Freitag, 24. September 2021
Isabel zeigt Greg etwas Unglaubliches.
📷 Darko Škrobonja | © Amazon Studios
Greg, der seit kurzem geschieden ist und seinen Job verloren hat, lernt die mysteriöse Isabel kennen. Sie ist eine Frau, die auf der Straße lebt und davon überzeugt ist, dass die verschmutzte, kaputte Welt um sie herum nichts als eine Computersimulation ist. Anfangs zweifelnd, entdeckt Greg schließlich, dass an Isabels wilder Verschwörung etwas Wahres dran sein könnte.
  • Bliss 01
    »The inside of your head must be amazing!«
    Bjorn Pederson
Nach langjähriger Pause (abgesehen von ein paar TV-Arbeiten u.a. bei The Magicians und Nightflyers) kehrt Filmemacher Mike Cahill mit Bliss zurück zum Film. Diesmal hat der von Julian Schnabel inspirierte Künstler statt seiner Freundin Brit Marling die Hollywood-Größen Owen Wilson und Salma Hayek vor die Kamera gestellt. Nach seinem Debüt Another Earth (2011) und I Origins (2014) geht es auch hier wieder um existenzielle Gedankengänge, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und was passieren könnte, wenn wir diese in Frage stellen.
In seinem neuesten Werk spielt Mike Cahill mit dem Thema „virtuelle Welten“, das vor 20 Jahren in The Matrix für Furore sorgte. Hier legt der Filmemacher jedoch, wie bereits bei seinen vorangegangenen Werken, weniger auf den Science-Fiction-Teil Wert. Vielmehr versucht er, die Hauptfigur Greg und uns an der Nase herumzuführen.
In der Welt von Greg Wittle, die farblich etwas düster und trist gezeichnet ist, trifft dieser nach einem aberwitzigen Unfall seines Chefs, der ihn wegen Vernachlässigung der Arbeit zugunsten geistiger Abwesenheit und Verarbeitung von Gedankenbildern, die Greg auf Papier festgehalten hat, entlassen hat, auf die alternativ lebende Isabel, die ihm mitteilt, dass Greg eine echte Person sei und sich nicht durch externe gedankliche Beeinflussung manipulieren lassen kann.
Ihren Worten zufolge leben sie in einer fiktiven Welt, die mit Hilfe der Einnahme von gelben Kristallen manipuliert werden kann. So kommt es natürlich zu entsprechenden „witzigen Situationen“ und Spezialeffekten, die der Regisseur wie in seinen vergangenen Filmen gezielt hintergründig einsetzt. Neben einer tollen „Kamerafahrt“ vom Büro des Chefs rückwärts durch das Fenster aus dem Bürogebäude gedreht mit Überblick über die Straße, die Greg überquert, passieren immer wieder Dinge im Hintergrund, die auf eine fiktive Welt schließen lassen.
Doch als die Wirkung der gelben Kristalle nachlässt, bekommt man den Eindruck, dass diese Kristalle wohl doch nur halluzinierende Drogen sind, die die Probleme und Handlungen der beiden Hauptfiguren in einem anderen Licht erscheinen lassen, vor allem, als dann erstmals Gregs Tochter auftaucht, die sich eben aus diesem Grund Sorgen um ihn macht.
Als Isabel Greg dazu verführt, blaue Kristalle durch die Nase einzunehmen, die sie aus der virtuellen Welt in die vermeintliche reale Welt zurückholen sollen, scheint alles gleich viel farbenfroher und realer. Allerdings ist jene Welt viel fortgeschrittener: Synthetische Biologie und Asteroidenbergbau haben die Gesellschaft nach vorn gebracht. Isabel und Greg sind in dieser Welt ein Team von Wissenschaftlern, die ein Gerät entwickelt haben, durch das man in eine fiktive Welt entschwinden kann – ein Riesenaquarium mit einem Baum voller Gehirne, an das die Menschen mit Schläuchen und sich daraus verbindenden Tentakeln angeschlossen werden.
Und diese „reale“ Welt voller Hologramme und Roboter zeigt uns genau die Bilder, die Greg in der „fiktiven“ Welt gezeichnet hatte! Aber auch in dieser Welt gibt es Probleme, wenn auch marginal. Doch plötzlich scheinen beide Welten miteinander zu kollidieren. Lassen die Drogen nach? Immerhin hatten sie nicht genug blaue Kristalle. Welches war die reale Welt? Greg muss sich am Ende für eine Welt entscheiden…
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Bliss ist sicher nicht die Glückseligkeit, die man sich von solch einem Film verspricht, zumal die visuelle Manipulation der Zuschauer[m/w/d] Fragen aufkommen lässt. Welche Welt war denn nun die reale? Wie funktionieren die Hologramme oder der Gedankenvisualisierer? Was sind das für Gehirne im Aquarium?
Letztlich lässt Mike Cahill auch hier tiefer gehende Erklärungen offen und konzentriert sich bei seiner Geschichte viel lieber auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Psyche. Zwar spielen die Hauptdarsteller ihre Rollen entsprechend leidenschaftlich (Salma Hayek geht wie immer heißblütig in ihrer Rolle auf), doch konzentriert sich der Film viel zu sehr auf die Verwebung der beiden Welten, anstatt die Hintergründe der Hauptfiguren näher zu beleuchten.
Warum hat Isabel nie genügend Kristalle, wenn die Welt doch fiktiv und sie die Erfinderin ist? Warum hat Greg schwarze Kinder? Die Mutter wird nie gezeigt. (Wir wissen ja, dass solche Kuriositäten des Alltags von nun an in jedem Film auftreten werden, um auch nur irgendwie in eine Oscar®-Vorentscheidung zu kommen.) Die Verwebung von Science Fiction mit Arthouse-Drama und die Balance wissenschaftlicher Tiefe mit nützlichen Informationen für Nichtwissenschaftler (siehe I Origins) muss der Filmemacher zwar noch ein wenig üben, er ist aber auf dem richtigen Weg…

11.02.2021 | mz | Quelle: amazon prime video
Kategorien: Feature | Filme