Freitag, 30. Juli 2021
The United States vs. Billie Holiday
Ihre Stimme wird nicht schweigen
Billie Holiday auf der Bühne
📷 Takashi Seida | © capelight pictures | Paramount Pictures | hulu
Billie Holiday schafft es, sich durch ihr einzigartiges Talent aus der Armut und dem Elend ihrer Kindheit in Zeiten der Rassentrennung zu befreien. Und ihr gelingt noch viel mehr: Ab Mitte der 1930er Jahre gehört sie mit unverwechselbarer Stimme und außergewöhnlicher Bühnenpräsenz zu den erfolgreichsten Jazz- und Swing-Sängerinnen der Welt.
Der Regierung jedoch ist die (von Fans aller Hautfarben) gefeierte „Lady Day“ ein Dorn im Auge – nicht zuletzt wegen ihres Protestlieds „Strange Fruit“, der vom sinnlosen Lynchen schwarzer Amerikaner in den Südstaaten handelt. Weil sie trotz Verbots nicht aufhört, das Lied öffentlich zu singen, versuchen die Behörden, ihre Schwäche für Drogen und Männer gegen sie zu verwenden. Der schwarze Bundesagent Jimmy Fletcher soll sich ihr Vertrauen erschleichen und sie zu Fall bringen. Doch dann verliebt er sich in sie…
In seinem ersten Kinofilm nach Der Butler (2013) erzählt Lee Daniels in seinem Pseudo-Kammerspiel die Geschichte um die staatliche Unterdrückung der Sängerin durch das FBI, ihren Drogenkonsum und ihre Beziehung zu Jimmy Fletcher, der als verdeckter Ermittler für FBI-Direktor Anslinger die Sucht der Sängerin befeuern sollte, damit sie schließlich öffentlich verhaftet und ins Gefängnis gesteckt werden konnte.
Dabei legt er seinen Augenmerk auf das, was hinter den verschlossenen Türen geschah – die Drogenexzesse und die dekonstruierte private Billie Holiday, die vom Leben gezeichnet war. Immer wieder sieht man ihre Narbe auf der Brust, von der man nur erahnen kann, woher sie kam… Als Billie 1915 geboren wurde, waren ihre Eltern noch Jugendliche. Sie wuchs in Armut auf, mit ihrer Mutter, die in Baltimore als Dienstmädchen arbeitete und nicht genug verdiente, um für einen festen Wohnsitz zu sorgen.
Als Folge dessen verbrachte Billie als junges Kind viel Zeit bei der Halbschwester ihrer Mutter und ihren Schwiegereltern. Ihr Vater spielte währenddessen in Jazzbands. Nachdem sie im Alter von zehn Jahren vergewaltigt wurde, aber von den Gerichten als Prostituierte behandelt wurde, schickte man sie in ein katholisches Kloster, wo sie mitunter über Nacht in Räumen eingeschlossen wurde, in denen auch Leichen gelagert wurden.
Mit 14 Jahren wurde sie in New York in einem Bordell zur Prostitution gezwungen. Nachdem sowohl sie als auch ihre Mutter dort verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurden, begann Billie Holiday, die immer schon Musik geliebt hatte und in Baltimore Böden gewischt hatte, um Schallplatten hören zu können, sich der Musik zu widmen. Sie sang zunächst in Nachtclubs, bevor sie sich allmählich einen Namen machte.
Eine solche Rolle zu übernehmen, war kein leichtes Unterfangen – besonders für eine Sängerin, die bislang nur in Musikvideos oder Kurzauftritten in Cars 3 Evolution und Marshall mit Film zu tun hatte. So sehr Andra Day nun in ihrer ersten Rolle brilliert, so wenig sah sie sich zunächst selbst als Billie Holiday.
Sie hatte große Zweifel, die Richtige für den Part zu sein, und hoffte anfangs, Lee Daniels würde es sich noch einmal anders überlegen, nachdem seine Wahl auf sie gefallen war. Nicht zuletzt bereitete ihr die notwendige Verwandlung Kopfzerbrechen. Schließlich musste sie nicht nur rund 20 Kilo abnehmen, sondern auch sowohl ihre Sing- als auch ihre Sprechstimme verändern – ganz zu schweigen davon, dass es galt, all ihre eigenen Hemmungen zu überwinden.
»Ich spiele hier eine Frau, die Kette raucht, die unterschiedlichsten Drogen konsumiert und mit dutzenden Menschen ins Bett geht, Männer wie Frauen. Ich dagegen fluche nicht, nehme keine Drogen und trinke keinen Alkohol. Ich habe nicht einmal Sex!«, lacht Andra Day. »Aber nun musste ich also Stück für Stück ein bisschen dreister werden, ein bisschen mehr fluchen und ein wenig ungehemmter sein. Im Grunde habe ich mich zurück in meine frühen 20er versetzt und mir gestattet, alles zu sagen was ich fühle und denke, ohne mich zurückzuhalten oder schuldig zu fühlen. Ich habe nicht mehr darüber nachgedacht, was sich gehört, sondern einfach alles rausgelassen.«
Weil er mit Blick auf die mangelnde Schauspielerfahrung von Frau Day zunächst ein wenig besorgt war, schickte Lee Daniels sie zu seiner Freundin Tasha Smith, einer Schauspiellehrerin. Die Verwandlung, die seine Hauptdarstellerin mit ihrer Hilfe durchmachte, verblüffte ihn enorm: »Andra spielte nicht einfach, sie war plötzlich Billie Holiday. Sie musste gar nichts sagen, denn man spürte und sah alles ohne Worte – den Schnaps in ihrem Atem, die Kartoffelchips, die sie gegessen hatte, die Zigarette in ihrer Hand, den abgeblätterten Nagellack. Ich konnte es kaum glauben.«
Doch der Unterricht scheint Früchte davon zu tragen. Nicht ohne Grund erhielt Andra Day auch einen Golden Globe® und auch eine Oscar®-Nominierung für ihre Darstellung, denn sie spielt nicht nur die Königin des Blues, sie singt auch alle Lieder selbst. Um Billie Holidays künstlerische Kraft und Bühnenpräsenz wirklich zu vermitteln, war Livegesang vor der Kamera eigentlich die einzige Option. »Billie lebte ihre Wahrheit in jedem Moment«, sagt Lee Daniels. »Sie trug keinen einzigen Song jemals auf die gleiche Art und Weise vor. Sie war wie ein Instrument – eine Klarinette oder ein Cello, und hätte gar nicht gewusst, wie sie zweimal das gleiche hätte machen sollen.«
Und so ist natürlich auch der Aufhänger der Geschichte, das Lied „Strange Fruit“, das Andra Day nach etwa 90 Minuten a capella vorträgt, ein besonders dramatischer Moment voller Gefühle. Die Szene ist eine von wenigen, in denen sie in voller Lady-Day-Montur (mit Gardenie im Haar und allem Drum und Dran) ein Lied singt und eine der eindrucksvollsten des ganzen Films.
Sie ereignet sich, nachdem Billie selbst Zeugin eines Lynchmordes geworden ist. Lee Daniels lässt sie daraufhin eine Art metaphorisches Horrorhaus passieren, aus dem es eigentlich kein wirkliches Entkommen gibt, und aus dem sie am Ende als glamouröse Erscheinung, aber innerlich für immer vernarbt hervortritt. Ihre anschließende „Strange Fruit“-Darbietung ist geradezu schaurig – und klingt fast genauso, wie Billie Holiday das Lied tatsächlich gesungen hat. Wo auch immer sie mit dem Song auftrat, erbat sie sich völlige Stille.
»„Strange Fruit“ live zu singen, war für mich (als Billie wie als Andra) eine schmerzhafte Erfahrung, und gleichzeitig auf interessante Weise kathartisch«, berichtet Andra Day. »Wir haben einen Take nach dem nächsten gedreht. Und nach jedem setzte bei mir eine Erleichterung ein, so als hätte sich in mir etwas gelöst.
Diese Auftritte steigerten nochmals meine Wertschätzung für sie, für meine Eltern und alle, die bis heute für Veränderung kämpfen. Das Ganze war eine ziemlich surreale Erfahrung, die ich kaum beschreiben kann. Gleichzeitig schwierig und schmerzhaft, aber auch befreiend. Ich glaube nicht, dass ich etwas ähnliches noch einmal schaffen könnte. Aber ich werde diese Erfahrung auch ganz sicher nie vergessen.«

„Why not take all of me“ singt Billie Holiday. Andra Day hat alles gegeben und sollte dafür auch belohnt werden. Doch trotz ihrer 1A-Darstellung kann der Film an sich nicht so recht überzeugen, vor allem Trevante Rhodes als Jimmy Fletcher. Auch die Dialoge wirken teilweise irgendwie abgedroschen. Lee Daniels erzählt die Geschichte in verschiedenen Zeitebenen, bremst die Geschichte immer wieder aus und drückt am Ende auf schnellen Vorlauf. In Sachen Tempo und Spannung hätte man da sicher noch ein wenig mehr herausholen können. Der gut zwei Stunden lange Film wirkt zäh und ein wenig überladen. Das mag auch daran liegen, dass er zu 90% in Innenräumen spielt. Für Szenenübergänge hat man Originalaufnahmen aus jener Zeit eingefügt und mehr oder weniger gekonnt mit Bildfehler-Effekten in das Neumaterial eingemischt.
Es wurde zwar viel Liebe in die Details von Kostümen und Setdesign gesteckt, doch, wie so oft bei Biopics, reicht das allein nicht aus, um das Publikum zu fesseln. Vielleicht hätte Ryan Murphy die Geschichte schwungvoller erzählt, hat er doch schon so einige Produktionen mit ähnlich klingenden Titeln und Themen (zumindest für’s Fernsehen) preisgekrönt inszeniert.

22.04.2021 | mz
Kategorien: Feature | Filme