Samstag, 5. Dezember 2020
The Song of Names
Song of Names, The
Kurz vor dem zweiten Weltkrieg lädt Martins Vater Gilbert, ein Musikpublizist, das zehnjährige jüdische Violinen-Wunderkind Dovidl Rapoport ein, bei ihnen zu Hause in London zu leben. Gilberts Absicht ist es, dem Jungen zu seinem musikalischen Potenzial zu verhelfen und ihn vor der drohenden Invasion von Polen durch Deutschland zu schützen.
Martin, auch zehn Jahre alt, betrachtet Dovidl zunächst als Eindringling in seinem Haus. Aber Dovidls Sorgen um die Not seiner Familie in Warschau ruft in Martin Mitgefühl hervor, und er lässt sich vom Charisma und der rebellischen Art des jungen Genies überzeugen. Schon bald stehen sie sich so nah wie Brüder. Mit dem außergewöhnlichen Dovidl als besten Freund und Vertrauten öffnet sich Martins eingeengte Welt und gibt ihm Selbstbewusstsein.
Über mehrere Jahre, während die Jungen aufwachsen, steckt Gilbert all seine Aufmerksamkeit und das Geld, das er hat, in die Entwicklung von Dovidls Talent – ein Prozess, der bei Martin, trotz seiner Liebe zu Dovidl, starke Eifersucht hervorruft. Schließlich organisiert Gilbert ein extravagantes Konzert für Dovidl, als dieser 21 Jahre alt ist. Doch während das Publikum und das Orchester Dovidls Ankunft auf der Bühne erwarten, erscheint Dovidl leider nicht.
Die Absage des Konzerts zerstört Gilbert sowohl finanziell als auch mental, sodass er kurz darauf stirbt. Martin bleibt mit dem Verlust seines geliebten „Bruders“ zurück, der unaufhörlichen Frage was passiert ist und einer anwachsenden Verbitterung darüber, dass Dovidl für den Tod seines Vaters verantwortlich ist.
Fast vier Jahrzente später folgt Martin den Spuren, die ihn seinem Freund stetig näher bringen, bis er erfährt, welche Bedeutung hinter dem „Lied der Namen“ steckt, ein zutiefst rührendes Musikstück, das die Antwort darauf beinhaltet, wieso sein Bruder so plötzlich aus seinem Leben verschwand.
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»Wenn du Martin einen Tag vor Dovidls Ankunft gefragt hättest, wie er sich selbst beschreiben würde, hätte er gesagt: gewöhnlich« sagt Romanautor Norman Lebrecht. »Mit Dovidls Anwesenheit schwindet Martins Gewöhnlichkeit. Und als Dovidl verschwindet, leidet Martin unter zwei Verlusten: den Verlust seines Vaters, für den er Dovidl beschuldigt, und den Verlust dessen, was Martin innerlich zum Leuchten gebracht hatte und ihm das Gefühl gegeben hatte, doch gar nicht so gewöhnlich zu sein. All dies sammelt sich in Martin als anbahnender Zorn zusammen, die Hoffnung gegen die Hoffnung dass sich etwas davon auflöst und dass es sich dann regelrecht in Rage umwandeln wird.«
Luke Doyle, der Dovidl im Alter von 10 bis 13 Jahren spielt, ist selbst ein talentierter Violinist und wurde als einziges Mitglied der Besetzung basierend auf seiner Erfahrung mit der Violine ausgewählt, ohne vorherige Schauspielerfahrung zu haben. »Wenn ein junger Mensch bereits durch das Musizieren mit seinen Gefühlen in Berührung steht, dann lässt sich erwarten, dass er auch fähig sein wird, seine Gefühle durch Schauspielerei auszudrücken« sagt Regisseur François Girard.
Letztendlich fand der Regisseur einen musikalischen Prozess, um mit dem Jungen zu kommunizieren, was manchmal beinhaltete, ihn wortwörtlich zu dirigieren: »Ich gab ihm ein Tempo, einen Verlauf, ähnlich wie ein Dirigent seinen Musikern. Ich nutzte meinen Körper und meine Arme um den Fluss der Rhythmen des Dialogs durch die Szene hindurch am Laufen zu halten. Und Luke, der nun mal ein brillianter junger Künstler ist, hat darauf wirklich gut reagiert.«
Luke Doyle, der hier in dem Film die vermutlich markanteste Darstellung abliefert, war von seiner Rolle fasziniert: »Da draußen gibt es nicht allzu viele Leute, die wie Dovidl sind. Er tut nie etwas Langweiliges und ist dadurch immer im Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine Arroganz und sein Selbstbewusstsein sind recht gravitativ. Gleichzeitig kann er manchmal auch ziemlich egoistisch sein und gibt nicht viel Acht auf andere.«
»Dovidl ist das Genie und Martin ist der Bewunderer«, sagt Gerran Howell, der Martin mit 17 Jahren spielt. »Martin sieht sich selbst als ziemlich langweiligen Menschen, der nicht viel Aussichten oder Freiheit in seinem Leben hat. Als Dovidl in sein Leben trat, hat er alles auf den Kopf gestellt. Er war alles was Martin je sein wollte. Sie erfüllen irgendwie das, was der jeweils Andere nicht hat. Aber als Dovidl verschwindet ist Martin der, der zurückbleibt, die Scherben aufsammeln muss und nicht weiß, was er als nächstes tun soll.«
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Als wir dem erwachsenen Martin das erste Mal begegnen, fährt dieser im Leerlauf durch sein leidenschaftloses und trübes Leben. »Martin lebt mit seiner Frau in einem bröckelnden Haus und hat nicht viel Geld auf der Bank«, sagt Tim Roth, der in diesem Film ein weiters Mal seinen trüb-leeren Blick mit Trenchcoat ausübt. Als Martin Wind davon bekommt, dass sein Adoptivbruder noch am Leben sein könnte, macht er sich auf eine Schnitzeljagd um die Welt – nach Polen und New York.
The Song of Names ist der erste Spielfilm, der die Erlaubnis bekommen hat, auf der Treblinka-Gedenkstätte zu drehen. Mindestens 800.000 Menschen wurden innerhalb von neun Monaten dort ermordet. »Ich habe mein ganzes Erwachsenenleben vermieden, zu Vernichtungslagern zu gehen«, sagt Produzent Robert Lantos, der Sohn von Überlebenden des Holocausts. »Ich denke, die meisten Menschen würden nicht zur Hölle auf Erden gehen wollen. Ich wollte nicht, und ich wäre auch niemals gegangen, wenn ich nicht diesen Film gemacht hätte, aber die Alternative wäre gewesen, es irgendwo auf einem Feld nachzubauen, und das wollte ich wirklich nicht. Ich empfand es als unentbehrlich, dort zu drehen.«
In der Mitte von Treblinka ist ein großer, außergewöhnlich geformter Stein, in den auf mehreren Sprachen zwei Wörter eingraviert sind: „Niemals wieder.“ »Für mich fassen diese zwei Wörter den allerwichtigsten Grund zusammen, aus dem so ein Film gemacht werden sollte«, sagt der Produzent. Jeder, der am Film mitgearbeitet hat, teilte diese Überzeugung.
Dass dieser Film gerade jetzt in die Kinos kommt, hat sicher nicht nur mit Corona zu tun. In den letzten Wochen wurde zudem von einer wieder steigenden Zahl antisemitischer Straftaten berichtet – Zeit, mal wieder den Zeigefinger hochzuheben. Auch wenn der Film nicht, wie andere Werke, direkt den Genozid aufzeigt, so ist das titelgebende „Lied der Namen“ ein bemerkenswertes Zeichen, das zusätzlich zur Gedenkstätte in Treblinka das Ausmaß und die Schwere der Judenhinrichtungen im Zweiten Weltkrieg aufzeigt.
»Ein Problem in der Gesellschaft heutzutage ist die flächendeckende Amnesie«, sagt François Girard. »Fünfzig Prozent der Menschen unter Dreißig wissen nicht mal, was das Wort Holocaust bedeutet. Und die, die es wissen, könnten ganz sicher nicht viel darüber erläutern. Dieser Film hat also definitiv die Mission, diese Erinnerung am Leben und die Ereignisse bedeutend und nachhallend zu halten.«
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Der Kern des Films ist eine musikalisch begleitete Rezitation von den Namen aller, die in Treblinka ums Leben gekommen waren. Durch dieses Lied, gesungen von einem orthodoxen Rabbiner in einer Synagoge, erfährt Dovidl endlich, was seiner Familie in Treblinka widerfahren ist. Es ist wichtig, dass die Namen nicht schlichtweg vorgetragen, sondern wie ein Gebet gesungen werden.
Das Gedenken durch gesungene Gebete ist tief in der jüdischen Tradition verwurzelt und geht bis in die Antike zurück. Die spezielle Idee eines „Lied der Namen“, auf der der Film basiert, wurde vom Autor Norman Lebrecht konzipiert. „Das Lied der Namen“ und das Violine-Titellied des Films sind originale Werke des Komponisten Howard Shore und basieren auf traditionellen Tonarten.
Von seiner eigenen Erfahrung ausgehend (Er wuchs in einer Synagoge auf.), verbrachte der Komponist zwei Jahre damit, die kantoralische Tradition zu studieren. Dafür verwendete er teils ganz frühe Aufnahmen, zum Großteil jedoch Aufnahmen aus den 50er Jahren, wenn man das Lied auch zum ersten Mal im Film hört.
Alle Violinensegmente im Film sowie alle virtuösen Vorspiele des jungen Dovidl von Stücken wie Henryk Wieniawskis „Variations on an Original Theme, Opus 15“ (Vorspielen) und Niccolò Paganinis „Caprice #9 und #24“ (im Bunker) wurden von dem international renommierten Violinisten Ray Chen eingespielt. »Ray und ich arbeiteten eng zusammen«, sagt Howard Shore. »Er hat sich mit Herz und Seele in das „Lied der Namen“ vertieft und etwas wirklich Zeitloses erschaffen.«
Anders als Luke Doyle hatten Clive Owen und Jonah Hauer-King keine Vorerfahrung mit der Violine. Und so mussten sie sich einem intensiven Training bei dem britischen Violinisten Oliver Nelson unterziehen um überzeugend als Violinenmeister rüberzukommen. »Wir haben Stunden um Stunden um Stunden daran gearbeitet«, sagt Clive Owen.
»Es war harte Arbeit weil ich versuchen musste etwas zu schaffen, womit jemand anders dreißig Jahre verbringt es zu verfeinern und so gut zu machen, wie es sein sollte. Und ich hatte nur ein paar Monate. Aber François hat mir versprochen, dass er, egal was auch passiert, mich an der Geige gutaussehen lassen würde. Also habe ich ihm vertraut und so viel Arbeit investiert wie nur irgend möglich und mit viel Hilfe von Ollie schien er dann am Ende glücklich zu sein.«
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Obwohl der Film tief mit dem Andenken an diejenigen verbunden ist, die während des Holocausts umgekommen sind, werden tatsächlich wenige dieser Ereignisse dargestellt. »Einer der Gründe wieso ich mich bereiterklärt habe, bei diesem Film Regie zu führen, ist, dass er sich mit dem Holocaust auseinandersetzt ohne ihm direkt ins Auge zu blicken«, sagt der Regisseur.
»Ich glaube nicht, dass ich das gekonnt hätte. The Song of Names anzuschauen ist, als würde man auf einem Vulkan spazieren gehen. Er sieht scheinbar ruhig aus, mit seinen Gärten und Wegen, aber tief unten ist brennende rote Lava. Wir betrachten den Holocaust vom kleinen Ende des Teleskops aus und sehen die Charaktere, die unter den Konsequenzen leiden mussten. Durch ihre Augen und ihre Leben evozieren wir die Tragödie.«
Abgesehen von der tragischen Prämisse des Films und der unglaublich emotionell-intensiven Musikdarbietung, geht eine gehörige Menge Applaus auch an Produktionsdesigner François Seguin, der es geschafft hat, Budapest wie London aussehen zu lassen. Normalerweise erkennt man die sehr markante österreichisch-ungarische Architektur, wenn z.B. deutsche Bauten dargestellt werden sollen. Zu mehreren Gelegenheiten mussten auch recht gewaltige Sets gebaut werden. Besonders zu erwähnen ist hierbei der mit Sandsäcken vollgestellte Eingang eines Luftschutzkellers während des Blitzkriegs.
The Song of Names (Weiß der Geier, warum man den Titel nicht eingedeutscht hat.) springt während der Handlung immer wieder zwischen den Jahrzehnten hin und her, um die Handlungsstränge zu straffen. Der Film hat zwar eine ordentliche Laufzeit, wirkt jedoch selten langatmig, dafür oft ein wenig seltsam – z.B. in Treblinka, wo im Buch Dialoge vorhanden sind, im Film jedoch andächtlich geschwiegen wird.
Ein weiteres Manko des Films ist es, die Gefühlswelten funktionell zu transportieren – zwischen den Schauspielern, die die einzelnen Figuren über die Jahrzehnte hinweg mimen, wie auch zum Publikum. Die Gesichter sind oft ausdruckslos oder nachdenklich, auch werden wichtige Handlungseinschnitte beiläufig erwähnt, die jedoch große Auswirkungen auf die Figuren besitzen. Alles in allem ist der Film jedoch als eine Art filmische und vor allem musikalische Gedenkstätte für den Holocaust zu verstehen – interessant aber nicht wirklich mitreißend, wenn man nicht selbst betroffen ist.

13.08.2020 | mz
Kategorien: Feature | Filme