Samstag, 23. Oktober 2021
No Time to die
James Bond hat keine Zeit zu sterben.
📷 Nicola Dove - © Danjaq, LLC | MGM
Sechs Jahre mussten die Fans auf den Jubiläums-Bond warten, ein Jahr davon pandemiebedingt, denn ein James Bond gehört ins Kino – so auch die 25. und zugleich letzte Mission des von Ian Fleming kreierten Geheimagenten im Auftrag Ihrer Majestät. James Bond hat seine Doppel-Null-Lizenz zum Töten im Auftrag des britischen Geheimdienstes abgegeben und genießt seinen Ruhestand mit Madeleine Swann an den schönsten Orten der Welt.
Doch schon bald wird ihr idyllisches Beisammensein brutal gestört, als James am Grab seiner verstorbenen großen Liebe Vesper Lynd in Italien durchgerüttelt wird. Da Madeleine zudem noch Geheimnisse vor ihm hat, befürchtet er, dass sie ihn verraten haben könnte. Erst nach vehementer Versicherung, dass sie damit nichts zu tun gehabt hatte, fasst sich James ans Herz und steckt sie in einen Zug, um sie nie wiederzusehen – aus Sicherheitsgründen.
Fünf Jahre später finden wir ihn in Jamaika wieder. Die friedliche Zeit nimmt ein unerwartetes Ende, als sein alter CIA-Freund Felix Leiter auftaucht und ihn um Hilfe bittet. Ein bedeutender Wissenschaftler ist entführt worden und muss so schnell wie möglich gefunden werden. Was als simple Rettungsmission beginnt, erreicht bald einen bedrohlichen Wendepunkt, denn James Bond kommt einem geheimnisvollen Gegenspieler auf die Spur, der im Besitz einer brandgefährlichen neuen Technologie ist…
Keine Zeit zu sterben ist ein Bond-Film, der zum 25. Filmjubiläum noch einmal alle Register zieht. Es ist der längste Film (auch wenn die 2¾ Stunden so gut wie keine Längen haben) und hat noch einmal alles drin, was das Bond-Herz höher schlagen lässt: Bond im Anzug mit schöner rückenfreier Begleitung (übrigens seine Kollegin Ana de Armas aus Knives out, die hier alle Register und die Männerherzen an sich zieht und eigentlich eher der Doppelnull würdig scheint als Lashana Lynch), Wodka Martini – geschüttelt, nicht gerührt, jede Menge halsbrecherische, unglaubliche Stunts, natürlich auch den Aston Martin und technisch eingebaute Spielereien von Q.
Es gibt auch ein Wiederhören von Louis Armstrongs „We have all the time in the world“ aus dem 1969er Bond Im Geheimdienst Ihrer Majestät mit George Lazenby, das auch als Leitthema der Abschlussgeschichte dient. Hans Zimmer hat hier mal wieder großartige Arbeit geleistet, die musikalische Tonspur zu komponieren und adaptieren. Und für das untypische Ende eines Bond-Films wird man kurz vorher mit einer ganz besonderen Einstellung belohnt: James Bond posiert erstmals im Film wie in seinem Filmlogo!
Zudem gibt es in diesem Film erstmals einen Prolog, in dem die Hauptfigur lange Zeit nicht vorkommt, da wir zunächst Madeleines Kindheitstrauma beiwohnen. Wenn James Bond das erste Mal zu sehen ist, befinden sich er und Madeleine in Matera, einer steinernen Stadt in den Bergen Süditaliens. Dem Produzenten der Filmreihe, Michael G. Wilson, zufolge stand immer fest, dass die Handlung mit der Beziehung zwischen James und Madeleine weitergehen würde. »Die Frage war nur, zu welchem Zeitpunkt«, sagt dieser.
Seine Mitproduzentin Barbara Broccoli erklärt: »Wir diskutierten, wie wir diese Liebesgeschichte fortsetzen und dabei gleichzeitig die Themen vertiefen könnten, die im Laufe der Daniel Craig-Filme so zentral geworden waren.«»Keine Zeit zu sterben musste eine kraftvolle Erzählung zu ihrem Ende bringen und viele offene Fragen beantworten«, ergänzt der Hauptdarsteller. »Ich denke, wir haben es geschafft, genau diese Geschichte zu erzählen und wirklich alles abzurunden.«

Die Länge des Films ist natürlich hauptsächlich der Tatsache zuzuschreiben, dass wir mit Madeleine Swann quasi eine zweite Hauptfigur haben, dessen Hintergrundgeschichte erzählt werden muss, da diese sich über den ganzen Film ausstreckt. Um diesen Aspekt näher zu beleuchten, überredete Daniel Craig die Produzenten, die Autorin und Schauspielerin Phoebe Waller-Bridge zum Drehbuchteam hinzuzufügen, die nicht nur ihren ganz eigenen Ansatz für Figuren und Geschichte mitbrachte, sondern außerdem aktiv aufrechterhielt, was Barbara Broccoli als Bonds »essential Britishness« beschreibt.
Allerdings konnten auch die vier Autoren nicht alles glaubwürdig in Szene setzen. Ausgerechnet die revolutionäre Technik wurde nicht tiefgründig genug ausgefeilt – vermutlich, damit die damit verbundenen Handlungen besser zum Drehbuch passen.
Außerdem mussten nochmal alle Figuren, mit denen Daniel Craigs Bond eine tiefere Verbindung einging, irgendwie erwähnt werden. Judi Dench hat sogar nochmal einen Gastauftritt in einem Video! Auch die Bösewichte sind in der klassischen Vorspannmontage noch einmal kurz zu sehen. Das Titellied stammt diesmal von Billie Eilish und ihrem Bruder Finneas, aber, wie schon Sam Smith bei Spectre, schaffen die Interpreten es nicht, mit ihrer Gesangsstimme die Dynamik der Musik auszufüllen. Klang Sam Smith bei „Writings on the Wall“ fast wie Mickey Mouse, quängelt sich hier Billie Eilish durch die sonst gelungene Montage. Aber immerhin ist diesmal wieder der Filmtitel auch der Liedtitel – eine weitere Tradition, die mit den Bond-Filmen in Verbindung gebracht wird.
Es gibt jedoch noch (abgesehen vom Ende) eine Neuerung: Nach dem Ausstieg von Danny Boyle als Regisseur, wandten sich die Produzenten an Cary Joji Fukunaga, der mit seiner Anthologie-Serie True Detective zu Weltruhm kam. Er ist somit der erste Amerikaner, der bei einem Bond-Film Regie führte. Das erste Mal kam der Regisseur in Kontakt mit den Bond-Abenteuern, als er 1985 in seinem örtlichen Kino Roger Moores Abgesang Im Angesicht des Todes sah, wie er sich erinnert: »Ich weiß noch, dass ich das Finale auf der Golden-Gate-Brücke geliebt habe. Es war, als wäre Bond in meine Welt übergetreten. Es war einfach ein cooler Film mit einem tollen Roger Moore
Die Filmemacher sind bis heute extrem stolz auf das, was sie über die letzten fünf Filme hinweg geschaffen haben. »In diesen Filmen hat Daniel Bond viel Menschlichkeit verliehen und einen echte Figur geschaffen«, schließt Michael G. Wilson. »Das ist es, was er in die späteren Filme mitbringt. Er hat diese Figur weiterentwickelt und mitgestaltet. Mit seiner Beharrlichkeit, seinem Verständnis und seinem immensen Talent hat Daniel Craig eine absolut einzigartige Version von James Bond geschaffen.«
»Wenn ich kurz innehalte und darüber nachdenke, was wir im Laufe von fünf Filmen erreicht haben, ist das wirklich ungemein emotionell«, gibt Daniel Craig abschließend zu. »Das waren fast 15 Jahre meines Lebens! Und ich hatte das Gefühl, Keine Zeit zu sterben müsste eine große Geschichte zu Ende erzählen und viele lose Enden verknüpfen. Ich glaube, das haben wir getan. Ich bin ungemein stolz auf diesen Film und ungemein stolz auf die gigantische gemeinschaftliche Arbeit, mit der ein Bond-Film entsteht. Es war mir eine Ehre, nur ein kleiner Teil davon zu sein.«
Jetzt darf man gespannt sein, was sich die Produzenten für die Zukunft einfallen lassen. Immerhin steht nach dem Abspann tatsächlich erneut „James Bond kommt wieder“ – wie und warum bleibt dabei offen. Keine Zeit zu sterben ist jedenfalls ein grandioser Abschluss mit einem zähen Bösewicht, überraschenden Wendungen und erstaunlich vielen Gefühlen. Bond war noch nie menschlicher und verwundbarer als mit Daniel Craig. Das zu toppen, wird schwierig sein. Da sollte auf jeden Fall eine Menge Zeit ins Land gehen…

04.10.2021 | mz
Kategorien: Feature | Filme