Samstag, 26. September 2020
Caleb ist ein 24-jähriger Programmierer bei der größten Internetfirma der Welt. Er gewinnt einen Wettbewerb, eine Woche in einem privaten Refugium in den Bergen zu verbringen, das Nathan gehört, dem zurückgezogen lebenden CEO der Firma. Als Caleb an diesem einsamen Ort ankommt, stellt er fest, dass er ausgewählt wurde, an einem merkwürdigen und faszinierenden Experiment mitzuwirken: Er soll mit der ersten wirklichen künstlichen Intelligenz der Welt interagieren, die im Körper eines bildschönen Robotermädchens untergebracht ist…
Alex Garlands Romandebüt „The Beach“ wurde 1996 veröffentlicht, als er 26 Jahre alt war. Während der Adaption des Romans durch DNA Films in einen Film, der schließlich 2000 erschien, wurde seine Faszination für den Vorgang des Filmemachens geweckt. Anschließend arbeitete er eng an Produktionen wie Sunshine, 28 Days later oder Dredd.
Jetzt hat er erstmals auch sein neuestes Drehbuch verfilmt. In seinem Regiedebüt packt er heiße Eisen an, die ihn schon seit langer Zeit faszinieren. Er spielt mit unseren Ängsten und Unsicherheiten bezüglich Technologie und der Rolle, die sie in unserem Leben spielt. »Die Menschen sind paranoid, was künstliche Intelligenz und Computer im Allgemeinen anbetrifft«, beobachtet der Filmemacher. »Das beschäftigt die Menschen. Sollte es auch. Ich gehe allerdings mit einem etwas anderen Ansatz an die Sache heran, weil ich mich nicht bedroht davon fühle, überhaupt nicht paranoid deshalb bin. Meine Sympathien bei EX_MACHINA gehören dem Roboter.«
Science-Fiction hat sich dieser Ideen schon in der Vergangenheit angenommen, dabei aber im Grunde immer betont, dass die Menschheit von der logischen Bösartigkeit der Maschinen ausgelöscht werden könnte. Alex Garland besteht jedoch darauf, dass EX_MACHINA einen anderen Pfad einschlägt: »Ich hege eine ganz merkwürdige Sympathie für die Maschinen. Ich glaube, sie sind besser für die Zukunft gewappnet als wir.«
Oscar Isaac, der als Nathan zu sehen ist, sieht den Film als Allegorie auf die menschliche Existenz: »Er befasst sich damit, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, was es heißt, zu denken und ein Bewusstsein zu haben. Wie kann man jemals wissen, was der Mensch, der einem gegenüber steht, wirklich denkt oder ob er genauso empfindet wie man selbst?«
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Die Prämisse ist denkbar einfach. Domhnall Gleeson spielt einen brillanten Codeschreiber, der in das Refugium seines Chefs eingeladen wird. Vordergründig geht es einfach nur darum, den von Oscar Isaac gespielten Nathan zu treffen – ein brillanter Milliardär, der mehr und mehr zum Einsiedler geworden ist und sich aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Als Caleb dort ankommt, stellt er jedoch fest, dass es bei seinem Aufenthalt darum gehen soll, mit einer neuen Form künstlicher Intelligenz zu interagieren, die sich im Körper des Robotermädchens Ava befindet.
»Caleb ist da, um einen Turing-Test durchzuführen«, beschreibt Alex Garland. »Dabei interagiert ein Mensch mit einem Computer, und wenn dem Menschen dabei nicht bewusst ist, dass es sich um eine Maschine handelt, er sie also mit einem Menschen verwechselt, dann ist der Test bestanden. Caleb hat keine Idee, worauf er sich einlässt. Dann kommt aus einem der Zimmer diese humanoide Gestalt mit dem Gesicht eines Mädchens, aber hergestellt mit der beeindruckendsten Mechanik, die er jemals gesehen hat.«
Der Turing-Test ist täuschend simpel. Normalerweise weiß der Mensch, der den Test durchführt, nicht, ob er seine Antworten von einem Computer erhält oder nicht. Jährlich werden zahlreiche solcher Wettbewerbe veranstaltet, bei denen es darum geht, den Turing-Test zu bestehen. Aber obwohl hin und wieder dicke Schlagzeilen von bestandenen Tests künden, gibt es jedoch nur sehr wenige, die einer näheren Betrachtung standhalten.
»Der Turing-Test entstand vor Jahrzehnten, in der Zeit, in der die ersten Computer entwickelt wurden«, erklärt der Autor. »Alan Turing war bewusst, dass die Maschinen, an denen sie arbeiteten, eines Tages denkende Maschinen werden würden und nicht einfach nur Rechner. Er erkannte, dass es schwierig sein würde zu wissen, ob etwas wirklich denkt oder einfach nur vorgibt zu denken.«
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Aber Ava in EX_MACHINA ist anders. Nathans Vertrauen in die Fähigkeiten des Roboters ist so groß, dass er Caleb niemals im Unklaren darüber lässt, dass es sich bei Ava tatsächlich um einen Roboter handelt. Wenn Caleb dennoch von etwas, das ganz offensichtlich eine Maschine ist, mit metallischen Körperteilen, Servos und Motoren, glaubt, es sei menschlich, wäre Ava dann nicht die Krone der künstlichen Intelligenz? Würde das nicht bedeuten, dass sie wirklich denkt anstatt nur zu rechnen?
»Die Frage ist, ob sie ein Bewusstsein hat oder nicht«, sagt Domhnall Gleeson. »Und ich denke, uns wird ziemlich schnell klar, dass das der Fall ist.« Die Implikationen dieser Feststellung, die wahnsinnige Brillanz des Mannes, der sie gebaut hat, und das isolierte Umfeld, in dem der Test vollzogen wird, machen aus EX_MACHINA ein psychologisches Kammerspiel der besonderen Art.
Mit Hilfe von Ava zeigt Alex Garland hier eine Welt, in der die Schöpfung eines künstlich intelligenten Roboters durch den Menschen zwar nicht unbedingt die Basis für unsere Zerstörung, aber doch für unsere Evolution zu einem anderen Wesenszustand legt. Ava ist kein Roboter, der die Menschheit vernichten will, sondern eine Maschine, die wir als durch und durch menschlich ansehen würden.
»Weil ich mich der Thematik, ganz generell gesprochen, von der Seite der Maschinen nähere, musste ich Ava, also der Idee des Bewusstseins einer Maschine, ein Zuhause geben, in das sich Menschen verlieben könnten. Die Hauptfigur muss sich in sie verlieben, damit die Geschichte funktionieren kann«, sagt der Regisseur.
Für Alicia Vikander bestand die Balance darin, das Menschliche mit dem Andersartigen zu verschmelzen, sagt sie: »…und dann noch Dinge hinzuzufügen, die sie ein wenig daneben und ein wenig merkwürdig wirken lassen. Sie ist außerdem unwissend, manchmal auch naiv, weil sie ganz neu auf der Welt ist.«
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EX_MACHINA ist im Prinzip die filmische Evolution der Auseinandersetzung mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Ging es bei James Cameron in The Terminator noch um den Aufstand der Maschinen, die, von KI getrieben, gegen die Unterdrückung durch die Menschen kämpfen, erzählte uns Spike Jonze vor zwei Jahren in her von einem Betriebssystem, das sich lernend individuell auf den Benutzer einstellt und, wie in jenem Fall, ineinander verlieben.
Zudem läuft parallel im Fernsehen die Serie Person of Interest, in der sich zwei intelligente KI einen gnadenlosen Kampf um die eigene Existenz liefern – in diesem Fall Gut gegen Böse (zumindest, was die ursprüngliche Programmierung betrifft). EX_MACHINA kümmert sich hier jedoch mehr um den ethischen Aspekt: Sollte man einen Roboter mit einer künstlichen Intelligenz noch wie einen Roboter behandeln? Im Laufe des Films entdeckt man zusammen mit Caleb, was Nathan in Wirklichkeit schon alles mit seinen Versuchsmodellen angestellt/ausprobiert hat.
Und Alicia Vikanders Darstellung ist es zu verdanken, dass man am Ende doch noch überrascht wird. Neben der psychologisch ausgefeilten Dreiergeschichte spielt zudem der Drehort Norwegen eine prägnante Rolle. Das Fjora-Haus, ein privates Anwesen, und das Juvet Landscape Hotel waren Kulisse für einen Großteil der Innen- und Außenaufnahmen des Films. Beide wurden von dem norwegischen Architektenteam Jensen & Skodvin entworfen. Das Fjora-Haus hat ein ganz besonders unverkennbares Designelement: Der Fels, auf dem es gebaut ist, ragt in die Ecken des Wohnzimmers hinein und ist von Glasplatten eingefasst.
Alex Garland hat mit EX_MACHINA ein grandioses Filmkunstwerk erschaffen, das vor allem durch die visuelle Darstellung, vor allem der Robotertechnik, wie auch die darstellerische Leistung der drei Hauptdarsteller und nicht zuletzt die ausgefeilte Geschichte besticht. Und am Ende bleibt es den Zuschauenden überlassen, das Ende zu interpretieren. 

03.04.2020 | mz
Kategorien: Feature | Filme