Dienstag, 28. September 2021
Feinde - Hostiles
Hostiles
Rosalee Quaid und Captain Joe Blocker begutachten die Lage.
© universum film
Wie erzählt man eine Geschichte, die im Jahr 1892 in den Vereinigten Staaten spielt, aber genauso gut in Kandahar oder Bagdad spielen könnte? In diesem Western-Epos von Scott Cooper schlägt die Gewalt blindwütig zu, und die Grenzen zwischen Feinden und Verbündeten, zwischen Siegern und Opfern werden bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Das ist die Lage für eine Gruppe höchst unterschiedlicher Menschen – darunter manche, die anderen gar ihre Existenz absprechen – die sich gezwungen sieht, gemeinsam gegen von außen drohende Mächte zu kämpfen, welche alles daransetzen, die Protagonisten zu zerstören.
New Mexico, 1892: Der verdiente Offizier Joseph „Joe“ Blocker erhält den Auftrag, den kranken Cheyenne-Häuptling Gelber Falke, der die vergangenen sieben Jahre im Gefängnis verbrachte, in dessen Stammesland nach Montana zu begleiten. Der letzte Wunsch des als unerbittlich bekannten Indianers ist es, in der Heimat zu sterben. Blocker und Gelber Falke haben eine gemeinsame Vergangenheit, weswegen Blocker den Auftrag nur äußerst widerwillig annimmt.
Gemeinsam mit einigen Soldaten und der Familie des Häuptlings bricht die Truppe auf. Unterwegs stoßen sie auf die junge Witwe Rosalee Quaid, deren gesamte Familie kaltblütig von Komantschen umgebracht wurde. Die traumatisierte Frau schließt sich ihnen an und die Gruppe setzt ihren gefährlichen Weg quer durch das unwegsame Land und eine extrem feindselige Umgebung fort. Schon bald wird klar, dass sie nur als Gemeinschaft im Kampf ums Überleben eine Chance haben…

Scott Cooper hatte von der Witwe des verstorbenen Autors Donald Stewart eine frühe Fassung des Drehbuchs aus dessen Feder erhalten und fühlte sich sofort von der Tiefe der Geschichte angesprochen: »Ich wollte schon immer einen Western machen, doch ich wollte ihn nach meiner Vorstellung realisieren, und der Film sollte in Hinblick auf die aktuellen Vorkommnisse in Amerika, im Zusammenhang mit ethnischen Gruppen und Kulturen relevant sein. Wir alle wissen, welchen Misshandlungen die amerikanischen Ureinwohner ausgesetzt waren, und genau das kann man derzeit auch gegenüber Schwarzen in Amerika beobachten. Man beobachtet es auch gegenüber der LGBTQ-Gemeinschaft. Hier werden universelle Themen angesprochen.«
Der Regisseur schrieb das Drehbuch für Christian Bale, mit dem er gut befreundet ist und der bereits 2013 in seinem Film Auge um Auge – Out of the Furnace die Hauptrolle spielte. Als Christian Bale das Drehbuch las, war er vom humanistischen Geist der Geschichte sehr angetan. Einige Details hinterließen sogar besonders tiefen Eindruck: »Es könnte zu jeder Zeit in der amerikanischen Geschichte passiert sein. Für mich war Fort Berringer wie Abu Ghraib. Die Bedingungen für die Inhaftierten waren unmenschlich, und die Gefängniswärter waren für ihre Tätigkeit nicht ausgebildet. Sie waren auf Kampfeinsätze gedrillt.«
Scott Cooper nutzte Donald Stewarts Originalentwurf als Vorlage und arbeitete monatelang intensiv daran, diese Geschichte so zu formen, dass sie ein zeitloses Ethos widerspiegelt. Akribisch vermied er die Fallen eines historischen Kostümfilms, indem er die bekannten Klischees eines traditionellen Westerns umging. Er verzichtete dabei auf die in klassischen Western bekannte flotte und dramatische Orchestermusik und ließ von Max Richter nur wenig Musik einfließen, die den Szenarien entspricht und eher modern wirkt, was dem Film in Anbetracht dessen Länge ein wenig abträglich ist.
Mit über zwei Stunden Laufzeit ist der Film nicht nur lang, sondern hat auch hier und dort ein paar Längen – meist in den oft wundervollen Cinemascope-Bildern, die der japanische Kameramann Masanobu Takayanagi beeindruckend eingefangen hat – ob Gewitter über der Wüste, Sonnenschein in den Bergen oder Regengüsse im Wald. Es gibt aber auch ein paar Längen jenseits der Reitszenen, die zwar dem Ambiente gut tun, doch dadurch die Aktionsszenarien verkürzen.
Das ausgeglichene Tempo des Prologs, in dem Rosalees Familie kaltblütig von einer Gruppe Komantschen getötet wird, nur um die Pferde zu stehlen, und sie dann in den Wald flieht und sich versteckt, kann die anschließende Hauptgeschichte leider nicht halten. Man vermisst einfach schwungvolle Western-Reitmusik, denn die Truppe ist den ganzen Film über unterwegs, reitet von einem Bild ins nächste. Dann passiert kurz etwas, konfrontieren sich die Hauptfiguren und reiten weiter…

Man merkt, dass der Film für Christian Bale geschrieben wurde, der hier übrigens nach Auge um Auge – Out of the Furnace wieder eine großartige Darstellung abgibt. Auch Rosamund Pike läuft in diesem Film zu Höchstform auf und spielte hier die wohl bisher psychisch herausforderndste Rolle ihrer Karriere – grandios! Doch abseits der Hauptfiguren lohnt es nicht, sich Gedanken über die anderen Figuren zu machen, die mehr oder weniger eindimensional gezeichnet sind und teilweise überraschend plötzlich der Tod ereilt.
Christian Bale entwickelte für Blocker eine facettenreiche emotionale Ausdruckskraft. Dieser Mann ist zutiefst von Jahrzehnten im Krieg traumatisiert und wird nun davon überrollt und verbogen. Das Ergebnis ist die innere Zerrissenheit dieses Mannes, der spürbar von einem düstereren seelischen Schmerz gepeinigt wird, wie etwa bei einer post-traumatischen Stresserkrankung. »Er war felsenfest davon überzeugt, dass das, was er tat, richtig war, doch plötzlich wird ihm diese Gewissheit entzogen«, sagt der Oscar®-Preisträger. »Wie kann sich so jemand verändern und über Nacht alles hinterfragen, woran er bis jetzt geglaubt hat?«
Die Idealbesetzung für die Rolle des Cheyenne-Häuptlings Gelber Falke fiel auf das gezeichnete Gesicht von Wes Studi. Kaum ein anderer Schauspieler hätte diese Figur verkörpern können. Seit Der mit dem Wolf tanzt ist der Cherokee-Nachfahre aus Oklahoma kaum aus Western wegzudenken. »Sie haben sich über Jahre hinweg bekämpft, die U.S. Army und die Cheyenne«, sagt der Schauspieler.
»Der Grund dafür war natürlich das Ziel der Army, sich das unermesslich weite Land mit seinen reichen Ressourcen anzueignen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Auch heute gibt es Soldaten, die für die Interessen mächtiger Industriezweige im Kampfeinsatz sind. Im Film setzt der Sinneswandel genau dann ein, als Gelber Falke und Joe Blocker feststellen, dass die Dinge, die sie getan haben, gar nicht ihrem eigenen Antrieb entsprangen. Alles diente nur fremden Interessen. Als sie das erkennen, werden sie nicht zu Verbündeten, aber sie werden sehr wohl Seite an Seite kämpfen, um zu überleben.«
Rosamund Pike war von der lebensnahen und aufwühlenden Beschreibung von Rosalees Reise total begeistert: »Ich habe Hostiles nicht als Historienfilm gesehen«, sagt sie. »Für mich ist es ein wirklich existentieller Film. Die Geschichte ist recht einfach, doch es steckt so viel mehr darin. Und die humanistischen Aspekte des Films sind wirklich allumfassend. Zwischen den Figuren spielt sich so unglaublich viel ab. Sie haben alle so viel Schreckliches gesehen und erlebt, und das hat sie auf unterschiedliche Weise geprägt.«
In kurzen Nebenrollen sind u.a. Queershootingstar Timothée Chalamet (in perfektem Frenglish)Stephen Lang (als Joes befehlhabender Colonel, der ihm den PR-Transport aufbrummt)Jesse Plemons (etwas blasser als sonst)Ben Foster (als psychopatischer Gefangener)Peter Mullan (mal als unspektakulärer Guter), sowie die aus The Night Shift bekannte Tanaya Beatty (diesmal kein schnippisches Plappermaul) und der aus The Walking Dead bekannte Scott Wilson (in einer ähnlichen Rolle wie Herschel als Familienoberhaupt – diesmal jedoch als kompromissloser Rancher, der nicht will, dass Indianer auf seinem Land begraben liegen und dadurch den übriggebliebenen Rest der Weggefährten dezimiert). Ebenfalls mit dabei ist Countrymusiker Ryan Bingham, bekannt für seine Titelmusik zur Serie The Bridge als auch für sein Lied „The Weary Kind“ aus dem Film Crazy Heart, für das er zusammen mit T Bone Burnett einen Oscar® erhalten hat.
Dem Anspruch zu Gute zu kommen, arbeitete Scott Cooper mit dem gefeierten Filmemacher Chris Eyre sowie mit Dr. Joely Proudfit der Organisation „The Native Networkers“ zusammen, um die Wahrhaftigkeit und Tiefe in der Darstellung der Ureinwohner-Charaktere sicherzustellen. Viele Dialoge werden im nur selten gehörten nördlichen Cheyenne-Dialekt gesprochen. Chris Eyre hatte die Aufgabe, Experten zu finden, die diese Sprache nicht nur fließend beherrschen, sondern sie darüber hinaus auch unterrichten können und wissen, wie die jeweiligen Muttersprachler Ende des 19. Jahrhunderts geklungen haben könnten.
»Die wichtigste Anforderung, die Scott und Christian stellten, war, dass wir es als Cheyenne-Berater richtig machen«, sagt Chris Eyre»Denn nur weil man selbst ein Ureinwohner ist, heißt das ja nicht, dass man über alle damit zusammenhängenden Elemente genau Bescheid weiß. Ich konnte Häuptling Phillip Whiteman und Donald Shoulder Blade für dieses Projekt gewinnen. Es ist großartig wie Christian, Wes und Rosamund im Film die Sprache im richtigen Dialekt und auf sehr respektvolle Weise sprechen. Und es ist ein echter Triumph, dass Millionen Menschen diese seltene Sprache zu hören bekommen werden.«
Es ist auch die historische Korrektheit (Es wird auch vom vergangenen Bürgerkrieg gesprochen.), die den Film sehenswert macht. Wenn Joe Blocker am Ende (nicht zuletzt durch den weiblichen Einfluss von Rosalee) als Mann mit komplett veränderter Weltanschauung den Zug besteigt, um mit den übrig gebliebenen Resten seines letzten Unternehmens eine Patchwork-Familie zu gründen, ist auch der letzte voreingenommene Zuschauer unterrichtet, dass, wie Gelber Falke letztlich metaphorisch sagt, dass wir alle nur Menschen sind, die irgendwann vom Tod (ein)geholt werden. Der großartigen Bilder wegen sollte der Film jedenfalls schon einmal im Kino gesehen werden, auch wenn die Umsetzung des Stoffs für eine Heimkinopremiere ausgereicht hätte.

02.03.2021 | mz
Kategorien: Feature | Filme