Freitag, 24. Mai 2024
Interview mit Timm Kröger

Die Theorie von Allem

Embed from Getty Images
Timm Kröger wurde 1985 in Itzehoe geboren. 2005 absolvierte er sein Abitur in Sankt Peter-Ording. Daraufhin verbrachte er neun Monate damit, als Fotograf einen Wanderzirkus quer durch Deutschland zu begleiten. Nach dieser Erfahrung studierte er am European Film College im dänischen Ebeltoft. Dort realisierte er erste Spiel- und Dokumentarfilme als Kameramann und Regisseur.
Nach seinem Abschluss war Timm Kröger noch ein weiteres Jahr an der Filmhochschule als „Teacher’s Assistent“ beschäftigt. Es folgte ein Praktikum bei ARRI Rental in München. Im Jahr 2008 begann er ein zweites Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg. Zunächst studierte er Bildgestaltung/Kamera, ehe er in die Abteilung Dokumentarfilmregie wechselte. Als Lehrbeauftragter war er im Fachgebiet Bildgestaltung/Kamera an der Hochschule Düsseldorf tätig.
Zerrumpelt Herz, sein Studienabschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, spielt im Jahr 1929. Das Werk stellt drei Freunde in den Mittelpunkt, die dem zurückgezogen lebenden jungen Komponisten Otto Schiffmann im masurischen Wald einen Besuch abstatten. Doch die von ihm bewohnte Hütte wird verlassen vorgefunden und der Gastgeber bleibt verschwunden. Gemeinsam mit Studienfreund Roderick Warich verfasste er das Drehbuch. Der Film erlebte seine Premiere in der unabhängigen Reihe Settimana Internazionale della Critica der Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2014, wo es großes Lob seitens der deutschen Filmkritik erfuhr.
2018 gründete er zusammen mit Viktoria Stolpe die Berliner Filmproduktionsfirma The Barricades. Jetzt kommt sein zweiter Spielfilm in die deutschen Kinos. Auch Die Theorie von Allem lief auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig und wurde für den Goldenen Löwen nominiert. Mit diesem Film Noir liefert Timm Kröger nun seinen ersten eigenen Kinofilm, auch hier wieder mit Studienfreund Roderick Warich als Mitautor.

Wie entstand die Idee zum Film, warum Schwarzweiß, warum die 1960er Jahre und warum die Alpen?
Relativ unvermittelt, während einer Zugfahrt, kam plötzlich die Idee, einen Schwarzweiß-Film zu machen, der in den 60er Jahren spielt, der „Die Theorie von Allem“ heißt und von skifahrenden Physikern in den Schweizer Bergen handelt – auch die „alte“ Form des Films, die Pasticheartigkeit, dieses Gefühl und diese etwas eigenwillige Textur irgendwo zwischen „Zauberberg“, Erich Kästner, Hitchcock und Tarkowski. All das war überhaupt keine Entscheidung, sondern wurde zusammen mit der Titelidee sozusagen gleich mitgeliefert. Von wo auch immer solche inneren Bilder kommen, dieses Bild war jedenfalls relativ deutlich.
David Lynch hat mal beschrieben, wie er nach Ideen und Bildern fischt – wie er einfach nur wartet, bis die „richtigen Teile“, aus denen ein Film sich zusammensetzen wird, durch
die trüben Gewässer des Unbewussten vor dem inneren Auge erscheinen. Das klingt ein wenig esoterisch, und ganz bestimmt arbeiten nicht alle Filmemacher so, aber bei dieser Idee war nach wenigen Sekunden klar, dass genau daraus mein nächster Film wird.
Das Ganze ist trotzdem nicht ganz im Vakuum entstanden. 2013 habe ich meinen Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg namens Zerrumpelt Herz zusammen mit meinem Drehbuchautoren Roderick Warich und meiner Produzentin Viktoria Stolpe gemacht. Dabei entstand die Idee, eines Tages insgesamt drei Filme zu machen, die auf ihre Art das 20. Jahrhundert umspannen würden.
Zerrumpelt Herz war der direkte Vorgänger von Die Theorie von Allem (Unsere jetzige Hauptfigur Johannes beispielsweise taucht dort bereits als kleiner Junge auf.), und obwohl der Film damals seine Premiere beim Internationalen Filmfest Venedig hatte, bekam er keinen deutschen Kinostart und blieb relativ unbekannt. Deswegen wollten wir natürlich, dass dieser neue Film völlig eigenständig funktioniert – obwohl Die Theorie von Allem gewisse thematische und stilistische Elemente übernehmen sollte.
Was beide Filme gemeinsam haben, ist, dass sie auf ihre Art von der noch immer nicht totzukriegenden Idee des Individualgenies handeln. Zerrumpelt Herz war ein Film über (spätromantische) Musik, Inspiration, Naturmystik, und auch über die Abgründe, die man besonders in Deutschland hinter dieser Ideengeschichte vermuten darf. Dieser Film hat dann die spätromantischen Farben entfernt und das Thema variiert. Die Theorie von Allem ist ein Film über Physik, Inspiration, falsche Erinnerungen, echte Träume, und jene Geister, die hinter dem lauern, was wir unsere Geschichte nennen.
Könnten Sie bitte kurz auf die Hauptfiguren eingehen?
Johannes Leinert ist 32 Jahre alt und Doktor der Physik in spe. Er ist sozusagen viel zu alt dafür, noch so jung zu sein. Er ist der klassische Bildungsreisende, Zuschauersurrogat,
Genie und Idiot in einer Person, unbeschriebenes Blatt, „massa confusa“, wie gewisse Psychologen sagen würden. Er ist ernsthaft überzeugt, seine große physikalische Idee geträumt zu haben. Nur an der Ausführung hapert es noch. Ich wollte eine Variation zur Heldenreise, auch zum klassischen „wissenschaftlichem Wunderkind“, wie man es aus so vielen Filmen kennt, in denen geniale junge Männer mit Kreide Formeln ans Fenster malen. Johannes ist ein junger Mann, dessen Weg vorgezeichnet erscheint, der aber an den Brüchen der sogenannten Realität zugrunde gehen wird. Zumindest in unserer spezifischen Version dieser Geschichte.
Karin Hönig ist (so merkwürdig das klingen mag angesichts der wenigen Zeit, die sie im Film zu sehen ist) die heimliche zweite Hauptfigur des Films. In einer Welt, die wir nur andeuten, von der wir nur Ahnungen und kleine Ausschnitte bekommen, kannte sie Johannes, und sie weiß viel mehr über ihn als er jemals über sich selbst erfahren wird. All das musste sich hinter der Fassade der geheimnisvollen Pianistin, der Femme fatale verstecken. Aber ihre Augen verraten einen echten Menschen, einen „älteren“ Mensch, eine Frau mit eigenen Träumen, Abgründen und Ängsten. Für Johannes bleibt sie ein Mysterium, Schwellenwächter und Geist aus einer anderen Welt in einem.
Prof. Dr. Julius Strathen ist Johannes‘ Doktorvater und eine fast comicartige Manifestation des „strengen Vaters“. Er ist ein Pragmatiker. Er faltet Johannes zusammen, wenn jener abgelenkt in der Gegend herumzustehen scheint oder metaphysischen Schatten hinterherjagt. Wenn Strathen ein Motto hätte, wäre das „Shut up and calculate“ (Bis heute wird dem Physiker Richard Feynman dieses Zitat angedichtet).
Prof. Dr. „Henry“ Blumberg ist Strathens alter Studienfreund und Antipode: Wo dieser trocken und ernst bleibt, musste Blumberg in eine Heinz-Erhardt-Variante des Dionysischen
fallen (wenn Heinz Erhardt Interesse an psychotropen Pflanzen hätte). Ebenso wie Strathen ist Blumberg ein Zerrbild – eine dickliche, freundliche, aber auch abstoßende Comicfigur mit menschlichen Brüchen. In Johannes erkennt Blumberg einen Funken seines eigenen (längst vergangenen) Potentials.
Der Film impliziert, dass die Hauptfigur Johannes Leinert parallel noch in einer anderen Welt existiert bzw. existiert haben könnte. Wie würden sie die Realität beschreiben, in der wir ihn im Film kennenlernen?
Auf seine Art erzählt der Film mehrere Versionen ein- und derselben Geschichte. Trotzdem war mir wichtig, dass wir Johannes‘ Geschichte als unausweichlich erfahren, dass wir im Verlauf des Films relativ linear der Geschichte folgen, die dieser einen mit sich immer identisch bleibenden Figur widerfährt. Das heißt, wir bleiben auch als Zuschauer in der Perspektive von Johannes, dieses einen Menschen, der sich schließlich fragen muss, welche anderen Entscheidungen, Erfahrungen und Realitäten ihm für immer verschlossen bleiben werden. Für ihn ist Karin ein Geist aus einer anderen Welt. Wenn man den Film aber aus ihrer Perspektive betrachtet (mit dem wenigen, was wir wissen), dann ist Johannes ein Geist, ein Untoter, ein falscher Wiedergänger.
Im Kino wie im Leben scheint es oft nur einen möglichen Verlauf zu geben (Beim Film ist das der banalen Tatsache geschuldet, dass jeder Film nur ein Ende haben kann). Und zumindest retroaktiv reden die meisten Menschen sich ein, alles in ihrem eigenen Leben habe genau so kommen müssen, wie es auch gekommen ist. Doch hinter jeder Ahnung von Schicksal steckt immer auch die reale Möglichkeit, ein chaotisches, gleichgültiges Universum zu bewohnen, in dem es außerhalb der menschlich konstruierten Bedeutung kein richtig oder falsch geben kann.
Nicht nur in der Sci-Fi-Literatur gibt es den Topos vom Doppelgänger, und dazu gehört oft der unausweichliche Showdown, in welchen den beiden Doppelgängern schließlich Fragen gestellt werden, auf die nur der echte Mensch, nicht sein falscher Doppelgänger die richtige Antwort wissen kann. In dieser Situation entfaltet sich echte Paranoia, und auch die Frage, die dieser Film implizit stellt: Was, wenn wir selbst die richtige Antwort nicht kennen, gar nicht kennen können? Was, wenn wir selber unser falscher Doppelgänger sind? Von diesem Gefühl handelt der Film.
Erzählen Sie uns bitte etwas über die besondere Umsetzung des Films hinsichtlich des Looks und der Musik!
Gestalterisch wollte ich zu einer klassischen Découpage finden, zu einem Gefühl, wie wir es vielleicht von Frank Capra, Orson Welles, Helmut Käutner, später auch Truffaut oder Spielberg kennen. Was z.B. Spielberg heutzutage macht, hat mal jemand als radikalen Traditionalismus beschrieben. Ein ähnliches Terrain mussten wir für diesen Film betreten, aber mit anderen Motiven. Abenteuerfilm trifft Film Noir trifft auf deutschen Bergfilm trifft auf etwas Nouvelle Vague. Ich wollte das Gefühl von basaler Kinovertrautheit, von etwas Uraltem, das zuerst unmerklich, dann spürbar von etwas Unheimlicheren, Modernerem unterwandert wird.
Hollywoodproduzent Samuel Goldwyn wurde der Legende nach mal mit der Kritik konfrontiert, das Drehbuch für sein neues Filmprojekt sei voller alter Klischees. Er sagte nur: „Dann brauche es eben dringend neue Klischees.“ Dahinter steckt ein ganz cleverer Verdacht, dem sich alle Filmemacher und Künstler ab und zu stellen können: Was, wenn das, was wir für zeitgemäß, neu oder originell halten, sich in der Rückschau als Mode, als mehr oder weniger besinnungslose Funktion unserer jeweiligen Gegenwart herausstellt?
Analog dazu passiert etwas Eigenartiges, wenn man die Gestaltungsmittel eines überholten Kinos, die „alten Klischees“ in einen Film von heute transportiert. Es entsteht im besten Fall eine merkwürdige Spannung zwischen Form, Narration und der gelebten Gegenwart der Zuschauer, sei sie nun real oder medial „halluziniert“. Und Kino ist eine Form der medialen Halluzination. Wenn alles gutgeht, tauschen wir für die Dauer von zwei Stunden das Leben zweidimensionaler Figuren gegen unser eigenes ein. Aber fundamental reibt sich die „alte“ Machart eines heutigen Films oft mit diesem Zweck – und dann kann sich unter der filmischen Oberfläche das Gefühl einer „Falschheit“ nähren, das Gefühl einer unheimlichen, irgendwie inadäquaten, fehlgeleiteten Abstraktion, die die „Falschheit“ der erzählten Geschichte spiegelt und gleichzeitig etwas Neues schafft.
Mein Kameramann Roland Stuprich arbeitet eher intuitiv, was mir sehr gefällt. Wir beide haben uns nicht, wie man vielleicht denken würde, mit hunderten Studienobjekten aus der Filmgeschichte umgeben, stattdessen haben wir uns, was Bild- und Lichtgestaltung angeht, eher von den „erinnerten“ Bildern leiten lassen. Der Film ist dementsprechend eher ein Amalgam aus vielen Schichten von nur halb in Erinnerung und im Bewusstsein gebliebenen Filmen. Die ganz bewussten Filmzitate lassen sich vielleicht an einer Hand abzählen (während andere Menschen, die den Film gesehen haben, immer wieder neue Bezüge zu Filmen darin entdecken, von denen ich noch nie gehört habe).
Ich glaube, ähnlich ist auch Pola Kardum, unsere Kostümbildnerin, verfahren, die nach der ersten Drehbuchlektüre, ohne dass wir beide uns damals kannten, genau das zu Papier brachte, was wir alle uns von Anfang an vorgestellt hatten. Gleiches gilt für Szenenbildnerin Cosima Vellenzer, die die schwierige Aufgabe hatte, mit nicht immer üppigen Mitteln das Gefühl von Zeitkolorit und Opulenz aufzubringen.
Mit meinem Komponisten Diego Ramos Rodríguez, der hier zum ersten Mal so etwas wie klassische Filmmusik geschrieben hat (Ich kannte ihn als Komponisten für zeitgenössische Musik.), habe ich tatsächlich recht viel Musik „studiert“, vor allem Bernard Herrmann, Paul Misraki, George Delerue, ein bisschen Trevor Duncan, und auch John Williams (der ja wiederum ein Portmanteau von musikalischen Bezügen mit sich herumträgt). Diego hat es geschafft, die bis ins Alberne bordende Leitmotivik, die ich wollte, das Überkandidelte, das Alte, Laute, Pathetische mit einer eigenen musikalischen Substanz und ambivalentem Gefühl zu versehen.
Es ist eine sehr komplexe und facettenreiche Geschichte. Was war für Sie die größte Herausforderung bei der Drehbuchentwicklung, aber auch bei der Umsetzung des Stoffs?
Ehrlich gesagt war die Drehbucharbeit weniger das Problem. Mein Drehbuchautor Roderick, der selbst Filmemacher ist, hatte relativ früh die wichtige Idee, eine Parallelweltengeschichte zu erzählen. Und auch für andere Kernszenen und den gesamten Plot lieferte er bald ein mehr oder weniger fertiges Rezept, das die Figuren, Stimmungen und Atmosphären, die ich im Kopf hatte, in ein kohärentes Ganzes fügten.
Die vielleicht schönste Idee, die er beisteuerte, ist die eines langen Epilogs im Film, die gewisse Stilelemente der Nouvelle Vague spiegelt, und auch den Film zum ersten Mal auf sich selber blicken lässt – auf gleich mehrere Arten und Weisen. Roderick witzelte irgendwann, er hätte einen solchen Film selber nie gemacht, doch ohne ihn hätte ich diesen Film niemals machen können.
Viel komplexer als die Drehbuchentwicklung schien zunächst die Umsetzung. 2018 haben Viktoria Stolpe und ich gemeinsam eine Firma gegründet, The Barricades, die zunächst wirklich nur auf den Zweck gerichtet war, diesen Film zu realisieren. Durch Sandra Wollners Spielfilm The Trouble with being born konnten wir wichtige Erfahrungen sammeln, die direkt und indirekt dazu geführt haben, dass die Realisierung dieses Films irgendwann in greifbare Nähe rückte (u.a. haben wir dabei auch unsere österreichischen Koproduktionspartner Lixi Frank und David Bohun von Panama Film kennengelernt). Am Ende war es ein jahrelanges Aufbauen von Möglichkeiten und gegenseitiger Unterstützung. So war auch Roderick immer mehr als nur der Drehbuchautor, und Sandra Wollner war über all die Jahre nicht nur meine Freundin, sondern stand mir als Filmemacherin mit Rat und Tat auch am Set zur Seite.
Wir haben kurz darauf mit Heino Deckert eine neue Heimat und eine Konstellation für die Produktion gefunden, bei der Heino als ausführender Produzent und Viktoria als Produzentin an meiner Seite zusammenarbeiten konnten. Der Film entstand schließlich als Deutsch-Österreichisch-Schweizerische Koproduktion, zwischen ma.ja.de. Fiction GmbH als majoritärer Hauptproduzent, The Barricades, Panama Film aus Österreich und Catpics aus der Schweiz. Außerdem waren ZDF/arte, der Schweizer Rundfunk und der ORF mit an Bord.
Die Geschichte verweist teilweise auf physikalische Fragestellungen. Wie haben Sie sich inhaltlich vorbereitet?
Ich würde gar nicht sagen, dass die Geschichte auf fundierte physikalische Fragestellungen verweist, eher benutzt sie (populärwissenschaftliche) Versatzstücke der Quantenphysik als psychologische Metapher, um unseren Plot zu erzählen. Wir haben natürlich mit einigen Physikern gesprochen. Für die Mechanismen, die der Film spezifisch andeutet (den Übergang zwischen parallelen Welten), gibt es keine direkte theoretische Basis. Und zu Physikexperten sind wir im Verlauf der Recherche sicherlich auch nicht geworden.
Trotzdem war mir wichtig, dass die Formeln, die wir im Film sehen, auch in der echten Welt etwas Ähnliches bedeuten, wie sie das für Johannes tun. Wir haben uns an Hugh Everett III. orientiert, dessen Doktorarbeit von 1957 auf eine gewisse Art der Ursprung des heutigen Multiversentopos ist. Everetts Arbeit sollte damals Niels Bohr vorgelegt werden, aber sie stand in direktem Widerspruch zu dessen „Kopenhagener Deutung“ der Quantenmechanik, und Bohr wollte damit nichts zu tun haben. Everetts Model war eines, das für jeden möglichen Ausgang eines physikalischen Ereignisses eine eigene Realität annahm.
Schrödingers Katze (von der wir alle schon mal gehört haben) war der Versuch, Phänomene der Quantenmechanik auf den Makrokosmos zu übertragen. Schrödingers Katze ist
auch nach Everett weder tot noch lebendig. Sie ist aber auch, nachdem wir die Kiste geöffnet und nur eines der beiden möglichen Ergebnisse beobachtet haben, gewissermaßen immer noch beides zugleich. Denn laut ihm entstünde, plump gesagt, für jeden möglichen Ausgang des Experiments eine eigene Verästelung der Realität, ein eigenes Universum.
Wenn man diese Überlegung (gewissermaßen unzulässigerweise) ernst nimmt und auf menschliche Biografien überträgt, entstünde auch mit jeder kleinen und großen Entscheidung, die wir treffen, und mit jedem Zufall, der uns betrifft, eine neue, alternative Welt. Everetts Theorie fand unmittelbar nach deren Veröffentlichung nur wenige Abnehmer. Er selbst wurde schnell zum Alkoholiker und starb Anfang der 80er Jahre. Erst nach seinem Tod hat seine Doktorarbeit tatsächliche Anerkennung erhalten und hat zu dem geführt, was heute unter dem Begriff Multiversum mehr oder weniger omnipräsent ist.
Filme, die den Gedanken mehrdimensionaler, paralleler Existenzen aufgreifen, haben gerade Konjunktur und scheinen in den Zeitgeist zu passen? Wie lässt sich das Ihrer Meinung nach erklären?
Es ist gar nicht so schwer einzukreisen, aber unmöglich festzunageln. Ich habe die Privatthese, dass meine Generation von einem einzigen Film kollektiv „traumatisiert“ wurde: Matrix von 1999. Was lernen wir aus diesem Film? Es gibt keinen Ausbruch aus einem System, in dem unsere Zeit und Energie langsam von einer Rasse überlegener Cyberwesen gefarmt wird. Und wenn wir es doch schaffen, aus diesem Albtraum aufzuwachen, erwartet uns eine bräunliche Welt, in der wir verfolgt werden und dazu verbannt sind, unsere Zeit mit grauenvollen R&B-Parties zu verbringen.
Matrix trifft den Nagel vieler moderner Existenzen in vielfacher Hinsicht auf den Kopf, und das entwickelte eine Durchschlagskraft, die alle legitimen Utopien (man denke an den fröhlichen Humanismus der besten Star Trek-Serien) weggefegt hat. Frei nach Mark Fisher ist es heutzutage leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Zufluchtsorte bleiben das Kino, Serien und vor allem Videospiele.
Während der Handlungsraum in der realen Welt immer kleiner und eingeschränkter scheint, sind wir in virtuellen Welten und Geschichten zu fast allem in der Lage. Derlei Seelennot, wenn man so pathetisch sein will, findet dann in der Metapher der Multiversen, die ja schon vor Jahren die Marvel-Lizenzreihe erreicht hat, einen adäquaten Ausdruck – auch einen post-ironischen, der unser eines Leben (Fundamental verfügen wir noch immer nur über dieses eine Leben.) von der Last enthebt, das einzige, echte zu sein, das wir ernstzunehmen und mit aller Kraft zu leben haben.
Dazu kommt, dass die Postmoderne, die sich durch eine collagenhafte Zitatkultur auszeichnet und beständig auf das Schon-da-Gewesene verweist, nicht spurlos an uns vorübergegangen ist. Wir alle haben das Gefühl, dass sowieso schon beinahe alles erzählt wurde. Deshalb muss man ausweichen, als wäre in den Lücken zwischen den Welten noch das enthalten, wonach wir alle suchen – irgendeine Form von Sinn, Verbindung oder Erfüllung.

01.11.2023 | mz | Quelle: Neue Visionen
Kategorien: Magazin