Montag, 19. August 2019

 

Quentin Tarantino sagte nach seinem letzten Film, The Hateful 8, dass er nach zehn Filmen aufhören will, »solange ich noch hart bin.« Damit wäre der geplante Star Trek-Film seine letzte Komplettarbeit, die 1987 mit My best Friend’s Birthday begann, die er selbst jedoch nicht zu seinen 10 ikonischen Filmen zählen will, sondern mit Reservoir Dogs aus dem Jahr 1992, mit dem er sich einen Namen machte.
Mit dem Kultfilm Pulp Fiction zementierte er seinen Erfolg zwei Jahre später, feierte in dem Episodenfilm Four Rooms seinen Erfolg mit einem „fingeramputierten“ Bruce Willis, bevor er 1997 mit Jackie Brown Hauptdarstellerin Pam Grier ikonisierte. Dann kam Kill Bill in zwei Teilen auf die Leinwand. Zwischendurch kooperierte er nach seinem Auftritt in From Dusk till Dawn mit Robert Rodriguez als Teilregisseur bei Sin City sowie zwei Jahre später beim Grindhouse-Projekt den Film Death Proof.
2009 kam Film Nummer 6, Inglorious Basterds, ins Kino – sein Blick auf den II. Weltkrieg, in dem er bereits mit Brad Pitt zusammenarbeitete. Dann folgte die erste Zusammenarbeit mit Leonardo DiCaprio in Django unchained und 2015 der Western The Hateful 8 – die Zahl markiert auch den 8. Film nach seiner Zählweise.
Aber wie er sagte, muss nach dem zehnten Film noch nicht Schluss sein. Einen ähnlichen Entschluss hatte schon Steven Soderbergh gefasst, der dann doch nochmal wiederkam. Jetzt sehen wir also Quentin Tarantinos neunte Sinfonie über einen Hollywood-Action-Schauspieler und dessen Stuntman – eine Hommage an das Hollywood der 60er Jahre…
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Rick Dalton ist Actionheld, zu dessen Höhepunkten die TV-Serie Bounty Law und der Film The Fourteen Fists of McCluskey gehören. Seine Stunts führt Cliff Booth aus, der auch auf Ricks Haus aufpasst und in dessen Cadillac herumschlendern darf, wenn er nicht am Set gebraucht wird. Allerdings scheint Rick auf dem absteigenden Ast zu stehen, was ihm sein Agent Marvin Schwarzs (ganz wichtig: mit einem weichen s am Ende!) vor Augen führt. Seine Lösung: nach Italien gehen und Spaghetti-Western drehen!
Wir erleben Rick, wie er mit einem Tonband seine Rolle im Pool einstudiert, und Cliff, wie er nach getaner Arbeit mit seiner Rostlaube zu seinem Hund nach Hause fährt – zu einem Wohnwagen neben einer Ölbohrstelle, wo bereits sein Pitbull Brandy wartet, den er mit Dosenfleisch füttert – mit verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Ratte oder Waschbär.
Wir sehen, wie Rick in eine Schaffenskrise gerät, während Cliff mit Parcours-Hopsern auf Ricks Dach springt, um die Antenne zu reparieren, und sich dann das Shirt auszieht, was (nicht nur) bei der Premiere in Cannes zu Szenenapplaus führte. Es gibt auch wieder einen genialen typischen Tarantino-Dialog, diesmal zwischen Rick und der 10-jährigen Trudi am Set des Piltofilms zur Westernserie Lancer, in der Rick Dalton erstmals einen Bösewicht spielt.
Es passiert nicht viel in den zweieinhalb Stunden, die übrigens keine Sekunde langweilig sind! Easy breezy – leicht beschwingte Kinounterhaltung serviert uns Quentin Tarantino und mischt die eigentliche Handlung nebenbei unter, wenn Cliff ein Hippie-Mädchen per Anhalter zur Spahn-Ranch bringt, eine ehemalige Westernranch, die dem Ex-Stuntman George Spahn gehörte.
An der Stelle kommen ganz andere Dinge in Erinnerung – Charles Manson, Mord und Totschlag – eigentlich genau das, was man bei einem Tarantino-Film vermutet. Doch bis es soweit ist, vergehen satte 2 Stunden, in denen wir den beiden Hauptfiguren zusehen, wie sie ihr täglich Brot verdienen, oder die Kamera den Nachbarn Roman Polanski und Sharon Tate folgt.
Es ist nicht alles Gold, was in dem Film glänzt. Margot Robbie gibt zwar eine gelungene optische Kopie der echten Sharon Tate ab, bekommt jedoch kaum Gelegenheit, darüber hinaus zu agieren. Es ist jedoch bezaubernd, wie sie im Kino ihren eigenen Film sieht und stolz wie Bolle das begeisterte Publikum verinnerlicht. Immerhin hatte Sharons Schwester Debra Tate die Darstellung abgesegnet und sogar den echten Schmuck ihrer Schwester bereitgestellt.
Allerdings gibt es einen Punkt, der sauer aufstößt, und das ist die Darstellung von Bruce Lee durch den koreanisch stämmigen Mike Moh, von der Bruces Tochter Shannon Lee vollkommen enttäuscht war, denn er wurde als schlimm verstellter, arroganter Angeber voller heißer Luft dargestellt. Auch sonst sind kaum „Nicht-Weiße“ im Film zu sehen, was wiederum gegen die aktuell diskutierte Verschiedenheit der Agierenden angeht.
Ansonsten gibt es jedoch jede Menge Anspielungen und Details für Tarantino-Fans, so z.B. einen Werbespot für den „Big Kahuna Burger“, den Rick Dalton spricht. Die fiktive Fast-Food-Kette spielte seit Reservoir Dogs immer wieder (nicht nur) in den Filmen von Quentin Tarantino eine Rolle. Außerdem geben sich eine Vielzahl von Stars und Sternchen die Klinke in die Hand, die man gar nicht alle bei der ersten Sichtung registrieren kann – ganz toll: Damian Lewis als Steve McQueen! Außerdem ist hier Luke Perry ein letztes Mal auf der Leinwand zu sehen.
Zudem spielt statt seiner Muse Uma Thurman diesmal ihre Tochter Maya Hawke als Blumenmädchen mit, ebenso Kevin Smiths Tochter Harley Quinn Smith und Bruce Willis‚ Tochter Rumer Willis. Noch mehr Trivialfakten: Ricks Cadillac gehört Michael Madsen, der ebenfalls einen Kurzauftritt hat und den Wagen bereits in Reservoir Dogs selbst gefahren ist.
Der Regisseur, Produzent und Drehbuchautor liegt schon nicht falsch, wenn er behauptet, dass Leonardo DiCaprio und Brad Pitt »das aufregendste stardynamische Duo seit Robert Redford und Paul Newman« (in Der Clou) sei. Alle Fans sind aufgeregt, und alle sind begeistert. Soviel Zuspruch für einen Film quasi ohne tiefschürfende Handlung oder Spannung gab es schon ewig nicht. Zudem begeistert die zeitgenössische Tonspur – übrigens seit Jackie Brown der erste Tarantino-Film ohne eigens komponierte Filmmusik!
Und wenn es dann schließlich zum blutigen Ende kommt, das man nach und nach handlungsbedingt befürchtet, bekommt man noch einen hängenden Kiefer dazu, denn niemand konnte ein solches Finale erahnen… Quentin Tarantinos Liebeserklärung für Los Angeles und Hollywood wartet mit einem unglaublich charmanten Hauptdarsteller-Duo auf, ohne auch nur einen Tick schwul zu wirken, führt uns im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Kulissen ans Set, ohne zuviel preiszugeben, und in eine Welt voller Sonnenschein, der scheinbar nie erlischt.

12.08.2019 | mz |
Kategorien: Feature | Filme