Samstag, 20. April 2019


© Koch Media

Trailer |
IMDb |
Filmseite
Die Kunst des Silat
► Interview mit Sigo Heinisch

Ein Apartmentblock, unzählige Gangster, ein Haufen zunehmend dezimierter Elitecops und Shootingstar Iko Uwais als Mensch gewordene tödliche Waffe, die zum packenden Score von Linkin Park-Frontmann Mike Shinoda die Grenzen von Physik und Schmerzempfindlichkeit aus den Angeln zu heben scheint: Das kommt dabei heraus, wenn man das knüppelharte US-Actionkino der 80er-Jahre, die gefeierte Ballistikchoreografie eines John Woo und die Martial-Arts-Artistik eines Tony Jaa (Ong Bak) kombiniert. Ein Film, der schon jetzt als eines der großen Actionmeisterwerke der Filmgeschichte gilt und auf zahlreichen Festivals gefeiert wurde: The Raid.

Der walisische Regisseur Gareth Evans hat mit Iko Uwais den nächsten großen asiatischen Actionstar und einen ebenbürtigen Nachfolger für die Garde um Jet Li, Tony Jaa und Co. gefunden. Evans, der mit Uwais bereits bei Merantau zusammengearbeitet hat, ist mit The Raid ein ernstzunehmender Anschlag auf die Kino-Actionlandschaft gelungen.

Es klingt alles ganz einfach: Als neues Mitglied eines verdeckt operierenden Sondereinsatzkommandos soll Rama einen brutalen Drogenbaron in dessen heruntergekommenen fünfzehnstöckigen Apartmentblock stellen und dingfest machen. Aber nicht alles ist so, wie es scheint: Die Führung der Eliteeinheit verfolgt anscheinend ihre eigenen Ziele mit dem Einsatz, während der Kopf des Kartells, Tama, offenbar längst auf die Angreifer gewartet hat.

Als seine vorgewarnten Wachen die Operation gleich zu Beginn auffliegen lassen, bricht in dem Gebäude die Hölle los. Jedem Killer, Gangster und Dieb wird von Tama lebenslange Unterkunft im Austausch gegen die Köpfe der Polizisten angeboten. Und der kriminelle Abschaum lässt sich nicht lange bitten.

In brutalen Stellungskämpfen wird Ramas Truppe zunehmend dezimiert, bis nur noch wenige seiner Polizisten einer gegnerischen Übermacht gegenüberstehen. Rama muss für den gefallenen Führer seines Teams einspringen und all seine kämpferischen Fähigkeiten einsetzen, um sich Stockwerk für Stockwerk und Raum um Raum nach vorne zu kämpfen, die Mission zu beenden und trotzdem mit dem Leben davonzukommen.

2007 reiste Regisseur Gareth Huw Evans nach Indonesien, um dort eine Dokumentation über die weitgehend unbekannte (und ungefilmte) Kampfkunst des Pencak Silat zu drehen. Erst während dieser Dreharbeiten und im Angesicht der Bewegungen und Kampfstile einiger Großmeister dieser Kunst erkannte er das bislang ungenutzte filmische Potenzial dessen, was er hier sah. Besonders einer der Kampfschüler, ein Lastwagenfahrer eines indonesischen Telekommunikationsunternehmens mit dem Namen Iko Uwais, schien die Idee dessen, was Evans vorschwebte, perfekt zu verkörpern.

»Auf den ersten Blick scheint er dieser ruhige, schüchterne und bescheidene Typ zu sein. Aber dann fängt er an, Silat auszuüben und verändert sich dabei vollkommen. Was Iko von vielen anderen unterscheidet, ist sein sehr klares Verständnis davon, wie er rüberkommt und aussieht, während er die Kampfkunst zelebriert. Klar gibt es immer da, wo technische Kompetenz herrscht, eine gewisse Ästhetik, aber wenn Iko kämpft, hat das auch etwas Stilisiertes an sich, etwas sehr Cooles«, beschreibt Evans seinen Hauptdarsteller.

Also ging der Regisseur auf Uwais zu, um ihm zu erklären, dass er zwar zunächst in seine Heimat, nach Wales, zurückkehren müsse, aber wiederkommen werde, um mit ihm an einem Martial-Arts-Film zu arbeiten. »Er hat dann praktisch nur mit „Ja, ja“ geantwortet, so als glaube er nicht, was ich ihm da erzählte«, lacht Evans. »Sechs Monate später waren wir zurück und begannen mit der Vorproduktion zu Merantau

Der Film bezog seinen Namen aus einem jahrhundertealten indonesischen Initiationsritus. Im Film verkörpert Uwais Yuda, einen talentierten Silatkämpfer, der die ländliche Farm seiner Familie verlässt, um nach Jakarta zu pilgern. Hier wird er in den Konflikt eines jungen Mädchens mit Menschenhändlern hineingezogen, die sie in die Sklaverei verkaufen wollen. Merantau lief sehr erfolgreich auf den einschlägigen Filmfestivals rund um den Globus und steigerte sofort das Interesse sowohl an Pencak Silat als auch an der neuerlichen Zusammenarbeit zwischen Evans und Uwais.

Mit seiner neuen Firma Merantau Films verbrachte Evans einen Großteil des Jahres 2009 damit, die Finanzierung für ein Projekt namens Berandal zusammenzubekommen – einen Thriller, in dem es um einen jungen Polizisten namens Rama aus Jakarta geht, der sich in ein Netz aus Gewalt und Intrigen in der kriminellen Unterwelt verstrickt. Als sich das Projekt in Erwartung von Investoren immer weiter verschob, entwickelte Evans einen verwegenen Plan B: Eine Vorgeschichte, die Uwais als Rama quasi erst einführen sollte, und zwar eine Story, die sich deshalb ganz realistisch finanzieren und planen ließ, weil sie sich auf einen einzigen Schauplatz beschränkt.

The Raid sollte an einem unbestimmten Ort zu einer unbestimmten Zeit spielen, einziger Anhaltspunkt für die genauere Bestimmung des Handlungsorts innerhalb Indonesiens bleibt der Dialekt. Ein Großteil der Handlung findet dabei im Inneren eines heruntergekommenen Gebäudes statt. Dieses Setting zeichnet sich nicht nur durch seine intensive Atmosphäre aus, sondern sorgte mit seinen Beschränkungen für einige der einfallsreichsten und kreativsten Actionszenen.

Es dauert lange, bis man derart viele gut choreografierte Actionszenen entwickelt und umsetzt. Noch bevor Evans die Synopsis fertiggestellt hatte, planten Iko und Yayan schon verschiedene Kampfabläufe für den Film. Nachdem die Arbeit am Drehbuch abgeschlossen war, musste das Trio trotzdem noch einmal über drei Monate hinweg die Choreografie an die jeweiligen Szenen anpassen.

Das Team der Actionchoreografen kreierte jeden Tag neue Bewegungsfolgen, deren Wirkung Evans mit der Kamera austestete, bis sämtliche Abfolgen festgelegt waren. Um die Entwicklung der Bewegungsabläufe effizient zu dokumentieren, schuf Evans ein Videostoryboard, mit dem er, die Schauspieler und Kämpfer sowie alle anderen Beteiligten arbeiten konnten.

Abgesehen von den kampfsportlichen Aspekten der Actionszenen war es wichtig, den Gebrauch der unterschiedlichen Waffen zu demonstrieren. Es war besonders wichtig, dass alle Teammitglieder eine klare Vorstellung von militärischer Zeichensprache, Waffen und Polizeigebaren haben, da das Sondereinsatzkommando im Film wie eine reale Einheit agieren sollte.

Jedes Teammitglied sollte verstehen, wie wichtig Teamarbeit und Kommunikation innerhalb einer tatsächlichen Spezialeinheit sind und wie der Fehltritt eines Einzelnen die gesamte Truppe gefährden kann. Dazu erhielten die Darsteller eine Woche lang das Spezialtraining Kopaska der indonesischen Marine. Diese Zeit erwies sich als sehr wichtige Erfahrung, da das Team nicht nur die essentiellen Fertigkeiten und das Grundwissen der Einheiten kennenlernte, sondern auch als Gruppe zusammenwuchs.

Der Begriff des Silat (übersetzt: Tanz) ist eigentlich ein Sammelbegriff für die heimischen Kampfkünste des Malaiischen Archipels, zu dem Indonesien, Malaysia, Singapur, Brunei und Borneo zählen. Der Begriff wird jedoch ebenfalls verwendet, um eine eigenständige Kampfform zu bezeichnen.

Pencak Silat umfasst dabei die indonesische Variante des Kampfstils, wobei sich Pencak auf den Showaspekt des Kämpfens bezieht, während Silat für die Essenz der Selbstverteidigung steht. Nach der Auffassung vieler Kämpfer kann beides für sich genommen nicht existieren, die Verbindung zwischen Silat und Pencak ist unabdingbar. Auf Grund der geographischen Gegebenheiten der indonesischen Inselgruppe umfasst der Begriff aber keine strenge und einheitliche Richtung, sondern vereint mit dem Sammelbegriff Silat verschiedene lokale Traditionen und Eigenheiten.

Der Film an sich ist eher langweilig und eher in die Kategorie Kriegsfilm zu legen. Es geht um eine Polizeitruppe, die einen Gebäudekomlex von einer komplex ausgestatteten Drogenbande befreien muss. Es wird zunächst viel geballert, bevor es zu den wahnsinnigen Zweikämpfen kommt, bei denen Ottonormalbürger bereits nach einem Schlag den Fußboden küssen, wenn nicht sogar das Zeitliche segnen würde.

Evans gelingt es jedoch, den Zuschauer mit einem Plot zu korrumpieren, dessen Ende man so nicht voraussagen kann. Da dieser Film aber offensichtlich eine Vorgeschichte darstellen soll, bleibt abzuwarten, wie diese fortgesetzt wird. The Raid ist Actionkino wie man es erwartet – mit viel „bösem Aua“, resultierend aus den zahlreichen atemberaubenden (Zwei)kämpfen, einer komplexen Geschichte und mit hervorragend passender Musik inszeniert. ■ mz

OT: Serbuan maut
RI 2011

Action/Krimi
FSK: keine Jugendfreigabe
100 min

mit
Iko Uwais (Rama)
Joe Taslim (Jaka)
Doni Alamsyah (Andi)
Yayan Ruhian (Mad Dog) Jesco Wirthgen
Pierre Gruno (Wahyu)
Ray Sahetapy (Tama)
R. Iman Aji (Eko) Tino Kießling
Tegar Satrya (Bowo)
Iang Darmawan (Gofar)
Eka „Piranha“ Rahmadia (Dagu)
Verdi Solaiman (Budi)
u.a.

musik
Joseph Trapanese
Aria Prayogi
Fajar Yuskemal

kamera
Matt Flannery

drehbuch
Gareth Evans

regie
Gareth Evans

produktion
Pt. Merantau Films
XYZ Films

verleih
Koch Media

Kinostart: 12. Juli 2012

http://ws.amazon.de/widgets/q?rt=tf_ssw&ServiceVersion=20070822&MarketPlace=DE&ID=V20070822%2FDE%2Fangelonemedia-21%2F8003%2F37b79f68-de35-4551-a2d4-5d97add7e683&Operation=GetDisplayTemplate Amazon.de Widgets

11.07.2012 | mz |
Kategorien: ohne
Schlagwörter: | | |