Freitag, 22. Januar 2021
Hillbilly-Elegie
Hillbilly Elegy
Wir schreiben das Jahr 2011. J.D. Vance studiert an der Yale Universität Jura, hat eine indische Freundin und steht kurz davor, seinen Traumberuf zu erlangen. Doch kurz vor dem Bewerbungsgespräch bekommt er einen Anruf von seiner Schwester aus seiner Heimat in Ohio – seine Mutter liegt mit einer Heroin-Überdosis im Krankenhaus und Lindsay hat nicht wirklich Zeit, sich um sie zu kümmern. Hin- und hergerissen nimmt J.D. die zehnstündige Autofahrt auf sich, zu dem Ort zurückzukehren, dem er einst den Rücken gekehrt hat.
Er muss sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen – seine instabile Beziehung zu seiner Mutter, seine unverwüstliche, kettenrauchende Oma, die ihn die meiste Zeit erzogen hat und immer kluge Sprüche und Weisheiten mit auf den Weg gab, wie auch mit der Lebensweise seiner Appalachen-Familie, die außerhalb immernoch größtenteils als „Hinterwäldler“ bezeichnet werden. Letztlich muss er Entscheidungen treffen – wie er mit seiner Mutter umgehen soll, mit seiner Freundin und wie er alle Stolpersteine überwinden kann, um endlich ein normales Leben zu führen…
Der Film basiert auf den Erinnerungen von J.D. Vance, die 2016 unter dem Titel „Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family & Culture in Crisis“ erschienen und sofort an die Spitze der Verkaufsschlagerliste katapultiert wurde. Dem Autor wurden zahlreiche Angebote unterbreitet, sein Buch zu verfilmen, doch irgendwie konnte er sich seine Familiengeschichte nicht als Film vorstellen. Auch wollte er seiner Mutter zusätzlichen Schmerz vermeiden, die immernoch gegen ihre Sucht ankämpft.
Sein Agent konnte ihn jedoch dazu überreden, sich ein paar Leute diesbezüglich anzuhören. Einer von ihnen war Ron Howard. J.D. erinnert sich: »Ron hat eine der bekanntesten Stimmen der Welt, weshalb mit ihm am Telefon zu sprechen ziemlich bizarr war. Ich bin ein großer Fan von einer großen Menge seiner Arbeiten, und was Ron bei unserem ersten Aufeinandertreffen aufzeigte, war, dass das Buch in Wirklichkeit eine Geschichte über die bemerkenswerten Frauen in meinem Leben sei. Ich wusste es zu schätzen, dass er diese unterschwellige Tatsache verstand.«
Was Ron Howard daran begeisterte, die Memoiren als potentiellen Spielfilm zum Leben zu erwecken, war nicht nur, dass es um den Weg einer Familie durch die Mühseligkeiten der Generationen ging, sondern dass es wahrlich eine Geschichte über Heilung und Hoffnung ist, die durch die Bande der Familie und der Gemeinschaft entstanden ist.
Trotzdem sich die Geschichte auf die Erfahrungen einer Familie konzentriert, wusste der Filmemacher instinktiv, dass diese komplexen Familienbeziehungen für das Publikum unmittelbar nachvollziehbar sein würden und als Grundlage für den Film dienen sollten. »Dies war eine ganz und gar menschliche Geschichte«, sagt Ron Howard. »Es gab kulturelle Besonderheiten, aber in erster Linie ging es um den fundamentalen Druck, den fast jede Familie im Wandel empfindet.
Es ist die Geschichte von J.D., wie er sich selbst findet, aber nicht in der Lage ist, es allein zu tun. All diese Frauen (seine Mutter Beverly, seine Schwester Lindsay, seine Großmutter Mamaw, seine Freundin Usha) haben sich in den Prozess eingebracht, der es ihm schließlich ermöglichte, sich selbst zu verwirklichen, ohne seine Kultur abzulehnen und ohne sein Volk zu verleugnen. Er wächst an ihren Stärken und überwindet einige ihrer Schwächen.«
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Was J.D.s Bedenken für seine Mutter anbelangt, die die Geschichte ihrer Familie für ein weltweites Publikum auf die Leinwand gebracht sieht, so hatte Beverly Vance ein neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen und ist seit über sechs Jahren nüchtern. Sie räumt ein, dass die Veröffentlichung der Memoiren zunächst herzzerreißend für sie war, dass sie die Reise nun als einen Heilungsprozess betrachtet.
»Das Buch wurde aus der Sicht eines Kindes geschrieben, das von einer drogenabhängigen Mutter aufgezogen wird«, erzählt sie. »Ich kannte J.D.s Schmerz erst, als ich das Buch las, und so wurde ich dadurch sehr erwachsen. Ich finde, für mich, J.D., und meine Tochter Lindsay, dass wir uns jetzt viel näher gekommen sind, und wir waren in der Lage, mehr miteinander reden zu können.«
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Während der Regisseur die Last spürte, den Geist und die Wahrheit von J.D.s Geschichte zu ehren, erkannte er, dass das Kreativteam das empfindliche Gleichgewicht finden musste, um auch ein fesselndes, emotional episches und fesselndes Stück Kino zu produzieren. »Ich versprach J.D., dass ich versuchen würde, so genau wie möglich zu sein, während ich ihr Leben in einem zweistündigen Film zusammenfassen würde«, sagt Ron Howard.
»Ich führte ihn durch meinen Prozess, indem ich andere wahre Geschichten auf die Leinwand brachte, (wie Apollo 13, Frost/Nixon und A beautiful Mind), und er verstand, wie dieser Prozess aussehen würde, um Momente zu ermöglichen, die ehrlich sind und die Wahrheit widerspiegeln und gleichzeitig für das Publikum unterhaltsam sind.«
Nachdem sie die Gelegenheit hatte, Zeit mit Bev zu verbringen, bevor die Produktion begann, erinnert sich Amy Adams daran, dass sie vor allem Bevs Menschlichkeit einfangen wollte: »So viele Menschen, mich inbegriffen, sind auf die eine oder andere Weise von Sucht berührt worden, und ich wollte sichergehen, dass Sie sie wirklich gesehen haben und nicht nur die Sucht.
Ich glaube, es war für uns wichtig, dass wir in der Lage waren, ihre Menschlichkeit zu finden und uns auf sie zu konzentrieren, und nicht nur auf ihre Fehler oder Mängel. So viele Probleme sie auch gehabt hat, sie ist auch ein wirklich lustiger Mensch und das Leben jeder Party. Sie ist sehr einnehmend und klug, deshalb habe ich mich immer zu diesen Qualitäten hingezogen gefühlt.«
Ron Howard hätte nicht glücklicher sein können, als er sah, was sie Szene für Szene ablieferte, und stellt fest, dass er ihr immer volles Vertrauen entgegenbrachte: »Sie brachte Beverly mit so viel Dimension, Humor, Energie und Intelligenz auf die Leinwand. Beverly ist eine Figur, die trotz all dieser Qualitäten auch Entscheidungen traf, die im Nachhinein manchmal verletzend und manchmal schmerzhaft waren. Ich hatte so viel Respekt davor, wohin Amy ohne jede Eitelkeit ging, um die Figur der Beverly auf eine wirklich ehrliche und menschliche Weise auf die Leinwand zu bringen.«
Was Amy Adams hier abliefert, ist eine wahrhaft oscarreife Leistung! Es ist auch eine Rolle, die sie eine große Palette von Emotionen an den Tag legen ließ. J.D. Vance jedenfalls war »ziemlich besessen davon, wer meine Mutti spielte, und ich war von Anfang an ein Fan von Amy Adams Beachtenswert sind auch die äußerlichen Ähnlichkeiten, die die Schauspielerm/w/d mit den echten Personen besitzen.
Glenn Close in ihrem Mamaw-Make-up, ihren Haaren und ihrer Garderobe zu sehen, war eine Offenbarung für die Familie Vance. »Es war, als ob Mamaw nach so vielen Jahren wieder am Leben wäre«, sagte Mamaws teilweise erschütterter, aber durch und durch erfreuter ältester Sohn Jimmy, der eines Abends am Set stand.
Um die Illusion der Transformation zu verstärken, durchliefen beide Filmstars das tägliche Ritual des Auftragens von geschminkten Prothesenstücken auf ihr Gesicht. Sobald Glenn Close für den Film unterschrieben hatte, überzeugte sie ihren Make-up-Designer aus Albert Nobbs, Matthew Mungle, aus dem Ruhestand zu kommen, um mit praktischen Nasen- und Ohrstücken zu experimentieren, um Mamaws Gesicht nachbilden. »Ich wollte mich für diese Rolle tatsächlich von meinem eigenen Gesicht lösen, weil man wirklich die Leute glauben lassen will, dass sie ist, wer sie ist«, sagt die Schauspielerin.
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Hillbilly-Elegie ist ein intensives Familiendrama, das mit Hilfe von Zeitsprüngen drei Generationen einer Familie aufzeigt, ihren Werdegang und ihre gesellschaftlichen und persönlichen Probleme. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von J.D. Vance, der im Film von Gabriel Basso und als Kind von Owen Asztalos gespielt wird. Als J.D.s Freundin ist eine unglaublich entspannte Freida Pinto zu sehen, die man hauptsächlich aus Slumdog Millionaire und Wüstentänzer kennt.
Ron Howard gelingt es souverän, die biografische Geschichte ohne Längen zu erzählen. Man fühlt sich mittendrin im Sog der abwärts strauchelnden Familiengeschichte. Man fühlt mit J.D. mit und hofft mit ihm, dass alles gut wird. Musikalisch wird der Film von Hans Zimmer und Dave Fleming untermahlt, die u.a. bei Der König der Löwen, X-Men | Dark Phoenix, Wonder Woman 1984 sowie Top Gun | Maverick kollaboriert haben.
Letzterer musste schließlich einen Großteil allein hieven, da Hans Zimmer während der Produktion an CoVid-19 erkrankt war. Durch die Pandemie waren die Musiker dazu gezwungen, nicht zusammen spielen zu können, was zwar eine enorme Herausforderung war, doch dadurch eine Reihe von Solisten frei war, an der Filmmusik mitzuarbeiten. Einer von ihnen war Grammy®-Preisträger Derek Trucks.
»Derek ist wahrscheinlich der weltgrößte Slide- und Gitarrenspieler, und es spielt keine Rolle, ob er auf regionale Weise spielt oder nicht«, erklärt Dave Fleming. »Er hat diesen Ton, der einen mit einer Note zum Weinen bringen kann. Auch der britische Geiger Ben Powell gehörte zum groen Teil dazu. Auch wenn er so englisch ist, hat er diesen tiefen Respekt und diese Affinität für die Appalachen-Musik, und ich denke, er hat wirklich gut gepasst.
Durch das Benutzen dieser Darbietungen von Derek und Ben stellte sich heraus, dass wenn die Welt Kopf steht und alles verrückt ist, es sich wie wirklich gute Medizin anfühlte, in der Lage sein zu können, echte Menschen aufzunehmen und mit einfühlsamen Darbietungen in diesen Film einfließen zu lassen.«
Imagines Filmpräsidentin Karen Lunder sagt, dass sie Hillbilly-Elegie letztlich als eine optimistische Geschichte über Akzeptanz sieht: »Es geht darum, dein Potenzial und deinen Platz in der Welt zu finden. Es ist eine Geschichte übers Aufwachsen, das Beste und das Schlimmste deiner Herkunft aufzunehmen und diese Dinge zu benutzen, um in der Gegenwart die beste Person zu werden, die du werden kannst.«

28.11.2020 | mz | Quelle: Netflix
Kategorien: Feature | Filme