Donnerstag, 20. Januar 2022
Gunpowder Milkshake
Sam und Emily
© STUDIOCANAL
Vor Jahren musste Profimörderin Scarlet ihre geliebte Tochter Samantha zurücklassen, um vor ihren gnadenlosen Feinden in den Untergrund abzutauchen. Inzwischen ist Sam als knallharte Assassine in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Als ein Auftrag außer Kontrolle gerät und ein unschuldiges Mädchen in die Auseinandersetzung hineingezogen wird, muss auch Sam untertauchen und trifft dabei auf keine Geringere als ihre Mutter. Gemeinsam mit Scarlets ehemaligen Weggefährtinnen, die nur darauf gewartet haben, ihre tödlichen Talente wieder einmal unter Beweis zu stellen, setzen die beiden Kämpferinnen alles daran, ihre Widersacher in die Knie zu zwingen und jene zu beschützen, die sie lieben…
Der aus Israel stammende Regisseur Navot Papushado hatte sich nach seinen Überraschungs-Slasher-Hits Rabies (2010) und Big bad Wolves (2013) mit Berlin angefreundet und präsentiert uns nun in seiner ersten englischsprachigen Produktion eine Hommage an all seine Vorbilder, seien es die Coen-Brüder, Quentin Tarantino, Spaghettiwestern (ganz groß die Bowlingnummer, die Ennio Morricones Für eine Handvoll Dollar zitiert), Michael Mann oder Jackie Chan.
Wie schon in seinen vorangegangenen Werken vermischt er auch hier Gewalt mit Humor. Bester Beweis dafür sind die Kämpfe zwischen Sam und den „drei Stooges“ in der Bowlinghalle und im Flur beim „Zahnarzt“. Dass es dabei recht blutig zugeht, ist dabei selbstverständlich, genauso wie das lange Aushalten der Prügel. »Wenn die Gewalt der Gewalt wegen stattfindet, kann es etwas nihilistisch werden, aber wenn man sie durch Komödie hindurch filtert und ihre Absurdität zeigt, dann geht es nicht mehr darum, die Anatomie der Brutalität darzustellen. Vielmehr geht es um eine überhöhte Wirklichkeit, es geht um Unterhaltung und darum, wie wir Gewalt wahrnehmen«, erzählt der Filmemacher.
Die Schauspielerinnen, die die meisten ihrer Stunts selbst machten, durchliefen eine harte Trainingszeit, während der sie die Choreografie der Kämpfe lernten. So wie der Rest der Besetzung wurde Karen Gillan dabei auf Herz und Nieren geprüft, wie sie sich erinnert: »Es war körperlich anstrengend und die Kampfsequenzen hatten viele Feinheiten. Ich musste in nur drei Wochen viel trainieren, also haben wir wirklich einiges hineingequetscht, aber das Stuntteam ist so unglaublich, dass alles geklappt hat. Es gab außerdem sehr viel Waffen- und Pistolenarbeit. Es ist ein gewalttätiger Film. An einem Punkt kämpfte ich mit einem Goldbarren, was für mich persönlich ein echter Höhepunkt war. Ich meine, wann macht man das schon im Leben?!?«
Der Schusswechsel im Diner, der den Film abschließt, stellte Produzent Laurent Demianoff vor die größte Herausforderung: »Wir drehten die Szene mit 240 Bildern pro Sekunde, was bedeutet, es gibt keinerlei Spielraum für Fehler, denn da alles so langsam passiert, sind die sofort zu sehen. Das Timing musste ungemein präzise sein. Das hieß, die Agierenden mussten die Kamera beobachten, die hier das Signal für die Action darstellte. Normalerweise folgt der Kameramann der Action, doch in diesem Fall führte er sie an. Das bedeutete, die Schauspielerinnen, das 25-köpfige Stuntteam und die Spezialeffekte mussten alle aufeinander abgestimmt sein – und das war eine echte Herausforderung. Es war ein bisschen gruselig, aber wir haben es geschafft.«
Produzent Andrew Rona ergänzt: »Diese Szene erforderte mehrere Wochen Vorbereitung. Es war eine einzige Einstellung, und wir haben sie über drei Tage hinweg gedreht. Es war die bei Weitem befriedigendste Szene des Films. Als wir uns alle vor dem Videomonitor versammelten und zusahen, brachen 50 Leute spontan in Applaus aus! Es war fantastisch, dass sich all die harte Arbeit auszahlte und auf so spektakuläre, unterhaltsame und einzigartige Weise auf den Bildschirm gebannt war. Man muss das Publikum mit der Aktion visuell begeistern und ihm etwas Neues bieten – und ich hoffe, das haben wir getan.«
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Einen großen Anteil am Gelingen dieses Unterfangens war sicher auch die visuell stylische Kameraführung von Michael Seresin, der von Fame über Rambo und Harry Potter auch bei den letzten Planet der Affen-Filmen die Linsen aussuchte. »Er ist ein wahrer Künstler«, schwärmt Navot Papushado. »Er malt mit Licht. Mit jemandem arbeiten zu können, den ich so sehr bewundere, war eine Erfahrung, die mich demütig gemacht hat.«
Gedreht wurde an Originalschauplätzen in Berlin sowie in den Filmstudios Babelsberg, wo das Team zwei riesige Kulissen baute: die Replik eines American Diners der 1950er Jahre und die Bibliothek, die die Mörderinnen als Hauptquartier nutzen. »Berlin war einfach perfekt für diese Vision«, schwärmt der Regisseur weiter. »Einerseits gibt es dort all diese historischen Gebäude, andererseits unzählige Monumentalbauten aus der Zeit des Kalten Krieges. Neben diese Originalschauplätze setzen wir das Diner und die Bowlingbahn, beides typisch US-amerikanische Institutionen. Wir begannen also mit einer Mischung aus Orten und Stimmungen und von dort ausgehend bauten wir dann den Rest unseres Stils auf – von den Kostümen über die Autos bis hin zu den Requisiten und den spezifischen Looks der jeweiligen Figuren. Alles war von verschiedenen Genres und Perioden inspiriert.«
Großes Lob gehrt hier auch an den Komponisten Frank Ilfman, der hier verschiedene Stile zu einer retro-modernen Tonspur zusammengemischt hat. »Weil dieser Film so viele verschiedene Genres und so viele Ideen mischt, war die Musik von Anfang an als Klebstoff gedacht«, berichtet Navot Papushado. »Das Gleiche hat schon bei Big bad Wolves funktioniert sowie in meinen Augen jedes Mal, wenn ich solche Genrekombinationen sehe. In meinen ersten Gesprächen mit unserem Komponisten Frankie sagte ich, dass ich die Westernstimmung von Ennio Morricone, den italienischen Chic von Stelvio Cipriani und die brutale Spannung von Bernard Herrmann im Kopf hatte. Das Endergebnis ist Western gemischt mit italienischem Retrochic und der Intensität eines Bernard Hermann, plus ein elektronischer Sound, der von Frankie selbst kam.«

Alles Licht wirft auch Schatten – so auch hier. So zieht sich der Film nach dem vermeintlichen Showdown in der Bibliothek bis hin zum eigentlichen Abschluss der Geschichte. Auch hätte etwas mehr Komplexität der Nebenfiguren nicht geschadet. Dadurch bleibt der Film bei allem „Spaß“ ein etwas überdurchschnittlicher Freitagabend-Popcorn-Film mit viel bösem Aua, der äußerst cool wirkt, man als Berliner so einige Orte wiedererkennt, der aber auch so einiges an Pep vermissen lässt.

17.12.2021 | mz
Kategorien: Feature | Filme