Samstag, 16. November 2019
Stan & Ollie

 

Stan Laurel und Oliver Hardy, das beliebteste Komikerduo der Welt, befinden sich 1953 auf einer Tour durch Großbritannien. Ihre besten Jahre als die „Könige der Hollywood-Komödie“ haben sie hinter sich gelassen, sehen sich mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert. Zu Beginn ihrer Tour kreuz und quer durchs Land sind die Zuschauerränge enttäuschend leer. Doch durch ihr Talent, sich immer wieder gegenseitig zum Lachen zu bringen, beginnt der Funke auf ihr Publikum überzuspringen. Durch den Charme und die Brillanz ihrer Aufführungen, alte Fans zurückzugewinnen und neue zu begeistern, gelingt es ihnen: Die Tour wird zu einem Riesenerfolg! Doch die Geister ihrer Vergangenheit holen sie ein und stellen Stan und Ollies Freundschaft auf eine Bewährungsprobe…
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Wer kennt sie nicht, die größten Komiker des vorigen Jahrhunderts? Es gibt vermutlich neuere Generationen, die zwar den Begriff „Dick & Doof“ kennen, aber die Filmchen des Duos Stan Laurel und Oliver Hardy nie gesehen haben. Ich muss zugeben, ich bin mit Dick & Doof großgeworden, allerdings mit den Wiederholungen von Filmausschnitten durch die TV-Serie Väter der Klamotte, in der sich Laurel & Hardy mit Charlie Chaplin, Charley Chase, Snub Pollard, Billy Bevan, Ben Turpin, Larry Semon und anderen Stars der Stummfilmära die buchstäbliche Klinke in die Hand gaben.
Stan & Ollie traten zwischen 1927 und 1950 in über 107 Filmen auf, in denen sie mit ihrem ansteckenden Charme und brillanten Gags, die mühelos erschienen, aber bis ins kleinste Detail ausgearbeitet waren, den komödiantischen Paarauftritt definierten. Das Duo gehörte zu den wenigen Filmstars, die das Stummfilmzeitalter überlebten und in die Tonfilmära eintauchten, wo sie ihr geniales Slapstick-Repertoire um Wortspiele und Dialogwitze erweiterten.
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Und es ist erstaunlich: Die Witze und die Slapstick funktionieren zum Großteil noch immer! Das liegt nicht nur an der fulminanten Darstellung der beiden Komiker durch ihre zeitgenössischen Kollegen John C. Reilly und Steve Coogan, die den beiden nicht nur durch die großartige Maske ähneln, sondern sich auch stimmlich fast haargenau so anhören, auch wenn hierzulande die Originalstimmen nicht so geläufig sind. Es liegt auch größtenteils an der Präzision und Komik, mit der Stan Laurel die Nummern des Duos verfasste. „Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber ein Stift muss geführt werden“, witzelt Stan in dem Film Laurel und Hardy: Glückliche Kindheit.
So kommen gleich zu Beginn des Films Erinnerungen hoch, wenn die beiden bei den Dreharbeiten zu Dick und Doof im Wilden Westen ihre kultige Tanznummer vor dem Saloon zum Besten bringen oder später die Gesangsnummer des Films „The Blue Ridge Mountains of Virginia“. Shirley Henderson, die Ollies Ehefrau Lucille spielt, erinnert sich an das erste Mal, als sie ihre Schauspielerkollegen in vollem Kostüm und Maske sah:
»Es war einfach umwerfend. Ich sah sie zuerst beim „Blue Ridge Mountains“Song, als Olli Stan mit einem Hammer über den Kopf schlägt und so. Nina und ich waren hinten im Zuschauerraum. Unsere Figuren sollten sitzen und später sollten wir heimlich zusehen, was die beiden so anstellen. Aber wir saßen den ganzen Tag da und beobachteten, wie sie das aufführten, und es war wirklich, als wären da Laurel und Hardy. Es war phänomenal, dass sie das einfach so konnten. Man erkennt offensichtliche kleine Hinweise in ihren Gesichtern, aber die Prothesen, die Stimmen und der Tanz waren einfach makellos. Es war unglaublich zu beobachten.«
Regisseur Jon Baird erinnert sich an das erste Mal, als er die beiden sah: »Es war völlig still. Ich dachte zunächst, da passt etwas nicht, aber nein. Die Leute waren einfach erstaunt, wie sie aussahen.« Nina Arianda bekam ihren ersten Blick auf das Paar während des Drehs einer Szene, in der Ida eine Aufführung beobachtet. »Ich vergaß für einen Moment, wo ich war«, wunderte sie sich. »Ich hatte das Gefühl, Laurel und Hardy in diesem Raum zu beobachten. Ich kann gar nicht sagen, wie magisch das war. An diesem Tag war ich völlig abgelenkt.«
Die gebürtige New Yorkerin hat ukrainische Eltern und spielt auch hier eine Osteuropäerin. Die Tony®-prämierte Schauspielerin mochte den Ansatz der Geschichte, das öffentliche dem persönlichen Leben gegenüberzustellen, sehr. Als Tänzerin in Hollywood verstand Ida Stans kreative Ambitionen und sein Bedürfnis, immer am Ball zu sein. Doch hinter ihrer Fassade verbargen sich viel Einfühlungsvermögen und eine Verletzlichkeit, die die Schauspielerin, die viele Zuschauende aus dem Film Florence Foster Jenkins oder der Serie Goliath kennen, sehr interessierte: »Ich fand sie wunderbar in ihrer Wärme und Kraft. Ich liebte es, dass sie diesen Mann so sehr verehrte. Bei der Recherche beeindruckte mich am meisten, dass das erste, was sie zu ihm hinzog, seine Einsamkeit war. Ich dachte, nur eine sehr besondere Frau fühlt sich von der Einsamkeit eines Mannes angezogen. Das war faszinierend.«
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Die Geschichte des Films beginnt 1937 in den Studios des damaligen Magnaten Hal Roach und lässt erstmal das Duo, speziell Stan Laurel, mit dem von Danny Huston gespielten hartgesottenen Produzenten anecken. Der Schauspieler verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Italien, so dass er das Komikerduo nur als italienische Synchronfassung „Stanlio e Ollio“ kannte: »Ich erinnere mich, dass ich als Kind nach London kam und entsetzt darüber war, dass die beiden Englisch sprachen«, lacht er. Hal Roach, der Zigarren kauende Studiochef, weigerte sich, den Beiden das zu zahlen, was sie eindeutig wert waren. Danny Huston erkennt neben den potenziell komödiantischen Qualitäten seiner Figur schnell, welche Bedeutung Roach in der Geschichte von Laurel und Hardy hatte.
»Man könnte auch sagen, er hat sie entdeckt«, sagt der Schauspieler, der nur zu Beginn des Films auftritt. »Sie waren beide als Schauspieler bereits unabhängig voneinander erfolgreich, aber er hatte das Genie, sie zusammenzubringen. Ich benutze das Wort „Genie“ leichtfertig, weil sie die eigentlichen Genies waren. Aber er nutzte sie aus. Er hatte ein scharfes Auge und erkannte, dass sie zusammen ein Triumph werden würden.«
»Es gibt niemanden, der Hollywood so kennt wie Danny Huston«, sagt Regisseur Jon Baird. »Er ist dort aufgewachsen. Er ist ein anziehender Typ und wir wollten, dass er dieser sehr dominante Studiochef wird. Er erzählte uns einige unglaubliche Geschichten über seinen Vater, John Huston, und auch einige Dinge, die damals so vor sich gingen. Es war großartig, ihn als Referenz dieser Zeit dabei zu haben.«
Um die Außenanlagen der Hal Roach Studios in ihrer Blütezeit nachzubilden, kannte die Produktion nur einen Standort in Großbritannien, der den Anforderungen entsprach: Pinewood Studios. Standortmanagerin Camilla Stephenson wusste, dass es nicht leicht sein würde, ein verfügbares Zeitfenster in den geschäftigen Pinewood Studios zu finden, um diese komplexe Szene aufzubauen: »Wir mussten am Sonntag kommen, weil wir buchstäblich Sturmtruppen vorbei ziehen ließen«, lacht sie. »Wir mussten eine Menge Dinge ändern, damit Pinewood funktionierte. Viele Produktionen halfen uns, indem sie ihre Ausrüstung aus dem Weg räumten und versteckten. Wir fragten das Team von Jurassic World, ob sie einen Container wegschieben würden, und sie sagten: „Es ist kein Container. Es ist ein Raptorkäfig!“«
»Das Set von Dick und Doof im Wilden Westen war dann in den Londoner Twickenham Studios, wo wir die Filmszene akribisch nachbildeten, in der sie im Salon ankommen und ihren berühmten Tanz aufführen«, sagt Szenenbildner JP Kelly. »Es hat Spaß gemacht, dieses Set zu kreieren. Da gibt es zwei Aspekte: zum einen die Saloon-Bar, in der die „Avalon Boys“ draußen sitzen und singen, und zum anderen wurde die Tanzszene mit einer Rückprojektion gedreht, was für diese Zeit erstaunlich war, und was die meisten Leute beim Filmschauen nicht bemerken. Wenn man jedoch genau hinschaut, sieht man eine klare Linie zwischen dem, wo sie stehen und der Projektion hinter ihnen.
Das Spannende an dieser Kulisse war, dass es dem Team gelang, genau die aufzuspüren, die im Originalfilm verwendet wurde! James Hunt, der für den Film die Recherchearbeit übernahm, spürte das Originalarchiv mit dem Laurel & Hardy-Material auf und wurde dort mit Jeff Goodman vernetzt, der bei Producers Library arbeitet. Jeff war unglaublich hilfreich, und es stellte sich heraus, dass er der Archivbearbeiter war, der dieses Material damals schon ins Lager brachte! Er wusste also genau, wonach wir suchten. Er schickte uns zunächst zwei Teile der ursprünglichen Kulisse, um sicherzustellen, dass es funktionieren konnte.«
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Ebenfalls in Twickenham kreierte das Team das Set für die Fantasiesequenz für Stan und Ollies nie gedrehte Robin-Hood-Komödie Rob’em good. »Wir haben einen seltsam aussehenden Sherwood Forest nachgebildet, um mit dem von Laurel und Hardy übereinzustimmen«, lacht JP Kelly»Es gab einen Fluss und unheimlich viel Grünzeug – ales völlig ungeeignet für einen Wald in den Midlands. Sobald man Schauspieler in Robin-Hood-Kostümen hinzufügt, sieht es so aus, als wäre man mitten in einem Technicolor®-Epos. Es war lustig. Wir bauten viele schöne und aufwändige Sets, aber jeder schwärmte am meisten von diesem Set. Es hat die Laurel-&-Hardy-Stimmung der Leute wirklich zum Kochen gebracht.«
Nachdem sich die beiden Komiker auseinandergelebt hatten, weil Ollie an seinen Vertrag mit Hal Roach gebunden war, ging es bergab mit derer Karriere, woraufhin sie letztlich, 16 Jahre später, wo die Hauptgeschichte des Films ansetzt, auf eine gemeinsame Tour durch Großbritannien gingen. Es ist 1953 in Newcastle, als das Duo wie in einem ihrer Filme ins Hotel eincheckt – Ollie am Thresen mit der Concierge redend und Stan, das gesamte Gepäck der beiden durch die Drehtür manövirerend. Auch sonst gibt es immer wieder Szenen im Film, in denen die beiden ihren Schabernack im wirklichen Leben weitertreiben, einfach nur, um die Leute zu erfreuen (und vielleicht auch, um zu proben).
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Drehbuchautor Jeff Pope gelangte über seine Recherchen an A.J. Marriots Buch „Laurel and Hardy – The British Tours“ von 1993, das die Tour dokumentiert. »Man hat diese wunderbare Vorstellung von zwei Typen, die einmal Showgiganten waren, und nun in kleinen Hotels wohnten und winzige Theater bespielten. Und dabei war ihnen nicht einmal bewusst, dass sie das alles aus Liebe zueinander taten«, sagt er. »Dieser Aspekt hat mich inspiriert, diesen Film zu schreiben. Es ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern.«
Steve Coogan gefiel dessen Ansatz sofort, die 35-jährige Beziehung der beiden durch das Prisma dieser Tournee zu betrachten: »Es ist sehr klug von Jeff, es so anzugehen, da bei Biografien häufig der Fehler gemacht wird, jemandes Lebensgeschichte chronologisch zu erzählen. Es ist besser, nur einen bestimmten Aspekt ihres Lebens zu beleuchten. Daraus kann man alles lernen. Man kann Menschen in nur einem Moment erfassen.«
Die Filmemacher beschlossen, den Film „Stan & Ollie“ zu nennen und nicht „Laurel & Hardy“, da sich die Geschichte auf die beiden Männer hinter den Kulissen konzentrierte. Das Drehbuch offenbart die wahren Persönlichkeiten hinter den Filmlegenden. Während Oliver Hardy meist vor der Kamera das Sagen hatte, war Stan Laurel der kreative Kopf der beiden. Er überblickte jeden Bereich ihrer Produktionen. Ollie ging nach den Dreharbeiten meist weg und spielte Golf. Der Film deutet auch an, dass die beiden zwar in ihren Filmen unzertrennlich waren, aber nach getaner Arbeit zunächst nur gute Arbeitskollegen. Jeff Pope beschreibt: »Sie standen sich nie wirklich nahe, bis sie diese anstrengende Tournee machten und Woche für Woche auf engstem Raum zusammenlebten. Die Prämisse des Films ist, dass sie sich im wirklichen Leben so nahe kamen wie im fiktiven Leben.«
In Jeff Popes Drehbuch steckten viele berührende Details über die zentrale Beziehung der beiden, z.B. schrieb Stan noch sieben Jahre nach ihrer Pensionierung Gags für das Paar. Steve Coogan war sich aber bewusst darüber, dass Stan & Ollie noch andere Facetten brauchte: »Ich wusste, der Film würde ergreifend und traurig und emotional sein. Meine Angst war: Würde er auch lustig genug sein? Man braucht auch Leichtigkeit neben den bewegenden Momenten, um Menschen zu begeistern. Man kann ein Publikum mit Komödie verzaubern.«
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Regisseur Jon Baird gelang mit Stan & Ollie ein bemerkensertes Stück Nostalgie, das nicht nur das wohl berühmteste Komikerduo aller Zeiten hinter den Kulissen zeigt. (Ein Stück Wehmut ist in Stans Gesicht zu sehen, als dieser nach dem Ende ihrer Auftritte an einem Filmplakat zu Abbott and Costello go to Mars vorbeigeht.) Man bekommt eine rührselige Geschichte über die Freundschaft zweier Männer serviert, die uns unterhält, zum Lachen und zum Weinen bringt. Es wird zwar nicht erläutert warum, aber Ollie wurde stets von Stan „Babe“ genannt, was der ganzen Beziehungsdynamik einen Schuss mehr Komik verleiht.
Entzückung ist ein Begriff, der oft verwendet wird, wenn über Stan & Ollie diskutiert wird. Für Jeff Pope ist das inspirierende Herzstück des Films die Szene aus Dick und Doof im Wilden Westen, ein simpler Moment zweier Männer, die nur aus reiner Freude tanzen. »Man sitzt einfach da und lacht darüber, wie sehr sie es lieben, zusammen zu sein und Spaß an so einfachen Dingen haben. Ich denke, deshalb werden sie immer noch so sehr geliebt. Wir schauen sie an und denken: ‚Weißt du was? Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Wir verkomplizieren heute alles zu sehr. Schaut dir die beiden an! Sie können so leicht glücklich sein.‘«

14.05.2019 | mz
Kategorien: Filme