Samstag, 1. Oktober 2022
Interview mit Mads Mikkelsen
Men & Chicken
📷 Anders Overgaard - © dcm
Mads Mikkelsen ist der unangefochtene Superstar des dänischen Kinos. Als international gefeierter und preisgekrönter Schauspieler ist er zu einer Marke geworden und beweist trotzdem immer wieder seine Vielseitigkeit. Unlängst war er in mehreren für den Oscar® bzw. Golden Globe® nominierten und international hochdekorierten Produktionen zu sehen: in der Hauptrolle des Johann Friedrich Struensee in Nikolaj Arcels mit zwei Silbernen Bären ausgezeichneten Historienstück Die Königin und der Leibarzt oder in Thomas Vinterbergs vielfach gefeiertem Die Jagd, für den Mads Mikkelsen in Cannes und beim Europäischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. 2014 kehrte er dann mit der grandiosen Western-Hommage The Salvation nach Cannes zurück und wurde erneut gefeiert.
Sein Kinofilmdebüt gab Mads Mikkelsen 1996 in Pusher von Nicolas Winding Refn, mit dem er danach noch drei weitere Male zusammen arbeitete: 1999 bei Bleeder, 2004 bei Pusher II und 2009 bei Walhalla Rising. Anfang der 2000er Jahre wurde er als Star der mit dem Emmy® ausgezeichneten Serie Unit One über Nacht berühmt. 2002 hatte er zudem eine Rolle in Susanne Biers von Anders Thomas Jensen geschriebenem Dogma-Meisterwerk Open Hearts, und 2006 arbeitete er erneut mit der Regisseurin für den von Dänemark ins Oscar®-Rennen geschickten Nach der Hochzeit.
Neben seinen wegweisenden ernsten Rollen hat Mads Mikkelsen immer wieder auch sein komödiantisches Talent unter Beweis gestellt, z.B. in Regiearbeiten von Anders Thomas JensenFlickering LightsDänische DelikatessenAdams Äpfel und jetzt in Men & Chicken. Seine internationale Karriere begann 2004 mit seiner Rolle in King Arthur, aber sein Durchbruch war natürlich als Le Chiffre in James Bond 007 | Casino Royale (2006). Seither spielte er in Produktionen wie Coco Chanel & Igor Stravinsky (2009)Kampf der TitanenDie drei Musketiere oder Michael Kohlhaas, der 2013 im Wettbewerb von Cannes lief. Darüber hinaus eroberte er als Hannibal Lecter in der hochgelobten amerikanischen Serie Hannibal auch den immer wichtigeren internationalen Fernsehmarkt im Sturm. 2011 erhielt Mads Mikkelsen den Europäischen Filmpreis für seinen einzigartigen Beitrag zum Weltkino.

Der Film erzählt eine alles andere als normale Familiengeschichte. Wie überrascht waren Sie von der Geschichte?
Schon bevor ich das Drehbuch gelesen habe, wusste ich, dass ich etwas nicht sonderlich „Normales“ zu sehen bekommen würde. Etwas „Normales“ gibt es nur selten von Anders Thomas Jensen. Ich weiß gar nicht, ob mich das, was er schreibt, noch wirklich überraschen kann, weil ich bei ihm ja schon davon ausgehe, dass er etwas erzählt, auf das ich nicht mal im Traum von alleine kommen würde. Das hat er in diesem Fall erneut geschafft. Es ist schwer zu beschreiben. Er überschreitet keine Grenzen, sondern es gelingt ihm, diese Grenzen neu zu ziehen, weiträumiger, Unvorstellbares vorstellbar zu machen – beispielsweise in diesem Fall, dass wir diese sehr eigenartigen Brüder irgendwie doch ins Herz schließen können. Die große Frage, die man sich stellt, wenn man das Drehbuch liest, ist, ob es Anders Thomas Jensen tatsächlich gelingen kann, ein Universum zu erschaffen, in dem wir diese Brüder vielleicht nicht „normal“ finden, aber in dem wir sie verstehen können.
Wie würden Sie die Geschichte beschreiben?
Fünf Brüder finden trotz ihrer schwierigen Herkunft zu sich selbst. Es ist, ungeachtet des makabren Witzes, eine sehr poetische und wunderschöne Huldigung an das Leben – allerdings in ziemlich verrücktem Geschenkpapier verpackt. Man könnte die gleiche Geschichte auch über ein paar übergewichtige Frauen erzählen, die lernen, sich selbst zu lieben. Das wäre aber kein Film, den ich sehen wollen würde. Man kann so etwas jeden Tag in aufgesetzten Reality-TV-Programmen sehen. Um also so etwas zu erzählen, muss man es in etwas Besonderem verpacken und, wie erwähnt, ein besonderes Universum dafür erschaffen.
Was ist mit „Universum“ gemeint?
Anders Thomas Jensen erschafft für seine Geschichten und in seinen Filmen immer eine ganz bestimmte Welt – eine Welt, die er für seine Geschichten braucht, und ohne die sie nicht funktionieren könnten. Er beschäftigt sich mit den ganz großen Themen: Leben, Tod, Gott und Satan. In diesem Fall geht es um die eigenen Wurzeln, um Herkunft, und darum, zu akzeptieren, wer und was man ist. Und das verpackt er in einem eigens für diesen Zweck geschaffenen Universum – ein Universum, das vieles gemein hat mit der dänischen Filmtradition und Geschichten über das Landleben. Die Sonne scheint und alle sind glücklich. Nur spielt Jensen mit dieser Idylle auf seine Art.
Bleibt es denn trotzdem ein „typischer“ dänischer Film?
Nicht unbedingt, aber trotzdem darf man nicht vergessen, dass Anders Thomas Jensen mit seinen Filmen (genau solchen Filmen) dänisches Kulturgut ist. Insofern, denke ich, kann man Men & Chicken als typisch dänischen Film sehen. Aber vor allem ist es ein Anders-Thomas-Jensen-Film, nichts anderes. Es ist unsere vierte gemeinsame Arbeit. Ich mag ihn schon mal auf jeden Fall sehr. Er ist ein unglaublich kluger Kopf. Er hat eine einzigartige Vision, ein Gespür für Geschichten, wie es sonst niemand hat. Niemand in Dänemark, und auch sonst ist mir in der Welt keiner begegnet, den man mit ihm auch nur ansatzweise vergleichen könnte. Ich liebe und genieße seinen speziellen Sinn für Humor. Wir haben eine besondere Form der Zusammenarbeit und er hat immer wieder Figuren für mich erschaffen, die man wahrscheinlich nur hassen kann. Aber wir geben uns alle Mühe, sie trotzdem liebenswert zu machen.
In diesem Fall handelt es sich um einen ziemlich triebgesteuerten und ansonsten recht naiven Kerl mit hitzigem Temperament.
Dieser Kerl, den ich spiele, sieht zwar ungefähr so aus wie ich, aber in seinem Kopf ist er fünf Jahre alt. Seine Mentalität und sein Verhalten in schwierigeren Situationen sind die eines Fünfjährigen. Und seine Lösungen auch. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für die meisten seiner Brüder.

02.07.1915 | mz | Quelle: dcm
Kategorien: Magazin