Mittwoch, 16. Juni 2021
The Imaginarium of Doctor Parnassus
Die Ankündigung eines neuen Films von Terry Gilliam entfacht üblicherweise eine dynamische Mischung aus Erwartungen, Neugier und nicht gerade wenig Anspannung. Der visionäre Regisseur genießt den Ruf eines außerordentlich kreativen Filmemachers. Doch seine Zelluloidträume auf die große Leinwand zu bringen, erwies sich nicht immer als leicht.
Der tragische Tod von Heath Ledger während der Dreharbeiten hätte um ein Haar das Ende dieses Films bedeuten können. Doch Terry Gilliam gab nicht auf. Er erfand sozusagen den Film noch einmal neu, ohne die Darstellungskunst zu schmälern, die der verstorbene Star bereits in den Film eingebracht hatte.
»Das Format der Geschichte erlaubt es, Heaths gesamte Darstellung zu erhalten, und so wurde seine Arbeit in keiner Weise durch Digitaltechnologie verändert oder angepasst«, versichern die Produzenten. »Jede der von Johnny DeppColin Farrell und Jude Law gespielten Rollen ist repräsentativ für die vielen Aspekte der Figur, die von Heath Ledger verkörpert wurde.«
Der Magier Dr. Parnassus reist mit seiner Theatertruppe in einem klapprigen Varietévehikel durch die Lande. Die besondere Attraktion dieses Wunderkabinetts auf Rädern ist ein Zauberspiegel, durch den man ein fantastisches Universum unbegrenzter Vorstellungswelten betreten kann. Als die Truppe in London gastiert, taucht Mr. Nick, der leibhaftige Teufel, auf. Er erinnert Parnassus daran, dass dieser ihm vor Jahren seine Tochter Valentina versprochen hat, sobald sie 16 Jahre alt geworden ist.
Um seine Tochter zu retten, geht Dr. Parnassus eine letzte Wette mit Mr. Nick ein – der Deal: Wem es binnen drei Tagen als erstem gelingt, fünf Seelen zu gewinnen, dem soll Valentina gehören. Valentina ahnt zunächst noch nichts von ihrem schrecklichen Schicksal. Da entdeckt die illustre Truppe zufällig einen jungen Mann, der am Strick von einer Londoner Brücke baumelt, und rettet ihn vor dem sicheren Tod.
Es dauert nicht lange, da hat sich Valentina unsterblich in den geheimnisvollen Fremden namens Tony verliebt. Da Valentinas 16. Geburtstag unmittelbar vor der Tür steht, versuchen nun alle gemeinsam, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen. Zur großen Überraschung entpuppt sich Tony dabei als besonders guter Seelenfänger.
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Das Kabinett des Doktor Parnassus ist nicht nur ein neuer Film von Terry Gilliam, der u.a. als Mitglied der Comedytruppe Monty Python die Intermezzo-Trickfilme ihrer Sketche zeichnete, was man auch in diesem Film wiedererkennt, wenn die Leute durch den Spiegel in die Fantasiewelt eintauchen. Natürlich ist die Technik viel weiter als damals. Heute benutzt er Computeranimationen, damit seine Schauspielfiguren mit dieser interagieren können.
Der Film ist vielmehr auch zum Starvehikel mutiert. Durch den plötzlichen Tod von Heath Ledger drohte dem Film das Aus. Doch da alle Szenen mit ihm in der realen Welt abgedreht waren, kam dem Produktionsteam die Idee, dass sich die Leute in der Fantasiewelt äußerlich verändern können.
»So kamen die drei Helden, Johnny DeppColin Farrell und Jude Law nach Vancouver, um die verschiedenen Aspekte von Tony darzustellen, die Rolle, die Heath gespielt hatte. Ihre Bereitschaft, zur Rettung des Films und von Heaths letzter Darstellung beizutragen, war ein Beweis von Großzügigkeit und Zuneigung«, sagt der Regisseur. »Das ist ein schöner und seltener Moment in unserer Branche, und als Ergebnis ihrer Beteiligung wurde der Film noch besonderer: Er ist überraschender und witziger geworden. Alles in allem ist er nun noch magischer.«
Und genau das trifft es auch ins Schwarze. Herausgekommen ist ein bildgewaltiges Poesiealbum, in dem es um Wünsche, Verlangen und Selbsterkenntnis geht, um Gut und Böse, Liebe und Tod. Terry Gilliam ist mit diesem düster-skurrilen und very britischen Stück ein kleines Meisterwerk gelungen. Und Lily Cole wirkt hier zum Glück nicht ganz so googly-eyed gruselig wie in dem Kamerastück Rage, das auf der Berlinale 2009 lief, in dem, beiläufig erwähnt, auch Jude Law mitspielte.

28.12.2020 | mz
Kategorien: Feature | Filme