Donnerstag, 12. Dezember 2019

 

Es war ein wenig ruhig um Gurinder Chadha geworden, die 2002 mit ihrer Kulturfrontation Kick it like Beckham weltweit Erfolge feierte. Es folgten die bunte Jane Austen-Adaption Liebe lieber indisch, eine Episode in Paris, je t’aime und schließlich 2008 die Teeniekomödie Frontalknutschen. Ihre Krimikomödie It’s a wonderful Afterlife von 2010 kam erst gar nicht auf den deutschen Markt.
2017 erschien sie plötzlich auf der Berlinale mit ihrem Geschichtsdrama Der Stern von Indien. Jetzt versucht sie es mit einer Mischung aus Herkunftsdrama, Kulturfrontation und Musikfilm. In Blinded by the Light erzählt sie die Geschichte eines Teenagers pakistanischer Herkunft, der im englischen Luton die Bekanntschaft mit einem Sikh macht, der ihm die Werke von Bruce Springsteen nahebringt, die ihm eine neue Lebensphilosophie unterbreiten.
»Es geht darum, einen Traum haben zu wollen und zu denken, dass dieser Traum niemals wahr werden könne«, sagt die Regisseurin, »auf Grund dessen, wer du bist, was dein Werdegang ist und was deine Eltern denken könnten. Aber dann, was wäre, wenn dir jemand eine Rettungsleine zuwerfen würde? Was, wenn du einen Weg entdeckst, der dir Gelegenheiten gibt? Was, wenn du dich dazu noch verlieben würdest? Gehst du auf diese Reise? Das ist einfach eine tolle Geschichte über das Erwachsenwerden.
Für mich fühlt er sich wie ein geistiger Gefährte von Kick it like Beckham an. Er zeigt uns das Drahtseil, auf dem wir als Teenager balanciert sind, um für das, was wir wollen, zu kämpfen, ohne unsere Eltern zum Feind zu machen, die, wie wir wissen, nur für uns, ihre Kinder, leben. Es ist auch als Filmemacher ein schwieriger Akt, die richtige Balance zwischen Gefühl, Pathos und Unterhaltung zu finden.«
Der Film ist von der realen Geschichte von Sarfraz Manzoor inspiriert, der ebenfalls am Drehbuch mitgewirkt hat. Ähnlich wie Javed im Film machte er die Bekanntschaft mit Bruce Springsteens Botschaften in jungen Jahren. Seine daraus resultierende Perspektivenverschiebung und Lebensreise schrieb er in seinen Memoiren „Greetings from Bury Park“ nieder. »Interessant ist, dass ich noch während des Schreibens des Buches den Hintergedanken hatte: Wenn das jemand angemessen machen könnte…das fühlt sich wie ein Film an«, sagt der Autor.
Ihre Wege kreuzten sich, als die beiden Springsteen-Fans bei der britischen Premiere der Doku The Promise: The Making of Darkness on the Edge of Town, die den Studioaufnahmen von Bruce Springsteen und der E Street Band zu deren viertem Album folgt, auf den „Boss“ selbst trafen. »Wir schwebten auf dem Roten Teppich, bereit, Fotos von Bruce zu schießen, als er an uns vorbei kam«, erinnert sich Gurinder Chadha.
»Bei seiner Ankunft, als er den Teppich entlang ging, entdeckte er Sarfraz (Es gibt nicht gerade viele Pakistaner mit Afros in den ersten Reihen von über 150 Konzerten von Bruce). Er blieb stehen und sagte: „Dein Buch war wirklich wundervoll!“ Jemand hatte Bruce eine Kopie zukommen lassen. Sarfraz war völlig von den Socken…er kollabierte beinahe. Dann sprang ich ein und sagte: „Ich bin Gurinder Chadha, die Filmemacherin, und wir würden das wirklich gern verfilmen.“ Und er sagte: „Hört sich gut an, sprich mit Jon!“, und er zeigte auf Jon Landau, seinen langjährigen Manager. Und von da an blieben wir in Verbindung.«
Der Boss gab großzügigerweise seine Erlaubnis, seine Lieder als Schwerpunkt der Geschichte zu verwenden. Somit konnten sie die Worte nicht nur kreativ in die Handlung einbauen, sondern auch visuell einfließen lassen. Wenn Javed die Lieder in seinen Walkman-Kopfhörern hört, werden die Liedtexte um ihn herum angezeigt, um deren Botschaften zu unterstreichen.
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Blinded by the Light ist eine interessante Erwachsen-werd-Geschichte, die praktisch zeitlos ist. Auch heute gibt es noch Einwanderer anderer Ethnizität, die sich in unserer Gesellschaft zurechtfinden und sich mit Neo-Nazis herumplagen müssen. Gleichzeitig ist der Film auch ein zeitgenössisches Stück über die 80er Jahre, die wirklich gelungen porträtiert werden.
Allerdings fehlt dem Film das gewisse Etwas, das Kick it like Beckham ein Erfolg werden ließ. Es ist in erster Linie ein Immigranten-Drama, das die damalige Einwandererfeindlichkeit detailliert porträtiert, vom Pinkeln durch den Briefkastenschlitz bis zur Paki-Tages-Disco. Javeds bester Freund Matt, der sein Äußeres dem damaligen Wham!-Sänger George Michael nachempfindet und selbst eine Pop-Band hat, der schräg gegenüber von ihm wohnt, kann ihn nicht so recht verstehen, warum Javed ausgerechnet auf einen Rocksänger aus Amerika steht, der schon längst wieder „out“ ist.
»Ich denke, am Anfang sieht Javed noch zu Matt auf, kopiert ihn vielleicht manchmal, möchte wie er sein«, berichtet Dean-Charles Chapman, der Matt spielt. »Javed ringt darum, aus seinem eingeschränkten Leben auszubrechen. Aber wenn er dann mal eine Chance hat, etwas in dieser Richtung zu unternehmen (wie zu Matts großer Party zu gehen), greift sein Vater stärker durch. Er sitzt da in seinem Zimmer, hört die Musik und die Leute, wie sie Spaß haben.«
Vater verliert seinen Job, und Mutter muss noch mehr Vorhänge nähen, damit das Essen auf den Tisch kommt. Javed verknallt sich in die politisch aktive Eliza, knuffig von Nell Williams gespielt, und wird durch den Literaturkurs von Miss Clay zum Weiterschreiben ermutigt. Hayley Atwell, größtenteils aus dem Marvel-Universum als Peggy Carter bekannt, spielt die Lehrerin mit »gleichwertiger Härte und Ermutigung«, wie die Regisseurin sagt.
In Matts Vater, dem er auf dem Markt aushilft, um ein wenig Taschengeld zu verdienen, um Karten für das Springsteen-Konzert zu ergattern, findet er einen Verbündeten, denn dieser ist ebenso Springsteen-Fan. Da kommt es schon mal zu einer bollywoodmäßigen Tanzszene. Ein netter Witz ist schließlich, dass Javed denkt, das heiß erwartete Konzert wird sofort nach Vorverkaufbeginn bereits ausverkauft sein, aber bei der Konzertkasse findet sich noch Stunden später ein großes ungeöffnetes Bündel.
Und dann ist da noch der stille Nachbar, der zunächst von allen der Naziszene zugeordnet wird, sich dann aber als dessen Feind outet, als eines der Gedichte Javeds in dessen Hände geriet. Dieser wird charismatisch von David Hayman gespielt, der derzeit auch in Fisherman’s Friends zu sehen ist. Javeds Gedichte im Film stammen übrigens alle aus der Feder von Autor Sarfraz Manzoor.
Hauptdarsteller Viveik Kalra bringt in seiner ersten Filmrolle Javeds Gefühle solide herüber. Er hat bereits mit seinem Filmvater Kulvinder Ghir in der Serie Beecham House gespielt, wodurch auch die Chemie der beiden stimmt. Doch der Film bleibt eher unspaßig, schafft nicht so richtig den Balanceakt zwischen Drama, Komödie und Musikfilm. Es mag vielleicht auch daran liegen, dass ich kein Springsteen-Fan bin, aber der Film zeigt nicht viel Neues.
Für alle, die nicht so viel mit der Musik des Mannes aus New Jersey am Hut haben, ist vielleicht noch interessant zu wissen, dass das Titellied nicht, wie angenommen, von Manfred Mann’s Earthband stammt, sondern aus der Feder von Bruce Springsteen! Vielleicht waren Frau Chadha und Herr Manzoor vom Licht geblendet, als sie die Idee zum Film hatten. Das Springsteen-Evangelium macht jedenfalls weniger gute Laune, als der Filmverleih verspricht.

21.08.2019 | mz
Kategorien: Feature | Filme