Donnerstag, 26. November 2020
never rarely sometimes always
niemals selten manchmal immer
Beim Blick in den Spiegel kann die 17-jährige Autumn die Signale ihres Körpers nicht länger verleugnen. Ein Besuch im örtlichen Schwangerschaftszentrum bestätigt, was sie bereits befürchtet hatte: Autumn erfährt, dass sie schwanger ist. Das Informationsmaterial, das die Mitarbeiterin des Zentrums ihr aushändigt, beschäftigt sich jedoch ausschließlich mit Mutterschaft und Adoption.
Was Autumn eigentlich will, verstößt in ihrem Heimatstaat Pennsylvania gegen das Gesetz. Was sie in Eigenrecherche über die ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in Erfahrung bringt, ist wenig ermutigend. Als Minderjährige darf sie in Pennsylvania ohne elterliche Zustimmung keinen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen.
Zunächst will Autumn niemanden in ihr Geheimnis einweihen. Einzig ihre Cousine und beste Freundin Skylar, mit der sie den Schulalltag und einen Aushilfsjob als Supermarktkassiererin teilt, erkennt, dass etwas nicht stimmt. Als klar wird, in welchen Schwierigkeiten Autumn steckt, bietet Skylar sofort ihre Hilfe an.
Mit der Adresse einer Abtreibungsklinik in Brooklyn im Gepäck steigen die Cousinen eines frühen Morgens in den Bus nach New York City. Doch ihre Reise verkompliziert sich, als Autumn erfährt, dass ein Schwangerschaftsabbruch langwieriger ist als angenommen. So bleibt den beiden jungen Frauen nichts übrig, als in der ihnen unbekannten Metropole zwei Tage und Nächte zu verbringen – zwei Tage, die mühevoll und mitunter beängstigend sind, in denen aber auch deutlich wird, wie eng die Verbindung zwischen Skylar und Autumn ist.
Obwohl der Film unbestreitbar die aktuelle politische Situation und die damit verbundenen Probleme rund um weibliche Selbstbestimmungsrechte und Gesundheitsversorgung anspricht, reichen die Ursprünge des Films bis in den Spätherbst 2012 zurück. Damals ging die Nachricht vom Tode Savita Halappanavars um die Welt. Bei der in Irland lebenden 28-jährige Zahnärztin kam es während der Schwangerschaft mit ihrem ersten Kind zu schweren Komplikationen, weshalb sie in ein Krankenhaus in Galway eingeliefert wurde. Obwohl sich ihr Zustand rasch verschlechterte, wurde ihre Bitte nach einer Notfallabtreibung abgelehnt. Sie starb am 28. Oktober 2012 an einer Blutvergiftung – eine Woche, nachdem sie sich in Behandlung begeben hatte.
Die Autorin und Regisseurin Eliza Hittman las damals Ann Rossiters „Ireland’s Hidden Diaspora: The ‚Abortion Trail‘ and the Making of an Irish-English Underground, 1980-2000“. Das Buch beschäftigt sich mit dem Hilfsnetzwerk, das entstand, um irische Frauen in England bei der Durchführung von Abtreibungen zu unterstützen. Diese Untergrundbewegung verlor in den 2000er-Jahren an Bedeutung, als das Aufkommen des Internets, überarbeitete englische Gesetze und Billigfluglinien es Frauen ermöglichten, an einem einzigen Tag von Irland nach England und wieder zurück zu reisen.
»Ich dachte mir, dass das der Stoff für einen Film sein könnte, den ich mir ansehen würde: eine Geschichte über diese geheimen Reisen, die Frauen unternehmen«, erinnert sich die Regisseurin. »Ich arbeitete eine Abhandlung für einen Film aus, der ursprünglich in Irland spielen sollte. Aber das schien mir zu ehrgeizig. Ich hätte es niemals geschafft, einen Film in Irland zu realisieren. Also habe ich mich gefragt, wie die US-Version dieser Geschichte aussehen könnte.«
Als sie im Internet Informationen sammelte, stieß sie auf Details, die die Geschichte, die sie erzählen wollte, nachhaltig beeinflussten. »Es gab Artikel über Frauen, die für Abtreibungen nach New York City reisten und dort auf Parkbänken übernachten mussten«, sagt sie. »Die Stadt ist einfach so teuer, dass sie sonst nirgendwo bleiben konnten.«
Bei ihren Recherchen entdeckte die Filmemacherin, dass im US-Bundesstaat Pennsylvania massive Abtreibungsbeschränkungen gelten. Diese führen immer wieder dazu, dass Frauen die Staatsgrenze überqueren, um einen Schwangerschaftsabbruch in den Nachbarstaaten New York und New Jersey vornehmen zu lassen.
So reiste sie in einige Kleinstädte Pennsylvanias, um zu erfahren, welche Dienstleistungen im Bereich der reproduktiven Gesundheitsfürsorge den dort lebenden Frauen zur Verfügung stehen. Dabei stieß sie auf Schwangerschaftszentren, die der Pro-Life-Bewegung angeschlossen sind und deren erklärtes Ziel es ist, schwangere Frauen zur Elternschaft oder Adoption zu bewegen.
Beim Besuch dieser Institutionen absolvierte sie dieselben Schritte, die auch eine Patientin durchlaufen müsste: Sie machte einen Schwangerschaftstest und führte Gespräche mit den Angestellten. Auf Grundlage ihrer Erfahrungen entwickelte sie eine zweite Abhandlung. Ihre eigene Schwangerschaft führte allerdings dazu, dass sie das Filmprojekt anschließend vorerst aufgab.
Nach der Geburt ihres Kindes drehte Eliza Hittman stattdessen Beach Rats, der im Januar 2017 auf dem Sundance Film Festival Premiere feierte und ihr den Preis für die beste Regie einbrachte. Das Festival fiel mit der Amtseinführung von Donald Trump als US-Präsident zusammen – und damit auch mit dem ersten „Women’s March on Washington“. Da Trump angekündigt hatte, Richter zu ernennen, die die Grundsatzentscheidung von „Roe vs. Wade“ für nichtig erklären würden, spielten Frauenrechte bei den weltweiten Solidaritätsmärschen eine wichtige Rolle.
Nach ihrer Teilnahme an diesem Fußmarsch in Sundance dachte die Autorin und Regisseurin an das Filmprojekt zum Thema Abtreibung zurück, das sie Jahre zuvor ausgearbeitet hatte: »Ich verspürte den Wunsch, die damals entstandenen Abhandlungen noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.«
👩🏻 👱🏻‍♀️ 🚌 🗽 👦🏻 🚇 👩🏻‍⚕️ 📋 💵 💉
Herausgekommen ist ein eindringliches Drama, das die gesellschaftlichen Defizite in Sachen unfreiwilliger Schwangerschaft anhand zwei junger Frauen gegen Ende des Teenageralters aufzeigt. Dabei verzichtet Eliza Hittman auf nähere Hintergründe und Dialoge. Die Dialoge begrenzen sich auf das Nötigste.
Sidney Flanigan transferiert ihre Gefühle allein über ihre Mimik, dabei hat sie sie vorher lediglich in Videos Gitarre gespielt und gesungen. Gleich zu Beginn des Films ist sie auch auf einer Bühne bei einer Schulaufführung singend zu erleben. Ihr Lied „He’s got the power of love over me“ verursacht zusammen mit ihrer zurückhaltenden Interpretation sogleich einen zwiespältigen Blick auf die Beziehungssituation zwischen Mann und Frau in der heutigen Gesellschaft. 
Ganz anders sieht es bei Talia Ryder aus. Die ausgebildete Tänzerin ist seit ihrem 12. Lebensjahr professionell als Schauspielerin tätig und ist demnächst tanzend in Steven Spielbergs Neuverfilmung des Musicals West Side Story zu sehen. »Ich war auf der Suche nach jemandem, der Sidney in gewisser Weise vervollständigt«, sagt die Eliza Hittman. »Talia betrat den Raum und sofort war da eine Verbindung zwischen ihr und Sidney, weil beide aus Buffalo stammen. Talia ist etwas jünger als Sidney. Sie hatte eine Leichtigkeit an sich, von der ich dachte, dass sie Sidney gut ergänzen und helfen würde, die Geschichte voranzubringen. Die Chemie zwischen den beiden hat einfach gestimmt.«
Als Sidneys Eltern sind Ryan Eggold und die Musikerin Sharon van Etten zu sehen, die mit ihrer Musik die Drehbuchautorin beim Schreiben beeinflusste. »Ich bin seit zehn Jahren Fan von Sharon«, sagt die Filmemacherin. »Ihre Musik hat mich inspiriert, also habe ich überlegt, wie ich sie bei diesem Film mit einbinden kann. Es ist wirklich wichtig, Leute an Bord zu haben, die dynamisch spielen können.« Théodore Pellerin kennt man eventuell ebenfalls aus der Netflix-Serie The OA. Der gebürtige Franco-Kanadier steht auch schon seit 2014 vor der Kamera.
Visuell wurde die Hauptdarstellerin vom Wetter unterstützt. Es ist nasskalt, es schneit, regnet. Erst am Folgetag in New York, nachdem die Prozedur vollzogen war, war es plötzlich trocken und die Sonne schien. Das mag zwar der Handlung dienen, aber nicht sehr plausibel erscheinen – ebenso wie das ständig benutzte Smartphone, das solange durchgehalten hat, ohne den Akku aufzuladen.
Zudem hat der Film einen Dunkelfilter. Selbst am Tag ist weiß eher beigegrau, zudem ist das Bild recht verkrisselt, was dem Ganzen den Charme eines preiswert inszenierten Independent-Autorenfilms verleiht. Nichtsdestotrotz lebt der Film und dessen Spannung von der Hauptdarstellerin, die in ihrer Rolle so authentisch herüberkommt, dass man ihr die Geschichte auch so abnimmt! Und wenn sie dann an der titelgebenden Stelle im Film in Tränen ausbricht, ist es auch schlichtweg egal, wer der Vater des Ungeborenen sein könnte.
Der Film ist nicht nur ein Appell an die Politik, sondern zeichnet auch ein düsteres Bild der heutigen Gesellschaft und der Stellung der Frauen darin. Er zeigt, wie sehr Frauen und Mädchen außerhalb der weltlichen Großstädte immernoch diskriminiert und ausgenutzt werden. Dafür ist Eliza Hittman zu Recht auch auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet worden.

31.10.2020 | mz | Quelle: Universal Pictures
Kategorien: Feature | Filme