Sonntag, 20. September 2020
Weathering with you
Das Mädchen, das die Sonne berührte
天気の子
Oberschüler Hodaka hat genug vom idyllischen Landleben und er beschließt, sein Glück in Tokio zu suchen. Schnell muss er feststellen, dass das Leben in der Großstadt nicht nur aufregend sondern vor allem teuer ist. Er verbringt einsame Tage und droht zu verelenden, bis er glücklicherweise eine Anstellung als Redakteur bei einem fragwürdigen Okkultismus-Magazin findet.
Als wäre sein schwieriger Start in der Großstadt ein Vorbote für das, was ihn noch erwarten wird, regnet es seit seiner Ankunft unaufhörlich. Doch eines Tages lernt er durch einen Wink des Schicksals die junge Hina kennen. Sie ist willensstark und hat die besondere Gabe, das Wetter zu beeinflussen und die Stadt im wunderschönen Sonnenlicht funkeln zu lassen. Doch bald offenbart sich, dass diese mysteriöse Gabe auch ihre Schattenseiten mit sich bringt…
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Makoto Shinkai gilt heute weltweit als einer der renommiertesten Regisseure für visuell und inhaltlich herausragende Animationsfilme. Die nuancierten „Shinkai-Welten“ mit ihren Erzählungen über die differenzierten Gefühlswelten junger Männer und Frauen, ihrem herrlichen visuellen Antlitz und ebenso sensiblen Worten, begeistern sowohl in Japan als auch international das Publikum. Drei Jahre nach dem sensationellen Überraschungserfolg seines letzten Films, your name., beginnt nun die Reise seines neuen und sehnsüchtig erwarteten Werkes.
Das neue Werk, Weathering with you, ist die Geschichte von einem Jungen und einem Mädchen, die in einer Zeit verrückter werdenden Wetters zum Spielball des Schicksals werden und gezwungen sind, wichtige Entscheidungen für ihren weiteren Lebensweg zu treffen. Die Geschichte ihrer Liebe dient als Botschaft an all die Generationen, die ein neues, gleichermaßen wunderschönes wie auch schmerzhaftes Zeitalter begrüßen, sowie als Botschaft an die gesamte Welt.
Wie schon bei your name. hat auch hier die J-Pop-Gruppe RADWIMPS die Musik beigesteuert, angefangen mit dem Titellied „愛にできることはまだあるかい“. Dieses Mal haben sie sich einer neuen Herausforderung gestellt und sich bei der Produktion der Musikstücke mit Toko Miura als Vokalistin zusammengetan, die mit ihrer Stimme auf unbegreifliche Art und Weise das im Herzen Verborgene in Gesang fassen kann. Ihre gemeinsamen Lieder lassen die Gefühle in dieser Shinkai-Welt noch höher erklingen.
Ein besonderes Merkmal bei diesem Film ist, dass Makoto Shinkai den ersten Drehbuchentwurf Yojiro Noda von RADWIMPS zukommen ließ. Das letztliche Titellied sowie „大丈夫“ festigten die Entscheidung des Filmemachers, das Projekt voranzubringen. Von da an beein­flussten die Handlung und die Musik sich im Entstehungsprozess stets gegenseitig. Somit ist die Musik von RADWIMPS, verglichen mit dem vorangegangenen Film, noch viel unentbehrlicher geworden.
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»Was die Figuren angeht, so bestehen erhebliche Unterschiede im Gefühl des gesellschaftlichen Lebens zwischen your name., dessen Pro­duktion 2014 begann, und Weathering with you, bei dem die Produktion im Jahr 2017 ihren Anfang nahm«, sagt Makoto Shinkai. »Um ein Beispiel zu nennen: bei your name. leben die Protagonisten in vergleichs­weise hübschen Häusern, doch Hodoko und Hino kommen im neuen Film kaum über die Runden. Die Prämissen der Gesellschaft hoben sich in gerade einmal drei Jahren schon stark verändert. Das schlägt sich auch in der Gestaltung der Figuren nieder. Als ein Film, der vor ollem von Zuschauern etwa im Alter der Protagonisten gesehen wird, wird ihm sicherlich anstelle von Universalgültigkeit eher ein bestimmter Zeitgeist beigemessen werden.«
»Ich wollte Jugendliche darstellen, die schlicht angefangen haben, vorwärts zu laufen«, erläutert der Regisseur weiter. »Diese Stimmung der Figuren wird praktisch exakt so im Text des Lieds „Grand Escape“ von RADWIMPS ausgedrückt:

„Wir haben schon etwas Angst,
doch wir halten nicht inne.
Versuchten wir auch der Not zuvorzukommen, wäre uns das gar nicht möglich.
Doch unsere Liebe, unsere Stimmen, sie sagen:
,Geh!‘„.

Genau diese Jugend repräsentieren Hodoko und Hino. Zwei Menschen, die nicht darauf achten, ob ihre Batterie womöglich leerläuft, Menschen, die nicht innehalten und aufladen, solange noch ein paar Prozent Akkuleistung übrig sind, solche Menschen, die einfach weiter geradeaus laufen ohne anzuhalten, das wollte ich beobachten.«
Makoto Shinkai verwendet detaillierte Hintergründe und präzise Bewegtbilder, um das Motiv des Wetters, welches er bislang schon mit viel Bedacht in seinen Werken behandelt hat, dieses Mol selbst zum Gegenstand des Films zu machen. In seinen bisherigen Werken war das Wetter immer eine Projektion der Gefühle von auftretenden Figuren oder der Richtung der Handlung. Gleichzei­tig ist es eine so nur in Animationsform mögliche Widerspiegelung der Schönheit, Vergänglichkeit und Kostbarkeit der Welt, in der wir Zuschauer leben. Somit ist es auch das Wetter, welches unsere Geschichten des Lebens, die wir selbst spinnen, mit den Geschichten von Makoto Shinkais Werken verbindet.
In seinen Werken ist schon des Öfteren der bekannte Anblick des Tokioter Stadtbezirks Shin­juku ein wichtiger Schauplatz gewesen. Doch es ist das erst Mal, dass wir auch den Stadtteil Kabukicho mit seinem Vergnügungsviertel gezeichnet sehen. Die Darstellung dieses gleichermaßen lebendigen wie auch turbulenten Ortes ist einer der Höhepunkte des Films. Um den Vorstellungen entsprechende Orte und Hintergründe zu finden, sind einige Ex­perten zur Recherche auf Drehortsuche gegangen, bis die Schauplätze feststanden. Die auftauchenden Ansichten der Stadt dürften sowohl Tokio-Kennern, als auch jenen, die die Stadt nicht gut kennen, ein Gefühl von Vertrautheit vermitteln.
Aber nicht nur die realistisch nachgezeichneten Hintergrundansichten von Tokio und die Darstellungen des Wetters von Hiroshi Takiguchi beeindrucken, auch das typisch japanische Fremdartige, das alle Nichtjapaner schmunzeln lässt. So sehen wir zum Beispiel ein Internetcafé mit Dusche, während der Aberglaube mit den Schönwetterpüppchen am Regenschirm baumelnd uns an die fantastische Ghibli-Welt erinnert, in der Animationsregisseur Atsushi Tamura bereits tätig war. Als Figurendesigner wurde, wie auch bereits beim letzten Film, Masayoshi Tanaka ins Boot geholt, der beim Regisseur vollstes Vertrauen genießt, weshalb auch die Figuren des letzten Films hier „Gastauftritte“ haben! So ist z.B. Mitsuha eine Verkäuferin im Juweliergeschäft, in dem Hotaka einen Ring für Hina kauft.
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Alles in allem ist Weathering with you ein solider Animationsfilm mit dem zeitgemäßen Thema „Klimawandel“ und eine Liebeserklärung an die japanische Hauptstadt, auch wenn die Geschichte dem Vorgänger (Achtung, Wortspiel!) keineswegs das Wasser reichen kann. Der Film ist zudem voll von Produktplatzierungen und Klischees (Karaoke muss natürlich auch sein), und natürlich mit der passenden J-Pop-Untermahlung, weshalb das jugendliche Zielpublikum dort keine Probleme bekommen sollte.

04.09.2020 | mz | LEONINE
Kategorien: Feature | Filme