Samstag, 5. Dezember 2020
Irresistible
Mit seiner ausgezeichneten Daily Show, einer Mischung aus Late-Night-Talk und Politsatire, wie wir sie hierzulande aus der heute-show oder extra 3 kennen, ist Jon Stewart einer der meist gefeierten TV-Moderatoren im US-Fernsehen. Nach seinem ersten Spielfilm Rosewater (2014), der die Geschichte eines iranisch-kanadischen Journalisten erzählt, der von iranischen Streitkräften wegen Spionageverdachts brutal verhört wurde, nimmt er in Irresistible nun den US-Wahlkampf unter die Lupe – ein zynischer Kommentar zum aktuellen politischen Klima in den USA, das nicht nur von Macht und Geld, sondern auch von den Medien kontrolliert wird.
Politikberater Gary Zimmer soll der Demokratischen Partei wieder zu mehr Zuspruch in der ländlichen Bevölkerung verhelfen. Seine geniale Idee: Er will den pensionierten Veteran Colonel Hastings bei dessen Wahlkampf um das Bürgermeisteramt der Kleinstadt Deerlaken unterstützen. Leider stellt sich nur allzu schnell heraus, dass eine öffentlichkeitswirksame Kampagne auf dem Land so ihre Tücken hat. Zu allem Übel rufen seine Bemühungen außerdem seine Erzfeindin, die skrupellose Republikanerin, Faith Brewster auf den Plan.
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Bei der Entwicklung des Films ging es Jon Stewart nicht um die Politik einer Partei, sondern um systemische Faktoren, die die heutige Politik zu dem machen, was sie ist. »Ich habe darüber nachgedacht, wie man die aktuelle Situation persiflieren kann, ohne unbedingt so spezifisch zu sein«, erklärt er.
»Es ist so, als ob man über das Klima und nicht über das Wetter spricht. War da etwas am Klima unseres gegenwärtigen politischen Systems und an der Art und Weise, wie darin Anreize für Geld geschaffen werden, was die Art von korrupten Ergebnissen erzeugt, wie wir sie sehen? Anstatt sich auf eine Trump-ähnliche Figur oder einen aufstrebenden Politiker zu konzentrieren, war die Idee, es aus der Perspektive des Systems zu betrachten.«
Ereignisse und Erfahrungen aus der realen Welt lagen der Idee zum Film zugrunde. Im Frühjahr 2017 gab es im US-Bundesstaat Georgia eine Sonderwahl, um einen freien Sitz im Kongress zu besetzen. Es war die erste Wahl in der Trump-Ära und wurde zu einer großen nationalen Nachrichtengeschichte, als sich der junge demokratische Erstkandidat Jon Ossoff als führender Kandidat in einem historisch republikanischen Distrikt herausstellte. Zum Zeitpunkt der Stichwahl im Juni zwischen diesem und der Republikanerin Karen Handel war der Wahlkampf mit geschätzten 55 Millionen Dollar der teuerste in der Geschichte des Repräsentantenhauses geworden, wie die New York Times berichtete.
»Sowohl die Republikanische Partei als auch die Demokratische Partei betrachteten es als einen Indikator für diese neue Weltordnung«, kommentiert der Regisseur. »Deshalb haben sie Millionen in eine Kongresswahl außerhalb eines Wahljahres gesteckt. Und die Wahlen kamen und gingen, und sie waren ein Vorbote des Nichts. Es war im Grunde so, als ob man in einen Strip-Club geht und dort mit Geld um sich wirft.«
Eine darauffolgende Erfahrung warf Licht auf ein weiteres aufkommendes Phänomen in der zeitgenössischen Politik: Ein Freund, der in West Virginia für den Kongress kandidierte, bat ihn, ihn bei einer Spenden-Veranstaltung anzukündigen. Aber die Veranstaltung fand nicht in West Virginia statt, sondern im West Village in Manhattan.
»Es waren nur ein Haufen New Yorker und ein Typ, der für einen Kongressbezirk an einem Ort kandidierte, mit dem keiner von ihnen jemals Erfahrungen gemacht hatte, von dem keiner je gehört hatte oder der für sie von besonderem Interesse war«, erinnert sich Jon Stewart. »Aber als aktive politische Menschen erfüllten sie ihre Pflicht, Geld für diesen Mann zu sammeln. Und es kam mir einfach so verrückt vor, dass er seine Zeit und Energie verschwenden musste, um dieses Geld aufzutreiben.«
Für den Aufbau und die Einführung der Geschichte griff der Satiriker auf Filme über Neulinge in der Politik zurück – darunter Frank Capras Mr. Smith geht nach Washington (1939) und Michael Ritchies Bill McKay – Der Kandidat (1972). Er beschloss, Irresistible mit der Vorstellung des zukünftigen Kandidaten Jack Hastings zu eröffnen, in einer Szene, die an die kulminierende Rede von Frank Capras Klassiker erinnert. In dieser berühmten Sequenz beschwört Jimmy Stewarts Titelfigur leidenschaftlich die amerikanischen Werte von Freiheit und Fairness, während er im Senat kurz vor dem Zusammenbruch steht.
»Ich wollte, dass das Design des Films plausibel auf das Thema des gewöhnlichen Mannes, der es mit dem System aufnimmt, eingeht«, erinnert sich der Regisseur. »Ich überlegte, wie es wäre, wenn der Film so beginnen würde, wie jener endete – mit einer Figur, die eine mitreißende Rede à la Capra hält. Was passiert von da an und welche Kräfte könnten in Bewegung gesetzt werden?«
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Da macht sich also Gary zähnefletschend auf den Weg nach Deerlaken im sogenannten „Swing State“ Wisconsin, um sein neues „Opfer“ für den Wahlkampf um den Posten des Bürgermeisters „klarzumachen“. Natürlich wird er dort mit dem „Rhinestone Cowboy“ konfrontiert, der dort im Radio rauf und runter zu laufen scheint, zumal wir kurz zuvor erst Protagonisten Jack Hastings im Auto dasselbe Lied hören gesehen haben. Und natürlich kommt die zeitgemäße Frage nach dem W-LAN-Passwort im lokalen Etablissement wie auch die logisch schmunzelnde Antwort „Viel Glück!“„Viel Glück mit Ausrufezeichen?“„Nein, viel Glück, hier W-LAN zu finden!“
Spätestens dann hat der Film auch die Zuschauenden gefunden, die nicht so viel mit Politik am Hut haben. Zudem spielt auch das ländliche Lokalkolorit samt der handelnden Figuren eine große Rolle. Das Filmteam hatte das Glück, die kleine Stadt Rockmart zu finden, etwa 50 Meilen von Atlanta entfernt. Die Stadt war von Steinmetzen aus Europa besiedelt worden, daher fühlte sich die Architektur eher nach mittlerem Westen statt nach tiefem Süden an.
Produktionsdesignerin Grace Yun berücksichtigte bei ihrer Arbeit die lange Geschichte Deerlakens, den Auf- und Abstieg seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie erklärt: »Es gibt viele Ebenen, die Jon aufbauen wollte, angefangen mit ihrem Hintergrund als eine Stadt, die in den frühen 1800er Jahren von Deutschen besiedelt wurde. Sie erlebte in den 1950er Jahren eine Blütezeit und es gab bis in die 70er Jahre ein wirtschaftliches Wachstum, und jetzt hat sie wirtschaftlich zu kämpfen. Jon wollte auch, dass die Stadt die Anwesenheit von Generationen von Militärfamilien widerspiegelt, die auf den Stützpunkt zogen und für die Deerlaken das Zuhause wurde.«
Diese Geschichte spiegelte sich in Elementen des Produktionsdesigns wider, wie beispielsweise in den verwitterten Werbeschildern von Unternehmen, die nach der Schließung des Militärstützpunktes in Schwierigkeiten gerieten, und die Ausstattung der deutschen Bierhalle, dem Hofbräu. »Jon wollte, dass sich das Hofbräu anfühlt, als wäre es seit Jahrzehnten der Mittelpunkt für die Deerlakener«, sagt sie. »Es war ein ziemlich roher Raum, also bauten wir Wände ein und bearbeiteten und verputzen sie im deutschen Stil. Und dann fügten wir verschiedene Arten militärischer Ephemera dazu, um die Verbindung der Stadt mit dem Stützpunkt widerzuspiegeln.«
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Es gibt bereits zahlreiche Filme über Großstadttypen, die zum ersten Mal aufs Land oder in eine Kleinstadt kommen und dort mächtig auf die Nase fallen oder/und sich dort in die Lokalschönheit verlieben, wie zuletzt in Fisherman’s Friends. Dort kennt jeder Jeden und Fremde werden sofort ausgemacht. Fremde, die längere Zeit dort bleiben, bekommen Spitznamen, wie in diesem Fall: DC Gary.
Alle sind zuvorkommend und freundlich, selbst die Opposition, allen voran der amtierende Bürgermeister, was beim Publikum nach geraumer Zeit irgendwie Misstrauen schürt. Doch dann folgt der Wahlkampf mit all den Analysen und Randgruppenbefragungen (besonders auch, wie in der Wirtschaft üblich, die dazugehörigen Abkürzungen). Immer mehr Geld wird in die Präsentationen der opponierenden Kandidaten gesteckt.
Am Ende, das sich handlungstechnisch wie auch filmisch persifliert, sind wir alle mehr oder weniger schlauer, warum die Leute alle so freundlich waren und mit einem Interview, das der Regisseur und Drehbuchautor mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Bundeswahlkommission im Abspann führt, eventuell auch ein wenig aufgeklärter sind, was den US-Wahlkampf angeht.
Auf manchen Filmplakatmotiven sind Steve Carell und Rose Byrne zu sehen, die im Film als Konkurrenten gegenüber stehen, doch irgendwie scheint sich diese Parallelhandlung nicht ganz so harmonisch in die Haupthandlung einfügen, zumal deren Dialoge bei weitem nicht so deftig sind wie in Filmen mit ähnlichen Szenarien, weshalb es auch Punkteabzug für den Film gibt, auch weil die Chemie zwischen den beiden irgendwei nicht stimmt.
Dennoch ist der Film sehr unterhaltsam und hat liebenswürdige Figuren, die den oft derben Witz der Großstädter wieder wettmachen. Abgesehen davon ist jedoch nicht zu erwarten, dass die Essenz der Handlung außerhalb der USA größeren Anklang findet.
▶ Bonuskritik für Leute, die den Film bereits gesehen haben

13.08.2020 | mz
Kategorien: Feature | Filme