Montag, 19. August 2019

Guy Bedos mit Regisseur Stéphane Robelin am Set
© Rommel Film/Pandora Film Verleih

IMDb
Und wenn wir alle zusammenziehen?

Stéphane Robelin begann seine Filmkarriere in den 90er Jahren, zunächst als Drehbuchautor und Regisseur von Kurzfilmen. Später arbeitete er im Bereich des TV-Dokumentarfilms, vor allem für den nationalen französischen Fernsehsender France 2. Sein erster Spielfi lm Real Movie wurde auf dem Dashanzi Underground French Film Festival in Peking prämiert. Und wenn wir alle zusammenziehen? ist sein zweiter Spielfilm.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine so unkonventionelle Geschichte zu verfilmen?

Ich habe schon immer davon geträumt, legendäre Schauspieler zusammenzubringen in einem Ensemblefilm, der etwas mit Familie und Freundschaft zu tun hat. Besonders interessiert war ich am sozialen Problem der Abhängigkeit im Alter – ein Thema, das im Kino selten angesprochen wird. Als ich anfing, das Drehbuch zu schreiben, habe ich mich an meine Großeltern erinnert, daran, wie es mit ihrer Gesundheit abwärtsging, als ich selbst noch Teenager war. Damals wussten meine Großeltern nicht so recht, wie sie sich um sich selbst kümmern sollten, denn sie waren auf diese Situation einfach nicht vorbereitet. Und so kam ich auf die Idee, eine Geschichte über Freunde zu schreiben, die im Alter beschließen, gemeinsam zusammenzuleben.

Wie haben Sie Ihr Projekt entwickelt und die geeigneten Darsteller gefunden?

Beim Schreiben habe ich gerne schon die Schauspieler im Kopf, aber die ursprünglich geplante Besetzung hat sich im Lauf der Jahre und der Skriptentwicklung verändert, aus Gründen der Verfügbarkeit. Nur Claude Rich war von Anfang an dabei, die anderen Akteure stießen erst während der verschiedenen Stadien der Arbeit am Drehbuch zu uns. Wir mussten vier Jahre warten, bevor der Film im Jahr 2010 gedreht werden konnte.

Anfangs waren unsere finanziellen Partner wenig angetan von der Idee eines Films über alte Menschen und das von einem noch jungen Regisseur. Aber als wir ihr Vertrauen gewonnen hatten, haben sie sich zunehmend mit unserem Projekt angefreundet. Die Region Ile de France und Canal+ waren die ersten an Bord. Der Beitrag unseres deutschen Koproduzenten Peter Rommel, der ebenfalls in einem frühen Stadium eingestiegen war, war dann letztlich mitentscheidend, weil er ein Drittel des Budgets zusammenbrachte.

Wie konnten Sie die Schauspieler, insbesondere Jane Fonda, davon überzeugen, mitzumachen?

Für mich ist Jane Fonda eine legendäre Schauspielerin – denken Sie nur an Klute oder Coming home. Sie ist bekannt für ihr politisches Engagement, als sehr starke Persönlichkeit. Seit fast vierzig Jahren (seit Godards Tout va bien) hat sie nicht mehr in Frankreich gespielt. Aber sie spricht fließend französisch und so haben wir einfach unser Glück versucht. Ihr gefiel das Drehbuch und die Vorstellung, mit Geraldine Chaplin und renommierten französischen Schauspielern zu arbeiten. Es war mein Produzent Christophe Bruncher, der sie schließlich mit seinen wunderschönen Briefen gewinnen und den Deal perfekt machen konnte. Und so kam Jane etwas später dazu, nach Claude Rich, Geraldine Chaplin, Guy Bedos und Pierre Richard.

Ich war schwer beeindruckt, dass Pierre Richard mitmachte. Seine Komödien waren ein wichtiger Teil meiner Kindheit und so war es für mich eine große Ehre, mit ihm arbeiten zu dürfen. Ihm gefiel die Vorstellung, möglichst zurückhaltend zu spielen, den Schwerpunkt mehr auf Emotionen zu legen und weniger auf Gags.

Wie haben Sie es geschafft, die Schauspieler zu einer Gemeinschaft zusammenzuschweißen?

Die legendäre Schauspielerin Jane Fonda, der Humorist Guy Bedos, der große Claude Rich, der Komiker meiner Jugend, Pierre Richard, und die ausgesprochen „chaplineske“ Geraldine Chaplin – es sind ganz unterschiedliche Typen, und sie zusammenzuführen war tatsächlich eine Herausforderung. Außerdem waren sie sich vorher noch nie begegnet.

Das erste Treffen in Paris, vor dem Dreh, lief reibungslos, sie kamen sehr gut miteinander zurecht, weil sie umgängliche, sehr selbstlose Menschen sind. Als junger Regisseur war ich begeistert vom Respekt, den die Schauspieler voreinander hatten, besonders gegenüber Jane Fonda, die den anderen Vertrauen gab und sich bemühte, die richtige Gruppendynamik zu schaffen.

Wie ist Ihnen dieser Stil, der eigenwillige Charme gelungen, die den Film ausmachen?

Ich habe mich dafür entschieden, dass die Darsteller im Mittelpunkt stehen sollten, und ich habe dem Kameramann freie Hand gelassen. Gemeinsam mit dem Ausstatter wollte ich eine Atmosphäre schaffen aus einer anderen Zeit, die zu den Charakteren passt. Set und Licht haben im Film eine besondere Qualität, einen altmodischen Charme, ohne düster oder nostalgisch zu wirken. Mehr so wie ein altes Ferienhaus, in dem man auf tausend Gegenstände und Erinnerungen stößt.

Claude Rich verkörpert den ewigen Verführer, der seine Sexualität nicht aufgeben will. War das im Hinblick auf den Alterungsprozess und die damit verbundenen Erfahrungen ein Aspekt, den Sie hervorheben wollten?

Wir alle sind sexuelle Wesen. Das Begehren führt uns durch unser ganzes Leben. Claude verkörpert die Sehnsucht der Älteren nach Sex, aber auch zwischen den beiden Charakteren, die Jane Fonda und Daniel Brühl darstellen, gibt es eine physische Anziehung. Das war mit ein Grund, warum ich unbedingt wenigstens eine Liebesszene im Film zeigen wollte: Wir sehen, wie sich das Ehepaar, das von Geraldine Chaplin und Guy Bedos gespielt wird, nach einer Auseinandersetzung versöhnt, indem die beiden miteinander schlafen.

Welche Rolle spielt Humor in Ihrem Film?

Das Leben in einer solchen Gemeinschaft ist tragisch und komisch zugleich und der ganze Humor des Films resultiert aus den Schwierigkeiten, miteinander zu leben und alt zu werden. Da lauert immer irgendwo eine kleine Katastrophe. Außerdem ist diese Gruppe alter Freunde natürlich auch an sich komisch. Ich mag den groben Humor nicht, den man in gewissen Filmen sieht, ich bevorzuge subtileren Humor, der nur angedeutet ist.

Glauben Sie, dass das Zusammenleben von Freunden eine gute Antwort ist auf das Problem des Alterns? Folgen die Charaktere ihrer Idealvorstellung oder gehorchen sie mehr der Notwendigkeit?

In einer Gemeinschaft zu leben, kann ein wunderbares Abenteuer sein. Viele Leute, die das Alter meiner Charaktere haben, haben schon Erfahrungen mit dem Leben in Wohngemeinschaften, mit den Kommune-Gedanken der siebziger Jahre. Leute dieser Generation träumten davon, den Lebensabend gemeinsam mit ihren Freunden zu verbringen. Aber nur wenige haben diesen Traum auch in die Praxis umgesetzt. Ich würde es gerne selbst versuchen, aber das heisst nicht, dass ich annehme, dass dies ohne Schwierigkeiten ablaufen würde. Dennoch, es macht definitiv mehr Spaß, als das Ende seiner Tage in einem Altersheim zu verbringen.

Was erzählt Ihr Film über das Thema Familienleben?

Unsere Gesellschaft wird in den nächsten Jahrzehnten mit einer „Invasion“ alter Menschen zu tun haben. Und wir werden dafür eine Lösung finden müssen. Wie können wir den Rest unseres Lebens verbringen, wenn unsere Kinder uns nicht helfen werden? Es ist Zeit, dass wir solche Fragen ansprechen anstatt sie zu vermeiden. In der Vergangenheit wurden Eltern im Alter automatisch von ihren Kindern versorgt. Aber inzwischen leben alte Menschen nicht mehr mit ihren Familien zusammen.

Wie wurden Sie Regisseur?

Als Junge liebte ich die Filme von Bertrand Blier wegen ihrer unkonventionellen Denkart und ihrer freien Erzählweise. Ich träumte davon, diese Freiheit, die Blier so begeistert hat, selbst zu erforschen, mit surrealen Situationen zu experimentieren. Ich wollte meine eigenen Geschichten auf originäre Art erzählen. Als ich anfing, in Nizza Film zu studieren, kam ich auf den Geschmack der italienischen Komödien aus den sechziger und siebziger Jahren, von Regisseuren wie Ettore Scola, Dino Risi, Marco Ferreri und später dann Nanni Moretti.

Heute gefällt mir Pedro Almodóvar sehr gut. Eigentlich mag ich viele Formen und hänge nicht an einem bestimmten Genre. Ich sehe ausgefeilte amerikanische Thriller genauso gern wie die innovativen, bedächtigeren Arthouse Filme, die voller Rätsel sind. Ich bin ein sehr unbefangener Kinogänger.

Glauben Sie, dass populäre Filme das Publikum dazu bringen können, über bestimmte Sachen nachzudenken?

Meine Arbeit soll sowohl originär wie auch populär sein. Über meine Filme kommuniziere ich mit dem Publikum. Ich vermute, dass diese Geschichte über alte Menschen die Zuschauer nicht verschrecken wird. Im Gegenteil, sie werden gefesselt sein von den Freundschaften und Sehnsüchten der Akteure. Sie können die dargestellten Probleme für sich selbst ergründen, während sie sich gleichzeitig über die komischen Seiten des Films amüsieren. Durch die Kombination beider Aspekte kann der Film ein größeres Publikum finden. In Frankreich wollen die Leute, dass der kommerzielle Film und der Arthouse Film klar von einander abgegrenzt sind. Ich persönlich will allerdings weder unter die eine noch unter die andere Kategorie fallen.

Wenn Sie in einer Gemeinschaft leben würden, würden Sie dann eher ein libertäres oder kollektives Konzept vorziehen?

Ich bevorzuge libertäre Gemeinschaften! Ich glaube, dass eine Gruppe besser funktioniert, wenn jeder für sich selbst verantwortlich ist, wenn die Regeln nicht zu streng sind. Wenn man drakonischen Verhaltensvorschriften folgen muss, dann macht das Leben keinen großen Spaß. Was meinen Sie? ■ mz | Quelle: Pandora

OT: Et si on vivait tous ensemble?
F/D 2011
Drama/Komödie
FSK: 6
100 min

mit
Guy Bedos (Jean) Gerd Wameling
Geraldine Chaplin (Annie) Eleonore Weisgerber
Jane Fonda (Jeanne) Judy Winter
Pierre Richard (Albert) Rüdiger Vogler
Claude Rich (Claude) Michael Mendl
Daniel Brühl (Dirk) Daniel Brühl
u.a.

musik
Jean-Philippe Verdin

kamera
Dominique Colin

drehbuch
Stéphane Robelin

regie
Stéphane Robelin

produktion
Les Films de la Butte
Rommel Film
Manny Films
Studio 37
Home Run Pictures

verleih
Pandora

Kinostart: 5. April 2012

04.04.2012 | mz |
Kategorien: ohne