Freitag, 15. November 2019
Interview mit Michael Bully Herbig
Ballon
Michael Bully Herbig, geboren 1968 in München, ist als Regisseur, Schauspieler, Autor und Produzent seit vielen Jahren eine feste Größe der deutschen Show- und Filmlandschaft. Nach seinen Anfängen im Radio von 1992 bis 1995, gründete er 1996 seine Firma herbX medienproduktion gmbh. Als Autor, Darsteller, Regisseur und Produzent verantwortete er unter anderem die bullyparade, von der ProSieben sechs Staffeln ausstrahlte.
Bullys Arbeit wurde mit drei Nominierungen für den internationalen Comedy-Preis Goldene Rose von Montreux und zwei Nominierungen für den Deutschen Fernsehpreis in den Jahren 2000 und 2001 honoriert. Für den ProSieben-Pilotfilm Easy Bully, der ebenfalls für die Goldene Rose von Montreux nominiert wurde, schrieb er das Drehbuch und stand als Hauptdarsteller vor der Kamera.
Im Jahr 2000 sorgte er erstmals im Kino für Lacher: Er gab sein erfolgreiches Regiedebüt mit Erkan & Stefan, dem ersten Kinoabenteuer des Komikerduos Erkan Maria Moosleitner und Stefan Lust. Im Disney-Zeichentrickfilm Ein Königreich für ein Lama lieh er der Hauptfigur Kuzco seine Stimme.
Im Januar 1999 rief Michael Bully Herbig die Filmproduktionsgesellschaft herbX film gmbh ins Leben, die mit Der Schuh des Manitu (2001) das erste Kinoprojekt in Angriff nahm. Bei der Westernkomödie übernahm er neben der Tätigkeit als Produzent und Autor auch die Regie und die doppelte Hauptrolle. Mit fast zwölf Millionen Kinozuschauern wurde Der Schuh des Manitu zum erfolgreichsten deutschen Film aller Zeiten.
Bully erhielt dafür unter anderem den Bayerischen Filmpreis und den Deutschen Filmpreis. Als im Jahr 2004 (T)Raumschiff Surprise | Periode 1 in die Kinos kam, lieferte er mit über neun Millionen Kinobesuchern gleich den zweiterfolgreichsten deutschen Kinofilm hinterher. Keinem Produzenten oder Regisseur ist dies vor ihm gelungen.
Ein Jahr später wurde die erste Staffel der innovativen ProSieben-Show Bully & Rick mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Während Bully noch als Produzent, Autor, Regisseur und Darsteller für die zweite Staffel tätig war, produzierte er sein erstes am Computer animiertes Abenteuer Lissi und der wilde Kaiser, eine augenzwinkernde Hommage an die beliebten Sissi-Filme. Somit war Michael Bully Herbig der erste Regisseur in Deutschland, der sich an eine CG-Kinokomödie wagte. Der Mut zahlte sich aus: Lissi und der wilde Kaiser wurde an der Kinokasse der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 2007.
Im selben Jahr war Bully in einer sehr ungewohnten Rolle im internationalen Kino zu sehen: In Asterix bei den Olympischen Spielen zeigte er sich von seiner eher stillen bzw. stummen Seite. 2008 sorgte er als „Boanlkramer“ in Joseph VilsmaierDie Geschichte vom Brandner Kaspar für himmlischen Wirbel. Für die schauspielerische Leistung erhielt er den Bayerischen Filmpreis und seinen dritten Bambi. Ebenfalls 2008 inszenierte er Wickie und die starken Männer, die erste Realverfilmung der Abenteuer des kleinen Wikingerjungen aus Flake.
Seine „starken Männer“ suchte Bully in einem großen öffentlichen Casting auf ProSieben: Er vergab die Rollen von Wickies treuen Begleitern in der sechsteiligen Casting-Show Bully sucht die starken MännerWickie und die starken Männer startete am 9. September 2009 und wurde mit fünf Millionen Kinobesuchern der erfolgreichste deutsche Kinofilm des Jahres. Bully nahm dafür unter anderem seinen vierten Bambi, seinen sechsten Deutschen Comedypreis und seinen siebten Bayerischen Filmpreis entgegen.
Doch die bisher außergewöhnlichste Anerkennung ist die Gläserne Ehrenleinwand, die der Kinoverband dem derzeit erfolgreichsten Regisseur Deutschlands für besondere Verdienste verlieh: Mit fünf Kinofilmen in zehn Jahren hat Michael Bully Herbig 30 Millionen Zuschauer ins Kino gelockt – ein einmaliger Rekord! In der Bavaria Filmstadt eröffnete im Juni 2011 das „Bullyversum“, in dem die jährlich fast 350.000 Besucher der Filmtour in einem 1500 m² großen Erlebniszentrum die Kulissen und Requisiten aus Bullys Filmen besichtigen können.
2012 wurde Bully im Rahmen der Verleihung des 62. Deutschen Filmpreises mit dem erstmals vergebenen „Bernd Eichinger“-Preis geehrt. Bevor er für Buddy (2013) wieder selbst auf dem Regiestuhl Platz nahm, spielte er in Leander HaußmannHotel LuxHelmut DietlZettl und Don Scardinos Hollywoodkomödie Der Unglaubliche Burt Wonderstone an der Seite von Steve CarellSteve Buscemi und Jim Carrey.
2013 kehrte Bully mit der ProSieben-Sitcom Bully macht Buddy ins Fernsehen zurück. Wie seine großen Vorbilder aus den USA wurde auch dieses Format, in dem Bully und Rick Kavanian sich selbst spielten, live vor Studiopublikum aufgezeichnet. Allerdings versagte das Format total, weshalb er sich vorerst aus dem Fernsehen zurückzog. Auch im Kino spielte er, wie auch in den bereits zuletzt genannten Filmen, eher mittelmäßige Rollen in wenig beachteten Filmen, so wie 2016 in Wolfgang Petersens Neuverfilmung von Vier gegen die Bank.
2017 startete die Jubiläumsproduktion bullyparade | Der Film in den Kinos und hielt sich vier Wochen lang auf Platz 1 der deutschen Kinocharts. Michael Bully HerbigRick Kavanian und Christian Tramitz spielten darin ein letztes Mal die populärsten Rollen aus der Fernsehshow. Zuletzt lieh Bully dem animierten Halbdrachen Nepomuk in Dennis Gansels Romanverfilmung Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (2018) seine Stimme.
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Wie haben die Familien Strelzyk und Wetzel darauf reagiert, dass Michael Bully Herbig ihre Ballonflucht aus der DDR erneut ins Kino bringen will?
Natürlich war meine größte Sorge, dass sie denken: Da kommt ein Komiker aus Bayern – will der uns auf den Arm nehmen? Aber das war schnell vom Tisch. Sie haben erkannt, dass ich in erster Linie ihre Geschichte dem heutigen Publikum mit dessen modernen Sehgewohnheiten näherbringen möchte. Ganz schnell waren wir bei den Inhalten. Mir war wichtig, das Vertrauen beider Familien zu haben. Ohne deren Zustimmung und Mithilfe hätte ich diesen Film nicht gedreht.
Was haben Sie im Rahmen Ihrer Recherchen über die DDR erfahren?
Im Grunde war es gut, dass sich die Vorbereitungen zu diesem Film über fünf Jahre erstreckt haben, denn in dieser Zeit konnte ich mich intensiv mit dem Leben in der DDR beschäftigen. Das Thema war plötzlich allgegenwärtig. Es ist ja so: Wenn man eine schwangere Frau zu Hause hat, sieht man überall nur noch Schwangere. So ging es mir auch mit diesem Thema. Egal, wen ich beruflich oder privat traf: Wir kamen zwangsläufig auf die damalige Situation in der DDR und auf erfolgreiche oder gescheiterte Fluchtversuche zu sprechen. Jeder erzählte mir die Geschichten, die er kennt oder sogar selbst erlebt hat.
Sie waren elf Jahre alt, als den Familien 1979 die Flucht gelang. Jetzt sind sie 50. Warum haben Sie den Film nicht früher gedreht?
Ich fühle mich jetzt, im wahrsten Sinne des Wortes, reifer für diese Geschichte als vor zehn oder 20 Jahren. Es hat mir auch geholfen, dass ich inzwischen selbst Vater bin. Ich kann besser nachvollziehen, was es bedeutet, mit seinen Kindern in einen selbstgebauten Heißluftballon zu steigen und damit auch ihr Leben zu riskieren, um ihnen eine andere Zukunft zu ermöglichen.
Eine bessere Zukunft?
Ich sage bewusst eine andere Zukunft. Dass die in jedem Fall besser war, behaupte ich gar nicht. Es geht einfach darum, dass viele Menschen in der DDR unzufrieden und unglücklich waren. Sie fühlten sich eingesperrt, fremdbestimmt und durften nicht sagen, was sie wollten. Entsprechend viele Fluchtversuche gab es ja auch. Aus den unterschiedlichsten Gründen.
Was war das Besondere an der Flucht mit dem Heißluftballon?
Zum einen ging diese Geschichte tatsächlich um die Welt. Diese Flucht war so spektakulär, dass Günter Wetzel noch heute Vorträge darüber hält. Und Peter Strelzyk, der leider vor einem Jahr gestorben ist, erzählte mir bei unserem ersten Treffen, dass er sogar Autogrammwünsche aus Asien und Amerika erhielt. Ich bin vorsichtig damit, einzelne Fluchten als „gefährlicher“ oder „aufregender“ einzustufen als andere. Jede Flucht hatte ihre Brisanz und ihre Ursachen.
Aber die Ballonflucht ist, gerade auch aus Sicht eines Filmemachers, einfach unglaublich und abenteuerlich. Natürlich habe ich mir die Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, eine Geschichte auf der Kinoleinwand zu erzählen, die Anfang der 80er Jahre schon von Disney verfilmt wurde. Aber je länger ich mich mit den Familien Strelzyk und Wetzel unterhalten habe und je mehr Details aus den Stasi-Akten bekannt wurden, desto mehr fühlte ich mich darin bestärkt, den Film aus Deutschland heraus für ein internationales Publikum zu inszenieren.
Sie beschränken sich auf die Rolle des Regisseurs und des Produzenten. Oder gibt es im Film zumindest einen kurzen Gastauftritt á la Alfred Hitchcock?
Nein. Und das aus tiefster Überzeugung. Es mag durchaus Leute geben, die sich schwer damit tun, dass der Bully einen Thriller über deutsch-deutsche Geschichte gedreht hat. Das ist zwar auch Unterhaltungskino, aber in einem ganz anderen Genre. Ich weiß, dass ich mit meinem Gesicht relativ schwer das Genre wechseln kann und ich habe auch keinerlei Ambitionen. Aber wenn ich konsequent hinter der Kamera bleibe und meinen Namen soweit wie möglich nach hinten schraube, kann dieser Genrewechsel gut gelingen. Der Star des Films ist die Geschichte der beiden Familien. Und der Ballon, den wir in Originalgröße nachgebaut haben.
Worauf haben Sie bei der Besetzung und bei der Zusammenstellung des Teams Wert gelegt?
Ich wollte eine bestimmte DNA in dieser Produktion haben. Mir war wichtig, dass möglichst viele Schauspieler, gerade auch in den kleinen Rollen, und viele Teammitglieder einen Bezug zum Osten haben – sei es, dass sie dort aufgewachsen sind oder Verwandte und Freunde in der DDR hatten. Als zum Beispiel Nadja Engel, die im Film Günter Wetzels Mutter spielt, vor unserem nachgebauten Konsum-Laden stand, sagte sie zu mir: „Ich kriege Gänsehaut, das ist wie eine Zeitreise.“ Das hat mir gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Nach Buddy und bullyparade | Der Film haben Sie auch für Ballon wieder auf die Arbeit von Kameramann Torsten Breuer gesetzt. Auf welches Farbkonzept haben Sie sich im Vorfeld geeinigt?
Glücklicherweise kann man das heute ein bisschen offenlassen und das Grading in die Postproduktion verlagern. Torsten Breuer wollte beim Grading in Richtung Cyan gehen und wir haben entsprechend an den Mustern rumgeschraubt. Mir war vor allem wichtig, dass wir viel mit Gegenlicht und starken Kontrasten arbeiten und die DDR nicht nur in trostlosen und unbunten Bildern zeigen.
Wie haben Sie dieses Ziel erreicht?
Gerade die Menschen, die aus der DDR fliehen wollten, waren natürlich gut informiert, wie man sich im Westen kleidet. Unsere Kostümbildnerin Lisy Christl, hat das ganz hervorragend umgesetzt. Die Hauptdarsteller tragen coole Klamotten. Die konnte man vielleicht nicht immer so im Laden kaufen, aber viele trugen auch selbstgenähte Sachen. Man hat in der DDR das Beste aus allem gemacht, was man vorfinden konnte. Mir war immer wichtig, bei einem historischen Film authentisch das Jahr 1979 zu erzählen, aber die Rollen nie der Lächerlichkeit preiszugeben. Keiner soll sagen: „Wie rennen die denn rum? Diese Frisuren! Diese Kleider! Und diese lustigen Autos!“
Bei früheren Filmen waren Sie stets ein Freund von Dialekten. Gab es mal die Überlegung, die Geschichte, die in Thüringen spielt, auch mit Thüringer Dialekt zu verfilmen?
Die gab es. Aber wir haben uns nach ersten Tests dagegen entschieden, weil manche Texte dadurch eine unfreiwillige Komik erhielten. Ich wollte aber, dass nicht alle gestochen Hochdeutsch sprechen. Die Sätze durften gern ein bisschen hingeschmissen werden, damit man die Dialekte erahnen kann. Bei Friedrich Mücke kommt zum Beispiel der Ostberliner Einschlag durch, bei Karoline Schuch diese leichte Thüringer Färbung.

14.03.2019 | mz | Quelle: StudioCanal
Kategorien: Magazin