Freitag, 12. April 2024
Moderator (Bryan Cranston)
Woodrow (Jake Ryan) und Augie Steenbeck (Jason Schwartzman) mit Mechaniker Hank (Matt Dillon)
Dinah (Grace Edwards) und Midge Campbell (Scarlett Johansson) mit Bodyguard/Chauffeur (Damien Bonnaro) im Hintergrund
Woodrow (Jake Ryan) und Augie Steenbeck (Jason Schwartzman) mit Stanley Zak (Tom Hanks)
Die Kommissare (Mike Maggart, Fisher Stevens), General Gibson (Jeffrey Wright), Camphelfer (Tony Revolori) und der Leiter von Larkings (Bob Balaban)
Montana (Rupert Friend), Roger Cho (Stephen Park, Sandy Borden (Hope Davis), Augie Steenbeck (Jason Schwartzman), Dr. Hickenlooper (Tilda Swinton), General Gibson (Jeffrey Wright), der Camphelfer (Tony Revolori), der Leiter von Larkings (Bob Balaban) und die Kommissare (Mike Maggart, Fisher Stevens)
Stanley Zak (Tom Hanks), Sandy Borden (Hope Davis), Aide-de-Camp (Tony Revolori) und J.J. Kellogg (Liev Schreiber)
Motelmanager (Steve Carell), Clifford (Aristou Meehan) und J.J. Kellogg (Liev Schreiber)
J.J. Kellogg (Liev Schreiber), der Motelmanager (Steve Carell), Roger Cho (Steve Park) und Sandy Borden (Hope Davis)
Polly (Hong Chau) und Schubert Green (Adrien Brody)
Midge Campbell (Scarlett Johansson)
Augie Steenbeck (Jason Schwartzman) und Midge Campbell (Scarlett Johansson)
Cowboy (Pere Mallen), Montana (Rupert Friend), Cowboys (Jean-Yves Lozac'h, Jarvis Cocker, Seu Jorge) und June Douglas (Maya Hawke)
Woodrow Steenbeck (Jake Ryan), Dinah Campbell (Grace Edwards), Ricky Cho (Ethan Lee), Clifford (Aristou Meehan) und Shelly | Lucretia Shaver (Sophia Lillis)
Filmemacher Wes Anderson, Jason Schwartzman und Tom Hanks am Set
Regisseur Wes Anderson am Set
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1955, Südwesten der USA. Asteroid City, Einwohnerzahl: 87 – eine Imbissstube mit zwölf Plätzen, eine Tankstelle mit einer Zapfsäule, ein Hotel mit zehn Zimmern, eine Telefonzelle und etwas außerhalb der Stadt ein riesiger Krater und eine Sternwarte. Das ist der Schauplatz von Conrad Earps Theaterstück „Asteroid City“, das im New Yorker Tarkington Theatre aufgeführt werden soll.

»You can’t wake up if you don’t fall asleep.«

Ein Moderator führt uns auf der Studiobühne des Fernsehstudios von WXYZ-TV in die Geschichte ein: „Das Programm des heutigen Abends führt uns hinter die Kulissen und zeigt uns aus erster Hand, wie ein neues Theaterstück für die amerikanische Bühne entsteht.“ Wir lernen den Dramatiker Conrad Earp und das Ensemble kennen, darunter die Hauptdarsteller Jones Hall und Mercedes Ford.
Immer wieder werden die Zuschauenden zwischen den Akten in die damalige Schwarz-Weiß-TV-Welt im 4:3-Format geschickt, um der Herstellungsgeschichte des Stücks beizuwohnen. Die Ereignisse, die wir sehen, sind ein Stück im Stück, und zwar eines, das nie aufgeführt wurde. »Sie sehen letztlich eine Schauspielerin, die eine Schauspielerin spielt, die eine Schauspielerin spielt«, erklärt Wes Anderson.
Akt I
Als der kastenförmige Schwarz-Weiß-Bildschirm auf Breitbild-Farbe umschaltet, sind wir bereit, an der Spitze eines Güterzuges direkt in die Asteroid City zu rasen. Wir erinnern uns an die Worte des Moderators: „Asteroid City existiert nicht. Es ist ein imaginäres Drama, das ausdrücklich für diese Sendung geschaffen wurde. Die Figuren sind fiktiv, der Text hypothetisch, die Ereignisse eine apokryphe Erfindung, aber zusammen ergeben sie einen authentischen Bericht über die Abläufe einer modernen Theaterproduktion.“
Augie, ein Kriegsfotograf und frisch gebackener Witwer, kommt mit seinen drei kleinen Töchtern und seinem Sohn Woodrow, einem „Junioren-Sterngucker“-Ehrenmitglied, hierher. An diesem Wochenende wird der Asteroidentag gefeiert, der an den 27. September 3007 v. Chr. erinnert, als der Meteorit Arid Plains auf der Erde einschlug.
Auch Midge Campbell, ein Filmstar, und ihre Tochter Dinah, ebenfalls „Junioren-Sterngucker“, sowie drei weitere „Weltraumkadetten“-Preisträger mit ihren wissenschaftlichen Erfindungen und Eltern im Schlepptau besuchen Asteroid City. Sie werden von Fünf-Sterne-General Grif Gibson und der Astronomin Dr. Hickenlooper als Gastgeber der Feierlichkeiten erwartet.
Der Fotograf Augie Steenbeck, der immer seine Swiss Mountain Camera von Müller-Schmid um den Hals gehangen hat, muss ohne seine geliebte Partnerin die Rolle des Vaters erfüllen, er muss sich mit seinem Schwiegervater versöhnen und seine Familie neu erfinden. Und wenn er den Mut findet, muss er seinen Kindern sagen, dass ihre Mutter verstorben ist, sie aber schon seit Tagen mit ihrer Asche in der Tupperware-Box (zu sehen ist lediglich Box „1 von 3“!?) unterwegs sind.
Eine junge Liebe wird erblühen, eine Wissenschaftlerin wird einem bemerkenswerten Schüler anbieten, seine Mentorin zu sein, ein Witwer und eine Geschiedene werden für ein paar Nächte zueinander finden… Für jeden wird die Flugbahn des zukünftigen Lebens nur ein klein wenig angepasst, auch für den Außerirdischen, der dort landet, um den Meteoriten einzusammeln.
Akt II
»Ich habe immer das Gefühl, dass ein Film für mich nicht nur aus einer Idee besteht«, sagt Wes Anderson. Es sind mindestens zwei verschiedene Dinge, die zusammenkommen und sich zu einem Film entwickeln. Die erste Idee von ihm und Roman Coppola begann im Metropolis des Ostens, wies aber bald in eine andere Richtung. »Ich wollte einen Theaterfilm machen. Ich dachte dabei an Paul Newman und Joanne Woodward… Und wir hatten die Idee, ein Making-of des Theaterstücks zu machen, an dem sie gerade arbeiten… Wir nannten es „Automat“, und es sollte komplett in einem Automaten spielen. Die andere Sache, über die wir sprachen, war etwas in der Art von Sam Shepard… Also verlegten wir den Schauplatz von „Automat“ in die Wüste…«
Die Welten der Bühne und der Leinwand standen auch buchstäblich und bildlich im Schatten des Kalten Krieges. Eine Ära wachsender politischer Ängste ging einher mit der Furcht vor abstürzenden Raketen und einer explodierenden popkulturellen Faszination für Außerirdische und andere interplanetarische Besucher. Von der Atombombe bis zur Invasion der Marsmenschen – der Blick Erwachsener und Kinder richtete sich zum Himmel. »Es gab eine Verbindung zwischen diesen Dingen, zwischen der Eisenhower-Ära und ihrer Fremdenfeindlichkeit«, sagt der Filmemacher.
Es dauerte nicht lange, bis einige Künstler, vor allem Schauspieler und Regisseure, im freien Schauspielkollektiv des „Gruppentheaters“ begannen, Politik und Kunst zu verbinden, wie Elia Kazan, der sich stark von den russischen Schauspielmethoden inspirieren ließ.
„Asteroid City“ ist eine Geschichte über Menschen in einem bestimmten Moment der Geschichte, und Wes Anderson fragt sich: »Welche Emotionen finden sich unter der Oberfläche des „Actors Studio“? Was geschieht mit ihnen? Und wenn man einen Film in dieser Zeit ansiedelt: Wie sieht das Amerika aus, über das wir zu schreiben versuchen?«
Akt III
[wird unerbittlich ohne Unterbrechung gespielt]
In „Asteroid City“ ist die Begegnung mit dem Außerirdischen ein Moment des Staunens und der Verwirrung. (nicht anders als beim Verlust eines Partners oder eines Elternteils) Augie kann ein Foto machen, das beweist, dass es echt ist, aber ein Bild bietet keine Erklärung und fördert kein Verständnis. Und doch verändert sich ihr Leben. Alles, was Augie sagen kann, ist: „Ich glaube, das Alien hat den Asteroiden gestohlen.“
Das Auftauchen des Außerirdischen löst, wie nicht anders zu erwarten war, in Asteroid City einen Notstand aus. Wissenschaftler diskutieren, das Militär wird mobilisiert, eine Quarantäne wird verhängt. Aber diese Maßnahmen sind letztlich weniger wichtig als das, was dieses Erlebnis mit den Menschen macht: Sie sind verblüfft, verzaubert und werden sich ihrer selbst neu bewusst. Für Dr. Hickenlooper ist der Außerirdische ein neuer wissenschaftlicher Meilenstein, die Entdeckung ihres Lebens, für den General eine neue Zielsetzung. Und für alle anderen, besonders für die Kinder, eröffnen die neuen Möglichkeiten des Universums auch neue Möglichkeiten auf der Erde.
Der Außerirdische stand schon immer im Mittelpunkt der Geschichte – ein sich entfaltendes Mysterium, das die ganze Stadt zur Selbsterkenntnis anregt. Als sie sich der ersten Begegnung näherten, begaben sich die Autoren auch ins Ungewisse. »Wir haben die Geschichte geschrieben und wir kannten die Details nicht, bis wir zu diesem Moment kamen«, sagt Wes Anderson. »Und es ist so eine Sache, die sich einem einfach offenbart. Es fühlt sich also ein bisschen so an, als würde es dir als Autor, als die Leute, die dasitzen und sich das Ding ausdenken, einfach widerfahren.«
Die Erschaffung des Aliens war zwar keine intergalaktische, aber immerhin eine internationale Partnerschaft. Zunächst wurden das Raumschiff, aus dem er herauskommt, und der Krater, in den er hinabsteigt, als Miniaturen angefertigt, es wurde kein CGI verwendet. Der Außerirdische war ursprünglich für eine Größe von über zwei Metern konzipiert, also deutlich größer als Jeff Goldblum, der selbst 1,90m groß ist. Mark Coulier, Oscar®-Preisträger für seine Make-up-Arbeiten in Die Eiserne Lady und Grand Budapest Hotel, entwarf und experimentierte mit einem Anzug, den Jeff Goldblum auf Stelzen tragen konnte.
Der auf der Leinwand gezeigte Außerirdische ist eine in Stop-Motion-Technik fotografierte Puppe. Statt vor einem grünen Bildschirm zu agieren, zog Jeff Goldblum das Kostüm an und verkörperte die Bewegungen und das Verhalten des astralen Besuchers. Als Nächstes baute Andy Gent, der zuvor die Kreaturen in Der fantastische Mr. Fox und Isle of Dogs geschaffen hatte, ein etwa 90 Zentimeter großes Alien – ungewöhnlich groß für Stop-Motion-Arbeiten.
Nach einer Testphase in London nahm Kim Keukelerie, eine frühere Mitarbeiterin von Wes Anderson, die auch für ihre Arbeit mit Tim Burton und den Aardman Studios bekannt ist, die Arbeit in Frankreich auf und animierte den interstellaren Besucher.
Epilog
Die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten, die Trauer über den Tod und die Angst vor dem Fremden, vor neuen Erfahrungen, vor Kunst und Erfindungen – darum geht es in „Asteroid City“. Während die letzten Filme von Wes Anderson leichte Ermüdungserscheinungen aufwiesen, führt uns der extravagante Filmemacher nun teils in Schwarz-Weiß und teils, als Kontrast dazu, in knalligen Pastellfarben in eine Welt, die wir alle irgendwo schon mal gesehen haben, mit Leuten, die wir alle schon mal irgendwie gesehen haben.
Der in Spanien gedrehte Film besticht neben der Farbgebung und dem ungeheuerlich prominenten Ensemble vor allem durch Wes Andersons typische überdrehte Inszenierung – mit gezeichneten Papphintergründen und minimalistischen, jedoch bis ins kleinste Detail sorgfältig ausgefeilten Bauten. Der Film macht Spaß, auch wenn man die Hintergründe der Theater-Intermezzi nicht unbedingt nachvollziehen kann, wenn man nicht in der Materie steckt.
Vor allem gibt es überall Kleinigkeiten zu entdecken, die vermutlich erst beim zweiten oder dritten Begutachten ins Auge fallen. Aber offensichtlich scheint die Corona-Pandemie die Produktion begünstigt zu haben – nicht nur, das die Autoren gleich zwei Ideen in eine zusammengefügt haben, auch dier Schauspielenden schienen froh zu sein, endlich wieder mit so vielen Leuten spielen zu können, und dann noch in einem Film von Kultregisseur Wes Anderson.
„Asteroid City“ ist mal wieder Filmkunst par excellence. Wes Anderson schließt mit folgenden Worten: »Letztendlich hoffe ich, dass jemand die Erfahrung macht, den Film zu sehen, bei dem all diese Dinge, die ihn umgeben, interessant sind und ihn bereichern und informieren. Ich hoffe, dass die Sache selbst, die Art des von uns angestrebten Films, ein wenig an ein Gedicht erinnert. Das ist gewissermaßen unser Ziel. Eine poetische Reflexion. Es gibt sicherlich kein Genre, in das er sich einordnen lässt.«

29.06.2023 | mz
Kategorien: Feature | Filme