Samstag, 14. Dezember 2019
Toy Story 4

 

Auch wenn man es nicht mehr geglaubt hat: Es gibt eine neue Toy Story! Nachdem die Geschichte um Woody und Buzz und den Rest von Andys Spielzeugtruppe mit dem Herauswachsen des Jungen eigentlich schon 2010 in Toy Story 3 ein Ende gefunden hatte, haben die Drehbuchschreibenden jetzt doch noch einen Weg gefunden, die Geschichte noch einmal fortzuführen – diesmal jedoch mit einem noch festeren Ende.
Niemand weiß, warum man in Deutschland den Film als entfernten Verwandten des Toy Story-Universums verkauft und ganz vorn mit Plüschtieren wirbt, die allenfalls eine Zwischenspiel-Rolle besitzen oder Stichwortgeber sind, um mehr Witz in das pfiffig ausgeklügelte Erwachsen-werd-Drama zu bringen, da die altbekannten Spielzeuge aus den ersten drei Filmen von den Hauptfiguren getrennt werden, aber dennoch, wie auch die in dieser Geschichte mitwirkenden Figuren Bunny und Ducky, immer wieder mal auftauchen.
Irgendwer muss sich da gedacht haben, die Geschichte um Woody ist beendet, also kann Toy Story 4 nur ein Arbeitstitel sein. Machen wir daraus einen Titel wie bei den von Disney eingeführten Herkunfts-Filmen der Star Wars-Reihe, also aus „A Star Wars Story“ machen wir „A Toy Story“ und packen noch einen Täterätätää-Titel dazu, der ebenso nichts mit dem Film zu tun hat – Hauptsache er verbreitet Spaß und Anarchie im Kinderzimmer.
In der Tat ist jedoch Toy Story 4, wie er denn im Original auch tatsächlich heißt, eine Fortführung der Geschichten der ersten drei Filme. Kurioserweise hat man in diesem Film bei den neuen Figuren gar nicht erst versucht, die neu hinzu gekommenen Namen ins Deutsche zu übersetzen, was Verwirrung stiftet, denn die Figuren der ersten drei Filme haben teilweise nette, wenn auch falsche Übersetzungen ihrer Namen erfahren. So haben wir jetzt zwar Ducky und Bunny statt Entchen und Häschen, aber nach wie vor Namen wie Familie Naseweis oder Porzellinchen.
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Woody wusste immer um seinen Platz im (Spielzeug-)Universum. Seine Priorität war es, sich um „sein“ Kind zu kümmern. Sein Kindheitsfreund Andy geht inzwischen aufs College. Jetzt gehört Woody der süßen Bonnie, die ein bisschen aufgeregt ist, weil sie bald in die Vorschule kommt. »Veränderungen sind in diesem Film ein großes Thema«, sagt Produzent Jonas Rivera. »Bonnie wird größer und Woody muss in eine neue Rolle hineinwachsen. In dieser Situation haben wir ihn bislang noch nicht erlebt.«
Als erster vollständig computeranimierter Film in Spielfilmlänge war Toy Story 1995 ein Meilenstein in der Welt der Animationsfilme. »Die brandneue Technologie von Toy Story hat die Zuschauer natürlich fasziniert. Dass sie die Reihe so mögen und ihr treu geblieben sind, liegt aber in erster Linie an den Figuren«, weiß Pixar-Kreativchef Pete Docter, der bei Toy Story noch als Beaufsichtigender Trickzeichner fungierte. »Als wir damals die Filmstory schrieben, sahen wir das Ganze zunächst als Abenteuer mit zwei Protagonisten. Die meisten Kinder identifizieren sich interessanterweise mit Buzz – was mir zu denken gibt, denn im Grunde ist Buzz ja völlig verblendet.
Letztlich steht jedoch Woodys Entwicklung im Mittelpunkt, der erst seine Eifersucht überwinden muss, um wieder ganz für „sein“ Kind da sein zu können. So wurde aus Woody eine komplexe Figur mit vielen Facetten, deren emotionale Tiefe uns immer wieder überrascht – und dass nun schon über vier Filme. Den meisten Figuren, die für nur einen Film konzipiert wurden, geht früher oder später die Luft aus. Woody dagegen ist und bleibt spannend, weil er im Grunde das wahre Leben widerspiegelt. Denn auch wenn die Stars der Toy Story-Filme Spielsachen sind: Eigentlich geht es um uns.“
Deshalb wurden die Figuren von Anfang an in der Realität verankert: Sie erleben Erfolge und Enttäuschungen, müssen Unsicherheiten überwinden und Selbstvertrauen lernen, damit sich das Publikum in ihnen wiederfindet. Cowboy Woody, so schlicht er äußerlich auch wirken mag, haben die Filmemacher mit einer Gefühlspalette ausgestattet und vor Herausforderungen gestellt, die man sonst eher aus Dramen kennt.
Vielleicht ist es aber vor allem Woodys Loyalität seinem Kind (sei es Andy oder Bonnie) und seinen Spielzeugkameraden gegenüber, die ihn so beliebt macht. In Toy Story 4 kommt Bonnie in die Vorschule. Und für Woody steht fest, dass er sein Kind in allem unterstützt – auch beim Basteln. Die „Zutaten“ hat Woody in einer Mülltonne entdeckt. Das Projekt ist ein voller Erfolg. Doch Bonnies selbst gebastelter neuer Liebling Forky hat eine schwere Identitätskrise: Er sieht sich nicht als Spielzeug, sondern als Müll.
Also macht es Woody sich zur Aufgabe, dem neuen Mitbewohner die Freuden des Spielzeugdaseins nahe zu bringen. »Forky ist wie ein Neugeborenes: Er weiß absolut nichts über das Leben«, erläutert Produzent Mark Nielsen. »Er begreift ja nicht einmal, warum er überhaupt am Leben ist oder was es bedeutet, ein Spielzeug zu sein. Das muss Woody ihm erst erklären.«
Dann fahren Woody, Forky und der Rest der Kinderzimmer-Gang mit Bonnie und ihrer Familie mit dem Wohnwagen in einen Urlaub – und Woody trifft völlig unerwartet seine verlorene Freundin Porzellinchen wieder. »Porzellinchen ist so eine tolle Figur«, schwärmt Drehbuchautorin Stephany Folsom. »Sie zierte eine Lampe, die Andys Schwester gehörte und vor langer Zeit ausrangiert wurde. Damit begann für Porzellinchen ein neuer Lebensabschnitt, und sie hat ihn genutzt: Jetzt hat sie buchstäblich die Hosen an und steht mit beiden Porzellanbeinen fest im Leben.«
»Für mich ist Porzellinchen der eigentliche Star des Films«, merkt Jonas Rivera an. »Wenn man Woody am Ende fragen würde: „Was ist das Beste, was dir je passiert ist?“, dann würde er sicher sagen, dass es das Wiedersehen mit Porzellinchen war.« Und das ist hier auch die groß angelegte Parallelgeschichte zum Forky-Abenteuer, denn alle Fans wünschen sich doch, dass Woody und seine Angebetete ein märchenhaftes Happy-End bekommen!
Bis es soweit ist, müssen sie jedoch erst zueinander finden. Auf der Suche nach ihr landet Woody zunächst in dem Antiquitätengeschäft, in dem er Porzellinchens Lampe entdeckt, in den Fängen der Ladenhüterpuppe Gabby Gabby, die einen ähnlichen Aufziehmechanismus wie Woody besitzt und sich diesen aneignen will. Ihr zur Seite steht eine Truppe von Bauchrednerpuppen, die sie Benson nennt.
»Die Bauchrednerpuppen zählen zu den gruseligsten Figuren, die wir je geschaffen haben«, findet Mark Nielsen. »Bei der Art, wie sie sich bewegen, haben sich unsere Animatoren an echten Puppen orientiert. Ihre Körper sind weich und schlaff, folglich schlackern ihre Arme und ihre Beine lassen sich nach hinten biegen. Dazu der starre Gesichtsausdruck, die aufgerissenen Augen und Klapp-Kiefer – wie aus einem Albtraum. Perfekt also!«
In dem Geschäft können auch einige Überraschungseier gesucht werden – so z.B. Auszeichnungen des Meisterkochs Gusteau aus Ratatouille, Möbelstücke aus Die Unglaublichen oder Requisiten aus Coco. Es ist unglaublich, wie real alles wirkt! So gibt es Spinnenweben hinter den Schränken und Staub auf der Steckdosenleiste, aber auch alle Lichtspielgeungen und Texturen wirken echter als je zuvor.
Eine der neuen Gast-Figuren in diesem Film, die man sofort ins Herz schließt, ist Duke Caboom, ein Spielzeug aus den 70er Jahren,
basierend auf Kanadas berühmtesten Stuntman, der sich in einem Flipperautomaten niedergelassen hat. »Der Automat erinnert an eine angesagte Bar«, sagt Set-Aufseher Steve Karski. Selbstverständlich nahm sich sein Team einen richtigen Flipper vor. »Und das Innenleben (Verdrahtung, Schrauben, Mechanismen) ist absolut funktional. Aber aus Spielzeug-Sicht wirken die blinkenden Lichter und die Deko wie ein cooler Szene-Treff.«
Auf seinem rasanten Caboom-Motorrad ist ihm kein Sprung zu gewagt und keine Pose zu blöd. Woody kommt allerdings schnell dahinter, dass der coole Draufgänger einen wunden Punkt hat: Den Wahnsinns-Stunt aus seinem eigenen Werbespot hat Duke nie geschafft. Nun sitzt er schon seit Jahren in einem Antiquitätengeschäft fest und durchlebt die bitteren Pannen der Vergangenheit immer wieder aufs Neue.
Für den tragikomischen Angeber Duke stand ein anderer berühmter Kanadier Pate: Keanu Reeves. »Gleich bei unserem ersten Treffen verwandelte sich Keanu in Duke«, schwärmt Jonas Rivera. »Nicht nur, dass er kluge Fragen stellte und großes Einfühlungsvermögen bewies: Plötzlich stand Keanu mitten im Pixar-Atrium auf dem Tisch und warf sich in Siegerpose. Es war schreikomisch! Das ist alles in den Film eingeflossen.«
»Duke kann einfach nicht anders. Er ist der geborene Entertainer und Draufgänger«, erläutert Keanu Reeves. »Er muss abliefern, das ist seine Bestimmung. Es war jedenfalls herrlich, meinen inneren Duke Caboom nach außen zu kehren.«
Ebenfalls neu in diesem Film ist Giggle McDimples, ein Mini-Plastikpüppchen aus den 80er Jahren und die Chefin der Haustierfahndung in „Puppenhausen“. In der Außenwelt ist Giggle Porzellinchens engste Freundin, Vertraute und Mentorin. Sie ist nämlich so winzig, dass sie auf Porzellinchens Schulter sitzen kann.
»Giggle ist für Porzellinchen das, was Jiminy Cricket für Pinocchio war«, erklärt Regisseur Josh Cooley. »Durch die intimen Zwiegespräche der beiden erfahren wir mehr über Porzellinchen. Giggle ist auf jeden Fall die Kleinste im Toy Story-Universum. Sie hat schon in Staubsaugern und wahrscheinlich auch mal in der Nase eines Kindes gesteckt. Und natürlich ist schon mancher auf sie getreten.«
Giggles Mini-Maße beeinflussten auch die Animation der Figur. »Sie ist winzig, hat aber enorme Persönlichkeit«, sagt der regieführende Trickzeichner Aaron Hartline. »Wir lassen sie wie eine Fliege durch die Gegend surren, bis sie wieder Haltung annimmt. Sie landet quasi in ihrer nächsten Pose.« Diese Bewegungen erinnern irgendwie an die 8-Bit-Hausbewohner aus Ralph reicht’s.
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Toy Story 4, oder wie der Deutsche sagt, A Toy Story | Alles hört auf mein Kommando, [puh!], ist eine würdige Fortsetzung der Geschichte um Spielzeugcowboy Woody und seine Kumpane, die zum Lachen, Schmunzeln, Nachdenken und natürlich auch zum Weinen anregt. Allerdings finde ich die Freigabe ohne Altersbeschränkung ein wenig gewagt, denn die Bauchrednerpuppen, wie auch Gabby Gabby, wirken dermaßen gruselig, dass sich Kleinkinder dabei vermutlich bei Mutti (oder Papi) im Schoß verkriechen oder gar Albträume bekommen, auch wenn man am Ende mit Gabby Gabby Mitleid bekommt und ihr von Woody & Co. geholfen wird, dass sich alles in Wohlgefallen auflöst.
Alles in allem ist der Film jedoch erneut perfekte Familienunterhaltung, zu der erneut Randy Newman seine Lieder beigefügt hat. Neu ist allerdings das Bildformat, dass sich vom 16:9-Bildformat nach Letterbox ausgebreitet hat, was aber sicher erst im Heimkino auffallen wird. Ob die Toy Story ein weiteres Mal belebt wird, wird sich zeigen. Bei diesem Filmende scheint das jedenfalls unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, wie man sieht…

15.08.2019 | mz
Kategorien: Feature | Filme