Samstag, 20. April 2019


Steve, Andrew und Matt
© 20th Century Fox

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Stellen Sie sich die Frage: Was würden Sie tun, wenn Sie übernatürliche Kräfte hätten? Würden Sie nicht in ein spezielles Kostüm schlüpfen, herumfliegen und Bösewichte bekämpfen? Wenn Sie ein Teenager wären, wäre die Antwort wohl eindeutig: Nein! Sie würden so richtig Spaß haben wollen. Ausgelassene Streiche spielen und es denen ordentlich heimzahlen, die Ihnen Unrecht getan haben. Vielleicht würden Superkräfte in Ihnen ihre dunklen Charakterzüge wecken. Oder noch schlimmer…

Man muss nicht unbedingt ein Jedi werden, um seine mentalen, überirdischen Kräfte für Positives zu verwenden. Im Kampf gegen die böse Macht steht jeder für sich allein. Manch einer ist willensstark, manch einer gibt schnell seinen persönlichen Problemen nach und setzt die Kräfte für sich selbst ein. Doch Vorsicht: Übermut tut selten gut!

Realer geht’s nicht. Andrew, Matt und Steve sind typische Teenager mit ausgeprägten Persönlichkeiten, die sich mit den ganz normalen Herausforderungen herumschlagen, die der Schulalltag an sie stellt. Sie schließen neue Freundschaften und erforschen die Mysterien des Lebens. Sie sind nicht perfekt, ein wenig linkisch und etwas leichtsinnig. Sie sind Menschen wie du und ich.

Und wie viele von uns fühlen sie sich bemüßigt, von ihrem Leben zu berichten, mag es nun mondän (oder wie in diesem Fall) höchst ungewöhnlich sein. Denn Andrew, Matt und Steve haben etwas herausgefunden, was für sie und ihre Mitmenschen ungewöhnlich ist: Sie besitzen sehr seltene Fähigkeiten. Sie sind telekinetisch begabt – oder umgangssprachlich gesagt, sie verfügen über Superkräfte.

Sie können eigentlich alles. Sie können Gegenstände mit reiner Gedankenkraft bewegen, Autos zerquetschen und sogar fliegen. Besser geht’s nicht. Doch dann laufen die Dinge aus dem Ruder…

Auslöser dieses Phänomens ist, wie kann es auch anders sein, ein unterirdisches Artefakt, das sie in einem Waldstück unweit einer Partylocation entdecken und mutig, wie auch leichtsinnig erkunden. War es ein Meteorit oder ein Raumschiff, das abgestürzt war? Geklärt wird das nicht. Am nächsten Tag ist das Gebiet von Regierungstruppen abgeriegelt – von der Absturzstelle keine Spur mehr vorhanden.

Anstatt wie bei John Carpenters The Thing außerirdische Wesen loszulassen, schicken Max Landis und Josh Trank drei Jugendliche auf einen lebensbedrohlichen Selbstfindungstrip, bei dem am Ende, ähnlich wie bei Star Wars, der Kampf zwischen Gut und Böse gigantische Ausmaße entwickelt.

Trank war fest entschlossen, Chronicle nicht aus der Erwachsenenperspektive zu erzählen: »Die Story ist lebensnah. Wir haben es hier nicht mit einem klassischen Fantasy- oder Genrefilm zu tun. Hier geht’s um echte junge Leute, nicht um Karikaturen. Ihr Leben ist alles andere als perfekt. Wir begeben uns auf ihre Augenhöhe, erforschen ihren Kosmos und übernehmen ihre Sicht der Welt. Und das lange bevor irgendetwas Ungewöhnliches passiert. Und in dem Moment, in dem sich unsere Helden ihrer übernatürlichen Fähigkeiten bewusst werden, interessiert sich Chronicle nicht so sehr für die Superkräfte an sich, sondern vielmehr darum, wie die Kids mit ihnen umgehen.«

Die Superkräfte dienen hierbei lediglich als Multiplikator des derzeitigen gesellschaftlichen Jugendverhaltens und zeigen auf, dass gehänselte Jugendliche unter gewissen Umständen ihre aufgestauten Gefühle an ihrer Umgebung auslassen können. Was vor über 30 Jahren bei Carrie – Des Satans jüngste Tochter schon funktioniert hat, wurde hier, zeitgemäß mit Superheldenhype, mit Einbezug der sozialen Medien adaptiert.

»Wir leben in einer Zeit, in der jeder alles filmisch festhalten kann«, sagt Trank. »Die heutige Generation definiert sich so. Noch nie haben die Kids so viel fotografiert wie heute – oder sich so sehr über Fotos selbst definiert. Jeder ist im Besitz einer Art Kamera, Bilder lassen sich in Sekundenschnelle ins Internet hoch laden. Die heutigen Filme sind von dieser Art zu drehen gekennzeichnet.«

Tranks experimenteller Kurzfilm ►Stabbing at Leia’s 22nd Birthday war eine Onlinesensation, die über zehn Millionen Mal angeklickt wurde. Der Regisseur machte sich dabei diese neue Ästhetik zu Nutze und bediente sich des Potenzials des Internets. »Joshs Chronicle ist lediglich der nächste logische Schritt dieser Art des Geschichtenerzählens«, weiß Produzent Adam Schroeder. »Wir kennen inzwischen diese Filme, die mit subjektivem Blick und Hand gehaltener Kamera gedreht werden. Aber so wie hier die Dinge passieren, das haben wir im Kino noch nie gesehen. Bei Chronicle ist diese Technik nicht nur Mittel zum Zweck, hier wird die Geschichte nicht nur aus subjektiver Perspektive erzählt – hier definiert der subjektive Blick unsere Hauptfigur.«

Der Australier Alex Russell reflektiert darüber, wie es ist, einen typischen amerikanischen Highschoolschüler zu spielen: »Was mich bei diesem Projekt geradezu ansprang, war das surreale Konzept. Einerseits geht’s da um Kids mit Superkräften, andererseits ist alles so in der Realität verankert. Matt ist das glatte Gegenteil von Andrew und Steve. Unter normalen Umständen hätten sie sich nie angefreundet, aber ihr gemeinsames Schicksal schweißt sie zusammen.«

Der Film beginnt relativ harmlos. Alles wird mit Kameras gefilmt – hauptsächlich mit Andrews Filmkamera, später auch mit Überwachungskameras. Die Charaktere werden vorgestellt und, ähnlich wie bei Cloverfield, nach und nach die Ereignisse hinzugeführt. Allerdings kann man bei Chronicle der Handlung besser folgen und bekommt keine Kopfschmerzen von durch eine Wackelkamera, auch wenn die Kameraführung nicht immer ruhig ist.

Neben den innovativen visuellen Effekten, den Aufhängevorrichtungen und den Stunts besitzt Chronicle zudem eine Vielzahl spektakulärer Spezialeffekte. So wurde beispielsweise komprimiertes Gas dazu verwendet, zwei 500 Kilogramm schwere Fahrzeuge zehn Meter in die Luft zu katapultieren – keine Frage, dass sie dabei zu Bruch gingen, als sie anschließend wieder auf den Boden krachten.

Und dann ist da noch diese andere Szene, von der viele Zuseher wohl annehmen werden, dass sie mittels CGI geschaffen wurde: Andrew hebt langsam seine Hand und zerdrückt mit seinen telekinetischen Kräften ein Auto. In Wirklichkeit implodiert der Wagen wegen einer hydraulischen Pumpe, die mit einer Kraft von 10.000 Kilogramm dafür sorgt, dass die Karosserie sich verformt, bis der Wagen nur noch Schrott ist – ein schmerzhaftes metallisches Quietschen inklusive.

Man fühlt sich als Zuschauer von Anfang an mittendrin im Geschehen. Das gibt dem Film einen gewissen realen Touch, wodurch die Superkräfte schließlich dermaßen echt wirken, dass man sich die Fantasterei immer wieder ins Gedächtnis rufen muss. Spätestens am Ende, wenn halb Seattle in Schutt und Asche gelegt wird, wirkt die Geschichte ein wenig zu überheblich. Aber vielleicht würde ein Kampf der Superkräfte auch genauso aussehen? Auf jeden Fall ist der Film sehenswert und mitreißend – und stellt dem Zuschauer die Frage: Wozu bist du fähig? ■ mz

OT: Chronicle
GB/USA 2012

Drama/Science Fiction/Abenteuer
FSK: 12
84 min

mit
Dane DeHaan (Andrew Detmer)
Alex Russell (Matt Garetty)
Michael B. Jordan (Steve Montgomery)
Michael Kelly (Richard Detmer) Michael Iwannek
Ashley Hinshaw (Casey Letter)
Bo Petersen (Karen Detmer)
Anna Wood (Monica)
Rudi Malcolm (Wayne)
u.a.

kamera
Matthew Jensen

drehbuch
Max Landis
Josh Trank

regie
Josh Trank

produktion
Davis Entertainment
Adam Schroeder Productions
Film Afrika Worldwide

verleih
20th Century Fox

Kinostart: 19. April 2012

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15.04.2012 | mz |
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