Montag, 14. Oktober 2019
It ends | Chapter Two

 

Als hätte man es geahnt: Das Böse taucht erneut in Derry auf, und die glorreichen Sieben müssen sich erneut dem Clownmonster stellen. 27 Jahre nachdem der „Klub der Verlierer“ Pennywise besiegte, kehrt dieser zurück, um die Stadt Derry aufs Neue zu terrorisieren. Längst haben sich die Wege der mittlerweile erwachsenen Verlierer getrennt. Wieder verschwinden Kinder, sodass Mike, der Einzige der Truppe, der in der Heimatstadt geblieben ist, die anderen nach Hause zurückholt. Traumatisiert durch die Erfahrungen der Vergangenheit, muss jeder seine tiefsten Ängste überwinden, um Pennywise endgültig zu vernichten…
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Wir mussten zum Glück nicht 27 Jahre auf die Fortsetzung warten, die uns die Geschwister Andy und Bárbara Muschietti 2017 im Kino bescherten. Die Erwartungen waren hoch, den dicken Wälzer von Horrorgenie Stephen King endlich gelungen verfilmt zu sehen. Allerdings musste man bereits beim ersten Kapitel Kompromisse eingehen, die dem Originalroman entgegen wirkten, weshalb die Spannung und der Horror unter der Umsetzung gelitten haben. Doch wie sieht es mit der Fortsetzung aus?
Im Prolog des Films sehen wir zunächst, wie Pennywise wieder zuschlägt, dann sehen wir, wie Halbstarke gegen ein Schwulenpärchen angehen und einen der beiden jungen Männer gnadenlos bewusstlos prügeln und dann von einer Brücke in den Fluss werfen. Das allein ist schon ein schwer verdaulicher Schockmoment, der die Zuschauenden zunächst hilflos in den Vorspann entlässt, denn wie wir später sehen, ist dies vermutlich nur eine Auswirkung durch die Rückkehr des Bösen.
»Der Seele von Derry geht es noch schlechter als vor 27 Jahren, als ES wütete«, beschreibt Produzentin Bárbara Muschietti das Leitmotiv des Autors. »Die Intoleranz, der Hass, das Fehlen von Empathie… Dieser Nebel ist überall, und die Einwohner sehen nicht, wie schlimm es ist. Das ist Teil des Fluchs. Wenn man Derry verlässt, verschwinden nach und nach die Erinnerung an die Stadt und die Zeit, die man dort verbrachte. Aber wenn du bleibst, ist dein Leben abgestumpft, in diesen Nebel eingehüllt. Schreckliche Dinge geschehen, sie werden lediglich nicht zur Kenntnis genommen.«
Eines solch grausames Ereignis ist ein Wendepunkt für beide – den Autor und die Fans des Buchs, und die Filmemacher waren auf das Einbauen dessen versessen. »Teil von Kings Genie war es, über dieses Hassverbrechen inmitten einer Festivität wie einem Rummel zu schreiben«, sagt die Produzentin. »Es war seine Art, auf einen tatsächlichen Vorfall zu reagieren, der in Bangor, Maine, stattfand. Eine Menge Fans fragten: „Baut ihr die Adrian-Mellon-Szene ein?“ Natürlich, das wollten wir von Anfang an. Diese Sequenz ist misstönend für das Gehirn sehr schwer zu begreifen, wie Menschen sich so verhalten können, jemanden anzugreifen, den man mag. Letztlich ist es notwendig, um Derry zu verstehen, wie verrückt und blind es ist.«
COME HOME
Im Vergleich zum ersten Film ändert sich nun die Erzählweise. Da Mike als Einziger der Clique in Derry geblieben ist, ist er auch jener, der aus dem Off erzählt, während er seine Kumpane zurückholt. Diese Erzählform hat schon mal einen epischeren Ansatz, der, zumindest in der ersten Hälfte es Films, noch von wahnsinnig originellen Szenenübergängen unterstützt wird. So schwenkt z.B. in einer Szene die Kamera in den Himmel, doch die Sterne sehen unförmig aus. Und während die Kamera in Richtung Sterne fährt, sehen wir, wie aus den Sternen fehlende Teile eines Puzzlebilds werden – aus der Sicht von der Unterseite. Allerdings lässt diese Verspieltheit im Laufe des Films nach – vermutlich aus zeitlichen Produktionsgründen.
Das war es aber auch schon, was bemerkenswert anders ist als im ersten Kapitel. Bei den Schauspielern ließ man sich von Äußerlichkeiten inspirieren, so sehen alle mehr oder weniger ihren jüngeren Versionen ähnlich. Immerhin haben sich die Charaktere selbst auch nicht viel verändert. So hat z.B. Beverly einen ähnlich gewalttätigen Ehemann, wie ihr Vater es war, und Eddie ist mit einer Frau verheiratet, die seiner Mutter bis aufs Haar ähnelt – was witzigerweise mit derselben Schauspielerin umgesetzt wurde!
Beverly haben die Muschiettis mit Jessica Chastain besetzt, die bereits in ihrem Erstlingswerk Mama von 2013 an der Seite von Game of Thrones-Star Nikolaj Coster-Waldau die Hauptrolle gespielt hat. Als Bill Denbrough, dessen Stottern nach dem Rückruf nach Derry plötzlich wiederkommt, ist James McAvoy zu sehen, der erstmals wieder mit voller Haarpracht zu sehen ist. Einerseits optisch passend, andererseits akustisch unlogisch ist die Besetzung von Komiker Bill Hader als Richie Tozier, dessen Stimme sich drastisch verändert hat, dessen Humor jedoch keineswegs.
Im 2. Kapitel nun hielt man sich mehr an die Erzählweise des Romans, der kontinuierlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springt, während man im ersten Film-Kapitel bei den jungen Protagonisten blieb. Diesmal beinhaltet der Film Ereignisse des Sommers 1989, die bislang verborgen blieben, die nicht nur als Rückblenden der erwachsenen Charaktere dienen, sondern gleichzeitig als Füller der Gedächtnislücken dienen, die die Erwachsenen zu haben scheinen.
Zusätzlich involvierte der Regisseur den Romanautor in die Fortsetzung. »Stephen hat großen Respekt vor Adaptionen«, sagt Andy Muschietti, »und unsere Kommunikaion begann, kurz bevor wir das erste Kapitel beendet hatten. Wir zeigten es ihm, und er reagierte sehr positiv darauf. Ich wollte mir nicht die Gelegenheit entgehen lassen, seine Gedanken für unseren zweiten Film zu hören.«
Stephen King erinnert sich: »Ich hatte Hoffungen für den Film, aber ich war völlig unvorbereitet, wie gut Es war! Ich denke, das beste Vertrauensvotum für den zweiten Film ist, als der erste Film mit der Titeleinblendung „It | Chapter One“ endete und das Publikum applaudierte. Es wollte mehr. Jetzt bekommen sie den Rest. Es ist keine Fortsetzung, es ist die zweite Hälfte einer einheitlichen Geschichte.«
»Ich erinnere mich«, fährt der Autor fort, schaltet einen Gang höher, »als ich an dem Roman arbeitete, sah ich im Vorbeigehen ein kleines Mädchen am Straßenrand, das im Sand malte und mit sich selbst über die eingebildeten Leute in ihren Kritzeleien sprach. Ich dachte mir: Was, wenn das ein Erwachsener machen würde? Wir wissen, dass Kinder eine breitere Sichtweise besitzen. Ihre Vorstellungskräfte sind grenzenlos, und wenn wir älter werden, wird es immer schwerer, an diesen Vorstellungskräften festzuhalten. Was ich also mit „Es“ machen wollte, war, diese Leute als Erwachsene zurückzubringen. Dadurch, dass sie diese Erfahrungen als Kinder gemacht haben, sind sie die einzigen, die die Möglichkeit haben, diese einfallsreiche Eigenschaft, die sie als Kinder hatten, gegen ES einzusetzen.«
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Und für seinen Input bedankte sich der Regisseur mit einem Gastauftritt des Autors im Film. Es ist eine durchaus gelungene Verfilmung, vermutlich die gelungenste bis jetzt. Es gibt zwar, wie bei jeder Romanverfilmung, Abstriche, doch die Grundstimmung kommt schon herüber. Zudem sind die Jungdarsteller allesamt charismatisch, vor allem charismatischer als ihre erwachsenen Egos. Dass der Film jetzt nicht so deftig abdreht wie das Ende im Buch ist zu begrüßen.
Die Laufzeit allein ist aber schon deftig, und man ist froh, nach den knapp 3 Stunden aus dem Kino entlassen zu werden. Zwar wirkt der Film an sich nicht allzu oft so langwierig wie eine Marvel-Oper, doch ist er dem schon recht nah. Was allerdings dem Gesamtwerk fehlt, ist die Spannung. Man wird zwar Teil der „Loser“, freut und fiebert mit ihnen mit, und doch fehlt irgendwie eine Zutat, die Es zu etwas Grandiosem hätte werden lassen können.

09.09.2019 | mz
Kategorien: Feature | Filme