Donnerstag, 16. April 2026
Nürnberg

Nuremberg

Douglas M. Kelley (Rami Malek) mit Hermann Göring (Russel Crowe)
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Nürnberg, 1945. In den Ruinen einer vom Krieg gezeichneten Stadt erhält der amerikanische Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die inhaftierten Hauptverantwortlichen des NS-Regimes in Vorbereitung auf die Nürnberger Prozesse untersuchen.
Unter ihnen ist der ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring, dessen Intelligenz, Charisma und manipulative Stärke den Arzt gleichermaßen herausfordern wie faszinieren. Trotz anfänglicher Machtspiele gelingt es Douglas, Görings Vertrauen zu gewinnen und Einblick in seine Persönlichkeit zu erhalten. Während im Gerichtssaal die Verhandlungen beginnen, fällt es ihm zunehmend schwerer, die notwendige Distanz zu wahren.
»People will remember, Sir, what you did in 1933, what you do now. They’ll tell their children. Did the katholic church stand with the Nazis or against them?«
Robert H. Jackson
James Vanderbilt adaptierte Jack El-Hais Sachbuch „Der Nazi und der Psychiater“ und versammelte in seiner zweiten Regiearbeit nach Der Moment der Wahrheit (2016) erneut eine illustre Darsteller-Riege Hollywoods. Rami Malek und Russell Crowe spielen sich hier gegenseitig an die Wand, und es ist einfach spannend, dem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel beizuwohnen.
Klar, man weiß durch die Geschichte, wie der Prozess ausgeht, aber darauf kommt es hier am wenigsten an. Hier werden die Psychen der Angeklagten seziert, um zu sehen, wie Menschen zu solchen Gräueltaten fähig sein konnten. Gleichzeitig wird auch ermittelt, wer inwieweit mit der Umsetzung der „Endlösung“ zu tun gehabt hat. Dabei kommen Informationen zu Tage, die unter Umständen nicht jeder auf dem Schirm hatte.
»Das Böse trägt nicht immer eine furchterregende Uniform«, sagt James Vanderbilt. »Es kündigt sich nicht immer an. Es kann heimtückisch sein. Es kann (wie Göring) der netteste Gast auf einer Dinnerparty sein. Das ist ein viel beängstigenderer Gedanke als der Kampf zwischen Guten und Bösen.«
Aus dieser Perspektive machte sich der Regisseur, Produzent und Drehbuchautor daran, die subtilen, erschreckenden Wege zu beleuchten, auf denen die Dunkelheit in das Alltägliche eindringen kann, und unterhält das Publikum mit einer bemerkenswerten wahren Geschichte, während er es gleichzeitig dazu herausfordert, sich mit der beunruhigenden Fragilität moralischer Grenzen auseinanderzusetzen.
Während er daran arbeitete, das Drehbuch zu verfeinern, wurde James Vanderbilt klar, dass die Komplexität dieser Ereignisse nicht allein durch die Konzentration auf das psychologische Schachspiel zwischen Kelley und Göring erfasst werden konnte. Er sah sich gezwungen, den Umfang der Erzählung zu erweitern und andere zentrale Figuren einzubeziehen, deren Handlungen und Perspektiven den Lauf der Geschichte geprägt hatten.
Als er jedoch die unterschiedlichen Handlungsstränge miteinander verknüpfte, sah er sich mit der enormen Herausforderung konfrontiert, so viele verschiedene Blickwinkel zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen. Jeder Erzählstrang drohte, den Film in eine andere Richtung zu ziehen, sodass die Struktur über die Grenzen des konventionellen Drehbuchschreibens hinaus gedehnt und verzerrt werden musste.
Es wurde klar, dass man, um die wahre Größe und Nuancen der Nürnberger Geschichte einzufangen, die Sicherheit einer übersichtlichen Drei-Akt-Formel aufgeben musste. Stattdessen entschied sich Vanderbilt für einen chaotischeren, organischeren Ansatz und akzeptierte, dass die Wahrheit der Geschichte mit all ihren miteinander verwobenen Komplexitäten nicht in die etablierten Regeln des filmischen Erzählens gezwängt werden konnte – und sollte.
»Mir war wichtig, dass der Film nicht zu langatmig wird«, sagt der Regisseur. »Ich wollte nicht, dass er sich wie Medizin anfühlt. Ich wollte, dass er unterhaltsam ist. Er behandelt zwar einige wirklich ernste Themen, aber mit etwas Zucker lässt sich die Medizin besser schlucken.«
Und so kommt es, dass die zweieinhalb Stunden nie langatmig werden. Es werden zudem auch Originalfilme vorgeführt, die die Grausamkeiten noch einmal deutlich aufzeigen, was für Menschen, die so etwas noch nie gesehen haben, verstörend wirken könnte.
Besonderes Augenmerk (oder in diesem Fall Ohrenmerk, falls es diesen Begriff geben sollte) sei auf Russell Crowe gelegt, der in diesem Film nicht nur einen Deutschen spielt, sondern auch Deutsch spricht! Zwar hört man, dass es noch nicht ganz perfekt mit der Aussprache klappt, aber man versteht, was er sagt. Als seine Dialekttrainerin fungierte die Schauspielerin Nova Meierhenrich.
Aber auch der aufstrebende Leo Woodall, den man u.a. aus der zweiten Staffel von The White Lotus und dem letzten Bridget Jones-Film kennen kann, spricht ganz gut Deutsch, denn er spielt einen in Deutschland geborenen Juden, der vor dem Krieg mit seiner Familie vor der Verfolgung durch die Nazis geflohen war. Er spielt Howie Triest, der für Dr. Kelley als Übersetzer fungiert.
»Ich sprach kein Wort Deutsch«, lacht der Schauspieler. »Die erste Szene des gesamten Drehs sollte zwischen mir, Rami Malek und Russell Crowe stattfinden, und ich übersetze für beide. Ich wurde also direkt ins kalte Wasser geworfen. Ich hatte einen großartigen Sprachtrainer, aber das hat den Druck definitiv erhöht. Ich hatte das Glück, ein gewisses Gehör dafür zu entwickeln, denn es ist eine völlig andere Sprache als Englisch, mit vielen Lauten, die wir im Englischen einfach nicht haben.«
Es gab schon einige Verfilmungen dieser Prozesse, allen voran die wohl bekannteste von 1961 Das Urteil von Nürnberg mit Richard Widmark, Burt Lancaster, Marlene Dietrich, Spencer Tracy und zahlreichen weiteren Stars, in der vier Nazirichter prozessiert wurden. 2000 kam zuletzt ein TV-Zweiteiler heraus, der sich zwar auch mit dem Prozess gegen Hermann Göring & Co. befasste, jedoch ein anderes Buch als Vorlage hatte. Damals spielten Alec Baldwin Richter Jackson und Brian Cox den Reichsmarschall, für den dieser mit dem Emmy® ausgezeichnet wurde.
Die neue Verfilmung anno 2025, die in Ungarn gedreht wurde, ist praktisch eine zeitgemäße Aufarbeitung der Prozesse mit neuen Aspekten und ebenso grandiosen wie auch großartig besetzten Schauspielern. Wer ein reines Gerichtsdrama erwartet, sollte sich lieber Eine Frage der Ehre ansehen. Hier geht es in erster Linie um die Bloßstellung der Tyrannen und das Drumherum, so umfassend wie möglich umgesetzt.

16.04.2026 | mz
Kategorien: Kino
Genres: Drama | Geschichte | Krimi