Sonntag, 17. November 2019
Ballon
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Sommer 1979 in Thüringen. Die Familien Strelzyk und Wetzel haben über zwei Jahre hinweg einen waghalsigen Plan geschmiedet: Sie wollen mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR fliehen. Doch der Ballon stürzt kurz vor der westdeutschen Grenze ab. Die Stasi findet Spuren des Fluchtversuchs und nimmt sofort die Ermittlungen auf, während die beiden Familien sich gezwungen sehen, unter großem Zeitdruck einen neuen Fluchtballon zu bauen. Mit jedem Tag ist ihnen die Stasi dichter auf den Fersen – ein nervenaufreibender Wettlauf gegen die Zeit beginnt…
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      »Wir können doch froh sein, wenn die Feinde des Sozialismus einfach abhauen...wenn wir das Gesindel endlich los sind, oder?«
      Oberstleutnant Seidel
  • Michael Bully Herbig (den Mittelteil hat er offenbar in seinen Namen aufgenommen) hatte schon seit längerer Zeit die vage Idee, einen Thriller zu drehen. 2011 konkretisierte sich diese Idee, as er von der Deutschen Filmakademie gefragt wurde, ob er sich für ein sogenanntes Werkstattgespräch zur Verfügung stellen würde: »Ich saß vor etwa 20 Mitgliedern der Filmakademie, wir unterhielten uns über das Filmemachen, und irgendwann fragte mich jemand, ob ich mir auch mal ein anderes Genre als die Komödie vorstellen könnte, zum Beispiel einen Film wie Das Leben der Anderen.
    Ich sagte, es gibt in der Tat einen Stoff, der mich nicht loslässt, nämlich die Geschichte der beiden Familien, die mit einem Heißluftballon aus der DDR in den Westen geflohen sind. Auf einmal höre ich von links hinten eine Frauenstimme, die zweimal ruft: „Don’t touch it!“ Das war Kit Hopkins, die Drehbuchautorin.«
    🔥
    »Im Laufe der Drehbuchentwicklung stellte sich dann leider heraus, dass die Familien Ende der 70er die kompletten Rechte ihrer Lebensgeschichte an den Disney-Konzern verkauft hatten«, beschreibt Kit Hopkins den Beginn einer drei Jahre dauernden Phase der Ungewissheit, die auch an Michael Bully Herbigs Nerven zerrte: »Ich hatte Peter Strelzyk gebeten, mir eine Kopie des damaligen Vertrags mit dem US-Studio zu schicken, damit wir keine Probleme bekommen.
    Doch genau damit begannen die Probleme, denn beide Familien haben damals die Verfilmungsrechte exklusiv und für alle Ewigkeit an Disney verkauft. Ich habe den Vertrag drei verschiedenen Anwälten gezeigt – aber da war es wieder: „Don’t touch it!“ Zwei Jahre lang habe ich vergeblich versucht, an die Rechte zu kommen. Einmal standen wir kurz davor, aber vier Wochen später folgte eine relativ sachliche Mail und damit die Ernüchterung, dass es nicht geht. Damit war das Projekt gestorben.«
    Aber er ließ nicht locker und unternahm einige Wochen später einen letzten Versuch: »Ich dachte mir: Jetzt will ich´s wissen und bin nach Los Angeles geflogen, um Kontakt zu Roland Emmerich aufzunehmen. Ich hatte ihn ein paar Jahre zuvor kennengelernt. Also rief ich ihn an, durfte ihn besuchen und er verstand sofort, was für einen Film ich im Kopf hatte.
    Der Zufall wollte, dass zwei seiner früheren Produktionspartner von Sony und Warner gerade zu Disney gewechselt waren. Dann sagte Roland diesen unglaublich lässigen Satz: „Ich ruf die gleich mal an.“ Eine Woche später hatte ich einen Termin bei Sam Dickerman von Disney. Um die Geschichte abzukürzen: Mit Roland Emmerichs Hilfe gelang es, die deutschsprachigen Remake-Rechte zu bekommen.«
    Bereits 1982 nutzte Disney den Hype um die Ballonflucht, um sich die Rechte zu sichern und ein großes Kinoabenteuer draus zu machen. Als Peter Strelzyk war damals John Hurt zu sehen, Günter Wetzel wurde von Beau Bridges verkörpert. Aber auch Deutsche waren in dem Film zu sehen – u.a. Klaus LöwitschSky du Mont und Jan Niklas. Für Disney war das damals der ernsthaftigste Film, den der Mauskonzern je produziert hatte. Sieben Ballons kamen in Bayern zum Einsatz. Bully schaffte es mit zwei!
    Außenrequisiteur Johannes Wild vertiefte sich in die Mammutaufgabe, beide Ballons so originalgetreu wie möglich nachbauen zu lassen, wobei die zwei „Spielfahrzeuge“ aber auch absolut sicher und für Filmzwecke geeignet sein mussten. Er recherchierte im Heimatmuseum von Naila, in dem der originale Fluchtballon bis 2017 ausgestellt war (wechselte nach einer Restaurierung Ende 2018 ins Museum der bayerischen Geschichte in Regensburg) und besprach mit Günter Wetzel jedes noch so kleine technische Detail.
    Die Ballonbaufirma Wörner in Augsburg, die 1979 schon den originalen Fluchtballon restaurierte, erhielt den Auftrag, die beiden Ballons anzufertigen. Der erste war 28 m hoch und bestand aus großflächigen Stoffbahnen in Weiß und Beige. Der zweite Ballon war 32 m hoch und bestand aus 1245 m² buntem Stoff, der 150 kg auf die Waage brachte und ein Fassungsvermögen von 4200 m³ heißer Luft hatte.
    »Ich hatte einen Heidenrespekt vor diesen Ballonen, aber bin im Nachhinein wahnsinnig froh, dass wir diesen Aufwand betrieben haben«, sagt Michael Bully Herbig»Der Film heißt BALLON – und entsprechend wichtig war mir, dass alle Szenen mit dem Ballon authentisch, beeindruckend und gefährlich wirken.« Manche Nahaufnahmen der Schauspieler entstanden in einem „Mock-up“, für den nur der untere Teil der Ballonhülle samt Gondel nachgebaut wurde. Ein Kran hielt diesen über dem Boden, entweder am Drehort in Dietramszell oder vor einem nachtschwarzen Hintergrund im Studio auf dem Bavaria-Gelände.
    »Auch wenn es die Verabredung gab, dass wir nicht höher als drei Meter über dem Grund baumeln dürfen, musste ich für die vielen Szenen im Ballon gegen meinen inneren Schweinehund ankämpfen«, sagt Friedrich Mücke, der seine Flug- und Höhenangst nur für berufliche Zwecke überwindet: »Seit ich vor acht Jahren von den Dreharbeiten für Friendship! aus den USA zurückgeflogen bin, habe ich kein Flugzeug mehr betreten.«
    Dennoch nutzte er die Gelegenheit, vor Beginn der Ballon-Dreharbeiten mit David Kross und einem erfahrenen Piloten eine Ballonfahrt zu absolvieren: »Das hatte eine total therapeutische Wirkung.« David Kross war bei dieser Ballonfahrt überrascht, dass der selbstgenähte Fluchtballon von 1979 noch größer war als der Ballon, mit dem er und Friedrich Mücke ihre Testfahrt absolvierten:
    »Es ist schwer vorstellbar, dass zwei Paare mit ihren beschränkten Mitteln und einer alten Nähmaschine diese vielen kleinen Stofffetzen zum damals größten Heißluftballon Europas zusammengenäht haben. Je mehr man sich mit dieser Geschichte beschäftigt, desto krasser wird sie.«
    ⛰️
    Deutschlandexport Thomas Kretschmann spielt Stasi-Oberstleutnant Seidel, der mit allen Mitteln verhindern will, dass ein zweiter Fluchtversuch per Heißluftballon durchgeführt werden kann. Für ihn ist Ballon die erste deutsche Produktion seit 2011, wo er in Matthias Schweighöfers Komödie What a Man auf der Leinwand zu sehen war. »Ich habe Michael Bully Herbig am Rande einer Veranstaltung gesagt, dass ich gern mal unter seiner Regie spielen würde, weil ich ihn so großartig finde. Allerdings dachte ich eigentlich an eine Komödie«, gesteht der aus Dessau stammende Schauspieler, der die Authentizität der Geschichte schätzt:
    »Als ich das Drehbuch las, konnte ich die Angst riechen, die dieser Seidel unter den Menschen verbreitet. Ich habe solche Typen in der DDR selbst erlebt. Einer saß mir bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule Ernst Busch gegenüber. Zum krönenden Abschluss fragte er mich, ob ich vor meiner Ausbildung nicht lieber drei statt anderthalb Jahre zur Armee gehen möchte. Ich wusste genau: Wenn ich widerspreche, bekommt der Nächstbessere oder -schlechtere meinen Studienplatz.«
    Er wertet es als »Ironie des Schicksals«, dass ausgerechnet er einen Stasi-Mann spielt, der die Flucht von DDR-Bürgern verhindern will: »Ich bin 1983 aus der DDR abgehauen und an meinem 21. Geburtstag zuerst einmal über die Grenze von Ungarn nach Jugoslawien gerannt. Die hätten mich dabei erschießen können, aber nicht wegbomben, weil es an dieser Grenze keine Minen gab.«
    Thomas Kretschmann wertet die Rolle des Oberstleutnants als Geschenk: »Je weiter eine Rolle von mir weg ist, desto sicherer fühle ich mich als Schauspieler. Ich bin froh, dass ich den Jäger spiele und nicht den Gejagten, den ich aufgrund meiner eigenen Biografie viel besser kenne. Seidel ist nicht einfach nur böse. Der Film zeigt, warum er so ist, wie er ist: Er hat eine Mission. Er gehört zu denjenigen, die anderen sagen, wo es lang geht, und die andere weichklopfen, bis sie keinen eigenen Willen mehr haben.«
    Was Seidels Frisur angeht, erinnert sich Michael Bully Herbig an die Kontaktaufnahme mit dem Schauspieler: »Er meldete sich aus Kanada, wo er gerade mit Mel Gibson drehte, und schickte ein Foto, das ihn mit ganz kurzen Haaren und Vollbart zeigte. Das sah super aus und ich habe ihn anfangs gar nicht erkannt. Netterweise hat er nach den Dreharbeiten den Bart nicht komplett abrasiert, sondern stand zwei Tage vor seinem ersten Drehtag mit Schnauzbart und kurzen Haaren vor mir. Genau so wollte ich den Oberstleutnant Seidel im Film haben.
    Wir hatten dann schon die erste Szene mit einem langen Dialog und vielen Komparsen gedreht, als der historische Berater, den wir immer am Set hatten, zu mir kam und anmerkte: „Herr Herbig, ich möchte sie nur drauf aufmerksam machen, dass Schnauzer bei der Stasi verboten waren.“ Wie bitte? „Schnauzer waren bei der Stasi und bei der NVA nicht erlaubt.“ Jetzt schauten mich auf einmal 50 Leute aus dem Team an und wollten wissen, ob wir weiterdrehen oder Thomas Kretschmann zur Rasur in die Maske muss.«
    Der Regisseur und Produzent wollte aber keine Typveränderung seines Antagonisten und richtete sich innerlich darauf ein, später von Kritikern „Prügel“ zu bekommen: »Nach dem Drehtag ließ mich das nicht mehr los. Ich rief Leander Haußmann an und erzählte ihm, dass ich glaubte, einen Riesenbock geschossen zu haben, weil ich den Seidel mit einem verbotenen Schnauzer angedreht habe. Plötzlich schrie Leander Haußmann„Nein! Das ging! Es gab eine Ausnahme.“ Welche? „Wenn man eine Hasenscharte hatte, war der Schnauzer erlaubt!“«
    🏞️
    »Pößneck hat einen sehr schönen, gut restaurierten Stadtkern«, sagt Szenenbildner Bernd Lepel über die thüringische Heimatstadt der Familien Strelzyk und Wetzel. Was die 12.500 Einwohner von Pößneck freut, war für die Filmemacher ein Problem. »Wir konnten im heutigen Pößneck nicht mehr das Pößneck von 1979 drehen, weil die Stadt inzwischen saniert ist«, sagt der Szenenbildner. Bei seiner Suche nach Alternativen wurde er auf der anderen Seite der ehemaligen Grenze fündig – im bayerischen Nordhalben, wo durch Wegzug mehrere Gebäude leerstanden.
    Eine verlassene Bäckerei in Nordhalben wurde innen wie außen zur Apotheke, die aufgegebene Volksbank der Gemeinde wurde zur Sparkasse der DDR. Andere verwaiste Geschäfte wurden zu Textilläden umgebaut, in denen die Familien den Taftstoff für den Ballon kaufen. Reichlich Patina und morsche Fensterrahmen ließen die Fassaden vieler Häuser künstlich altern, schmucklose Schilder, geparkte Trabanten und Wartburgs, eine alte Telefonzelle und Propagandaplakate mit Botschaften wie „Sozialismus – das ist Menschlichkeit in Wort und Tat“ machten die Zeitreise ins Jahr 1979 perfekt.
    »Wir haben ganze Straßenzüge verändert, wie wir es sonst oft nur bei Kulissenstraßen auf den Studiogeländen in Babelsberg oder den Bavaria-Ateliers machen«, fährt Bernd Lepel fort und lobt die Geduld der Nordhalbener: »Der Bürgermeister und die Menschen dort sind wahnsinnig hilfsbereit, wir durften zehn Tage lang sogar die Hauptstraße des Ortes sperren.«
    »In jedem noch so kleinen Detail steckt die DDR drin«, schwärmt Hauptdarsteller Friedrich Mücke, der 1981 in der Hauptstadt der DDR geboren wurde. »Jeder Drehtag hat unzählige Erinnerungen an prägende Dinge aus meiner Kindheit wachgerufen, angefangen von den Verschlüssen der Marmeladengläser bis zu den Trabis und Wartburgs, die laut knatternd und stinkend durch Nordhalben fuhren.«
    Die historischen Autos kamen von privaten Sammlern, so auch der weißblaue Wartburg, den die Familie Strelzyk im Film fährt. »Unser kleiner Hauptdarsteller hat viel mitgemacht«, lobt der Regisseur. »Wir sind mit ihm sogar über die Wiesen gefahren, als der erste und der zweite Ballonstart vorbereitet wurde. Einen Ausfall gab es ausgerechnet bei der Vorfahrt am Hotel in Berlin, die wir stundenlang eingerichtet hatten. Die Kamerafahrt war vorbereitet, die Schauspieler und Komparsen standen bereit, doch dann heulte der Motor auf und nichts ging mehr. Zum Glück hatten wir die erste Probe mitgefilmt. Die hat es nun in den fertigen Film geschafft.«
    Zu Beginn des Films ist der gescheiterte Fluchtversuch eines jungen DDR-Bürgers zu sehen, der mit Steigeisen den Grenzzaun überwinden will. Michael Bully Herbig und Kameramann Torsten Breuer drehten diese Szene in einem echten ehemaligen Todesstreifen, der zum Deutsch-Deutschen Museum in Mödlareuth gehört. Der Ort in der Nähe von Hof trug einst den Beinamen „Little Berlin“, weil er von einer streng bewachten Grenze durchschnitten wurde. Der 1949 provisorisch aus Holz und Stacheldraht erbaute Zaun wurde ab 1961, dem Jahr des Berliner Mauerbaus, immer stärker ausgebaut, sodass keine legale Möglichkeit bestand, vom Ostteil Mödlareuths in den Westteil zu kommen.
    Erst am 9. Dezember 1989, genau einen Monat nach dem Fall der Mauer, wurde ein Grenzübergang geschaffen, ein halbes Jahr später wurde die Betonsperrmauer in der Ortsmitte weitgehend abgetragen. Lokalpolitiker und Privatleute machten sich dafür stark, einen Teil der Anlage als Museum und Gedenkstätte zu erhalten. »Es ist beklemmend, an solch einem geschichtsträchtigen Ort das tödliche Scheitern eines Fluchtversuchs zu drehen«, sagt der Regisseur. »Wir sind aber dankbar, dass wir in Mödlareuth drehen durften und dass uns die Verantwortlichen vertraut haben.«
    Das Filmteam erhielt auch eine Drehgenehmigung für das Stasimuseum in Berlin. Dessen Kernstück ist die im Original erhaltene Büroetage Erich Mielkes, der von 1957 bis zum Ende der DDR das Ministerium für Staatssicherheit leitete. Die Ausstattungsabteilung arbeitete in enger Abstimmung mit dem Stasimuseum, um selbst kleinste Logos und Stempel der Stasi aus dem Jahr 1979 korrekt organisieren zu können. Auch die Kostüm- und Maskenabteilungen tauchten tief in den Stasi-Kosmos ein. Tatjana Krauskopf spricht von einem „Einheitslook“ der Stasi-Mitarbeiter: »Zeitzeugen haben mir berichtet, dass man Stasi-Leute oft schon aus 100 Metern Entfernung erkennen konnte.«
    Der erste Drehtag überhaupt, am 18. September 2017, begann mit einer Massenszene in der Ernst-Thälmann-Oberschule in Pößneck – der Jugendweihe von Frank Strelzyk. Die Jugendweihe bedeutete viel Arbeit für alle Gewerke, da 30 Jungpioniere, 60 Eltern, 18 Geschwisterkinder, fünf Lehrer, sieben SED-Funktionäre und ein 20-köpfiger Kinderchor der Thälmann-Pioniere ausgestattet werden mussten.
    Nach dem ersten gescheiterten Fluchtversuch reist die Familie Strelzyk nach Berlin. »Die Menschen waren teilweise so verzweifelt, dass sie ganz naiv nach jedem Strohhalm gegriffen haben und sich dachten: Vielleicht klappt das ja irgendwie«, sagt Michael Bully Herbig. Als er bei seinen ersten Interviews mit der Familie von diesem unkonventionellen Fluchtversuch hörte, konnte er es kaum glauben: »Je tiefer ich eintauchte, desto unglaublichere Geschichten bekam ich zu hören. In Wahrheit war es die chinesische Botschaft. Aber als wir das Drehbuch entwickelten, dachte ich, es wird viel zu kompliziert, wenn wir jetzt auch noch die Chinesen ins Spiel bringen. Um es für den heutigen Zuschauer ein wenig verständlicher zu machen, haben wir uns auf die amerikanische Botschaft geeinigt.« Das Alte Stadthaus in Berlin-Mitte, ein repräsentativer Verwaltungsbau aus dem frühen 20. Jahrhundert, doubelte für den Film die US-Botschaft.
    Ebenfalls in der Hauptstadt entstand das Hotel Stadt Berlin, in dem die Familie Strelzyk für einige Tage und Nächte unterkommt. Szenenbildner Bernd Lepel und sein Team statteten das Foyer und die Front des denkmalgeschützten Funkhauses an der Nalepastraße aus. Wo einst der Rundfunk der DDR seinen Sitz hatte, tummelten sich nun Geschäftsleute, Kofferträger, Rezeptionisten und Touristen aus aller Welt. »Neben der Jugendweihe waren die Hotelszenen die personalintensivsten Drehtage«, sagt Kostümbildnerin Lisy Christl, die mit ihrem Team allein für diese Szene 75 Komparsen und Kleindarsteller ausstattete: »Das Internationale in dieser Szene bringt viele Farben und modische Auffälligkeiten mit sich.«
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    »Es gibt eine junge Generation, die 30 Jahre nach dem Mauerfall kaum noch etwas über die DDR weiß oder wissen will«, sagt der Regisseur abschließend. »Ich vergleiche das mit meiner Generation, die nur schwer nachvollziehen konnte, warum sie 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten konfrontiert wurde. Auch ich dachte damals: Mensch, ich bin 1968 geboren. Was habe ich damit zu tun? Das hat eine andere Generation verbockt. Doch je älter ich werde, desto mehr rückt Geschichte an mich heran.
    Dann spielt die zeitliche Distanz keine Rolle mehr, sondern ich beurteile nur noch, was geschehen ist und wie es die Menschen beeinflusst hat. Deshalb haben wir auch alles darangesetzt, deutsch-deutsche Geschichte authentisch und trotzdem unterhaltsam und spannend zu vermitteln. Ich würde mich freuen, wenn Ballon beim Kinostart und auch noch 30 Jahre danach sein Publikum in allen Altersklassen findet.«
    Ich finde, in der heutigen Zeit kann man einen solchen Film kaum noch glaubwürdiger und spannender inszenieren. Gut, es wird hier nicht viel über die Beweggründe erzählt, warum die Familien „rübermachen“ wollten, aber dafür, dass der Ausgang der Geschichte durch die Realität vorgeschrieben war, ist der Film doch trotzdem spannend umgesetzt worden. Man fiebert mit den Familien mit, was auch an der hollywoodmäßigen Filmmusik liegt, die erneut von Bullys Stammkomponisten Ralf Wengenmayr stammt, der mit Marvin Miller zusammen zusätzlich zur orchestralen Musik einen Puls aus analogen und digitalen Schlaginstrumenten zusammenstellte, der hierzulande nicht gerade üblich ist.
    Auch sonst zeichnet der Regisseur hier alle möglichen Details so getreu wie möglich – von der Wohnungsausstattung über die Handfunkgeräte bis hin zu den Dialogen, dass man, wenn man aus der DDR stammt, auch alles mögliche wiedererkennt, trotzdem nicht an den Originalschauplätzen gedreht werden konnte. Insofern finde ich den Film gelungen, informativ und unterhaltsam. Allerdings, wenn sich Michael Herbig von seinem Komikerruf lösen möchte, sollte er doch den „Bully“ aus seinem Namen verbannen. Inzwischen sollte man ihn auch ohne den Zusatz kennen.

    14.03.2019 | mz
    Kategorien: Feature | Filme