Samstag, 26. September 2020
The Gentlemen
Smart, knallhart und mit genialem Gespür fürs Geschäft hat sich der Exil-Amerikaner Mickey Pearson über die Jahre ein millionenschweres Marihuana-Imperium in London aufgebaut und exportiert feinsten Stoff nach ganz Europa. Doch Mickey will aussteigen, endlich mehr Zeit mit seiner Frau Rosalind verbringen und auf legalem Weg das Leben in Londons höchsten Kreisen genießen. Ein Käufer für die landesweit verteilten (und dank des chronisch geldknappen Landadels gut versteckten) Hanf-Plantagen muss her.
Auftritt Matthew Berger: Der exzentrische Milliardär bietet eine hohe Summe, will jedoch Garantien sehen – und das ausgerechnet in dem Moment, in dem sämtliche Groß- und Kleinkriminellen der Stadt Wind von Mickeys Plänen bekommen haben – von Triaden-Boss Lord George über den durchgeknallten Emporkömmling Dry Eye bis hin zum schmierigen Privatdetektiv Fletcher. Während Mickeys rechte Hand Ray seinem Boss den gröbsten Ärger vom Hals hält, überbieten sich alle Beteiligten mit Tricks, Bestechung, Erpressung und anderen fiesen Täuschungen und lösen eine folgenschwere Lawine aus…
Guy Ritchie kehrt mit diesem Gaunerstück zu seinem Lieblingsgenre zurück, mit dem er auch seine größten Erfolge feierte. Zudem läuft auch derzeit auch recht erfolgreich eine snatch-Serienfassung im britischen TV, zu der er allerdings neben den Figuren nichts beigetragen hat. Aber zurück zu den Ehrenmännern, die sich hier in London ein Stelldichein liefern. Im Prinzip ist der Film ein Versatzstück seiner bisherigen Werke. Es geht um schrille Figuren, Stereotypen und Egozentriker.
Die Besetzung ist klasse und bunt zusammengewürfelt, die Dialoge und Monologe sind sorgfältig ausgefeilt, dass man mit Freude auf die Pointe wartet, die sich bis zum Filmende aufbaut. Doch diese ist ein wenig zu unoriginell, dass man doch recht enttäuscht aus dem Film entlassen wird. Matthew McConaughey spielt zwar wie immer super, aber halt auch nicht außerhalb seiner gewohnten Parameter. Hugh Grant, der sich auch nicht allzu sehr über eine Quantität seiner Auftritte bemüht, spielt hier die vermeintliche Trumpfkarte seinem Filmgegenspieler Charlie Hunnam zu, der mit Brille und Bart eigentlich noch den seriösesten Eindruck im Film macht.
»Es gibt eine Reihe langer Reden im Film und ich verbrachte Monate damit, die von Fletcher zu memorieren«, erinnert sich Hugh Grant. »Ich bin mit meinen Kindern in den Skiurlaub gefahren, habe aber, anstatt Ski zu laufen, meine Szenen gelernt. Guys Dialoge sind mutig und ausgesprochen gehaltreich. Die Schwierigkeit besteht darin, diese zu deinen eigenen zu machen. Ich habe die Herausforderung sehr genossen.«
Viel Freude bereitet das Aussehen und Spiel von Colin Farrell, der hier als Boxtrainer eine Gruppe benachteiligter Jungs beaufsichtigt. »Er ist ein abgebrühter Kerl, der den Bezug zu den weniger schönen Aspekten des Großstadtlebens fast verloren hat und deswegen jetzt versucht, den Kindern zu helfen, die so benachteiligt aufwachsen wie er einst«, beschreibt Guy Ritchie die Figur. »Coach sieht die Herausforderungen, denen junge Menschen ausgesetzt sind, die versuchen, sich dem kriminellen Milieu zu entziehen. Er ist eine Art Rattenfänger, der sie aus der Gosse zu einem attraktiveren und zukunftsträchtigen Leben führt.«
Diese Truppe macht auch zugleich den Spaßfaktor des Films aus. »Sein Ziel ist es, die Kinder aus der Nachbarschaft, die bereit sind, sich disziplinieren zu lassen, zu unterstützen«, meint Colin Farrell über seine Rolle. Aber Jungs sind nun einmal so wie sie sind, weshalb auch die Zöglinge einen Höllenärger auf sich ziehen, als sie eine von Mickeys Skunk-Farmen ausrauben und sich das Video von der Aktion via Soziale Medien viral verbreitet.
👨🏻‍🦱 ☕ 🔫 🌿 📹 📄 🥩 🚗 👩🏻
Guy Ritchie zeigt in diesem Film die gesellschaftlichen Variationen krimineller Machenschaften und deren kulturelle Unterschiede und lässt diese aufeinander los, was ganz unterhaltsam anzusehen ist, aber man doch irgendwie das Gefühl nicht los wird, dass dem Film etwas Entscheidendes fehlt – eine Identifikationsfigur. Vermutlich muss die jeder für sich selbst finden. Am Ende läuft es bei dem Film lediglich auf das klassische Gauner-Übertrumpfungsspiel hinaus, bei dem jeder denkt, er habe das bessere Blatt. Das hat man jedenfalls schon zur Genüge gesehen, weshalb der Film auch nicht so ganz an die früheren Erfolge des Regisseurs anknüpfen kann.

07.07.2020 | mz
Kategorien: Feature | Filme