Sonntag, 19. September 2021
Pieces of a Woman
Das Bostoner Paar Martha und Sean steht kurz davor, Eltern zu werden. Doch ihr Leben ändert sich radikal, nachdem die geplante Hausgeburt in einer Tragödie endet. Damit beginnt für Martha eine jahrelange Odyssee, in der sie nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit den stark belasteten Beziehungen zu Sean und ihrer dominanten Mutter fertig werden muss. Darüber hinaus muss sie sich der von der Öffentlichkeit verleumdeten Hebamme vor Gericht stellen.
Pieces of a Woman begann seine Reise auf die Leinwand im Jahr 2017, als die gefeierte ungarische Dramatikerin und Drehbuchautorin Kata Wéber mit dem Schreiben von Figurenskizzen und Dialogfetzen zwischen einer Mutter und ihrer erwachsenen Tochter begann, die sich um die unfassbare Tragödie des Verlusts eines Kindes drehen. Die Szenen, die in Fragmenten geschrieben wurden, wuchsen schließlich nach Ermutigung von ihrem Ehemann und häufigem Mitarbeiter, dem Regisseur Kornél Mundruczó, zu einem Theaterstück heran.
»Ich sah diese Notizen in Katas Notizbuch, in denen sie eine Beziehung zwischen einer Mutter und einer Tochter beschrieb. Sie waren wirklich stark und ich las einige ein paar Seiten, bevor ich dachte: Worüber redet Kata da nicht mit mir?«, sagt der Regisseur. »Wir hatten eine Erfahrung, die nicht so tragisch war wie die im Film, aber wir mussten uns einem eigenen Verlust stellen. Und ich erkannte, dass wir nicht darüber sprachen. Schließlich fragte ich Kata: „Können wir das größer machen? Können wir daran arbeiten?“«
»Als ich zu schreiben begann, hatte ich dieses tiefe Gefühl der Sehnsucht nach demjenigen, den ich verloren hatte, und ich fühlte, dass dieses Material mich irgendwie rief, aber auf eine Weise, die mir nicht klar war«, sagt die Autorin, die begann, den Gesprächsbedarf rund um das Thema Trauer zu erkennen – speziell in Bezug auf den Verlust eines Kindes.
»Ich hatte das Gefühl, dass wir selbst im 21. Jahrhundert nicht in der Lage sind, damit als Gesellschaft umzugehen. Wir sind erschüttert, wenn wir über das Thema sprechen, es fühlt sich tabu an. Ich wollte mich damit auseinandersetzen, und ich spürte eine Sehnsucht, darüber zu schreiben, was für mich selten ist, weil ich normalerweise sehr analytisch bin. Ich schreibe keine so persönlichen Geschichten wie diese.“
Das Ehepaar schrieb und inszenierte „Pieces of a Woman“ schließlich für die Bühne. Das Stück wurde im Dezember 2018 im TR Warszawa in Warschau, Polen, uraufgeführt. Die Geschichte über eine Frau an der Schwelle zur Mutterschaft, die ihr Kind bei einer schief gelaufenen Hausgeburt verliert, wurde in zwei Akte unterteilt: Der erste Akt schildert die Hausgeburt und der zweite Akt ein Familienessen, das in Konfrontation und Schuldzuweisungen explodiert. Obwohl beide der Meinung waren, dass das Stück für sich genommen ein starkes Werk ist, glaubten sie, dass dass der Stoff und die Themen, die die Geschichte berührt, eine weitere Erforschung verdienen.
Die Filmadaption feierte ihre Premiere bei den 77. Internationalen Filmfestspielen von Venedig im September 2020, wo sie von Zuschauern aus aller Welt gelobt wurde, den Volpi-Pokal für die beste Darstellerin für Vanessa Kirby erhielt und in Martin Scorsese einen Meister fand, der sich dem Film als ausführender Produzent anschloss, nachdem er eine frühe Fassung des Films gesehen hatte.
»Pieces of a Woman war eine tiefe und einmalig bewegende Erfahrung«, sagt der legendäre Regisseur. »Ich war von der ersten Szene an gefühlsmäßig eingebunden und die Erfahrung wurde im Verlauf des Films noch intensiver, während ich zusah. Ich war von der filmischen Umsetzung und der Arbeit einer großartigen Besetzung gefesselt, zu der auch meine alte Kollegin Ellen Burstyn gehört.
Man hat das Gefühl, in den Wirbel einer Familienkrise und eines moralischen Konflikts mit all seinen Nuancen geraten zu sein, die mit Sorgfalt und Mitgefühl, aber ohne Urteilsvermögen herausgearbeitet wurden. Kornél Mundruczó hat einen flüssigen, eindringlichen Stil mit der Kamera, der es schwer macht, wegzuschauen, und unmöglich, sich nicht darum zu kümmern.«
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Pieces of a Woman wurde in Montreal, im kanadischen Bundesstaat Québec, von Dezember 2019 bis Januar 2020 gedreht. Bemerkenswert ist, dass die Dreharbeiten mit der erschütterndsten Szene des Films begannen: der Hausgeburt. Kornél Mundruczó und Kameramann Benjamin Loeb entschieden sich dafür, die ausgedehnte, 24-minütige Szene in einer einzigen Einstellung zu drehen.
Der sehr ambitionierte Ansatz sollte dem Zuschauer[m/w/d] helfen, die Bandbreite der Gefühle, die Martha während der Entbindung erlebt, nachzuempfinden – ihr Hochgefühl über die der bevorstehenden Ankunft ihres Kindes, ihre Sorge, als die erwartete Hebamme nicht anwesend sein kann, die Schmerzen bei der Geburt selbst und ihre Angst, als sie zunehmend um das Wohlergehen ihres Babys fürchtet. »Man muss in diesem Moment bei ihr sein«, sagt der Regisseur. »Ihr Problem ist unser Problem. Ich wollte keine Distanz zwischen ihr und dem dem Publikum.«
Sowohl der Regisseur als auch der Kameramann lehnten die Idee einer Handkamera für die Szene ab, da sie der Ansicht waren, dass dieses Vorgehen bereits viel zu oft verwendet worden war. Stattdessen entschied sich Benjamin Loeb, die Sequenz mit einem Gimbal* zu filmen, den er selbst bediente. Und die Ausrüstung ermöglichte es ihm, den Schauspielern[m/w/d] von Raum zu Raum in der Erdgeschosswohnung in Montreal zu folgen, die gleichzeitig Marthas und Seans bescheidener Wohnsitz war.
»Wir haben einen Weg gefunden, der weniger mechanisch und menschlicher wurde«, sagt der Kameramann. »Die Kamera, um spirituell zu sein, befand sich immer ein bisschen unter den Schauspielern – eine Perspektive, die hypothetisch dem Geist eines Menschen ähneln könnte, der sich auf andere Weise bewegen würde.«
Der Moment, in dem Martha ihren Gefühlen freien Lauf lässt, kommt während einer heftigen Konfrontation mit ihrer Mutter bei einem Familientreffen, das Monate nach der Szene mit der Hausgeburt stattfindet. Wie die erste Szene wurde auch die neunminütige Szene beim Familienessen so gedreht, dass sie wie eine Aufnahme aussieht, wobei die Kamera fast ausschließlich Martha folgt.
Vanessa Kirby wurde oft aufgefordert, Marthas Geisteszustand wortlos darzustellen, wobei Aspekte der Rolle an stille Darbietungen grenzten. Sie ist Zeugin der Handlungen ihrer Mitmenschen, kann sich aber nicht auf sie einlassen. Ihre Wunden sind einfach zu unverarbeitet, um sie freizulegen.
»Ich musste mich wirklich in die Denkweise von jemandem hineinversetzen, der das Gefühl hatte, dass sie bei der einen Sache versagt hatte, bei der sie eigentlich nicht hätte versagen sollen«, sagt die Schauspielerin. »Ich wollte schreien und meine Gefühle rauslassen, und stattdessen musste ich mir sagen, dass ich überhaupt nicht dorthin gehen soll, weil sie es nicht tat. Es ist unglaublich schwierig, das zu überleben. Du fühlst dich gefangen und so unglaublich allein.«
Für Elizabeths Monolog, sagt Ellen Burstyn, habe sie Druck verspürt, ihn mit perfekter Überzeugung vorzutragen. »Es war ein sehr angespannter, sehr schwieriger Tag. Es gab keinen Raum für Fehler«, erinnert sie sich. »Dann, kurz bevor sie meine Nahaufnahme drehten, sagte Vanessa zu mir: „Lass mich vor Gericht gehen!“ Es war ein wundervolles Stück Regiearbeit, denn ich drehte die Szene und kam zum Ende, aber ich wusste, dass ich sie nicht überzeugt hatte, vor Gericht zu gehen.
Also machte ich weiter. Und der Rest der Rede kam mir aus dem Stegreif. Ich sagte: „Sprich deine Wahrheit!“, all das war einfach improvisiert. Ich hörte auf, als ich wusste, dass ich es ihr klar gemacht hatte und sie wusste, dass ich es ernst meinte. Es war ein schauspielerischer Moment zwischen zwei Menschen, die in derselben Situation waren. Ich konnte sie fühlen und sie konnte mich fühlen.«
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Am Ende geht Martha vor Gericht. Die Rede im Gerichtssaal, sagt Kata Wéber, war die schwierigste Dialogpassage, die sie je für den Film schreiben musste. Sie wusste von Anfang an, dass sie wollte, dass Martha die Idee ablehnt, irgendwie für ihre Tragödie entschädigt zu werden. »Es ist so wichtig, dass man in jedem Konflikt nicht nach einer Entschädigung sucht«, sagt die Autorin. »Eine Entschädigung führt immer zu einem neuen Konflikt. Martha will das nicht. Das ist die Saat des Friedens.«
»Es ist ein Glück, einen Film zu sehen, der einen überrascht«, sagt Martin Scorsese. »Es ist ein Privileg, ihm zu helfen, das breite Publikum zu finden, das er verdient.«

11.02.2021 | mz
Kategorien: Feature | Filme