Sonntag, 1. August 2021
Uncle Frank
1973 verlässt die jugendliche Beth Bledsoe ihre ländliche Heimatstadt im Süden der Vereinigten Staaten, um an der New Yorker Uni zu studieren, wo ihr geliebter Onkel Frank ein beliebter Literaturprofessor ist. Bald entdeckt sie, dass Frank schwul ist und mit seinem langjährigen Partner Walid „Wally“ Nadeem zusammenlebt – ein Arrangement, das er jahrelang geheim gehalten hat. Nach dem plötzlichen Tod von Franks Vater sieht sich Frank gezwungen, mit Beth im Schlepptau widerwillig zur Beerdigung nach Hause zurückzukehren und sich endlich einem lange verdrängten Trauma zu stellen, vor dem er sein ganzes Erwachsenenleben geflohen ist…
Wenn man den Namen Alan Ball hört oder liest, denkt man in erster Linie an seine Hitserien Six Feet under, True Blood oder sein Drehbuch zu American Beauty, das Sam Mendes 1999 verfilmt hatte. Jetzt hat sich der Virtuose des dunklen Humors um Familien und Homosexuelle erneut in Personalunion als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent verdingt und mit Uncle Frank ein weiteres liebenswürdiges Kleinod geschaffen, in dem erneut der Lebenspartner des Regisseurs, Peter Macdissi, in einer Nebenrolle zu sehen ist.
  • Uncle Frank 01
    »I got two words for you... No problem«
    Mike Bledsoe
Paul Bettany besticht dabei in seiner Rolle des schwulen Onkels, wirkt dabei jedoch an manchen Stellen ein wenig zu übertrieben und klischeehaft, sofern man es als Hetero beurteilen kann. Auch die Unterwäsche wirkt viel älter als man es vom Jahr 2000 her in Erinnerung hat. Zum Klischee gehört auch eine Terrarium-Echse namens Barbara Stanwyck, die das Pärchen in der New Yorker Wohnung hält.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Beth, Franks Nichte, die Einzige in der Familie, die sich mit ihm gut versteht. Nach einem Prolog, der die Familienmitglieder vier Jahre zuvor einführt, beginnt die Geschichte in New York. Betty nennt sich jetzt Beth und studiert an der Uni in New York, an der auch ihr Onkel lehrt. Nachdem sie eines Abends unangemeldet bei einer Party ihres Onkels auftaucht, wird sie nicht nur mit hochprozentigem Alkohol konfrontiert, sondern auch mit der Homosexualität ihres Onkels, die er bislang aus Gründen geheim gehalten hat.
Als dann Franks Vater stirbt, sieht er sich aus logistischen Gründen gezwungen, zur Beerdigung in die heimatliche Kleinstadt zu fahren. Erinnerungen kommen in ihm hoch. In Rückblenden wird ein Geheimnis offenbart, weshalb sich Frank ursprünglich von der Familie distanziert hatte. Aber auch dort bietet sich wenig Originelles. Das Spiel von Sophia Lillis, die durch die Neuverfilmung von Stephen Kings Es über Nacht bekannt und beliebt wurde, und dem eher unbekannten Peter Macdissi machen die Schwachstellen in der Geschichte wieder wett.
Natürlich kann man über die Vor- und Nachteile eines späten Coming-outs ewig diskutieren, doch hier wird Frank letztlich, wie die Zuschauer[m/w/d] auch, einfach überrumpelt. Wer einen seichten, netten Familienfilm erwartet, wird hier enttäuscht. Man erhält eine Geschichte um einen schwulen Literaturprofessor mit Alkoholproblemen, der sich plötzlich seiner Vergangenheit stellen muss. Wenn irgendein vernünftiger Aspekt das Drama verhindert, wird einfach wie bei einem Rollenspiel gefühlt gewürfelt, was als nächstes passiert – oder auch nicht passiert. Dennoch ist ein recht unterhaltsamer Film entstanden, der nicht zuletzt durch das Ensemble und die Botschaft am Ende die Gemüter wieder beruhigt.

11.12.2020 | mz | Quelle: amazon prime video
Kategorien: Feature | Filme