Montag, 19. August 2019

Liam Neeson als John Ottway
© Universum Film

Trailer | IMDb | Filmseite

Das Duell ist ungleich, die Bedingungen sind einfach, es geht bis zum letzten Atemzug: Mensch gegen Natur. Vom Stummfilmklassiker Nanuk, der Eskimo (1922) über Spielbergs Der weiße Hai (1975) bis zu Sean Penns Into the Wild (2007) hat das Kino dem nackten Überlebenskampf verzweifelter Menschen abseits der Zivilisation immer wieder klassische Stoffe gewidmet.

»Ich tue mich schwer damit, den Film in ein Genre zu packen«, beschreibt Regisseur Joe Carnahan seine Absichten. »Er ist strukturiert wie ein Thriller, hat Elemente des Horror- oder Actionkinos und ist zugleich lupenreine Survival-Erzählung in der Tradition Jack Londons. Und keine Frage: Wenn sich jemand vor dem Fliegen oder wilden Tieren fürchtet, wird dir unser Film garantiert keine ruhige Nacht verschaffen.«

Eine Ölraffinerie in Alaska. Nicht ganz das Ende der Welt – aber fast. Wer hier arbeitet, im ewigen Eiswinter und abgeschnitten von der Außenwelt, ist manchmal auch am Ende eines persönlichen Weges angelangt. Wie der Biologe John Ottway, ein Einzelgänger, gezeichnet vom Schicksal. Er soll die anderen Arbeiter vor den Gefahren der arktischen Wildnis schützen. Auch vor attackierenden Wölfen, die er mit Gewehrschüssen vertreibt – oder im Ernstfall erschießt.

Aber irgendwann gibt es nichts mehr, womit sich Ottway selbst schützen kann. Vor Erinnerungen, die ihn hierher getrieben haben – und nun fatalistisch seine Waffe gegen sich richten lassen. Der Tod seiner Frau verfolgt Ottway, in einem Abschiedsbrief versucht er letzte Gedanken zu fassen – und wird noch einmal unterbrochen, kurz bevor er abdrücken kann. Doch er bleibt ein gebrochener, selbstversunkener Mann. Jeder in seiner Gegenwart spürt es.

Diesen Mann, den Biologen und Wildnis-Experten Ottway, spielt mit oft erschütternder Kraft Liam Neeson, der The Grey – Unter Wölfen als »eine der drei, vier wichtigsten Arbeiten meiner Karriere« bezeichnet. Ist auch kein Wunder, dass ihn der Film persönlich anspricht, hat Neeson doch selbst erst vor ein paar Jahren seine Frau verloren. »Mir imponierte die Entschlossenheit der Figur«, fährt Neeson fort, »denn obwohl Ottway ständig in den Abgrund blickt, setzt er ohne zu zögern einen Fuß vor den anderen.

Ich war mit Joe auf Pressetour in Berlin für einen anderen Film, als ich erstmals von dem Material hörte, und es löste sofort Neugier aus, Urinstinkte und auch Ängste. Der kleine Junge in mir dachte, wie aufregend es für mich mit damals 57 wäre, solch ein anstrengendes Abenteuer einzugehen. Aber in jedem Script, das ich bekomme, ist jemand am Telefonieren oder Texten. Hier gibt es gar keine Technik. Nur Natur, in der der Mensch nichts zu suchen hat. Und auch wenn ich beim Dreh manches Mal dachte, dass nicht wir diesen Film abschließen, sondern er uns alle restlos erledigen wird, war die Erfahrung großartig. Hoffentlich fragt sich das Publikum, wie zur Hölle wir das alles durchgestanden haben.«

Wegen eines Schichtwechsels fliegen Ottway und die aktuelle Crew bald darauf Richtung Kanada. Die müden Männer reißen noch Witze, freuen sich auf Familien – da gerät die kleine Maschine in Turbulenzen, die Technik versagt und es kommt zu einem grauenhaften Absturz. Mitten in der Wildnis Alaskas. Weit entfernt von bewohntem Gebiet. Bei Blizzards und in arktischen Temperaturen. Nichts als: nackte, tödliche Natur.

Den wenigen Überlebenden bleibt nicht viel, was ihnen helfen könnte. Der Crash hat jedes Kommunikationsmittel zerstört, es gibt kaum Nahrung oder gar Medikamente. Schnapsfläschchen gegen die kriechende Kälte, immerhin. Als Ottway einen Sterbenden mit viel Feingefühl in den Tod begleitet, gewinnt er ersten Respekt der Männer. Nun leiten ihn Überlebensinstinkte – nachdem er selbst den Tod suchte.

Die acht Überlebenden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, versuchen sich in Richtung Süden durchzuschlagen – doch Hunger und Kälte sind nicht die größte Gefahr: Die Absturzstelle liegt inmitten eines Jagdreviers von Wölfen. Das Rudel hat die Männer bereits entdeckt und nimmt die unerbittliche Verfolgung auf. In einem atemberaubenden Wettlauf gegen die Zeit liefern sich Mann und Wolf ein gnadenloses Duell um Leben und Tod. Nur gemeinsam als Gruppe können die Männer jetzt überleben. Jeder Fehltritt, jede Schwäche eines Einzelnen, kann sie das Leben kosten.

Carnahan, in der Branche berühmt geworden mit seinem realistischen Drogendrama Narc, hatte zuvor bereits bei Das A-Team – Der Film mit Neeson gearbeitet und erwog ernsthaft keinen anderen Schauspieler für den Alpha-Anführer Ottway. »Unvorstellbar, jemand anderen in der Rolle zu sehen«, so Carnahan kopfschüttelnd. »Liam hat den Film verändert und jede Erwartung übertroffen.

Er kann es physisch glaubwürdig mit halb so alten Männern aufnehmen und bringt zugleich ein profundes, tiefes Verständnis von Leben und Tod ein. Seiner Vitalität zum Trotz weiß er mit fast sechzig, dass die Uhr stetig tickt. Liam war den jüngeren Schauspielern ein Vorbild und sicher der Leitwolf des Ensembles – voller Konzentration und furchtlos in jeder Szene.«

Beispiellos verstärkt wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl der Crew durch Carnahans Wahl des Drehortes. »Beim Schreiben des Scripts war mir bei jedem Satz klar, dass wir nur unter realen Bedingungen drehen könnten statt Schneestürme im Studio zu fälschen«, erinnert der Regisseur. Als Basis wählte die Produktion folglich das Bergstädtchen Smithers im kanadischen British Columbia, 5500 Einwohner, 12 Autostunden nördlich von Vancouver in den Ausläufern der Rocky Mountains gelegen.

»Keine Windmaschine im Studio kann reproduzieren, wie sehr uns Mutter Natur in diesen Bergen durchgeschüttelt hat«, erzählt Carnahan. »Es war zwar frustrierend, abhängig zu sein von Wetterumschwüngen oder mit Frostverletzungen an Fingern und Zehen nach Hause zu kommen. Doch die Erfahrung und Authentizität jedes Bildes auf der Leinwand waren alle Mühen wert.«

Schauspieler Frank Grillo ergänzt: »Wir haben uns auf dem verdammten Berg nicht nur die Hintern abgefroren bei bis zu minus dreißig Grad oder sind ständig in Schneeverwehungen steckengeblieben, sondern mussten uns gegenzeitig die Eiszapfen von den Augenbrauen entfernen – so unerbittlich waren die Bedingungen.«

Auch Dermot Mulroney hat noch nichts Vergleichbares erlebt: »Die Recherche zum Überleben in freier Wildnis, die gelesenen Bücher über Opfer von Flugzeugabstürzen – all diese Recherche kannst du vergessen, wenn du da draußen im Eiswind stehst und nur noch zu funktionieren versuchst. Joe Carnahan verhehlte mir gegenüber nie, dass er seinen Film unter möglichst realen Bedingungen drehen wollte – aber wie sehr er uns quälen würde, damit hat er uns alle verblüfft.«

Zu erreichen war das menschenverlassene Set lediglich mit Schneemobilen, und während der kurzen Drehzeiten zwischen Sonnenaufgang und -untergang gab es keine Wohnwagen, keinen Unterschlupf für Cast und Crew. Stattdessen dienten mannshohe, notdürftig beheizte Holzkisten als einzig windgeschützter Unterschlupf, und wie von Carnahan erhofft wuchsen auch die Schauspieler zu einer so engen Einheit zusammen wie im Film.

»Irgendwann fiel mir ein, dass ich das Thema ja auch mit wilden Bären auf Tahiti hätte umsetzen können«, scherzte Carnahan. »Doch alle Strapazen sind vergessen, wenn man den Film sieht. Die Eiskulisse ist schon atemberaubend und sorgt für majestätische Bilder. Doch das Publikum wird auch sehen und spüren, dass Stürme hier nicht aus dem Computer kommen.«

Nicht minder kompliziert gestaltete sich Carnahans Ziel, glaubwürdige Attacken von Wölfen zu inszenieren – Tieren mithin, die auch von den besten Trainern der Welt nicht vollständig domestiziert werden kann, so dass bei der Arbeit mit Menschen stets ein Restrisiko bleibt. Daher arbeitete er sowohl mit echten Tieren, mit mechanischen Modellen als auch mit computeranimierten Versionen.

Was man jedoch auf der Leinwand sieht ist eine Gruppe von Menschen, die in der Wildnis Alskas ums Überleben kämpft. Man fiebert und friert mit den Protagonisten und bekommt auch die Schönheit der rauen Natur zu sehen. Und wer die Tour de Force durchsteht, wird am Ende mit einem Bild der Hoffnung belohnt.

»Seit wir uns bei Das A-Team – Der Film kennenlernten, müssen sich Joes Energie und Durchsetzungsvermögen verdoppelt haben«, so Neeson abschließend. »Es war sehr wichtig, dass er wie ein Alphatier über die Produktion wachte und noch stand, während wir alle längst in die Knie sackten. Seine Leidenschaft und sein Galgenhumor waren enorm motivierend, denn die Geschichte blickt in sehr dunkle Seiten der Seele, und da brauchst du jemanden an deiner Seite, dem du blind vertraust. Joe schuf Bedingungen, die rare Momente der Wahrhaftigkeit ermöglichten: Schauspielerei, so sehr im Moment, dass keiner mehr an Schauspielerei denkt, sondern vor der Kamera sein Innerstes nach außen kehrt. Und nur darum geht es mir im Kino.« ■ mz

OT: The Grey
USA 2011
Drama/Abenteuer
FSK: 16
117 min

mit
Liam Neeson (John Ottway) Bernd Rumpf
Frank Grillo (Diaz)
Dermot Mulroney (Talget)
Dallas Roberts (Hendrick)
Joe Anderson (Flannery)
Nonso Anozie (Burke)
James Badge Dale (Lewenden)
Ben Hernandez Bray (Hernandez)
u.a.

musik
Marc Streitenfeld

kamera
Masanobu Takayanagi

drehbuch
Joe Carnahan
Ian Mackenzie Jeffers (nach dessen Kurzgeschichte „Ghost Walker“)

regie
Joe Carnahan

produktion
Scott Free Productions
Liddell Entertainment
1984 Private Defense Contractors

verleih
Universum

Kinostart: 12. April 2012

http://ws.amazon.de/widgets/q?rt=tf_ssw&ServiceVersion=20070822&MarketPlace=DE&ID=V20070822%2FDE%2Fangelonemedia-21%2F8003%2F4c500003-9574-4466-baa4-3290e549e4ff&Operation=GetDisplayTemplate Amazon.de Widgets

07.04.2012 | mz |
Kategorien: ohne