Donnerstag, 28. Januar 2021
Interview mit Oliver Ziegenbalg
13 Semester
Oliver Ziegenbalg stammt aus Böblingen bei Stuttgart. 1991 begann er ein Studium der Wirtschaftsmathematik an der Technischen Universität Karlsruhe, das er 1998 abschloss. Parallel dazu studierte er von 1995 bis 1999 an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe im Studiengang Medienkunst/Film.
Nach seinem Studium zog es ihn nach Berlin, wo er bis heute lebt und als Drehbuchautor arbeitet. Er hat für bekannte Fernsehserien wie Ein Fall für Zwei geschrieben und verfasste zudem die Drehbücher zu zahlreichen Kinofilmen, darunter die Erfolgskomödie 1½ Ritter (2008) von und mit Til Schweiger sowie im selben Jahr für Sven Unterwaldt jr. die Das Boot-Parodie U-900 mit Atze Schröder.
2009 kommen gleich zwei Filme in die deutschen Kinos, für die Oliver Ziegenbalg als Drehbuchautor verantwortlich zeichnete: Neben 13 Semester wird auch die deutsch-amerikanische Komödie Friendship! von Markus Goller mit Friedrich Mücke und Matthias Schweighöfer in den Hauptrollen zu sehen sein.
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Wie viel von 13 Semester haben Sie selbst erlebt als Student?
Viele von den Geschichten in dem Film habe ich in der einen oder anderen Form tatsächlich selber erlebt – nie genau das, was in dem Film passiert ist, aber ähnliche Geschichten. Das war ja auch genau unser Ansatz für 13 Semester. Die Studenten sollen sich mit dem, was da passiert, identifizieren können, weil eben jeder nervende WGs kennt, öde Profs in öden Seminaren, Studentenpartys, Auslandssemester, Antriebslosigkeit, Tendenzen zur Verwahrlosung, Selbstzweifel an dem eigenen Studium und an sich selbst, und so weiter.
Mein Mitbewohner hieß zum Beispiel auch Bernd, nur war das mein Zwillingsbruder. Ein Kommilitone von mir war ein Inder mit Namen Aswin. Es gab eine tolle Architektin, nur kam ich, im Gegensatz zu Momo, nie mit ihr zusammen (noch nicht mal in die Nähe). Ich war auch ein Jahr im Ausland, allerdings in Barcelona und nicht in Australien. Ich hatte bescheuerte Geschäftsideen, allerdings keine so bescheuerte wie die All-u-need-Seife und ich hatte die große Hoffnung, endlich meinen verhassten Spitznamen aus der Schule ablegen zu können, was mir genauso wenig wie Momo gelungen ist. Ich hatte extreme Zweifel, ob das, was ich da tue, das ist, was ich mein restliches Leben tun möchte. Ich habe, wie Momo, Wirtschaftsmathematik studiert…
Insgesamt hat sich der Film aber sehr weit, sowohl von meinen eigenen Studienerinnerungen als auch von dem Roman, entfernt. Zum Einen lag das daran, dass natürlich Frieder dazu kam und seine Studienerinnerungen auch mit eingeflochten hat, zum anderen aber eben auch, dass das wahre Leben im seltensten Fall irgendwie spannend oder dramaturgisch genug ist, um es eins zu eins zu erzählen.
Als Sie zu schreiben angefangen haben, sollte es ja erst ein Roman werden? Wann hat sich das gewandelt?
Das hat sich gewandelt, als ich Frieder kennenlernte. Ich wollte das immer als Buch veröffentlichen und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das ein Film werden kann, besonders, da das Buch komplett introspektiv aus der Perspektive eines absoluten Misanthropen heraus geschrieben war, der sich auch den ganzen Roman über kein Stück verändern wollte, es, geschweige denn, getan hat. Und die Begriffe „introspektiv“, „Misanthrop“ und „keine Veränderung“ passen zu einem Film eben erst mal überhaupt nicht. Aber Frieder blieb so lange hartnäckig, bis wir es versucht und letztendlich dann auch hinbekommen haben, daraus einen Film zu machen.
Schreiben für den Film ist verständlicherweise anders, als für den Buchmarkt. Was gefällt Ihnen besser?
Als ich mit dem Schreiben anfing, wollte ich immer Drehbücher schreiben und keine Romane. Ehrlich gesagt hatte ich nie wirklich daran gedacht, einen Roman zu schreiben, bis ich die Idee zu 13 Semester hatte. Das kam mir so unmöglich vor, ein komplettes Studium in seiner Gänze in einem Film zu erzählen, also entschied sich das von selbst, dass das mein erster Roman werden sollte. Am Ende ist daraus doch ein Film geworden und ich habe immer noch keinen Roman veröffentlicht. Aber ich hab ja noch ein bisschen Zeit.
Wie offen war das Buch für Veränderungen? Gab es die sprichwörtlichen 1000 Fassungen, oder ging das sehr schnell in die Umsetzung?
Es gab die sprichwörtlichen 1000 Fassungen. Grundidee, sowohl für den Roman als auch für den Film, war immer, ein komplettes Studium zu erzählen – vom ersten bis zum 13ten Semester. Das bedeutete für einen ca. 90-minütigen Film aber, dass wir pro Semester nur sieben Minuten Erzählzeit hatten. Was erzählt man in sieben Minuten? Mit diesem strukturellen Problem hatten wir uns erst mal ein ganzes Jahr rumgeschlagen, bis wir es mehr oder weniger gelöst hatten. Und nach der „Pflicht“ kam dann ja erst die „Kür“: die Charaktere gut zu erzählen, die Szenen immer besser zu machen, an den Dialogen zu feilen, etc. Am Ende lagen fast drei Jahre Entwicklungszeit und zig Drehbuchfassungen hinter uns.
Haben Sie am Set noch etwas geändert, gab es eine Zusammenarbeit mit den Schauspielern?
Frieder und ich haben am Set noch einiges am Buch geändert. Hauptsächlich ging es darum, das Drehbuch zu kürzen, um den Film überhaupt in der veranschlagten Zeit drehen zu können. Und natürlich tun solche Kürzungen ganz am Ende im ersten Moment schon weh. Man hängt ja als Autor immer sehr an seinen Szenen, aber im Endeffekt muss ich sagen, dass die Kürzungen der Geschichte gut getan haben. Zusätzlich wurden noch manche Szenen an die Locations vor Ort angepasst. Und dann kam durch die Leseproben mit den Schauspielern und die Arbeit mit dem Kameramann auch noch ziemlich viel Input von außen dazu. Gerade unser Kameramann Christian Rein denkt extrem dramaturgisch und radikal, das hat dem Buch wirklich noch mal einen Schub verpasst.
Will man sich als Autor auch selbst in den Dialogen wiederfinden, oder schreibt man das so, dass es möglichst genau zu dem Schauspieler passt?
Zuerst haben Frieder und ich die Dialoge nur für die spezifischen Charaktere entwickelt, auch, weil wir beim Schreiben nicht unbedingt schon bestimmte Schauspieler vor Augen hatten. Die Schauspieler haben sich dann, mit ihrer Persönlichkeit sozusagen, noch oben drauf gesetzt und die Dialoge mit Leben erfüllt.
Waren Sie an der Auswahl der Schauspieler beteiligt? Was war Ihnen wichtig? Welche Eigenschaften mussten die Schauspieler mitbringen?
Es gibt ja so Schauspieler, die alles, was sie spielen, irgendwie künstlich oder konzeptig machen, und das ist für bestimmte Filme auch gut. Und es gibt eben die, bei denen immer alles echt wirkt. Eines der wichtigsten Ziele für 13 Semester war, dass der Film authentisch wirkt, dass die Leute das sehen und sagen: „Genau so ist das Studium, genauso war es auch bei mir, nur vielleicht nicht ganz so schlimm.“ Und deswegen war es für mich immer das Wichtigste, dass die Schauspieler authentisch wirken.
Haben Sie weitere Drehbücher in der Schublade? Gibt es neue Filme aus dem Uni-Milieu, oder ist das Thema für Sie jetzt abgeschlossen?
Klar hab ich weitere Drehbücher in der Schublade. Gerade entwickle ich mit Frieder unseren zweiten Film, eine Adaption von Benedict Wells Roman „Becks letzter Sommer“. Ich habe mal einen Fernsehkrimi im Uni-Milieu geschrieben, wo es um den Diebstahl von geistigem Eigentum und verhinderte Forscherkarrieren und so Zeug ging. Die Ausbeutung meiner Uni-Vergangenheit ist also schon in vollem Gange. Vielleicht beute ich mein Auslandssemester auch noch aus. Und vielleicht wird das dann mein erster Roman. Wenn dann nicht Frieder wieder um die Ecke kommt und…

05.01.2010 | mz | Quelle: 20th Century Fox
Kategorien: Magazin