich keine Figur, die mir so nah war wie sie. Von daher geht es mir mit ihr, wie mit mir selbst: Wenn man aufsteht in der Früh, findet man sich manchmal sympathisch, manchmal nicht. In vielen Momenten denke ich: Lolle, du bist ’ne Superfrau, ich nehm dich als beste Freundin in mein Leben. Und dann denke ich wieder: Lolle, du bist echt so schräg, krieg erst mal dein Leben auf die Reihe. Aber an Sympathiepunkten bekommt sie von mir sehr sehr viele!
Was ärgert Sie an Lolle, bzw. gibt es auch Eigenschaften von Lolle, die Sie gerne hätten?
Mich ärgert, dass sie doch eher sprunghaft ist, dass sie nicht bei einer Sache bleibt, auch gefühlsmäßig. Wenn sie das Feuer gepackt hat, denkt sie oft, alle müssten gleich mitziehen, dasselbe Feuer spüren, wie sie. Dem ist aber nicht so. Gut finde ich an ihr, dass sie ein Mensch ist, der stets positiv ist, der sein Ding einfach durchzieht, ganz straight. Klar hat sie auch Zusammenbrüche, zum Beispiel wenn sie Liebeskummer hat. Das wird dann auch richtig zelebriert. Ich mag an ihr, dass sie sich in ihre Gefühle nahezu hineinsetzt. Das finde ich toll.
Welche Szenen machen Ihnen am meisten Spaß?
Da ich die letzten Jahre viel ernste Rollen gespielt habe, liebe ich es nun besonders, wieder in das Komische, das Lustigsein, das Leichtsein einzutauchen. Das ist ein totales Fest. Gleichzeitig merke ich, dass es viel anstrengender ist, weil man auf den Punkt sein muss, schnell sein muss, loslassen muss. Das Timing-Gefühl ist extrem wichtig. Das war für mich als Schauspielerin wieder eine gute Übung. Ich habe die Dreharbeiten genossen.
Wie war das Wiedersehen mit den Kollegen von damals? Vor wie hinter der Kamera?
Wir Schauspielerkollegen haben uns nie aus den Augen verloren. Ich hatte nie so engen Kontakt wie mit dieser Clique, „unserer WG“. Von daher war alles sehr vertraut, familiär und lustig. Es war, als wäre keine Zeit vergangen, als hätten wir erst gestern zuletzt zusammengedreht. Mit Franziska Meyer Price ist es sowieso toll. Sie kennt uns, lässt uns Freiraum. Da reicht ein Augenkontakt und wir wissen, was wir ändern müssen. Der Dreh war sehr entspannt und familiär. Und Lolle hat vom ersten Drehtag weg wieder Besitz von mir ergriffen.
Im Film gibt es viele Animationssequenzen. Wie viel Freude macht es zu wissen, dass es die Animations-Lolle gibt, die alles machen kann?
Es ist natürlich etwas Besonderes, wenn man weiß, dass es von seiner Figur auch noch eine Comicfigur gibt, die durch den Film rennt und ihre Geschichte erzählen kann. Ich sitze in den Szenen dann da und versuche mir, alles vorzustellen, was da gerade passiert. Das macht unglaublich viel Spaß. Es ist etwas ganz Anderes, als einen normalen Film zu drehen.
War es leicht, eine Filmfreundschaft mit Janina Uhse aufzubauen?
Wir hatten das Casting zusammen und da war schnell klar, dass wir gut zusammen können. Janina hat eine tolle Kraft, eine Tiefe – das mag ich und brauche ich auch als Schauspielerin, weil ich immer nur so gut bin wie mein Partner, mein Gegenüber. Zwischen uns hat es von Anfang an gepasst.
Was darf der Zuschauer erwarten?
Viel! Viel Verrücktes, viel Liebe, viel Lachen, viel Komik, Herzschmerz… Es wird bunt, laut, es kracht und macht „Peng“! Die Welt zu erleben, die Lolle erlebt, ist sehr aufregend.
Wann haben Sie sich zuletzt eine Folge der Serie angeschaut?
Ich muss gestehen, dass ich immer mal wieder reinschaue. Zum einen habe ich ja schon eine große Tochter, die schon mitgeguckt hat. Dann ist mein Bruder ein großer Fan und schaut die Serie rauf und runter. Ich selbst habe sie auch geguckt, um zu sehen, wie dieser oder jener Moment damals war, wie meine Verbindung mit Hart, wie die mit Sven war… Ich wollte wieder ein Gefühl dafür bekommen. Aber ehrlich gesagt, hätte ich das gar nicht nötig gehabt – weil ich nichts vergessen habe. Das Gefühl ist immer noch vorhanden!

29.04.2020 | mz | Quelle: Constantin Film
Kategorien: Magazin