Donnerstag, 24. September 2020
Interview mit Nicolas Vanier
Der Junge und die Wildgänse
Der Abenteurer, Autor und Filmemacher Nicolas Vanier wurde in senegalischen Dakar geboren und wuchs auf dem Landgut seines Großvaters in Sologne auf, wo er sein Gespür für die Ökologie der Natur und die Liebe zu Tieren entwickelte. Als er alt genug war, folgte er seinem Vorbild Jack London und durchquerte mit 20 Jahren Lappland zu Fuß.
Im Jahr darauf war er im Norden von Québec unterwegs und folgte dabei den Spuren der indianischen Bevölkerung der Montagnais. 1986-87 reisten er und sein Team 7000 Kilometer durch die Gebiete der Rocky Mountains und Alaskas, von Wyoming bis zur Beringstraße. Transportmittel waren 12 Pferde, 24 Huskys, ein Floß und zwei Kanus. Dieses Abenteuer wurde in drei Filmen festgehalten. 1988 entstanden darüber zwei Bücher „Le Triathlon historique“ und „Solitude Nord“.
Die Durchquerung von Sibirien von Süd nach Nord in einem Zeitraum von mehr als anderthalb Jahren fand 1990-91 statt. Es waren 7.000 Kilometer durch die Tundra, von der Mongolei bis zum Nördlichen Eismeer, die er mit Hilfe von traditionellen Transportmitteln (Pferde, Hundeschlitten, Rentiere, Ponys und Kanus) zurücklegte. Zu dieser Expedition gibt es den Film Au Nord de l’Hiver sowie sein Buch „Transsibérie, le Mythe sauvage“.
1993 nahm Nicolas Vanier am Leben einer Nomadenfamilie der Ewenen in der sibirischen Arktis teil. Diese Geschichte erzählt er in seinem Buch „La Vie en Nord“. Im Mai 1994 wurde sein Roman „Solitude blanche“ veröffentlicht. Mit seiner Frau und der 18 Monate alten Tochter reiste er 1995 ein Jahr zu Pferd durch die Rocky Mountains sowie das Yukon-Territorium. Danach fuhren sie mit Hundeschlitten 1.500 km bis nach Alaska. Sein Buch dazu, „Das Schneekind“, erschien am 20. Dezember 1995, der Film zur Reise, L’Enfant des Neiges auf DVD.
1999 erschien im Robert Laffont Verlag das Buch „Die weiße Odyssee“ über die Reise durch Nordkanada von Skagway in Alaska bis nach Quebec mit Schlittenhunden (8.600 km) in weniger als hundert Tagen. 2000 gründete er die Organisation Les Fauteuils Glissants, die es Körperbehinderten ermöglicht, Hundeschlitten zu fahren und sich auf das große Hundeschlittenrennen in Alaska vorzubereiten.
Im Winter 2003 begann er am Yukon mit den Dreharbeiten zu seinem ersten Film mit fiktiver Handlung und Spielfilmlänge, Der letzte Trapper. Danach veröffentlichte er das gleichnamige Kinderbilderbuch sowie einen Bildband. Im Januar 2005 startete er Die große Odyssee, ein 1.000 km langes Rennen durch die Alpen, bei dem die besten Hundeschlittenführer der Welt gegeneinander antraten. 2009 erschien sein zweiter Spielfilm Der Junge und der Wolf, der die schwierige Koexistenz sibirischer Rentier-Nomaden und Wölfe und die Rückkehr der Menschen zu ihren naturgebundenen Traditionen schildert.
Es folgten weitere Spielfilme wie Belle und Sebastian und Paul und die Schule des Lebens. 2017 erschien auch sein Buch „Abenteuer Yukon Quest“. Mit Der Junge und die Wildgänse hat Nicolas Vanier nun das wahre Abenteuer des gelernten Meteorologen und Vogelliebhabers Christian Moullec verfilmt.
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Was hat Sie an dem Kampf von Christian Moullec so begeistert, von dessen Leben und Geschichte der Film inspiriert ist?
Bisher habe ich auf der Leinwand zumeist meine eigenen Geschichten erzählt, und ich fand es reizvoll, mich in die Geschichte eines anderen hineinzudenken. Aber vor allem bewundere ich Christian für das, was er für die Wildgänse gewagt und erreicht hat, dass er diese ja wirklich verrückte Herausforderung auf sich genommen hat, mit seinem Ultraleichtflugzeug gemeinsam mit ihnen zu fliegen, um sie eine neue Flugroute zu lehren.
Seine Entschlossenheit ähnelt ein bisschen der meinen, sich zu mobilisieren, um das, was von der Natur noch zu retten ist, zu beschützen, denn wenn eine Spezies erst einmal ausgestorben ist, dann ist dies nicht mehr umkehrbar. Und die Gattung der Zwerggänse ist gerade dabei, zu verschwinden. Die Zugwege auf denen sie sich seit Tausenden von Jahren bewegen, sind für sie nicht mehr nutzbar. Seit einiger Zeit gibt es verschiedenste Hindernisse auf ihren Routen: Nahrungsmangel am Rande der Strecke, Lichtverschmutzung, Gefahren durch Flughäfen und Jagdgebiete, in denen sie nicht geschützt und zum Abschuss freigegeben sind.
Was haben Sie persönlich zu dieser Geschichte beigetragen?
Christians Geschichte hätte sich natürlich perfekt für einen Dokumentarfilm geeignet, aber sein Werdegang hat in mir die Lust geweckt, aus dem Stoff einen Roman und einen Film zu machen, die darüber hinaus Themen aufgreifen, die mir am Herzen liegen – allen voran den Austausch zwischen den Generationen und hier vor allem den zwischen Vater und Sohn.
Aber ich wollte auch, und das ist etwas, was ich selbst sehr gut kenne, das Porträt eines Mannes zeichnen, der so voller Leidenschaft und Engagement ist, für das was er tut, dass er darüber manchmal das Wichtigste im Leben vergisst: Liebe, Familie, Freunde – all das, was ein Leben erst wirklich reich macht. Deswegen ist auch der familiäre Zusammenhalt für mich ein Thema. Das sind die Motive, die das Gerüst des Films bilden. Sie zeichnen aber auch das Bild einer Jugend, die den Eindruck macht, die Lust am Abenteuer und am Austausch ein wenig verloren zu haben.
Ich will nicht der Spielverderber sein, der behauptet, dass früher alles besser war, aber ich gebe zu, dass es mich manchmal ein wenig bestürzt, Jugendliche zu sehen, die vier oder fünf Stunden am Tag nur auf ihr Handy schauen, obwohl sie an den wunderbarsten Orten sind. Deswegen habe ich die Figur von Thomas so angelegt: Ich wollte, dass er in der Camargue, bei seinem Vater angekommen, als erstes fragt, ob es dort eine WLAN-Verbindung gibt. Und ich wollte dann zeigen, dass auch ein echtes Abenteuer eine Bereicherung sein kann.
Aber die heutige Jugend ist auch sehr beunruhigt, was die ökologischen Veränderungen und den Klimawandel angeht…
Das ist richtig und sehr ermutigend. Wir Erwachsenen sind seit Jahren alarmiert, aber ohne wirklich etwas zu verändern. Die jüngere Generation hat sich bewusst gemacht, dass sie nicht länger auf eine Welt zählen kann, die wir bis zum letzten ausgebeutet haben. Sie sind dabei, auf die Barrikaden zu gehen, um die Dinge voranzubringen. Ich finde das sehr stark, denn die ökologische Bombe, die uns alle bedroht, wird in nicht allzu ferner Zukunft in die Luft gehen. Die Uhr tickt so laut wie noch nie.
Regisseure sagen häufig, dass die Filme, die an Originalschauplätzen gedreht werden oder in denen Kinder oder Tiere mitspielen, diejenigen sind, die am schwierigsten zu drehen sind. Hier kommen all diese Faktoren zusammen. War der Film ihre bisher größte Herausforderung als Regisseur?
Das kann ich ohne Zögern absolut mit „Ja!“ beantworten. Und dass, obwohl ich schon bei extremen Minustemperaturen mit Wölfen im hintersten Winkel Sibiriens gedreht habe! Aber während dieses Drehs gab es Dutzende von Schwierigkeiten, mit denen wir umgehen mussten, wie z.B. die Tatsache, dass Louis Vazquez, der die Rolle des Thomas spielt, das erste Mal eine Hauptrolle übernommen hat – und er hat es fantastisch gemacht.
Unsere anderen Hauptdarsteller, die Gänse, konnten außerdem nicht so dressiert werden, wie man es von anderen Tieren kennt. Und wir mussten uns, vor allem in Norwegen, auf extrem schwankende Wetterbedingungen einstellen. Zu alldem kommt noch die sehr komplexe Herausforderung, in der Luft zu drehen und dabei trotzdem qualitativ hochwertige Bilder entstehen zu lassen.
Wie sind die Luftaufnahmen entstanden, von denen es im Film ja eine ganze Menge gibt?
Wir haben viele Versuche gebraucht, viele gescheiterte Probedurchläufe und wir haben sehr viele unterschiedliche Materialien getestet, weil ich Bilder haben wollte, die dem Flug der Vögel so nahe wie möglich kommen. Nomaden der Lüfte von Jacques Perrin ist für mich ein fantastischer Film, aber ich wusste, dass die heutigen Möglichkeiten der Technik es uns erlauben, noch weiter zu gehen. Wir haben so viele Anstrengungen auf uns genommen, so viele Versuche. Es gab auch Phasen, die uns entmutigt haben. Aber am Ende haben wir diese Herausforderung gemeistert.
Was genau sind diese technischen Neuerungen?
Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Es gibt heutzutage eine Technologie, die es erlaubt, Kameras zu benutzen, die sich dank eines GPS-Signals ganz präzise am Horizont ausrichten. Sie machen es möglich sehr stabile Bilder einzufangen, trotz der Vibrationen und ohne den stroboskopischen Effekt, der noch vor einigen Jahren jede Bewegung leicht verzerrt dargestellt hat. Ich wollte dem Zuschauer exakt das Bild und die Empfindungen vermitteln, die ich selbst hatte, als ich mit Christian Moullec in seinem Ultraleichtflugzeug geflogen bin und sofort wusste, dass ich diesen Film unbedingt machen möchte.
Der Film ist für Sie ein erneuter Ausflug in die Fiktion. Was kann ein Spielfilm im Gegensatz zu einem Dokumentarfilm bewegen?
Ich habe in meinem Leben nun schon um die zwanzig Dokumentarfilme realisiert und ich habe einfach gemerkt, dass es mir enormen Spaß macht, etwas in Szene zu setzen, Schauspieler zu dirigieren und sie zu den Personen werden zu lassen, die ich geschrieben habe, ihnen die Gefühle zu entlocken, die ich sehen möchte. Ich liebe es, Momente mit diesen Künstlern wie François Cluzet oder Jean-Paul Rouve teilen zu können, diese Momente voller Zärtlichkeit oder Humor. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Musiker, der lange Zeit ein leicht verstimmtes Klavier gespielt hat und der nun die Möglichkeit hat, die perfekte Melodie erklingen zu lassen. Ich werde mit meinem nächsten Film, Poly, noch ein weiteres Register ziehen: Es wird eine Komödie werden.
Was glauben Sie, macht den Reiz für Schauspieler aus, mit Ihnen zusammenzuarbeiten? Ihre Vergangenheit als Abenteurer?
Ich denke, dass es da zwei Dinge gibt, obwohl ich natürlich nicht für sie sprechen kann. Ich glaube, dass meine Vergangenheit bestimmte Begegnungen erst möglich gemacht hat, denn ich komme ja nicht aus dem engeren Zirkel des Kinos, in dem Schauspieler sich ansonsten bewegen. Außerdem gibt es vielleicht auch bei ihnen das Bedürfnis, an Filmen mitzuwirken, die ein bisschen andere Ideen transportieren als die, die sie bisher gemacht haben.
Warum haben Sie sich für Jean-Paul Rouve entschieden?
Dass die Wahl auf ihn fiel, war für mich von Anfang an klar, auch wenn das immer schwer zu erklären ist. Das hatte auch etwas mit Instinkt zu tun. Mir schwebte eine Person vor, die ein bisschen etwas von einem großen Kind in einem erwachsenen Körper hat. Jean-Paul Rouve hat eine sehr große Bandbreite in seinem Spiel. Ich brauchte einen Schauspieler, der Christian glaubwürdig als eine sehr poetische Person darstellen kann, so wissenschaftlich sie auch auf der anderen Seite ist.
Und warum Mélanie Doutey in der Rolle seiner Ex-Ehefrau?
Ich habe sie schon in vielen Filmen und am Theater gesehen, und ich mag diese Emotion, mit der sie spielt. Im Film spielt sie ihre Rolle jetzt mit einer solchen Hingabe, dass wohl jeder genau eine solche Frau gerne zur Mutter hätte. Außerdem stimmt die Chemie zwischen ihr und Jean-Paul. Wir hatten uns vorher noch nie persönlich getroffen, aber ich brauchte nur wenige Minuten, um ihr die Rolle anzubieten. Es war wirklich eine sehr schnelle und ebenso instinktive Entscheidung.
Sie holen nun erneut einen jungen Schauspieler zum ersten Mal auf die große Leinwand…
Das sind immer schwierige Entscheidungen, aber ich liebe es, jungen Schauspielern, die wenig bis gar keine Erfahrungen im Kinobereich haben, eine Chance zu geben. Es ist auch oft ein Kampf. Ich erinnere mich, dass ich sehr für Félix Bossuet gekämpft habe, damit er den Sebastian verkörpern konnte.
Auch dieses Mal haben wir ein sehr aufwändiges Casting mit mehreren Tausend jungen Schauspielern veranstaltet, daraus habe ich gemeinsam mit meiner Castingdirektorin ungefähr hundert ausgewählt und mit fünfzehn von diesen haben wir dann weitergearbeitet. Am Ende hat Louis sich durchgesetzt und er ist fantastisch gewesen. Er hat gelernt, ein Ultraleichtflugzeug zu steuern und er hat das Fliegen am Ende geliebt, trotz der Unwägbarkeiten und Zumutungen bei diesem komplizierten Dreh.
Der Junge und die Wildgänse war auch der Startschuss für ein pädagogisches Projekt, dass Sie in Zusammenarbeit mit dem Französischen Bildungsministerium ins Leben gerufen haben. Müssen Filme für Sie auch als Wissensmittler fungieren können?
Das ist für mich unerlässlich, denn gerade bei diesem Film ist der Anlass ein so dringlicher. In den letzten dreißig Jahren sind 430 Millionen Vögel in Europa verschwunden. Die Zwerggänse sind extrem vom Aussterben bedroht. Und in den kommenden Jahren erwarten uns noch katastrophalere Zahlen. Aktuelle Studien zeigen, dass die Klimaerwärmung und die Auswirkungen von Pestiziden dazu führen, dass zwei Drittel aller Vögel gefährdet sind und es ist nicht verfehlt, von der Gefahr einer totalen Ausrottung mancher Gattungen zu sprechen.
Will man sich einen Morgen vorstellen, an dem kein einziger Vogel singen wird? Wollen wir weiter am Abgrund des Kraters tanzen, ohne uns Gedanken darüber zu machen, dass Flora und Fauna im Begriff sind zu verschwinden und uns die Rohstoffe ausgehen? Ich hätte diesen Film nicht machen können, ohne dass er von einem Projekt begleitet wird, dass wir gemeinsam mit Allain Bougrain-Dubourg, dem französischen Vogelschutzbund, dem Conservatoire National du Littoral, der sich um den Schutz von Naturgebieten an der Küste einsetzt, dem Naturkundemuseum und dem Bildungsministerium ins Leben gerufen haben.
Jean-Michel Blanquer, der französische Bildungsminister, war zum einen von der Botschaft des Films begeistert, aber auch davon, dass im  Mittelpunkt ein Mann steht, der sich durchkämpft, der mit Hilfe der Technologie seine Ziele erreicht und so eine Spezies vor dem Aussterben rettet. Das ist eine sehr viel positivere Herangehensweise an das Thema als es Reportagen oder Dokumentarfilme in der aktuellen Lage zeigen könnten.
Dieser Film bemüht sich um eine hoffnungsfrohe Botschaft. Es geht darum, unseren Intellekt und unser Wissen zu nutzen, um Lösungen zu finden, anstatt einfach nur zu lamentieren. Im Zuge dieses Projekts wollen wir gemeinsam mit Christian Moullec 300 bis 400 Vögel von Lappland in ihre Überwinterungsquartiere bringen. Emmanuel Macron hat uns schon wissen lassen, dass er für dieses Projekt empfänglich ist, genauso wie andere europäische Instanzen. Wir haben also die Hoffnung, dass es wirklich passieren wird…

09.04.2020 | mz | Quelle: Capelight Pictures, Wikipedia
Kategorien: Magazin