Donnerstag, 24. September 2020
Zeiten des Aufruhrs
Revolutionary Road
Mitte der Fünfzigerjahre haben Frank und April Wheeler die Realität erreicht. Ihre Träume, anders zu leben als im genormten Vorstadtglück, haben sich nicht erfüllt. Frank ist frustriert als Bürodrohne, April darüber, sich nur als Mutter zweier Kinder zu definieren. Als sie den Vorschlag macht, nach Paris zu ziehen, kommt neues Leben in die Ehe. Doch wird Frank wirklich das Risiko der Routine vorziehen können?
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Als 1961 Richard Yates‚ hochemotionaler Debütroman „Revolutionary Road“ in den USA erschien, erschütterte er die amerikanische Literatur und führte eine neue Art des prosaischen Realismus ein. Die beiden Hauptfiguren der Geschichte, Frank und April Wheeler, wurden für die Leser zu ewigen Prototypen eines jungen Liebespaares mit großen Träumen.
Seitdem hat ihre Geschichte immer wieder aufs Neue die Diskussion über das Wesen der Ehe, über die Rolle des Mannes und der Frau in der modernen Gesellschaft, und darüber, ob und wie sich die harte Realität von Familie, Beruf und Verantwortlichkeiten mit den Sehnsüchten und Idealen der Jugend vereinbaren lässt, entfacht. Als Frank und April den Plan fassen, frischen Wind in ihr Eheleben zu bringen, indem sie dem aufregenden Versprechen von großstädtischer Freiheit folgen und nach Paris übersiedeln, entzündet sich daran ein schicksalhafter Konflikt zwischen Aprils Träumen und Franks Angst vor dem Scheitern.
Der Roman wurde nach und nach zu einem der maßgeblichen Bücher des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte schien eine Phase der grundlegenden Veränderung in der amerikanischen Geschichte einzufangen, als sich die Mittelschicht in den 50er Jahren erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg daran machte, einen neuen Lebensentwurf zu etablieren: die Familie als Zentrum einer Existenz, die ganz auf Wohlstand und Sicherheit aufbaute, und gleichzeitig einen Hang zu Selbstzufriedenheit und Konformität zeigte.
Der Roman war zwar eine historische Momentaufnahme, erzählte aber zugleich von einem zeitlosen und dramatischen Dilemma der Moderne, indem er die Spannung zwischen der Leidenschaft und den Idealen der Jugend und der Zwangsläufigkeit von Kompromissen in einer ehelichen Beziehung beschrieb. Auch wenn „Zeiten des Aufruhrs“ nie zu einem Mainstreambestseller wurde, löste das Buch doch eine literarische Strömung aus, die viele der größten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts beeinflusste.
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Jetzt hat sich American Beauty-Regisseur Sam Mendes an die Verfilmung des Romans gewagt. Der britische Film- und Theaterregisseur inszenierte den Film wie ein Theaterstück chronologisch. Der Anfang des Films wurde zuerst gedreht, das Ende zum Schluss. Dadurch konnten sich die Schauspieler auch besser in ihre Rollen hineinversetzen. Als Hauptdarsteller verpflichtete er seine Ehefrau Kate Winslet und ihren langjährigen Freund und Titanic-Kollegen Leonardo DiCaprio. Ob das so eine gute Idee war? Sie war es zumindest für Kate Winslet. Sie bekam für ihre Darstellung der April Wheeler jedenfalls den Golden Globe® verliehen. Verdient hat sie ihn auch, denn sie spielt ihre Rolle mit Inbrunst und schafft es, ihren Zwiespalt an Gefühlen überzeugend dem Publikum nahezubringen.
Der Film ist ein Historiendrama, angesiedelt in den 50er Jahren. Angelehnt an den Roman, versetzte Sam Mendes den Film ebenfalls in diese Zeit, um der Geschichte treu zu bleiben. Doch trotzdem alle, die die Geschichte kennen, sagen, dass die Geschichte im Prinzip zeitlos ist, ließ er es sich nicht nehmen, sich den Aufwand aufzubürden, die 50er Jahre in Bauten und Kostümen darzustellen. Mutig wäre es gewesen, er hätte den Film in die heutige Zeit versetzt und hier und dort ein paar zeitgemäße Details geändert. Doch so wirkt der Film ein wenig öde. Es wird nicht genügend Spannung aufgebaut, es treten hier und dort Lücken in der Kontinuität der Handlung auf, die vermutlich bei der Drehbuchadaption entstanden sind. Dadurch kann man auch nicht immer die inneren Konflikte und Handlungsweisen der Wheelers vollends nachvollziehen.
Zeiten des Aufruhrs ist auch nicht unbedingt der am glücklichsten gewählte Titel. Man hätte bei der Erstübersetzung des Romans, „Das Jahr der leeren Träume“, bleiben sollen, denn diese trifft den Inhalt wie die Faust aufs Auge. Der Film ist anspruchsvolles Kino für ein Publikum, das Literaturverfilmungen und die 50er Jahre mag, mit ausgezeichneten Darstellern und hervorragend inszeniertem Zeitgeist. Wer hier jedoch mehr als leere Träume erwartet, ist hier vollkommen falsch.

25.03.2020 | mz
Kategorien: Feature | Filme