Samstag, 14. Dezember 2019
Interview mit Sophie Kluge
Golden Twenties

 

Sophie Kluge wurde 1983 in München geboren. Sie studierte Filmwissenschaften in Paris und erhielt einen Master in Regie am Londoner Kings College und der Royal Academy of Dramatic Arts. Neben ihrer Arbeit am Old Vic Theatre in London und als Regieassistentin am Deutschen Theater in Berlin drehte sie verschiedene Kurzfilme. Spielfilmerfahrung sammelte sie als Mit-Autorin von SMS für dich [2016]. Golden Twenties ist ihr Regiedebüt.
Frau Kluge, Golden Twenties handelt von der jungen Ava, die nach dem Studium ihren Platz im Leben sucht, was schwieriger ist als erwartet. Wie erging es Ihnen in diesem Lebensabschnitt?
Unterschiedlich, ich hatte auf jeden Fall Phasen wie Ava. Zeitweise sind für mich zwar permanent Türen aufgegangen, aber dann wurden sie mir wieder ins Gesicht geknallt. Auf einen großen Schritt nach vorne ging es drei zurück. In dem Alter hatte ich eine klare Vorstellung davon, wie alles funktioniert – nur um dann häufig eines Besseren belehrt zu werden. Heute bin ich mit vorgefertigten Meinungen zurückhaltender. Und wenn etwas nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte, habe ich mir natürlich auch Sorgen gemacht, dass ich meinen Weg nicht finde. Zum Glück ist es bei mir immer irgendwie weitergegangen…
…bis hin zu Ihrem Regiedebüt nach einem eigenen Drehbuch. Wie kamen Sie auf die Idee für den Film?
Das war ein intuitiver Prozess. Eigentlich fing es an, weil ich mich im Kino nicht repräsentiert fühlte. Es gibt zwar einen Trend, von starken jungen Frauen zu erzählen, was grundsätzlich toll ist, aber zurückhaltende Heldinnen kamen mir immer zu kurz. Deshalb wollte ich zur Abwechslung mal eine stille Kämpferin in den Mittelpunkt stellen, weil ich finde, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, wenn man ruhig und beharrlich sein Ziel verfolgt, und nicht mit voll Karacho. Und dann tauchte Ava irgendwann vor meinem inneren Auge auf und hat sich beim Schreiben kontinuierlich weiterentwickelt. Bis dahin hatte ich nur so ein Grundgefühl im Hinterkopf, und Lust, eine gewisse Stimmung einzufangen.
Passend dazu besteht Golden Twenties aus episodenhaften Momentaufnahmen, manche komisch, manche traurig. Diese vermeintlich beiläufige Erzählweise verleiht dem Film eine unglaubliche Authentizität…
Ja, genauso war es geplant. Da ich in erster Linie den Zustand beschreiben wollte, in dem sich Ava befindet, und weder eine klassische Geschichte noch stringente Handlung im Sinn hatte, bot sich diese Erzählstruktur an. Ich schaue mir auch selbst gern Filme an, die so gebaut sind, und liebe es, wenn nicht alles erklärt und vieles offen gelassen wird.
Welche fallen Ihnen da spontan ein?
Ach, da gibt es viele, aber ich kann jetzt gar keinen bestimmten nennen. Sicher haben mich die Filme von Sophia Coppola total geprägt, auch weil ich bei ihr zum ersten Mal das Gefühl hatte, als junge Frau ernstgenommen zu werden. Ansonsten gab es in den Neunzigern für diese Zielgruppe ja kaum mehr als romantische Komödien.
Golden Twenties ist Ihr erster Langfilmdrehbuch. Fiel Ihnen das Schreiben schwer?
Eigentlich nicht. Der Schreibprozess war toll und hat mir wahnsinnig viel Spaß gebracht. Als ich Ava erstmal gefunden hatte, fing ich einfach an. Ich hatte keinen festen Plot, nur dieses Grundgefühl, die Figur, in einer Großstadt sollte es spielen, und am Theater. Je mehr ich dann geschrieben habe, desto klarer wurde mir, wohin die Reise geht.
Bis auf Ava scheint niemand besonders zielstrebig oder aufrichtig zu sein. Ihre Altersgenossen wirken alle eher orientierungslos, ängstlich und vom Leben überfordert. Ist Ihr Film auch eine Art Generationenporträt?
Nein, ich würde mir nie anmaßen, eine ganze Generation beschreiben zu wollen. Mir ging es um die individuelle Geschichte einer jungen Frau, die nach ihrem Weg sucht. Sie ist zwar entschlossen, aber hat noch nicht wirklich herausgefunden, was für sie funktioniert und wohin sie eigentlich möchte. Deshalb landet sie zwangsläufig immer in der Sackgasse. Aber es stimmt, dass sie im Gegensatz zu den anderen dennoch ganz bei sich ist und wenigstens ein Ziel verfolgt. Sie weiß nur noch nicht, welches.
Wie sind Sie auf Henriette Confurius gestoßen, die Ava unglaublich überzeugend spielt, selbstbewusst und gleichzeitig etwas zögerlich?
Sie war schon sehr früh involviert, da gab es noch gar kein fertiges Drehbuch, sondern nur ein Treatment. Ich kannte sie zwar als Schauspielerin, hatte sie aber gar nicht auf dem Schirm für die Rolle, weil ich sie in erster Linie mit Kostümfilmen verband. Und dann habe ich sie mal zufällig an einem Kanal in Kreuzberg gesehen, modern angezogen und dennoch hatte sie diesen leicht altmodischen Touch – und wirkte sehr selbstbewusst. Es war nur ein kurzer Moment, aber ich dachte sofort, vielleicht ist sie die Richtige. Dann haben wir uns ein paarmal getroffen, ihr gefiel das Drehbuch und sie wollte die Rolle unbedingt spielen. Bis wir tatsächlich mit dem Film loslegen konnten, hat es ja etwas gedauert, aber sie war sehr geduldig und ist uns immer treu geblieben. Das rechne ihr hoch an.
War sie an der Entwicklung der Figur beteiligt?
Das hat sie mir überlassen, aber sie hat Ava natürlich persönlich gestaltet und intuitiv ganz genau verstanden, wer Ava eigentlich ist. Deshalb gab es auch kaum Erklärungsbedarf meinerseits. Henriette hat die richtige Energie und das nötige Einfühlungsvermögen für die Rolle mitgebracht.
In einer der amüsantesten Szenen nimmt Ava als Hospitantin an Theaterproben teil, in denen empfindliche Egos aufeinanderprallen. Sie haben auch einen Theaterbackground, ist Ihnen das alles genauso passiert?
Das ist schon eine Melange aus vielen Situationen, die ich erlebt habe, muss ich sagen, aber alles zusammengewürfelt und dann noch was dazu erfunden. Ich bin eigentlich ein totaler Theaterfan, doch es gibt da auch ganz viele Bereiche, die immer furchtbar schieflaufen, wo man irgendwann gar nicht mehr genau weiß, worum es eigentlich geht. Das ist anstrengend, aber auch sehr amüsant, weil es stets extrem emotional zugeht – so, wie ich es in den Probebühnenszenen zeige. Allerdings habe ich natürlich auch komplett andere Erfahrungen am Theater gesammelt, und die Figuren haben keine realen Vorbilder.
Auch Avas Besuch bei ihrem Vater ist lustig und absurd. Wie sind Sie denn auf diesen Exzentriker gekommen?
Ich habe nun selbst auch individualistische Eltern und hab auch einige exzentrische Väter erlebt. Die Figur ist ein Resultat all dieser Beobachtungen von künstlerisch berufstätigen Eltern, wobei mein Vater und Avas Vater nicht viel miteinander gemein haben.
Und wie konnten Sie Blixa Bargeld für den Kurzauftritt als Avas Nachbar gewinnen?
Er wohnte tatsächlich bei mir gegenüber und wir haben uns von Balkon zu Balkon zugewunken. Dabei habe ich ihn anfangs gar nicht erkannt. Ich fand ihn nur interessant zu beobachten, bis mich ein Freund fragte: »Ist das nicht Blixa Bargeld Es ist aber schon eine Weile her. Als wir ihm dann das Drehbuch und einem Brief von mir schickten, erinnerte er sich sofort und sagte: »Das ist doch schön, machen wir.«
Hat er wie im Film beim Blumengießen auf dem Balkon auch Schuberts „Winterreise“ angestimmt?
Nee, er hat andere Lieder gesungen.
„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus…“, ein wunderbarer Kommentar zu Avas Situation…
Ja, finde ich auch. Ein sehr schöner Moment.

29.08.2019 | mz | Quelle: 20th Century Fox
Kategorien: Magazin