Samstag, 20. Juli 2019

Paul Kemp beim Schreiben
© Wild Bunch Germany

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Fear and Loathing in Puerto Rico: Mit der Verfilmung des Kultromans von Hunter S. Thompson setzt Superstar Johnny Depp dem legendären Gonzo-Journalisten nach Fear and Loathing in Las Vegas bereits zum zweiten Mal ein filmisches Denkmal. „The Rum Diary“ lag jahrelang vergessen im Keller von Hunter S. Thompson. Wäre es nicht zu einem folgenschweren Besuch von Johnny Depp gekommen, der bei Thompson vorbeischneite, wäre der Roman womöglich nie veröffentlicht worden.

»Hunter und ich stießen eher zufällig auf „The Rum Diary“«, erzählt Depp. »Wir waren in seiner Hütte in Woody Creek, unten im Keller, den er immer als „The War Room“ bezeichnete, und da standen Kartons voller Sachen herum. Ich wusste nicht, was sich darin befand, also fing ich an, alle möglichen Dinge herauszukramen. Ich stolperte über etwas, das mit „The Rum Diary“ betitelt war. Und er meinte ganz beiläufig: „Ach Jesus, das habe ich ja 1959 geschrieben.“ Ich war völlig vor den Kopf gestoßen und sagte: „Jesus Christus, lass uns das lesen, ich will wissen, worum es geht.“ Also packten wir das Manuskript aus und schmökerten darin. Er sagte: „Hmmm, vielleicht sollte ich das endlich mal veröffentlichen.“ Und ich antwortete: „Yeah, das solltest du tun, unbedingt, es ist großartig.“«

Bevor Thompson überhaupt begonnen hatte, an der Veröffentlichung des Romans zu arbeiten, schwebte ihm und Depp bereits eine Filmadaption vor. »Wir steckten noch in unserem ersten Gespräch über das Buch«, berichtet Depp, »da unterhielten wir uns 20 Minuten später bereits über die Filmrechte und wie wir den Film gemeinsam produzieren würden.«

Thompson starb 2005 und konnte nicht mehr miterleben, wie sein Roman auf die große Leinwand gebracht wurde. Produzent Graham King wollte sicherstellen, dass sein Vermächtnis auf Film verewigt werden würde: »Dieser Film ist ein Tribut an Hunter S. Thompson. Es war wunderbar, die Gelegenheit zu haben, an einer seiner Geschichte arbeiten zu dürfen. Und mit wem könnte man das besser machen als mit Johnny Depp?«

Nachdem es ihm nicht gelungen ist, in New York Fuß zu fassen, schlägt der aufstrebende Journalist Paul Kemp 1960 seine Zelte in Puerto Rico auf. Mit seiner forschen Schreibe soll er die vor sich hindümpelnde Gazette The San Juan Star auf Vordermann bringen. Bald schon aber lässt sich Kemp wie seine durchgeknallten Kollegen vom rum- und sonnengetränkten Dolce Vita auf der Karibikinsel mitreißen und treibt ziellos von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang.

Bis er der bildschönen Chenault verfällt, Freundin des halbseidenen Bauträgers Sanderson. Wie andere amerikanische Unternehmer ist Sanderson fest entschlossen, Puerto Rico in ein kapitalistisches Paradies zu verwandeln, in dem jeder Wunsch erfüllt wird, wenn man ihn sich denn leisten kann. Und Kemp soll ihm bei seinen Plänen helfen, indem er in der Zeitung eine Lobeshymne auf dessen neuesten Nepp veröffentlicht. Kemp muss sich entscheiden: Soll er seine schreiberischen Fähigkeiten in den Dienst Sandersons stellen oder den Betrüger ans Messer liefern…

»Ich entschied mich, „The Rum Diary“ so zu adaptieren, dass ich zunächst absorbieren wollte, was die Essenz des Buches ist, was seinen Reiz ausmacht, und dann wollte ich es komplett neu schreiben«, erklärt Regisseur Bruce Robinson. »Im ganzen Drehbuch findet man vielleicht noch drei Zeilen, die von Hunter stammen. Ich wollte ihn auf keinen Fall kopieren. Das könnte man auch nicht, denn Hunter war ein Original, ein Unikat, aber hoffentlich ist es mir wenigstens gelungen, in seiner Mundart zu schreiben.«

Depp sagt, dass Thompson sich genau das von Anfang gewünscht hatte: »Bruce ließ das geschriebene Wort definitiv weit hinter sich, aber genau das wollte Hunter. Das wollte er immer schon. Hunter unterhielt sich mit mir sogar darüber, die Geschichte nach Kuba verlegen zu wollen.«

Sowohl Robinson als auch Depp war es wichtig, dass vor Ort auf Puerto Rico gedreht wurde. »Wir drehten nicht in Studiohallen, weil Bruce Robinson dort nicht das richtige Gefühl entwickeln kann«, sagt Depp. »Er ist ein Straßentier. Er bewegt sich gerne in Kulissen, die gar nicht notwendigerweise die richtige Struktur fürs Kino haben müssen, solange er dort nur das richtige Feeling und echte Emotionen spürt. Man könnte es den Anreiz des Vorhandenen nennen. Bruce bestand auf der Idee, an bestehenden Locations zu drehen. Für einen Schauspieler kann es gar nichts Besseres geben.«

Die Entscheidung, auf 16mm-Film zu drehen, war einstimmig. »Ich wollte einen Look wie auf einer Postkarte der Fünfzigerjahre«, erklärt Robinson. »Wir drehten eine ganze Reihe Tests, und mir gefiel es wirklich, wie es aussah. Ich bin ein großer Fan von Handkameras. Die Kamera ist einfach kleiner, was mir absolut zusagte für die Art und Weise, wie ich den Film drehen wollte.«

»Wir unterhielten uns darüber, den Film auf 16mm zu drehen, und ich war sofort begeistert von der Idee«, berichtet Kameramann Dariusz Wolski. »Es gibt viele neue Technologien, von denen es heißt, sie seien handlicher, billiger und besser. In gewisser Weise stimmt das schon, aber ich wollte beweisen, dass wir eine 16mm-Kamera nehmen und einen Film abliefern könnten, der genauso gut, wenn nicht sogar besser aussehen würde, als wenn man digital filmt. Man hat viel mehr Freiheit, man ist beweglicher. Film hat eine größere Bandbreite.

Wir drehten The Rum Diary an unterschiedlichen Drehorten und benutzten kaum Scheinwerfer. Mein Ansatz war, bei der Ausleuchtung so minimalistisch zu sein wie nur möglich. Ich wollte nichts erfinden, sondern nur auf die Realität zurückgreifen. Wir sehen im Grunde ein Puerto Rico, wie es vor 20 oder 30 Jahren auch schon aussah. Das Licht ist immer noch dasselbe. Ich wollte mich von dem typisch gelackten Look Hollywoods fernhalten, und ich dachte, dass 16mm mir die nötige Körnigkeit geben würde, die ich mir vorgestellt hatte. Wir benutzten drei 16mm-Objektive und keine Filter.«

Und der Look, den der Film ausstrahlt, passt wie das Tüpfelchen aufs i. Aber auch der Soundtrack ist recht passend ausgewählt. Gleich zu Beginn wird mit „Volare“ eine Eingangsstimmung gesetzt, von der es während des Films immer weiter bergab geht. Je mehr Paul (und der Zuschauer) mit der allgemeinen als auch der persönlichen Situation vertraut wird, umso mehr wird klar, dass es nur einen Weg gibt, sich aus dieser verzwickten Lage zu befreien…

Der Film spricht politische als auch gesellschaftliche Themen an und besitzt zwischendurch urkomische Momente, ob es die Schoßfahrt in Salas zerstörtem Kleinwagen ist oder die Schrulligkeit Mobergs, dem schwedischen Nazi und Mitbewohner – womit wir bei den Schauspielern sind. Dass Johnny Depp die Hauptrolle spielt, steht außer Frage, spielt er doch hauptsächlich schräge oder betrunkene Figuren – oder beides wie in den Fluch der Karibik-Piratenfilmen.

Der Film erinnert ein wenig von der Thematik und den Figuren her an Air America, wo Robert Downey jr. nach Laos kommt und mit Mel Gibson zusammenarbeiten muss. Eine ähnliche Figur spielt hier Michael Rispoli als Bob Sala, der sich in Puerto Rico auskennt und „Neuling“ Paul Kemp gut gemeinte Ratschläge gibt. Das gut gediente Flugzeug wird hier durch einen alten, klapprigen Kleinwagen ersetzt, der immer angeschoben werden muss.

Als schräge Nebenfigur wird Art LaFleur durch Giovanni Ribisi ersetzt, der den heruntergekommenen Moberg in gewohnter Genialität spielt. »Im Buch wird er als Amerikaner beschrieben, aber ich machte ihn zu einem Schweden«, erklärt Robinson. »Giovanni Ribisi ist ein ausgezeichneter Schauspieler. Am Set sah er aus wie ein abgerissener Penner. Ich finde, Giovanni sorgt für komische Ablenkung in der dramatischen Handlung.«

Moberg ist schuld an der Begeisterung, die seine Amigos Kempo und Sala für Alkohol- und Drogenmissbrauch zu entwickeln beginnen. »Damals kam dieses neuartige Konzept auf, dass man mit gewissen Substanzen sein Bewusstsein erweitern kann. Ich denke, Moberg hat sich dieser Idee schon länger verschrieben, als es sie eigentlich gibt«, meint Ribisi. »Er staubt außerdem Filter aus der Rumdestillerie ab und stellt selbst gepanschten Fusel her, den sie trinken. Der hat mindestens 470 Prozent Alkohol, wenn das denn möglich ist.«

Für die Rolle des Chefredakteurs des San Juan Star, Letterman, wählte Bruce Robinson den versierten Routinier Richard Jenkins. »Er spielte seine Rolle einfach brillant«, berichtet der Regisseur. »Lotterman ist ein zum Brüllen komischer Journalist alten Schrot und Korns, der vermutlich bei der Baltimore Sun 40 Jahre lang Vertretung gemacht hat. Jetzt ist er am Ende mit den Nerven und versucht mit allen Mitteln, seine eigene Zeitung am Laufen zu halten.

Es gibt da eine Szene am Anfang des Films, die man hoffentlich amüsant finden wird, in der Lotterman Kemp erklärt, dass er nach Frischblut sucht, um den Kopf über Wasser halten zu können. Und er glaubt, dass Kemp genau der richtige Mann ist. Allerdings schwimmt schon längst alles in Rum. Die Geschichte heißt nicht von ungefähr The Rum Diary. Alle sind während des gesamten Filmes über voll wie die Haubitzen«, lacht Robinson.

Für Robinson bestand kein Zweifel, wen er für die Rolle des Sanderson haben wollte. »Aaron Eckhart war meine erste und einzige Wahl«, betont er. »Er ist ein sehr guter Schauspieler, und er hat etwas, was ich als grausame Attraktivität bezeichnen würde. Er ist auch das genaue Gegenteil von Johnny Depp. Er ist attraktiv auf eine sehr arische Weise. Johnny dagegen hat eine Attraktivität mit Latino-Touch. Sanderson ist ein Bauträger, der mit der Zeitung verbandelt ist, finanziell wie redaktionell. Er ist einfach unwiderstehlich charmant und unfassbar skrupellos.«

»Als es an die Besetzung von Chenault ging, suchte ich eine Frau, die eine laszive Ausstrahlung hat«, sagt Robinson. »Die Temperatur erhöht sich sofort, wenn man weiß, dass es sich um ein Mädchen handelt, das absolut unerreichbar ist. Das ganze Buch dreht sich um den Amerikanischen Traum und Hunters Obsession, die Wahrheit dahinter zu enthüllen. Chenault ist mit dem Mann zusammen, der den Traum ausbeutet. Kemp ist verrückt vor Liebe nach ihr, weil sie so unerreichbar ist wie der Traum.«

Diese Qualität der Unerreichbarkeit war es, was Depp zu Amber Heard führte: »Sie war wie einer dieser unglaublichen Filmstars der Fünfzigerjahre, und doch ging tief von ihr eine unbestreitbare Poesie aus. Sie hat ein Geheimnis. Man konnte nicht gleich sehen, was in ihrem Leben vorgefallen ist, aber das reicht aus, um Fragen zu stellen, die man sonst vermutlich nicht stellen würde.«

Während des Drehs auf Puerto Rico wurde Johnny Depp von mehreren alten Freunden besucht. Dazu gehörte die Sängerin, Liedermacherin, Poetin und visuelle Künstlerin Patti Smith, die während des Besuchs ziemlich beschäftigt war. »Ich schaue selten einfach nur auf einen Besuch vorbei«, gesteht Smith. »Wenn es mir gefällt, wo ich bin, bringe ich mich immer ziemlich intensiv ein, selbst auf abstrakte Weise.

In diesem Fall führte ich ein „Rum Diary“-Tagebuch. Ich schoss viele Fotos, stellte gewisse Beobachtungen an und schrieb ein paar Songs. Das war sehr produktiv für mich. Sich in einer so positiven Atmosphäre zu bewegen, in der eine Gruppe von Menschen sich darauf konzentrierte, an einem Strang zu ziehen, war klasse. Es ist erstaunlich, wie viel Arbeit ich bewältigt habe, während ich vermeintlich nichts tat.«

»Es war interessant zuzusehen, wie Johnny Depp sich immer lockerer machte und als Paul Kemp nach und nach Hunter S. Thompson wurde«, beobachtet Smith. »Johnny weiß soviel über den inneren Mechanismus von Hunter, seine innere Erzählung. Er kann das spielend auf einen Typen wie Paul Kemp übertragen. Er ist womöglich die geradlinigste Figur, die Johnny jemals gespielt hat, aber er ist kein Spießer«, sagt Smith lachend.

Nachdem sie das Drehbuch im Flugzeug gelesen hatte, fühlte sich Patti Smith inspiriert, ein Lied zu schreiben. »Ich schlief beim Lesen ein, und als ich wieder aufwachte und mich langsam wieder zu Bewusstsein kämpfte, hatte ich auf einmal diesen kleinen Song im Kopf. Ich schrieb ihn nieder, weil ich ihn als Geschenk für Bruce und Johnny singen wollte. Von allen Perspektiven, die ich einnehmen konnte, entschied ich mich ausgerechnet für Chenaults Blickwinkel.« Der Song fand seinen Weg in den Film und ist während des Abspanns zu hören.

Hunter S. Thompson starb 2005, aber Depp und Robinson waren entschlossen, seinen Geist am Set des Films am Leben zu halten. »Eine meiner letzten Bemühungen, mich vor diesem Mann zu verbeugen, war das Weiterarbeiten an unserem gemeinsamen Projekt… und ihn zu zwingen, selbst im Tod einer der Produzenten zu sein«, meint Johnny Depp.

»Ich bat darum, dass ein Stuhl ans Set gestellt werden sollte, der seinen Namen trägt; ich bat darum, dass ein Titelblatt des Drehbuchs für Hunter angefertigt wurde. Ich bat täglich um einen Aschenbecher und eine Stange von Dunhill-Zigaretten sowie einen Zigarettenhalter und ein Feuerzeug für Hunter. Ich bat um eine Flasche Chivas Regal, die jeden Tag neben seinen Stuhl gestellt werden sollte – und natürlich um ein Highball-Glas randvoll mit Eiswürfeln. Ich musste das einfach machen, um Hunter gerecht zu werden, um mich vor ihm zu verbeugen und ihm zuzuprosten. Bruce und ich erschienen jeden Morgen am Set, schnappten uns das Highball-Glas, füllten es mit Chivas Regal, tauchten unsere Finger ein, nahmen vielleicht einen kleinen Schluck und wandten uns dann unserer Arbeit für den Tag zu. Wir wollten einfach sicherstellen, dass Hunter da war. Und er war da. Jeden Tag, jede Sekunde, jeden Moment. Für uns.«

Der Film ist sehenswert, auch wenn er manchmal durch seine Entschleunigung etwas langatmig wirkt. Kurios ist allerdings, dass Paul Kemp es immer wieder schafft, dazugehörig zu wirken. Wenn er sich in der Gesellschaft von Sanderson & Co. befindet, ist er stets gut gekleidet und wirkt keineswegs wie ein Journalist, der für ein heruntergekommenes Blatt arbeitet, während er sich außerhalb dieser Gesellschaft schon mal nicht nur seine Hände schmutzig macht.

Auch wenn der Film nur mäßig spannend ist, wird der Film durch seine Story mit all den komisch-skurrilen Momenten als auch von den Schauspielern getragen. Als zeitgenössisches Stück ist The Rum Diary hervorragend fotografiert und besticht durch seine szenarienspezifische Farbgebung als auch von seinen Drehorten in Puerto Rico. Hunter S. Thompson jedenfalls würde der Film mit Sicherheit gefallen. ■ mz

OT: The Rum Diary
USA 2011
Drama/Komödie
FSK: 12
120 min

mit
Johnny Depp (Paul Kemp) Marcus Off
Aaron Eckhart (Sanderson) Tom Vogt
Michael Rispoli (Bob Sala) Thomas Wenke
Amber Heard (Chenault)
Richard Jenkins (Lotterman) Reinhard Brock
Giovanni Ribisi (Moberg) Dustin Semmelrogge
Amaury Nolasco (Segarra)
Marshall Bell (Donovan)
Bill Smitrovich (Mr. Zimburger)
u.a.

drehbuch
Bruce Robinson
nach dem Roman von Hunter S. Thompson

kamera
Dariusz Wolski

musik
Christopher Young

regie
Bruce Robinson

produktion
GK Films
Infinitum Nihil
FilmEngine
Dark & Stormy Entertainment

verleih
Wild Bunch/Central

Kinostart: 2. August 2012

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05.08.2012 | mz |
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