Freitag, 30. Januar 2026
The Change
Ellen (Verity Hayes) und Paul (Donncha Tynan) treffen sich zum ersten Mal in einer Galerie.
© LIONSGATE
Ellen, Professorin an der renommierten Georgetown University in Washington D.C., und Chefkoch Paul feiern ihren 25. Hochzeitstag. Während sich die Gäste amüsieren, wird Ellen das Gefühl nicht los, die neue Freundin ihres Sohnes bereits zu kennen.
Liz entpuppt sich als ehemalige Studentin, die wegen ihrer „antidemokratischen Thesen“ von der Uni geflogen ist. Jetzt steht sie kurz davor, mit der Bewegung „The Change“ einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel einzuleiten, der das gesamte politische System Amerikas erschüttert. Plötzlich muss Ellen nicht nur um den Zusammenhalt ihrer Familie, sondern für die Freiheit und Werte eines ganzen Landes kämpfen.
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Aktueller denn je: The Change thematisiert die politischen und sozialen Veränderungen unserer Gesellschaft – nicht in den Hinterzimmern der Macht, sondern dort, wo auch wir sie jeden Tag hautnah erleben: in der eigenen Familie.
Der aus Polen stammende Regisseur Jan Komasa ist eine der spannendsten Stimmen des europäischen Kinos. All seine Filme greifen nuanciert brisante Themen auf und verknüpfen sie mit emotionaler Wucht. Sein Drama Corpus Christi wurde 2020 in der Kategorie „Bester Internationaler Spielfilm“ für einen Oscar® nominiert. Darüber hinaus erhielt der Film auch weltweit viele Preise und wurde in seiner Heimat Polen mit dem Polnischen Filmpreis geehrt.
»Ich wollte schon immer einen Film drehen, in dem sich die Zeitspanne über fünf, sechs oder sieben Jahre erstreckt, um die Entwicklung der Personen und ihrer Beziehungen aufzuzeigen«, erklärt der Filmemacher. Dieses erzählerische Puzzle reizte ihn sowohl in technischer als auch in künstlerischer Hinsicht.
Darin wob er zusammen mit Lori Rosene-Gambino eine sorgfältig ausgeklügelte Familien- und Liebesgeschichte bzw. dessen Zerfall durch gesellschaftspolitische Veränderungen, die uns wie ein Zauberspiegel aufzeigt, was passieren kann, wenn radikale Ideen nicht tiefgründig genug hinterfragt werden.
»Was diesen Film einzigartig macht, ist, dass er nicht moralisiert oder Partei ergreift«, sagt Autorin Lori Rosene-Gambino. »Hier geht es nicht um die Politik in den Machtzentren — es geht um die Politik in unseren Küchen, Schlafzimmern und Hinterhöfen. Es geht darum, was passiert, wenn sich die Menschen von den Systemen, denen sie einst vertraut haben, nicht mehr gehört, gesehen oder davon verraten fühlen. Diese Enttäuschung schwächt, verzerrt und zerreißt die Familienbande und offenbart, dass sich das Persönliche und Politische nicht mehr voneinander trennen lassen.«
Jan Komasa polarisiert die Figuren nach ihren Charaktern. Genauso sind sie auch am Familientisch angesiedelt, genauso werden sie gekleidet. Wir wissen nicht, ob sich Liz aus Rachsucht an ihre ehemalige Professorin, die sie exmatrikulierte, an Josh herangemacht hat, oder ob ihre Dissertation Josh angezogen hat, der sich nach und nach in eine Richtung entwickelt, die die ganze Familie erschüttert.
Es wird viel mit den Nationalfarben gearbeitet. Auf der Silberhochzeitsfeier ist nur Ellen „rechtmäßig royal“ in Rot gekleidet, während Liz ein kontrastierendes hellblaues Kleid im 1950er-Jahre-Stil trägt, das Unschuld und Reinheit repräsentiert.
»Am Ende des Film kehrt sich das um. Liz übernimmt die Führung und schlüpft in ein auffälliges rotes Kleid, während Ellens blaues Kleid für emotionelle Distanz und stille Ergebung steht«, erläutert Jan Komasa die Schlussszene des Films. »Die Meisterin ordnet sich unter, die Schülerin ist ihr nun übergeordnet.«
Doch Liz selbst ist am Ende erschrocken darüber, was ihre These und die daraus resultierende Gesellschaftsänderung aus ihrem Josh gemacht hat. Hier in Deutschland kann man das alles historisch nachvollziehen. Doch Produzent Steve Schwartz macht eines deutlich: »Es geht hier nicht um linke oder rechte Politik. Ein autoritäres Regierungssystem ist eine Krankheit, die von überall herkommen kann. Jeder hat seine eigene Erklärung dafür.«
Allerdings wird im Film lediglich die Veränderung aufgezeigt und nicht, wie sie entstanden ist. So bleibt hier viel Spielraum für Interpretationen und Spekulationen. Als Trostpflaster für die orwellsche Atmosphäre des Films weist der Regisseur letztlich darauf hin: »Die universelle Botschaft ist, dass die Realität einem ständigen Veränderungsprozess ausgesetzt ist, in der die einzige Konstante die Liebe ist.«
Auf jeden Fall ist ihm auch mit dem Darstellerensemble ein Glücksgriff gelungen. Nicht nur agieren die Familienmitglieder völlig individuell und nachvollziehbar großartig, auch die Nebenfiguren bringen ihr Päckchen Backpulver ein, um den Hochzeitstagskuchen so wohlschmecken zu lassen, dass er am Ende einen Kloß im Hals verursacht. Und dafür kann man die vernachlässigten Details der gesellschaftspolitischen Rahmenhandlung gut verschmerzen.

26.01.2026 | mz
Kategorien: Kino
Genres DramaDystopieKrimiPolitikScience Fiction