Mittwoch, 22. Mai 2019

George Clooney, Shailene Woodley
© 20th Century Fox

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Matt King, Vater zweier Töchter, ist gezwungen, seine Vergangenheit zu überdenken und neu zu bewerten, als seine Frau nach einem Speedboatunfall vor dem Strand von Waikiki ins Koma fällt. Unbeholfen versucht er, die Beziehung zu seinen Töchtern, der altklugen 10-jährigen Scottie und der rebellischen 17-jährigen Alexandra, wieder zu verbessern, während er gleichzeitig mit der Entscheidung ringt, ob er den Grundbesitz seiner Familie verkaufen soll.

Von Mitgliedern der hawaiianischen Königsfamilie und Missionaren haben die Kings vor Generationen unschätzbar wertvolles Land erhalten, das zu den letzten unberührten tropischen Strandabschnitten auf den Inseln gehört. Als Alexandra die Bombe platzen lässt und enthüllt, dass ihre Mutter zum Zeitpunkt des Unfalls mitten in einer Affäre mit einem anderen Mann steckte, muss Matt innerhalb einer Woche voller wichtiger Entscheidungen sein Leben, ganz zu schweigen von seinem Vermächtnis, plötzlich mit völlig anderen Augen betrachten.

Mit seinen Töchtern im Schlepptau begibt er sich relativ planlos auf die Suche nach dem Liebhaber seiner Frau. Unterwegs, nach Begegnungen der komischen, ärgerlichen und transzendenten Art, wird ihm bewusst, dass er endlich den richtigen Kurs eingeschlagen hat, um sein Leben und seine Familie neu zu ordnen.


»Meine Freunde auf dem Festland glauben, nur weil ich auf Hawaii wohne, würde ich im Paradies leben. Quasi im Dauerurlaub. Wir schlürfen hier alle nur Mai Thais, wackeln mit den Hüften und gehen surfen. Spinnen die?«
Matt King

The Descendants ist der neue Film von Alexander Payne, der für das Drehbuch zu seinem Hit Sideways mit dem Oscar® ausgezeichnet wurde. Schauplatz der Geschichte ist Hawaii und in ihrem Mittelpunkt steht die völlig unberechenbare Reise einer amerikanischen Familie, die am Scheideweg steht.

Scheidewege scheinen Paynes Spezialität zu sein. Ob Election, About Schmidt oder Sideways – Alexander Payne fühlte sich schon immer von diesen merkwürdigen Situationen im Alltag angezogen, die man im gleichen Atemzug als komisch, niederschmetternd und aufschlussreich erleben kann. Als er „The Descendants“ („Mit deinen Augen“), den gefeierten Debütroman von Kaui Hart Hemmings, las, zogen ihn die starken Kontraste des Buchs sofort an.

Kaui Hart Hemmings verflocht in ihrem Roman die hawaiianische Kultur mit der Geschichte eines verunsicherten und bestürzten Mannes, der auf seine Erlösung hofft. Das gelang ihr so gut, weil sie als Stieftochter von Fred Hemmings jr., eines bekannten Surfchampions und Lokalpolitikers, selbst nicht gerade in einer konventionellen hawaiianischen Familie aufwuchs. Als sie ihre ersten Kurzgeschichten zu schreiben begann, verschmolz sie darin bestimmte Themen, erzählte von Familie, Heimat, von Geschichte und Erbe.

Ursprünglich gehörte die Erzählerstimme der jüngsten Tochter Scottie, dann aber entschied sich Hemmings für einen kreativen Sprung, der für eine junge Autorin sehr gewagt war: Sie übernahm einen männlichen Blickwinkel und erzählte die Geschichte aus der Perspektive von Matt King, einem Mann mittleren Alters. »Sobald ich Matt zum Erzähler gemacht hatte, fand die Geschichte ihren Rhythmus«, erinnert sich Hemmings. »Für ihn steht so viel auf dem Spiel, sein Einsatz ist am höchsten.«

Dieser Einsatz verleiht dem englischen Originaltitel des Romans eine doppelte Bedeutung, bezieht er sich doch nicht nur auf Kings komischen Abstieg, sondern auch auf seine Entdeckung, was es wirklich heißt, ein Nachkomme hawaiianischer Vorfahren zu sein und darauf, was seine eigenen Nachkommen ihm bedeuten.

Hemmings erschuf diese Figur, um mit ihr auf eine markante Untergruppe der hawaiianischen Bevölkerung verweisen zu können, auf eine Generation, die ihre Wurzeln auf die Mischehen zwischen Mitgliedern des hawaiianischen Königshauses und weißen Missionaren und Grundbesitzern und ihren Reichtum auf die Ausbeutung durch das koloniale Plantagensystem auf Hawaii zurückführen kann.

Um die Inseln mit einer neuen Perspektive so zeigen zu können, wie sie sich heute darstellen – voll von Bauunternehmern und vorstädtischen Strukturen, aber auch relaxten Surfern und polynesischen Traditionen, griff Alexander Payne wieder auf Kameramann Phedon Papamichael zurück, mit dem er bereits bei Sideways zusammengearbeitet hatte.

»Dreht man mit Alexander, gehört es zu meinen wichtigsten Aufgaben sicherzustellen, dass die Kameraarbeit die Entwicklung der Geschichte nicht behindert. Er liebt einfach Realismus und das manchmal so sehr, dass er, wenn wir etwa einen Drehort erreichen und in der Nähe Arbeiter Bäume zuschneiden, spontan „wunderbar“ sagt und das einfach in die Szene einbaut, die gedreht werden soll«, erzählt Papamichael.

»Es gibt noch ein anderers Beispiel dafür. Als wir in der Bar drehten, in der George Clooney Beau Bridges trifft, war es Alexander sehr wichtig, dass die Stammgäste, die sonst hier einkehren, anwesend waren, damit die Szene auch realistisch wirkte. Auch bei der Lichtsetzung ist dieser Ansatz maßgebend. Das Licht ist immer sehr natürlich, die Zuschauer sollten nie das Gefühl haben, dass sie hier einen Film sehen. Wir wollen, dass die Zuschauer sich ohne Ablenkungen von den Charakteren einnehmen lassen können. Die Gefühle sind so intensiv und das Drehbuch so stark, dass wir visuell gar nicht dramatisch sein müssen.«

Um die Authentizität im Umgang mit Details, die Hawaii betrafen, zu unterstützen, holte sich Payne nicht nur beraterische Unterstützung von der Romanautorin, sondern verzichtete auch auf einen klassischen Filmscore. Als Filmmusik dienen einheimische Interpreten und ihre Songs. Von den großen Namen des Genres geschrieben (u.a. Gabby Pahinui, Ray Kane, Keola Beamer, Lena Machado, Sonny Chillingworth, Jeff Peterson) gibt der Soundtrack dem Zuschauer einen Eindruck der wunderbar leichten und gefühlvollen Musik Hawaiis.

Das macht den Film zu einem ebenso leichtfüßigen Machwerk wie Sideways, in dem George Clooney in seinen Latschen durch die Gegend watschelt und sich von seiner dramatischen als auch komischen Seite zeigt. So richtig skurril komisch ist er, wenn er z.B. die Straße hinab rennt oder hinter einer Hecke in Deckung geht und hinüber guckt…

Die Schauspieler sind allesamt, wie die Geschichte, hervorragend, allen voran Shailene Woodley in ihrer ersten großen Hauptrolle. Wer genau hinsieht, erkennt auch einen alten Bekannten aus einer TV-Kultserie – Michael Ontkean, der in der Kultserie Twin Peaks den Sheriff gespielt hat. Dass er hier nicht einmal ein Wort sagen darf, ist irgendwie schade!

Mit 2 Golden Globes ausgezeichnet und für 5 Oscars® nominiert knüpft Alexander Payne an seinen Erfolg von Sideways an. Inhaltlich nicht ganz so belanglos kann The Descendants durch seine Atmosphäre, die genialen Schauspieler und das klassische Kopfnicken Clooneys punkten. Es ist ein dialoglastiges, kleines Familiendrama vor einer idyllisch anmutigen Kulisse. Urlaub schon gebucht? ■ mz


OT: The Descendants
USA 2011
Drama
FSK: 12
114 min

mit
George Clooney (Matt King) Detlef Bierstedt
Shailene Woodley (Alexandra King) Kristina Tietz
Amara Miller (Scottie King) Vanessa Stuckenberger
Nick Krause (Sid) Tim Schwarzmaier
Patricia Hastie (Elizabeth King)
Barbara L. Southern (Alice ‘Tutu’ Thorson) Kornelia Boje
Robert Forster (Scott Thorson) Christian Rode
Matthew Lillard (Brian Speer) Philipp Moog
Judy Greer (Julie Speer) Tanja Geke
Beau Bridges (Cousin Hugh) Kaspar Eichel
Tom McTigue (Cousin Dave) Gerald Paradies
Matt Corboy (Cousin Ralph) Peter Flechtner
Stanton Johnston (Cousin Stan) Hans Hohlbein
Michael Ontkean (Cousin Milo)
Mary Birdsong (Kai Mitchell) Anke Reitzenstein
Rob Huebel (Mark Mitchell) Viktor Neumann
Laird Hamilton (Troy Cook) Matthias Rimpler
Milt Kogan (Dr. Johnston) Klaus Sonnenschein
u.a.

kamera
Phedon Papamichael

drehbuch
Alexander Payne
Nat Faxon
Jim Rash
basierend auf dem Roman „Mit deinen Augen“ von Kaui Hart Hemmings

regie
Alexander Payne

produktion
Fox Searchlight Pictures
Ad Hominem Enterprises

verleih
20th Century Fox

06.02.2012 | mz |
Kategorien: ohne