Sonntag, 29. November 2020
Die Kameras drehen wieder
Die Kameras drehen wieder
Während in Hollywood noch gerätselt wird, wie man die Auflagen umsetzen kann, wenn Mitte Juni der Filmbetrieb wieder anlaufen soll, ist man in Australien bereits wieder am Set – wenn auch mit Abstand. Die berühmte Seifenoper Nachbarn, die zahlreiche Weltstars hervorgebracht hat, zählt zu den ersten von der CoViD-19-Pandemie betroffenen TV-Serien, die nun nach gerade einmal vier Wochen Zwangspause die Produktion mit den neuen Sicherheitsmaßnahmen wieder aufgenommen hat.
»Es gibt bereits eine Reihe von Produktionen, die während des Herunterfahrens fortgesetzt werden konnten, und diese Richtlinien bieten ein klares Zeichen dafür, dass sich der Rest der Branche positioniert, um auch die Aktivitäten wieder aufzunehmen«, sagt Matt Deaner, CEO der Screen Producers Association.
Zu den neuen Sicherheitsmaßnahmen, die von einer Arbeitsgruppe der Branche entwickelt wurden, gehören u.a., dass Requisiten den Schauspielenden in desinfizierten Plastikbeuteln überreicht werden, die nach dem Gebrauch wieder dort hinein gepackt werden sollen. Die Batterien der Kommunikationsgeräte sollen von den Benutzern selbst gewechselt werden und Speicherkarten und -Laufwerke nur einmal täglich mit Desinfektionstüchern gereinigt dem Datenaufbereiter überreicht werden.
Nachbarn-Produzent Jason Herbison hat auch bereits die Drehbücher nach dem neuen Muster angepasst, indem Szenen mit vier oder fünf Personen auf maximal drei reduziert wurden. Schauspielerin Colette Mann, die bereits seit 1995 dort mitspielt und seit acht Jahren ununterbrochen, erzählte in einem Interview mit 🌐IF, dass Produzentin Natalie Lynch in der Auszeit sie und ihren Kollegen Ryan Moloney zusammen mit Jason Herbison und einigen Regisseuren zu Videokonferenzen eingeladen hatte, um die verschiedenen Blickwinkel zu koordinieren.
Es gab auch schon einen neuen Trick, der in Hollywood Schule machen könnte: In einer Szene küssen die Schauspieler Chris Milligan und Zima Anderson jeweils einen Spiegel. Beide Aufnahmen werden dann zusammen vermischt, damit es wie ein echter Schmatzer aussieht. Man müsse aber auch auf die Gewohnheiten achten. In einer Szene packte die 70-jährige Schauspielerin den Arm ihrer Mitspielerin Bonnie Anderson und wusste sofort: Das war ein „no-no“.
»Das war Muskelgedächtnis«, sagt Colette Mann. »Wenn man im Moment ist, ist es das, was man normalerweise macht. Aber wir gewöhnen uns schon ganz gut an die Abstandsregeln. Die Regisseure und all die jungen Schauspieler gehen fantastisch damit um. Die Zuschauer werden merken, dass wir nicht mehr so dicht beieinander sitzen, aber das Drehbuchs bleibt intakt.«
Vielleicht können die deutschen Kollegen von Gute Zeiten – schlechte Zeiten da noch was lernen. Nachdem man da schon Ende März vorschnell ans Set zurückkam, musste die Produktion am 8. April nach einem positiven CoViD-19-Fall endgültig die Tore schließen. Auch bei ARD und ZDF ist man weiterhin zurückhaltend, was die Eigenproduktionen angeht.
In Hollywood wird jedenfalls schon alles vorbereitet, damit nächste Woche die Maschine wieder angeleiert werden kann und James Bond, Ethan Hunt, Neo und Batman in Aktion treten können. Laut Mitteilung der Gesundheitsbehörde des Westküstenstaates müssen an den Drehorten zahlreiche Auflagen erfüllt werden. So darf eine kritische Schwelle von CoViD-19-Fallzahlen in den Bezirken nicht überschritten werden. Es muss ausreichende Testkapazitäten geben, und die Produktionsteams müssen strikte Hygieneregeln befolgen.
Darin werden unter anderem häufige CoViD-19-Tests und Fiebermessungen für Schauspieler und andere Mitarbeiter, Abstandsregeln und das Tragen von Schutzmasken empfohlen. Statt der typischen Buffets sollen es abgepackte Lebensmittel geben. Ein Kontrollbeamter am Set müsse die Einhaltung der Regeln überprüfen. Schauspieler und Stab müssen, wenn möglich, Abstand voneinander halten und nicht in Gruppen auftreten, wie es in dem 22-seitigen Papier heißt, das auch hier von einer Arbeitsgruppe der Unterhaltungsindustrie erarbeitet wurde. Stylisten und Make-Up-Künstler sollen Schutzkleidung tragen und sich oft die Hände waschen.
»Das wird unsere Arbeit für immer komplett verändern«, sagte Schauspieler Bruce Boxleitner kurz vor seinem 70. Geburtstag im dpa-Interview. »Keine Ahnung, wie wir drehen werden, denn normalerweise hat man täglich um die Hundert Leute am Set.« Kurz vor dem Herunterfahren der Produktion stand er in Seth MacFarlanes Sci-Fi-Serie The Orville als Alien vor der Kamera. Für diese Rolle musste er jeden Morgen drei Stunden Make-up und Maske über sich ergehen lassen. Wie das in Zukunft vonstatten geht, wird sich zeigen. Zum Vergleich: Das australische Pendant der ausgearbeiteten Corona-Sicherheitsregeln hatte 41 Seiten! Vielleicht sollten die Kontinente mal ihre Notizen vergleichen…
Eine australische Produktion hat jedoch unermüdlich weitergefilmt: Der US-finanzierte Horrorfilm Children of the Corn, eine Neuverfilmung der Stephen-King-Kurzgeschichte (1984 mit Peter Horton und Linda Hamilton verfilmt), hat jenseits von Sydney ohne Unterbrechung weitergefilmt. Dabei wurden Besetzung und Stab gebeten, bis zum Drehende in einer „Blase“ zu bleiben und den Kontakt zu Familie und Freunden außerhalb der Produktion zu vermeiden.
Zudem erhielt die Produktion eine Ausnahmegenehmigung, da der Hauptdrehort (ein Kornfeld) speziell für die Produktion Monate früher angebaut wurde. Wäre das Getreide durch eine solch lange Verzögerung der Dreharbeiten eingegangen, hätte man die gesamte Produktion einstampfen müssen. Außerdem sei hier noch erwähnt, dass es in Australien gerade einmal knapp über 100 Todesfälle durch den Virus gab, wovon die Amerikaner derzeit nur träumen können. Bleiben wir also gespannt, wie sich die Situation weiterentwickelt…

07.06.2020 | mz
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