Montag, 4. März 2024
Frühling in Neapel
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Am Stadtstrand Santa Lucia, im Zentrum von Neapel, hat die Badesaison begonnen. Hierher kommen Menschen aus den umliegenden Vierteln, um ein erfrischendes Bad zu nehmen oder sich zu sonnen. Es wird geplaudert, gefischt, gesungen und geküsst, und so mancher verdient seinen Lebensunterhalt mit diesem einzigartigen Stadtbiotop, selbstverständlich im informellen Sektor. Der Strand ist aber auch Ausgangspunkt für eine filmische Expedition in die Stadt am Vesuv und in die persönliche Lebens-gestaltung einiger ihrer BewohnerInnen. Eine Hommage an das Leben, die Liebe und die Kunst zu überleben.
Betty Bee, eine in Neapel bekannte Künstlerin und schillernde Persönlichkeit mit Tiefgang, verbrachte ihre Kindheit in einer für Neapel typischen, ebenerdigen Gassenwohnung, die „Bassi“ genannt wird. Ihr Vater wollte sie von der Außenwelt fernhalten, weil er eine Aversion gegen die gesamte Menschheit hatte. »Das hat mich in eine Konzeptmaschine verwandelt. In meiner ganzen Karriere tat ich nichts anderes als zu protestieren.« Heute lebt sie zurückgezogen in einer Wohnung in der Nähe der Piazza Mercato, einem historischen Platz, wo Jugendliche in den Abendstunden mit ihren Motorrollern Wettrennen veranstalten.
Emanuele lebt seit 30 Jahren im Stadtteil Sanità, der von Armut, Gewalt, Arbeitslosigkeit und der Camorra geprägt ist. Er wird respektiert, da er geblieben ist, trotz aller Widrigkeiten. »Ich habe nie gegen das Gesetz handeln müssen. Das ist auch wichtig als positives Signal für die Bewohner und für die jungen Menschen, die in dir eine Möglichkeit sehen, es schaffen zu können.« Er und seine Geschwister sind ins Krippengeschäft einstiegen und zählen mittlerweile zu den Stars in der Szene weltweit. Mit ihren Krippenfiguren haben sie schon so manchen Skandal ausgelöst, indem sie brisante politische, religiöse oder gesellschaftliche Zustände thematisierten.
Giancarlo hatte seit der Kindheit den Traum, Buchhändler zu werden. Da Lesen in Neapel immer noch eine beliebte Tätigkeit ist, eröffnete er auf der Piazza del Gesù einen kleinen Buchladen. Seitdem kämpft er gegen das „Monster“ Amazon, das, so meint er, dazu beiträgt, Buchhandlungen auszuradieren. »Wir müssen dafür kämpfen, wir müssen unsere ganze Leidenschaft hineinstecken. Wir müssen all das geben, was Amazon nicht zu geben vermag: eine Tasse Kaffee, eine Unterhaltung, Freundschaft.«
Angelo, stadtbekannt als „’O Capitano“, verdient seinen Lebensunterhalt als „Pazzariello“, die Figur des Straßenkünstlers und Possenreißers aus dem 17. Jahrhundert. In einer Fantasieuniform und mit tänzelndem Schritt bewegt er sich durch die Straßen des Centro Storico und zieht mit frivolen Späßen und deftigen Sprüchen die Aufmerksamkeit auf sich. Pina, seine Partnerin, betreibt eine Schokolademanufaktur mit angeschlossenem Theater. Auf einer Reise nach Österreich entdeckte sie die Mozartkugel. Nach ihrer Rückkehr begann sie, Pulcinella-Kugeln, Miesmuscheln, Pizza und den Vesuv aus Schokolade zu formen. »Mit Schokolade begann ich, von den schönen Seiten Neapels zu berichten.« Gemeinsam wollen sie ihr in Vergessenheit geratenes Viertel aufwerten.
Frühling in Neapel ist ein liebevolles und ehrliches Porträt einer Stadt, die weit besser ist als ihr Ruf. Abseits von Müll, Arbeitslosigkeit und Kriminalität, die das Ansehen von Neapel prägen, birgt die Stadt einen wahren Schatz an Geschichte und Geschichten, gewürzt mit „Dolce Vita“, Musik und viel Humor.

13.04.2023 | mz | Quelle: FORTUNAMedia
Kategorien: Filme