Montag, 19. August 2019

Claude Rich, Geraldin Chaplin, Pierre Richard, Jane Fonda und Guy Bedos
© huma rosentalski/Rommel Film/Pandora Film Verleih

Trailer | IMDb | Filmseite
Interview mit Stéphane Robelin

Fünf langjährige Freunde, fünf Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Claude: der ewige Liebhaber. Annie und Jean: sie bürgerlich und angepasst, er immer noch politischer Aktivist. Und Jeanne und Albert: die Feministin und der Bonvivant. Trotz aller Gebrechen und Tücken, die mit dem Alter einhergehen, fühlen sie sich eigentlich noch vital, voller Energie.

Um dem Altersheim zu entgehen, entwickeln sie einen kühnen Plan. Sie werden zusammenziehen und unter einem Dach gemeinsam den Rest ihres Lebens verbringen. Um das Miteinander in der Wohngemeinschaft leichter zu gestalten, heuert Jeanne den jungen Student Dirk an, dessen Anwesenheit verborgene Wünsche und bislang streng gehütete Geheimnisse an den Tag bringt…

Ähnlich wie in dem britischen Pendant Best Exotic Marigold Hotel beschließen ein paar befreundete Rentner, ihren Lebensabend zusammen zu verbringen. Und auch hier treffen Größen des französischen Kinos aufeinander. Dabei hat es sich auch schon mit den Gemeinsamkeiten der beiden Filme. Diese Clique hier bleibt im eigenen Land und zieht in ein altes Haus mit Garten und Pool – eigentlich eine Idylle. Wären da nicht die Tücken des Alters.

Es hat etwas Nostalgisches, die „alten Knacker“ (Durchschnittsalter: 75) noch einmal auf der Leinwand zu sehen. Das Alter brauchen sie jedenfalls nicht mehr zu spielen, mehr dafür der Umgang mit den verschiedenen Gebrechen und Krankheiten, die relativ häufig auftreten. Und das machen sie mit Leichtigkeit.

Claude Rich spielt den allein lebenden Fotografen Claude. Nicht nur das schwache Herz setzt ihn wiederholt außer Gefecht. Auch der eigene Sohn macht dem eingefleischten Einzelgänger und Charmeur das Leben schwer. Obgleich Claude seinen ungebrochenen Hunger nach Sex inzwischen nur noch mithilfe von Viagra, Prostituierten und selbst geschossenen Aktfotos befriedigen kann, ist er wild entschlossen, gerade darauf nicht zu verzichten, selbst wenn es der Gesundheit abträglich ist. Schließlich sind Frauenbrüste, ist die aktive Beschäftigung mit dem anderen Geschlecht seine Leidenschaft, sein Lebenselixier.

Jane Fonda spielt die ehemalige Philosophieprofessorin Jeanne, die beim Arzt erfährt, dass ihre lebensbedrohliche Krankheit nicht heilbar ist. Sie behält die Nachricht für sich und bereitet insgeheim, ebenso pragmatisch wie unsentimental, mit einem Bestattungsinstitut ihre Beerdigung vor. Wenn sich der Tod schon nicht vermeiden lässt, dann will sie wenigstens nicht auf dem Friedhof begraben werden, sondern im Park, unter einer Gartenlaube mit Rosen, in einem fröhlichen, pinkfarbenen Sarg.

Kummer bereitet ihr hingegen das ungewisse Schicksal ihres Mannes Albert (Pierre Richard), dessen Demenz sich rapide verschlechtert. Jeanne weiss, dass sich ihr Mann nicht mehr allein durchs Leben schlagen kann. Zu oft lässt ihn sein Gedächtnis im Stich. Nicht verloren hat Albert seine große Liebe zu Jeanne sowie sein Faible für Leckerbissen und einen guten Tropfen Wein. Damit der Bonvivant zumindest die wichtigsten Dinge im Leben nicht vergisst, schreibt er zur Erinnerungshilfe regelmäßig Tagebuch.

Meistens treffen sich die Freunde im großbürgerlichen, geräumigen Haus von Annie (Geraldine Chaplin) und Jean (Guy Bedos), in das sie dann ziehen. Trotz unterschiedlicher Temperamente und Weltanschauungen haben sich die beiden gemeinsam durchs Leben gerauft, sind zusammen alt geworden. Gelegentlich schlafen sie noch miteinander. Annie, körperlich fit und psychologisch geschult, weiss genau, wie sie ihren Mann selbst nach dem heftigstem Ehekrieg schnell, ohne viele Worte, entkräften kann.

Während Jean, als altgedienter 68-Aktivist und Straßenkämpfer unverdrossen politisch engagiert, noch immer lauthals, mit harten Bandagen, gegen Polizisten kämpft, träumt Annie vom eigenen Swimmingpool. Mit der aufwendigen Anschaffung will sie sich die Zuneigung ihrer Enkel zurückerobern, und das ausgestorbene Haus wieder mit Kinderstimmen füllen.

Unverzichtbarer Bestandteil der Wohngemeinschaft wird Dirk (Daniel Brühl), ein deutscher Student der Ethnologie aus Ostberlin. Zunächst von Jeanne nur als Hundesitter engagiert, zieht auch er schon bald, nicht ganz uneigennützig, unter das gemeinsame Dach. Er schreibt gerade in Paris seine Doktorarbeit über die Situation der Alten in Europa. Als Helfer in allen Lebenslagen treibt er gleichzeitig seine Feldstudien im Dienst der Wissenschaft voran.

Akribisch beobachtet er das Verhalten und die Gepflogenheiten seiner Studienobjekte und dokumentiert sie mit der Videokamera. An Anschauungsmaterial, Überraschungen und skurrilen Szenen mangelt es nicht. Bei ihren häufigen Hundespaziergängen im Park freunden sich Dirk und Jeanne intensiver an. Jeanne gibt dem Studenten Ratschläge zu dessen eigenen Liebesleben. Äußerst freimütig, ohne Scham, macht sie ihrem jungen Begleiter klar, wie wichtig die sexuelle Lust auch im Leben alter Menschen ist.

Es dauert nicht lange, bis kleinere Dramen und größere Katastrophen die Freundschaft aller auf eine harte Probe stellen. Durch einen unglücklichen Zufall wird mithilfe von Dirk auch noch ein Jahrzehnte lang streng gehütetes Geheimnis aufgedeckt. Die Eifersucht, die ganz plötzlich unter allen Beteiligten entflammt, bedroht das ganze Gemeinschaftsexperiment. Die Situation im Kollektiv eskaliert, ausgerechnet zu einer Zeit, in der sich Alberts Verwirrtheit und Jeannes Krankheit deutlich verschlechtern.

Und wenn wir alle zusammenziehen? ist eine liebenswerte Geschichte um die Ängste im Alter und das damit zwingende Eingehen von Kompromissen. Er dient gleichzeitig als Vorbereitung auf das Alter, zeigt aber auch Lösungen auf, wie man den Lebensabend in Würde verbringen kann. Dass das nicht so einfach ist, kann man in dieser herrlich schrulligen Komödie sehen. ■ mz

OT: Et si on vivait tous ensemble?
F/D 2011
Drama/Komödie
FSK: 6
100 min

mit
Guy Bedos (Jean) Gerd Wameling
Geraldine Chaplin (Annie) Eleonore Weisgerber
Jane Fonda (Jeanne) Judy Winter
Pierre Richard (Albert) Rüdiger Vogler
Claude Rich (Claude) Michael Mendl
Daniel Brühl (Dirk) Daniel Brühl
u.a.

musik
Jean-Philippe Verdin

kamera
Dominique Colin

drehbuch
Stéphane Robelin

regie
Stéphane Robelin

produktion
Les Films de la Butte
Rommel Film
Manny Films
Studio 37
Home Run Pictures

verleih
Pandora

Kinostart: 5. April 2012

04.04.2012 | mz |
Kategorien: ohne