Dienstag, 4. August 2020
Berlin Alexanderplatz
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Dies ist die Geschichte von Francis. Auf der Flucht von Afrika nach Europa kentert er und rettet sich mit letzter Kraft an einen Strand der Mittelmeerküste. Dort schwört er dem lieben Gott, dass er von nun an ein guter, ein anständiger Mensch sein will. Bald führt Francis‘ Weg nach Berlin und jetzt ist es an ihm, seinen Schwur auch einzuhalten.
Doch die Lebensumstände als staatenloser Flüchtling machen es ihm nicht einfach. Das Schicksal wird ihn auf eine harte Probe stellen. Dann trifft er auf den zwielichtigen deutschen Drogendealer Reinhold und die Leben der beiden Männer verbinden sich zu einer düsteren Schicksalsgemeinschaft.
Immer wieder versucht Reinhold, Francis für seine Zwecke einzuspannen, immer wieder widersteht er. Schließlich wird Francis von Reinhold verraten und verliert bei einem Unfall seinen linken Arm. Francis wird von Mieze aufgenommen und aus seiner Verzweiflung gerettet. Die beiden verlieben sich und werden ein Paar. Seine Geschichte könnte nun eigentlich gut ausgehen. Doch Francis kann der Anziehung von Reinhold nicht widerstehen…
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Der 1929 erschienene Roman „Berlin Alexanderplatz“ ist das bedeutendste Werk und der größte Erfolg des deutschen Schriftstellers Alfred Döblin (1878–1957). Innerhalb von vier Jahren nach der Erstveröffentlichung erreichte die bahnbrechende Milieustudie mit dem Untertitel Untertitel „Die Geschichte von Franz Biberkopf“ 50 Auflagen. Bis heute wird der Name des Autors fast ausschließlich mit dem innovativen Großstadtroman verbunden, der vor allem, Dank seiner revolutionären Erzähltechnik, als Wegbereiter der literarischen Moderne gilt.
So radikal hatte bis dahin noch keiner geschrieben: Bilder und Szenen rauschen am Leser vorbei wie ein Film – eine gigantische Collage wild montiert. Perspektiven und Stil wechseln ständig. Zeitungsschlagzeilen, Gesprächsfetzen, innere Monologe, Bibelzitate, Schlagertexte, Gossenjargon, Berliner Schnauze und Beamtendeutsch spiegeln auch auf sprachlicher Ebene die vielen Seiten der Weltstadt, in der sich Franz Biberkopf verliert.
Die schillernde Kulturmetropole der Goldenen Zwanziger spart der »geniale Amokläufer« dabei aus. Stattdessen taucht der Autor tief in den Moloch ein und widmet sich den „kleinen“ Leuten und Außenseitern der bürgerlichen Gesellschaft – Menschen, mit denen Alfred Döblin persönlich Kontakt hatte – als Nervenarzt in der Psychiatrie, später in seiner eigenen Berliner Kassenpraxis. Zu seinen Patienten gehörten Arbeiter, Arbeitslose und Kriminelle.
1967 hielt der spätere Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass in der Berliner Akademie der Künste seine berühmte Rede „Über meinen Lehrer Alfred Döblin“, dessen „sperriges“ Werk zu diesem Zeitpunkt in Vergessenheit zu geraten drohte: »Er wird Sie beunruhigen; er wird Ihre Träume beschweren. Sie werden zu schlucken haben; er wird Ihnen nicht schmecken. Unverdaulich ist er, auch unbekömmlich. Den Leser wird er ändern. Wer sich selbst genügt, sei vor Döblin gewarnt.«
1978, im Jahr des 100. Geburtstags seines Lehrers, stiftete Günter Grass den Alfred-Döblin-Preis. Er wird seit 1979 an noch unveröffentlichte Autoren verliehen.
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Die erste Verfilmung entstand bereits 1931 (zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung des Romans) auf Initiative von Heinrich George, der die Hauptrolle des Franz Biberkopf übernahm. Der Film, der zudem zu den bedeutendsten ersten Tonfilmen des deutschen Kinos zählt, ist ganz auf seinen wuchtigen Star zugeschnitten, der laut zeitgenössischer Kritik eine „grandiose Solonummer“ lieferte.
Alfred Döblin wirkte selbst am Drehbuch mit, da ihn die stilistischen Möglichkeiten des Mediums Film reizten. In der Zeitung Film-Kurier merkte der Schriftsteller an, dass der Tonfilm »Franz Biberkopf unmittelbar sprechen lässt und daher akustisch echter ist, als es je der Roman kann.«
Der Film endet indes versöhnlicher als die Vorlage – ein Zugeständnis an die strenge Zensur. Bevor Franz sich an ihm rächen kann, wird Reinhold verhaftet und für den Mord an Mieze zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Franz ist frei und steht am Ende wieder als Straßenhändler am Alexanderplatz. Die Filmprüfstelle erteilte 1931 zwar Jugendverbot, verlieh dem Film jedoch das Prädikat „künstlerisch“.
In der Tat ist der Film wahrlich nicht der Stoff, der die Massen ins Kino zieht. Zu stark ist der Tobak. Heinrich George spielte den bulligen Außenseiter durchaus einfühlsam, doch konnte der Film dennoch nicht die Komplexität des Romans herüberbringen. Man bekommt jedoch, fast 100 Jahre später, einen Einblick in die damalige Berliner Gesellschaft, das Ambiente, wie damals geredet wurde und wie Berlin damals aussah.
Fast 50 Jahre später adaptierte Rainer Werner Fassbinder das sozialkritische Epos als überlange Serie in 13 Teilen und einen Epilog, die für einen Eklat sorgte. Das Drehbuch umfasste 3000 Seiten, die Hauptrollen übernahmen Günter Lamprecht, Barbara Sukowa und Gottfried John. Mit einem Budget von 13 Millionen Mark war Berlin Alexanderplatz seinerzeit das aufwändigste Prestigeprojekt des deutschen Fernsehens.
Dennoch wurde die Serie, die wie der Roman Ende der 1920er Jahre spielt, nicht etwa zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr in der ARD ausgestrahlt, sondern erst ab 21:30 Uhr – zu derb, zu schmuddelig, stellenweise auch zu brutal. Das verstörende Finale mit dem Titel „Mein Traum vom Traum des Franz Biberkopf von Alfred Döblin – Ein Epilog“ verbannte man direkt ins Spätprogramm.
Die Boulevardpresse echauffierte sich, „Fassbinders Bild-Moloch“ sei eine „Millionen-Pleite“, die Fernsehzuschauer würden „um ihre Gebühren betrogen“, zumal man über weite Strecken wenig erkennen konnte. Der Vorwurf, Berlin Alexanderplatz sei fürs Öffentlich-Rechtliche viel zu düster, ist durchaus wörtlich zu verstehen: Bild- und Lichtgestaltung, offenbar für die große Leinwand gedacht, waren für damalige TV-Bildschirme schlicht zu dunkel und kontrastarm. Eine für die DVD-Edition restaurierte Fassung der Serie, in der diese technischen Mängel behoben sind, wurde auf der Berlinale 2007 präsentiert. Derzeit ist die restaurierte Fassung u.a. bei 🌐amazon prime video zu sehen.
Günter Lamprecht schwitzt ständig und spielt den Franz ein wenig zu durchgedreht und surreal, wie alles von Rainer Werner Fassbinder, alles irgendwie Kunsttheater mit teilweise erstaunlich teuer inszenierten authentisch wirkenden Außenaufnahmen. Und natürlich dürfen die ewigen Begleiterinnen des Filmemachers nicht fehlen, darunter Brigitte Mira und Hanna Schygulla.
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Aber kommen wir zum eigentlichen Film – Berlin Alexanderplatz anno 2020. Der 1980 als Sohn afghanischer Flüchtlinge in Deutschland geborene Burhan Qurbani inszenierte hier nach Shahada und Wir sind jung. Wir sind stark. seine dritte Langfilmarbeit – mit Betonung auf Langfilm. Gute drei Stunden erzählt er die Geschichte des Klassikers neu – mit Mieze als Kommentatorin.
»Natürlich konnten wir in der begrenzten Erzählzeit eines Spielfilms nicht das gesamte Spektrum, welches der Roman aufmacht, verarbeiten«, erklärt der Filmemacher. »Stattdessen haben wir uns an die narrativen Beats des Romans gehalten. Wir setzen einen Rahmen: Die Geschichte von Schuld und Neubeginn. Ein Passionsspiel vom Opfer und der Erlösung. Was uns durch den Film führt, ist der Crimeplot, der auch den Roman strukturiert.
Aber was uns anzieht und an der Geschichte packt, ist die seltsame, furchtbar zerstörerische Ménage-à-Trois zwischen den Geliebten Franz und Mieze und dem mephistolischen Reinhold. Das ewige Zerren von Liebe und Tod um die menschliche Seele. Wie die drei Teile eines Triptychons. Der Versuch eines filmischen Freskos. Die Themen, die wir bearbeiten sind dabei wie Pigmente, die wir in den frischen Kalkputz einer sich ständig ändernden Welt malen.
Der Film ist nur das Tagewerk und als solches wird er morgen schon wieder eine andere Wirkung haben. Es ist ein gefährliches Bild, weil es schwierige Fragen an den Zuschauer stellt – weil Film gefährlich sein muss. Und am Ende steht eine Utopie: die Möglichkeit von Ankommen, von Heimat – – weil Film vom Unmöglichen träumen darf.«
Knapp 100 Jahre nach der Originalgeschichte hätte diese nicht mehr so recht in der heutigen Gesellschaft funktioniert. Also wurde aus dem bulligen Hitzkopf, der im Affekt seine Frau erschlagen hatte und dafür vier Jahre im Tegeler Gefängnis saß, ein Flüchtling aus Guinea-Bissau – namens Francis, der als Illegaler auf einer Baustelle arbeitet und nach einem Unfall auf selbiger in die Fänge des zwielichtigen Reinhold gerät. Die Ausgangsprämisse ist zwar eine andere, doch die Essenz der Geschichte bleibt dieselbe.
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Dass Hauptdarsteller Welket Bungué kein Deutsch sprach, war für ihn selbst und für die Produktion kein Hindernis – im Gegenteil: »Ich drehe Berlin Alexanderplatz in einer Sprache, die ich nicht beherrsche. So geht es Immigranten, wenn sie in einem fremden Land ankommen«, erklärt der Schauspieler. »Dadurch kann ich umso besser nachvollziehen und auch vermitteln, wie sich Francis fühlen muss.« Er nahm zwei Monate Deutschunterricht und erhielt ein Sprachtraining. So durchlief der Schauspieler vor der Kamera eine ähnliche Entwicklung wie Francis im Film: Als er in Berlin ankommt, spricht er kein Deutsch, am Ende, als Franz, ist er mit der Sprache vertrauter.
In einer logistischen Meisterleistung wurde der Film in 42 Tagen an Schauplätzen in Berlin, Stuttgart und Köln ohne Studioaufnahmen gedreht. Als Flüchtlingsunterkunft, in der Reinhold Dealer rekrutiert und auch Francis kennenlernt, diente ein stillgelegtes Krankenhaus 20 Kilometer außerhalb von Berlin. Die Baustelle am Alexanderplatz, auf der Francis schwarzarbeitet, ist wiederum Deutschlands wohl umstrittenste Baustelle: Stuttgart 21. In Köln stand schließlich eine Woche nächtliche Action auf dem Drehplan: Hier entstanden sämtliche Einbrüche und Autoverfolgungsjagden.
»Wir treten hier in große Fußstapfen«, betont Jella Haase, »aber Berlin hat sich verändert. Und künstlerische Freiheit beinhaltet, dass man seine eigene Interpretation und eine neue Vision schafft. Ich hoffe, dass sich das Publikum darauf einlässt.« Der Film ist zwar lang und hat auch Längen, ist jedoch eine intensive Milieustudie, die mitnimmt und nichts verschönt.
Besonders nervig sind zu Beginn des Films die Audiodissonanzen, bei denen man sich die Ohren zuhalten muss. Das Hauptdarsteller-Trio spielt komplett differenziert, weshalb man es als Zuschauer auch schwer hat, sich mit irgendeiner Figur zu identifizieren. Doch schafft es Burhan Qurbani, dass der Film, besonders durch die einzelnen Figuren, unter die Haut geht, auch wenn der Schlusssatz ein wenig zu pathetisch wirkt.

16.07.2020 | mz
Kategorien: Feature | Filme