Donnerstag, 12. Dezember 2019
Brittany runs a Marathon
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Die New Yorkerin Brittany Forgler ist extrovertiert und immer zu Spaß aufgelegt, doch die vielen Partynächte mit ihrer Mitbewohnerin Gretchen, der Mangel an Bewegung und die toxischen Beziehungen der 27-jährigen fordern ihren Tribut. Von einem Arztbesuch kehrt sie statt mit einem Rezept für das amphetaminhaltige Adderall mit der unerwünschten Empfehlung zurück, gesünder zu leben.
Brit fehlt das Geld für ein Fitnessstudio und ist zu stolz, um andere um Hilfe zu bitten. Sie weiß nicht weiter, bis ihre ausgeglichene Nachbarin Catherine sie davon überzeugt, sich ihre Turnschuhe zuzuschnüren und einmal um den Block zu rennen. Am nächsten Tag sind es schon zwei und bald hat sie das erste Mal eineinhalb Kilometer zurückgelegt und setzt sich ein scheinbar unerreichbares Ziel: Sie will den New-York-City-Marathon laufen…
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  • Das Regiedebüt des preisgekrönten Theater- und Drehbuchautors Paul Downs Colaizzo ist nicht nur eine Ode an die Gesundheit, sondern auch ein Film über New York und dessen Bewohner. Als Produzent fungierte kein Geringerer als die (ehemalilge) freundliche Spinne aus der Nachbarschaft – Tobey Maguire. Von einem Theaterstück des Regisseurs beeindruckt, lud er den Theaterautoren zu einem Gespräch mit sich und seinem Kollegen, dem Produzenten Matthew Plouffe, ein, um über Filmprojekte zu sprechen.
    »Wir sprachen über unsere Vorhaben«, erinnert sich Tobey Maguire. »Er erwähnte einige seiner Ideen, darunter auch Brittany runs a Marathon. Er hatte bis dato noch kein Filmdrehbuch geschrieben, aber seine Theaterstücke waren so überzeugend, dass wir ihm anboten, ein Filmdrehbuch zu schreiben.«
    »Wir waren von seinem Erzählstil begeistert«, fügt Matthew Plouffe hinzu. »Paul versteht genau, wie Menschen im Inneren funktionieren. Viele hätten aus der Geschichte eine derbe Komödie mit billigen Witzen über eine junge Frau mit Übergewicht gemacht. Seine Brittany hingegen ist ein echtes menschliches Wesen, das auch noch sehr lustig ist.«
    Paul Downs Colaizzo hat jedoch die Geschichte nicht aus dem Hut gezogen. Er beschreibt den Film als Liebesbrief an seine beste Freundin Brittany O’Neill, die er auf dem College kennengelernt hatte. »Mit ihr schien alles lustig zu sein«, erinnert er sich. »Aber ihr Leben geriet völlig aus dem Ruder. Mit Ende 20 griff sie nicht mehr auf ihr Studentendarlehen zurück und trank nicht mehr nur am Wochenende zu viel Alkohol. Dann beschloss sie, ihr Leben zu ändern.«
    Jahrelang hatte Brittany O’Neill zu den Drehbuchentwürfen ihres besten Freundes Feedback gegeben. Doch dann las sie plötzlich eine Geschichte, die auf ihrer eigenen basierte. »Ich fand es zugleich unterhaltsam und hilfreich, über eine Figur zu sprechen, die das durchmacht, was ich auch gerade erlebte«, sagt sie. »Pauls Version von Brittany machte mir deutlich, wie sehr ich von meinem Gewicht besessen war. Ich musste ständig beweisen, dass ich liebenswert war und mich auch selbst lieben durfte. Im Endeffekt inspirierte mich eine Geschichte, die von mir inspiriert worden war.«
    Jillian Bell, die sich vor zehn Jahren ihre ersten Sporen bei der Kultshow Saturday Night Live verdiente und seitdem in diversen Komödienserien als auch in Filmen wie 22 Jump Street, Die highligen drei Könige oder Girl’s Night out zu sehen war, ist hier in ihrer ersten Filmhauptrolle zu sehen. Zudem fungierte sie auch erstmals als ausführende Produzentin.
    Um sich in Brittany hineinzuversetzen und ihren (Laufschuh-)Spuren zu folgen, arbeitete sie vor Drehbeginn mit einem Laufcoach und vollzog viele der Veränderungen in Brittanys Leben am eigenen Leib. Seit Brittany O’Neill den Film gesehen hat, fühlt sie sich tief mit Jillian Bell verbunden: »Ihre Darbietung wirkt auf mich, als hätte sie all meine Empfindungen selbst durchlebt. Sie ist eine wunderbare Schauspielerin und hat es auf den Punkt getroffen.«
    Die Figuren um sie herum wirken zwar wie aus dem Leben gegriffen, doch irgendwie wird man das Gefühl nicht los, eine andere Welt zu besuchen. New Yorker sind irgendwie anders, haben einen differenzierteren Humor als andere. Viele der „Witzigkeiten“ gehen einfach in der gesellschaftlichen Übersetzung verloren. Die Stadt ist wie ein gesellschaftlich abgeriegeltes Biotop.
    Das macht aber nichts, denn die Geschichte an sich ist universell. Und vielleicht wird sich der oder die eine oder andere in dem Dilemma wiederfinden und sich inspirieren lassen, das eigene Leben in eine ähnliche Richtung zu lenken. Paul Downs Colaizzo schafft es, ein recht detailliertes Bild zu zeichnen – vom Überwinden des inneren Schweinehunds, den Wahnsinnspreisen der Fitnesscenter bis hin zur inneren wie auch externen Aufwertung durch wiederkehrende Freude und Agilität.
    Besonders hervorzuheben ist auch, dass der Film neutral bleibt! Weder wird darauf gesetzt, auf „Teufel komm raus“ schlank zu werden, noch wird die Ernährung übermäßig betont. Die Botschaft des Films ist, seinen Körper soweit zu pflegen, dass er gesund ist und man sich darin wohlfühlt. Da kann man auch zwischendurch mal einen Burger essen. Und wenn bei Brittany bei 80 kg Schluss ist, dann ist es eben so. Außerdem ist die Geschichte so universell erzählt, dass sich auch Männer mit der Hauptfigur identifizieren, wie Produzent Matthew Plouffe beim Sundance Filmfestival feststellen musste.
    Und dann sind da noch die Nebenfiguren in Brittanys Umfeld – die erfolgreiche aber unglückliche Fotografin Catherine, der schlaffe schwule Jungvater Seth, die Partynudel Gretchen und der Housesitterkollege Jern. Alle zusammen bilden einen recht bunten Querschnitt gängiger New Yorker der Neuzeit. Die Figuren wirken zwar ein wenig festgelegt, doch erfährt man im Laufe des Films immer mehr über sie, dass man immer mehr zu einem Teil von Brittanys Gesellschaftsblase wird.
    👩🏼 🚇 🏃🏼‍♀️ 🗽 📆
    Brittany runs a Marathon ist unterhaltsam und lädt zum Mitdenken und Schmunzeln ein. Man entdeckt (besonders als Großstädter) Gemeinsamkeiten mit dem alltäglichen Ablauf und den Änderungen dessen, wenn man sich selbst verändert. Zudem ist es der erste Film, der beim weltbekannten New-York-City-Marathon gedreht wurde, der jedes Jahr am ersten Sonntag im November stattfindet.
    »Vielleicht überlegen die Menschen dank des Films, was ihr Marathon im übertragenen Sinn ist«, sagt Tobey Maguire. »Wir alle müssen gegen eigene Ängste und Überzeugungen ankämpfen. Aber wenn man einen Schritt wagt, geht es einem manchmal besser, nicht unbedingt perfekt, aber immerhin besser als zuvor.«

    25.10.2019 | mz
    Kategorien: Filme