Samstag, 23. Oktober 2021
The French Dispatch of the Liberty, Kansas Evening Sun
Arthur Howitzer jr.
© Searchlight Pictures | 20th Century Fox | Disney
Nach seinem zweiten Animationsabenteuer Isle of Dogs hat sich Wes Anderson nun wieder mit seinen üblichen Verdächtigen zusammengetan, um uns in ein fiktives französisches Städtchen im Jahr 1975 zu entführen, wo wir die französische Ausgabe der Liberty, Kansas Evening Sun kennenlernen. Anlässlich des Todes ihres vielgeliebten Verlegers Arthur Howitzer jr. versammeln sich die Mitarbeiter des weit verbreiteten amerikanischen Magazins mit Sitz in der französischen Stadt Ennui-sur-Blasé, um einen Nachruf zu verfassen.
Herausgekommen sind vier Geschichten und eine Rahmenhandlung, die sich am Vorbild des berühmten Magazins The New Yorker orientieren. Für den Filmemacher ist The New Yorker seit der Highschool das Nonplusultra des Journalismus: »Als ich im zehnten Schuljahr war, befand sich mein Klassenraum in Houston in der Bibliothek, und mir gegenüber standen Holzregale voller Magazine. Eines davon hatte eine Abbildung auf dem Cover, und ich habe mal hineingeschaut. So wurde ich, während ich auf den Unterrichtsbeginn wartete, zum ständigen Leser des New Yorker. Ich begann auch die älteren Ausgaben zu lesen, und suchte nach den Namen der Stammautoren. Ich wurde also wirklich angefixt.«
Auf den Seiten von The French Dispatch gibt es Folgendes zu lesen:
Lokaler Glanz – „Der radelnde Reporter“ – Herbsaint Sazeracs Tour durch Ennui-sur-Blasé selbst – eine alte, auf einem Berg gelegene Stadt, überragt von den Türmen der historischen Kathedrale, mit eng gewundenden Kopfsteinpflastergassen entlang ehrwürdiger steinerner Fassaden, charmant und schäbig – eine Stadt, in der alle Epochen, gleich dem nahegelegenen Fluss Blasé, sich zusammenfließend vereinen, die Essenz eines ewigen Frankreichs beschwörend.
Kunst und Künstler – Berensens Geschichte „Das Beton-Meisterwerk“ über das Werk des kriminellen und geistesgestörten Malers Moses Rosenthaler, von dem Kunsthändler Julian Cadazio und dessen Onkel entdeckt, rücksichtslos vermarktet und zu astronomisch steigenden Preisen verkauft. Und über Rosenthalers seit vielen Jahren mit höchster Spannung erwarteten Meisterwerks, inspiriert von seiner Gefängniswärterin und Muse Simone, das schließlich mit großem Tamtam der ungeduldigen Kunstwelt (darunter die renommierte Kunstsammlerin und potentielle Käuferin Upshur „Maw” Clampette aus Kansas) enthüllt wird.
Politik/Poesie – Krementz‘ „Korrekturen eines Manifests” – ein Bericht aus erster Hand über die Nöte und Leidenschaften, politisch und sexuell, von denen die romantisch enttäuschte Jugend von Ennui dazu getrieben wird, ihren erwachsenen Vormündern den Krieg zu erklären und einen tumultuösen Generalstreik zu initiieren, der schließlich zur Lahmlegung des ganzen Landes führt. Krementz‘ Bericht würdigt die charismatischen Helden, Heldinnen und Köpfe der Bewegung – den verträumten Zeffirelli und die kompromisslose Juliette, deren Beziehung unter einem schlechten Stern steht.
Geschmäcker und Gerüche – Roebuck Wright zeichnet mit „Das private Speisezimmer des Polizeichefs“ das Porträt des legendären Kochs Nescaffier, der in den Diensten des Kommissars von Ennui-sur-Blasé steht, das sich unerwartet in einen Nerven zerfetzenden und spannungsgeladenen Krimi verwandelt, als eine Bande Schurken den geliebten Sohn des Kommissars (und Protégé, der ihn bei den Ermittlungen unterstützt) kidnappen und zu töten drohen, sollte nicht der kürzlich inhaftierte Buchhalter des lokalen Verbrechersyndikats aus dem Gefängnis freigelassen werden.
Kritik und Lob – „Er bekam eine Redakteur-Beerdigung“
»Egal welche Einstellung eines Films von Wes man auch betrachtet – man merkt sofort, dass sie nur von ihm stammen kann«, fasst Jeffrey Wright die einzigartige Qualität von Wes Andersons Kunst zusammen. »Es gibt etwas in seinen Filmen, das mit der Freude und Wertschätzung eines Kindes für eine Geschichte, die ihm erzählt wird, in Zusammenhang steht. Seine Filme sind auf eine ganz besondere Weise akzentuiert, sie erinnern an die Sichtweise eines Kindes, das die Welt zu erkennen beginnt, eine Welt, in der die Farben etwas leuchtender, fröhlicher sind, und das Licht etwas heller – alles hat eine gesteigerte Präsenz, fast wie in einem gefilmten Theaterstück, und ist doch zugleich eine sehr filmische Erfahrung. Alle diese Elemente erzeugen jenes tief in uns allen verankerte kindlich-freudige Staunen angesichts einer gut erzählten Geschichte.«
Das könnte man fast so stehen lassen. Wo Wes Anderson draufsteht, ist auch Wes Andeson drin – skurrile Figuren, unglaublich penibel sortiert angeordnete Dinge und teilweise Kulissen wie bei einem Theaterstück. Diesmal hat er zwar all das wieder drin, doch die Umsetzung des Films passt nicht so recht in das Format. Was beim Filmmagazin The New Yorker presents halbwegs funktioniert hat, funktioniert hier als fiktive Reportage nicht wirklich.
Wenn der Film beginnt, ist man zunächst voll begeistert. Die Erzählweise und das Skizzieren der Figuren, der Leute und der Stadt lädt zum Schmunzeln ein und macht so viel Spaß. Man möchte zurückspulen, weil so viele Kleinigkeiten in den Bildern versteckt sind und so viele Leute verschiedene Dinge machen, dass man sich an Milljöhstudien von Jacques Tati oder Heinrich Zille erinnert fühlt. The French Dispatch hätte eine so schöne kontinuierliche Geschichte aufbauen und damit den Journalismus würdigen können, doch nachdem die Figuren und die Rahmenhandlung vorgestellt wurden, beginnt Wes Anderson, fiktive Geschehnisse von fiktiven Leuten zu erzählen, die vermeintlich wahr sein sollten – eine Art Mockumentary.
Hatte man am Anfang noch einen „Wow“-Effekt von all dem Lokalkolorit bekommen, verschwindet dieser schon nach der ersten Geschichte völlig. Die Kurzgeschichten/Magazinbeiträge sind nicht wirklich interessant, auch gibt es darin keine Figuren, mit denen man sich identifizieren kann, geschweige denn, das man dafür Zeit bekommt. So langweilt man sich die meiste Zeit, schmunzelt hier und da über diverse Anwandlungen der skurrilen Figuren und schaut sich an, wieviele Stars man denn erkennt. Ich hätte viel lieber die Rahmenhandlung als ganzen Film gesehen. Das wäre mit Sicherheit viel besser rübergekommen als dieser fiktive New Yorker.
Auch experimentiert Wes Anderson mit den Bildformaten. Zu 90% ist der Film im 4:3 TV-Vollbild zu sehen, wechselt zwischen Farbe und Schwarzweiß und verbreitert sich am Ende zu einer illustren Komposition. Und wer Pech hat, dem fehlen bei fehlerhafter Projektion im Kino auch Bildränder, wo Untertitel zu sehen sind, da diverse Passagen auf Französisch gesprochen werden. Ein wenig entschädigt die sorgfältig ausgesuchte Filmmusik, die von dem Geklimper von Alexandre Desplat unterstützt wird.
The French Dispatch of the Liberty, Kansas Evening Sun mag zwar eine Hommage an The New Yorker sein, kann jedoch nicht so recht überzeugen und ist nur für hartgesottene Fans des besonderen Filmemachers und Leute, die Léa Seydoux nackt und Jeffrey Wright ohne Bart sehen wollen. »Er besteht aus einer Sammlung von Kurzgeschichten, etwas, was ich schon immer mal machen wollte«, sagt Wes Anderson. »Es ist ein Film, der vom Magazin The New Yorker und der Art von Autoren, durch die es seine Berühmtheit erlangte, inspiriert ist, und außerdem habe ich über die Jahre viel Zeit in Frankreich verbracht und wollte immer schon mal einen französischen Film machen, einen Film, der einen Bezug zum französischen Kino hat.« – Frei nach einer berühmten TV-Werbung: Das sind gleich drei Wünsche auf einmal – das geht nun wirklich nicht.

10.10.2021 | mz
Kategorien: Feature | Filme