Freitag, 24. September 2021
I care a lot
Marla Grayson vor ihrer Pinnwand
📷 Seacia Pavao | © Netflix, Inc.
Die mit dem Selbstbewusstsein eines Hais ausgestattete Marla Grayson arbeitet als professionelle und bei Gericht akkreditierte Betreuerin für zahlreiche Senioren, deren Vermögen sie sich auf höchst zweifelhafte, aber legale Weise unter den Nagel reißt. Ihre gut geölte Maschinerie setzen Marla und ihre Geschäftspartnerin und Liebhaberin Fran mit brutaler Effizienz auch bei ihrer neuesten „Eroberung“ Jennifer Peterson ein – einer schwerreichen Seniorin, die keine lebenden Verwandten oder Erben hat.
Als jedoch herauskommt, dass auch Jennifer ein ähnlich fragwürdiges Geheimnis mit sich herumträgt und Verbindungen zu einem unberechenbaren Gangster pflegt, muss Marla einen Gang höher schalten, um in einem Kampf unter Widersachern bestehen zu können, der weder fair noch ehrlich abläuft…
»Es begann, als ich in den Nachrichten Berichte über räuberische Vormünder sah, die das System ausnutzen und ihre Schützlinge ausplündern«, erzählt Regisseur J Blakeson. »Und ich war entsetzt. Stellen Sie sich vor, Sie öffnen eines Tages Ihre Tür und da steht eine Person und hält ein Stück Papier in der Hand, das ihm totale rechtliche Macht über Sie gibt. Diese Vorstellung machte mir Angst – und schien gerade jetzt sehr relevant. Es passte zu den Themen, die mich interessieren – Themen über die Macht der Autorität, über Menschen gegen Profit, Kontrolle gegen Freiheit, Menschlichkeit gegen Bürokratie. Es erinnerte mich an Kafkas „Der Prozess“. Ich wusste, dass ich das erforschen musste.«
Ein Krimi über Abzocke von Alten – klingt erstmal nicht nach einem Film, den man unbedingt sehen möchte. Doch J Blakeson schafft es, alle Facetten dieser Gaunerei aufzuzeigen und daraus eine spannende Geschichte aufzubereiten. Und Dank Rosamund Pike, die die Kühle dieser Marla Grayson in die Augen und Ohrender Zuschauenden mit einer beängstigenden Vehemenz zu transportieren vermag, sitzt man entweder Fingernägel kauend oder unendlich aufgebracht davor und weiß irgendwie nicht so recht, für wen man letztendlich mitfiebern soll.
Natürlich, wer bereits selbst ein Familienmitglied ins Altersheim „abgewickelt“ hat oder dieses planen sollte, der empfindet sofort eine große Menge Abscheu gegenüber diesen Gaunern – was ja auch durchaus logisch ist. Doch als Marla und Konsorten feststellen, dass Jennifer Peterson nicht die zu sein scheint, die sie zu sein vorgibt, dreht sich das Blatt und plötzlich sind die Gauner diejenigen, die sich in die Enge getrieben fühlen. Plötzlich ist einer böser und durchtriebener als der andere, und (zumindest bei mir verhielt es sich so) man fühlt sich zu der Person hingezogen, die am wenigsten böse ist – Mitläuferin Fran, Marlas Geliebte (Ja, im Hinblick auf die neuen Oscar®-Regelungen gibt es auch hier Diversitätenhäkchen), die sich um die logistischen Dinge des Unternehmens kümmert und für Marla diejenige ist, die sagt: Hey, hier sollten wir einen Schlussstrich ziehen!
Marla macht von Anfang an klar, dass sie keine Angst vor Männern hat – was sie nicht nur zu Beginn beim aufgebrachten Sohn der letzten „Kundin“ beweisen konnte, sondern auch als sie letztlich auf den untergetauchten Gangster trifft. Peter Dinklage (spätestens seit Game of Thrones allen ein Begriff) in dieser Rolle zu besetzen, war vielleicht nicht ganz so glücklich, da er rein physisch nicht so wirklich Angst einflößt, aber auch schauspielerisch eher wie eine Karikatur seiner Rolle wirkt.
Womit wir beim Manko des Films sind: Er wird u.a. als Komödie eingestuft. Dabei ist er höchstens am Rande ansatzweise (gewollt?) unfreiwillig komisch oder bezieht einen leicht satirischen Unterton. »Er ist lustig, aber ohne auf die Lacher zu setzen – man spielt einfach die Realität der Szene, und es liegt am Publikum, ob es das amüsant findet oder nicht«, beschreibt Peter Dinklage.
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Es ist ein wahrer Horrorfilm für alle, die ihre Familie lieben, wie auch für alle, die allein sind und dieser Lebensabschnitt bevorsteht. Es ist aber auch ein Horror, dass der Film scheinbar nie enden solle, denn bis zum wirklichen Ende, das hier nicht verraten wird, findet Marla immer wieder einen Ausweg aus ihrer jeweiligen Klemme! Der Film ist auf jeden Fall aufwühlend, aufregend, beängstigend und vor allem bis ins kleinste Detail clever durchdacht. Er verdient es, gesehen zu werden, und vielleicht nimmt der eine oder andere eine Botschaft mit.

12.03.2021 | mz | Quelle: Netflix
Kategorien: Feature | Filme