Mittwoch, 24. Juli 2019

Jean Dujardin als George Valentin
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The Artist

Der 1972 in einem kleinen Ort bei Paris geborene Schauspieler, Komiker, Autor und Produzent Jean Edmond Dujardin entdeckte nach seinem Schulabschluss in Philosophie und Kunst sehr bald sein Talent als Kabarettist und Comedian. In den frühen 90er Jahren tingelte er in den Bars und Café-Theatern von Paris, gründete mit Freunden La Bande du Carré Blanc und produzierte mit ihnen unter dem Namen Nous C Nous (Wir sind wir) diverse Auftritte, insbesondere mit Parodien auf die damals sehr populären Boygroups.

Bald entdeckte ihn das Fernsehen, wo er mit seinen Sketchen regelmäßig in der Sendung Fiesta in France 2 auftrat. Zwischen 1997 und 1998 gewann er dreimal hintereinander den renommierten Preis „Graines de star“ des Senders M6 als bester Komiker. Währenddessen drehte er Sketche für die Reihe Farce Attaque auf France 2.

Der große Durchbruch gelang ihm zusammen mit Alexandra Lamy, als sie in der Serie Un gars, une fille auf France 2 ein gleichnamiges Paar, alias Chochou (sie) und Loulou (er) spielten. Vier Jahre lang, zwischen Oktober 1999 und Juni 2003, brachten sie in 486 siebenminütigen Episoden durchgehend 5 Millionen TV-Zuschauer zum Lachen.

Jean Dujardins erster größerer Kinoerfolg war Eine französische Hochzeit von 2004, gefolgt von Cool Waves – Brice de Nice, in dem er eine Rolle aus seiner Sketchserie Nous C Nous wieder aufnahm. Dessen Sprüche grassierten umgehend in Videospielen und als Klingeltöne unter den Jugendlichen. Seine Rolle in Michel Hazanavicius’ parodistischem Kinoerfolg OSS 117: Der Spion, der sich liebte brachte ihm 2007 eine César-Nominierung als bester Hauptdarsteller ein. Anderthalb Jahre später konnte das Gespann Hazanavicius-Dujardin mit dem Nachfolger OSS 117: Er ist sich selbst genug einen noch größeren Kinoerfolg einfahren.

Während er bei aller Komik zunehmend auch für seine differenzierten und anrührenden Verkörperungen geschätzt wird, übernahm er immer öfter Rollen, die sich nicht mit seiner Popularität als Comedian deckten, so als Polizist, der im Fall des Sexualmordes an seiner zehnjährigen Tochter ermittelt, in dem Film Counter Investigation – Kein Mord bleibt ungesühnt, oder als desillusionierter und depressiver Werbefachmann in 39,90, einer Adaptation des gleichnamigen Romans von Fréderic Beigbeder in der Regie von Jan Kounen.

Zugleich produzierte er 2007 mit großem Erfolg Palizzi für den Sender 13th Street, eine Serie von Kurzfilmen, in denen er die Hauptrolle des Arséne Mosca spielt und von der eine Kinoverfilmung geplant ist. An der Seite von Jean-Paul Belmondo, mit dem er häufig verglichen wird, trat er 2008 in Francis Husters Kinofilm Ein Mann und sein Hund auf, um 2009 wiederum als Parodist in der Rolle des Lucky Luke in der Adaptation des gleichnamigen Comics unter der Regie von James Huth aufzutreten.

Neben Jean Reno spielte er in dem Actionflm Cash, um anschließend mit Betrand Bliers Le bruit des glaçons und Nicole Garcias Un balcon sur la mer erneut ins psychologische Fach zu wechseln. In Deutschland war er in diesem Sommer in einem kurzen, aber die gesamte weitere Intrige einfädelnden Auftritt in Guillaume Canets Kleine wahre Lügen zu entdecken.

Spätestens mit seinem Darstellerpreis für The Artist bei den diesjährigen 64. Filmfestspielen von Cannes und dem sensationellen Kinostart des Films in Frankreich hat sich Jean Dujardin in seiner Heimat als einer der vielseitigsten, glaubwürdigsten und beliebtesten Darsteller etabliert. Zur Zeit stellt er zum ersten Mal in eigener Regie seine Beziehungskomödie Les Infidèles fertig.

Seit 2009 engagiert er sich ehrenamtlich für die „Fondation Mouvement pour les Villages d’Enfants“, eine Organisation, die sich für die Betreuung misshandelter und schwer vernachlässigter Kinder in eigens dafür geschaffenen Einrichtungen einsetzt. Der Schauspieler, Autor, Produzent und Regisseur hat zwei Söhne – Simon und Jules aus einer früheren Beziehung. Seit 2003 lebt er mit Alexandra Lamy, seiner Partnerin aus Un gars, une fille, zusammen. Sie haben 2009 geheiratet.

Wie war es, als Michel Hazanavicius Sie zum ersten Mal auf das Projekt ansprach?

Ich glaube, das erste Mal war zwischen zwei Takes bei den Dreharbeiten zu OSS 117, aber ich habe kein Wort geglaubt. Man weiß nie, wann Michel es ernst meint. Konkreter wurde es dann nach dem Start von OSS, als wir überlegten, was wir als Nächstes machen könnten. Michel redet nicht viel, und wenn er mal ausspuckt, was in seinem Kopf herumgeistert, dann bleibt einem nicht viel anderes übrig, als zu warten, egal wie lange.

Michel ist ein Schwerstarbeiter, der sich mit tausend Sachen vollstopft. Ich wusste nur, dass er zentnerweise Bücher über das Kino verschlang und regelmäßig in die Cinémathèque pilgerte, um sich Stummfilme anzusehen, weil er nicht nur einen Film in Schwarzweiß, sondern den auch noch als Stummfilm über die Hollywoodära in den 30ern machen wollte. Trotzdem war alles noch ziemlich vage.

Dann kam er eines Tages, fast entschuldigend, mit der Story von The Artist. Bis dahin hatten wir nur Komödien gemacht, bei denen wir einen Heidenspaß daran hatten, die Figuren und die Situationen ein bisschen auseinanderzunehmen. Und hier hatten wir es mit einer Liebesgeschichte zu tun, fast durchgängig ein Melodram. Mit fiebrigen Augen gab er mir das Drehbuch und sagte: »Lies es, aber nimm bitte auf mich keine Rücksicht. Glaubst du, es funktioniert? Wärst du bereit, es zu machen?«

Und was war ihr Eindruck?

Ich hab es in einem Rutsch gelesen und dachte als Erstes: Ganz schön mutig, wie er er seine Wahnsinnsidee durchhält. Dann hab ich mit ihm geredet und wie jeder, dem er davon erzählte, gesagt: »Super Idee! Aber glaubst Du im Ernst, Du kriegst das Geld zusammen?« Andererseits musste es gemacht werden, es war schließlich eine super Idee. Zum Glück sind wir dann Thomas Langmann über den Weg gelaufen, mit seiner Besessenheit und seinem Ehrgeiz.

Wie jedes Drehbuch von Michel war auch dieses perfekt geschrieben, alles war am richtigen Platz. Aber ich war auch schwer überrascht. Michel und ich haben es eigentlich am liebsten sehr ironisch, parodistisch, aber hier gab es eine Geschichte, die zwar geladen ist mit Überraschungen und haufenweise Action, aber vor allem mit Emotionen. Das war etwas Neues bei Michel.

Das Versprechen dieses Projekts hat mich berührt, diese schicksalhafte Zufallsbegegnung zwischen George Valentin und Peppy Miller, und von all dem, was das über das Kino, seine Geschichte und über Schauspieler erzählt. Ich wollte, dass er mir vorab davon erzählt, dass er mir seine innersten Ansichten darüber gesteht, dass es nicht nur eine schräge Idee ist, sondern dass er wirklich eine eigenständige Geschichte erzählen will und wie er das machen möchte.

Aber eigentlich musste man sich auch darüber keine Sorgen machen. Denn wenn es etwas gibt, was Michel kann, dann ist es, eine Geschichte in Bildern zu erzählen, und dass er dabei immer Lust hat, die Schauspieler gut aussehen zu lassen. Danach kamen all die Fragen, die man sich eben stellt, vor allem bei einem solchen Projekt, und vor allem bei mir, der ich in dieser Hinsicht völlig unbeleckt bin – mal abgesehen von den beiden Genies Keaton und Chaplin: Was genau ist eigentlich ein Stummfilm? Wie war das für die Schauspieler damals, bevor der Tonfilm kam? Ich wollte, dass er mir all das beibrachte.

Wir gingen zusammen in die Cinémathèque, er zeigte mir Sunrise und City Girl von Murnau, The Crowd von King Vidor und eine Menge anderer Filme. Da erst hab ich ein anderes stummes Kino entdeckt als das der Pantomime und Verfolgungsjagden und Sahnetorten. Ich denke, das tat er auch, um mir Mut zu machen und mir zu beweisen, dass man durchaus anderthalb Stunden lang einer Geschichte ohne Dialog folgen kann und dass man davon total gepackt und erschüttert sein kann.

Und tatsächlich war ich vollkommen gefangen von diesen Filmen. Ohne Worte bleibt letztlich das Wesentliche: Das Spiel und das reine Gefühl. Das hat mich umso mehr berührt, als ich es sehr mag, wenn das Spiel über das Körperliche geht, und wenn dabei ein ganz persönlicher, absolut sinnlicher Ausdruck entsteht.

Welche Veränderung hat es für Sie bedeutet, über die größten Strecken des Films eine emotionale Rolle mit ernstzunehmenden Problemen zu spielen?

Darin lag wohl der leichte Schiss begründet, den Michel, Guillaume und ich hatten, glaub ich. Wir witzeln ständig herum, wenn wir zusammen sind, ziehen uns ständig auf, machen uns über uns und alles lustig. Aber hier mussten wir uns selbst überwinden und uns gegenseitig dazu anstoßen, loszulassen und uns nur von unseren Gefühlen tragen zu lassen. Während des Drehs habe ich dann auf ihren Gesichtern etwas entdeckt, was ich noch nie gesehen hatte.

Sehr interessant, solche Seiten von uns selbst zu entdecken, Guillaume plötzlich mit Wasser in den Augen zu sehen und bei Michel, der eigentlich sehr verschlossen ist, auf einmal Gefühle zu registrieren. Bérénice dabei als Partnerin zu haben, die sich ebenfalls total hingibt, das gab mir sehr viel Kraft, das alles anzunehmen.

Gleichzeitig hatten wir nie das Gefühl, pathetisch zu werden, sondern schlicht und ergreifend diese Geschichte so zu erzählen, wie sie erzählt werden muss. Das war sehr schön, und außerdem gab es ja nicht nur Emotion, sondern auch komische Szenen – stumm! Ich wusste von Anfang an, dass ich mit bestimmten Gewohnheiten brechen musste, aber es ist viel aufregender, bei einem Projekt zu arbeiten, das einem erstmal Angst einjagt.

Sie hatten Angst?

Ein bisschen, ja, aber vor allem war es Aufregung. Was mir tatsächlich etwas Angst machte: Normalerweise bereite ich meine Rollen gern sehr genau vor, fast schülerhaft, um zu wissen, wohin die Reise geht. Hier konnte ich überhaupt nichts vorbereiten, es gab praktisch nichts, an das ich mich halten konnte. Ich wusste nur, ich hätte keinen Text, und ich hätte keine Stimme. Na, Mahlzeit! Wie soll ich eine Figur rüberbringen, wenn ich keinen Dialog habe, ohne eigene Stimme, um den Zuschauer in die Geschichte und in meine Stimmung zu führen?

Andererseits hatte ich das Gefühl, dass der Film gerade zur rechten Zeit käme, und dass er gut zu mir passte, zu meinem Gesicht, von dem man mir als Anfänger immer sagte, es wäre zu viel in Bewegung, zu expressiv, zu meiner Freude, die ich am körperlichen Spiel habe, zu meiner heutigen Lust, im Spiel immer weiter zu gehen und alle Zurückhaltung fahren zu lassen. Da ich also nichts wirklich vorbereiten konnte, sagte ich mir, dass sich bei den Kostüm- und den Lichtproben alles finden würde.

Ich landete in Los Angeles, war in der Maske, probierte die Kostüme und sah mal, wie sich alles entwickelt. Und dann war da noch die andere Bildgeschwindigkeit von 22 Bildern pro Sekunde. Bei der kann man nicht ganz in der Art arbeiten, mit demselben Rhythmus wie normalerweise. Deshalb haben wir manchmal überlegt, ob man nicht etwas verlangsamter spielen müsste.

All das spielte eine wichtige Rolle als Vorbereitung, aber im Grunde musste ich bis zum allerletzten Augenblick warten, um zu wissen, wohin es geht – und das hat mir Angst gemacht. Andererseits muss man nicht übertreiben, es gibt schlimmere Ängste, es gibt Schlimmeres als für drei Monate nach L.A. geholt zu werden, um einen französischen Film in den echten Warner- und Paramount Studios zu drehen. Also, keine Beschwerden.

Und Sie konnten gleichzeitig Stepptanz lernen.

Oh ja, das ist genau das, was ich an meinem Beruf liebe! Das war übrigens eine der ersten Fragen von Michel, während er noch schrieb: „Hättest du eigentlich Lust, Stepptanz zu machen?“ Natürlich sagst du in deiner Aufregung ja, ohne zu realisieren, dass du später damit dran bist und du monatelang die Grundlagen des Stepptanzes paukst – shuffle, step, shuffle, step – mit dem Gefühl, keinen Millimeter weiter zu kommen, um dann nochmal anzufangen, in der Choreografie mit Bérénice und du schließlich von dem Spaß getragen wirst, etwas ganz Neues zu erleben.

Auch wenn ich weiß, dass ich niemals Gene Kelly sein werde. Wurde ohnehin nicht von mir erwartet. Was nicht heißt, dass ich bei der Nummer in der letzten Szene nicht mit am meisten begriffen hätte. Vier Monate Stepptanzausbildung, das sind eben nicht sechs Jahre – und doch muss es so aussehen.

Die Szene dauert nur zwei Minuten, aber sie beinhaltet ein Versprechen von Glück, und das muss man sehen. Wir wussten, dass Michel hier sowenig auflösen und schneiden würde wie möglich. Umso aufregender war die Sache. Bei jedem Take gaben wir wirklich alles, und siehe da, auf einmal waren wir beim 15ten Take und waren immer noch nicht erledigt! Man muss wissen, dass die richtigen Schritte Machen und Tanzen ganz und gar nicht dasselbe sind.

Der Gesichtsausdruck gehört dazu, die Leichtigkeit, der Eindruck der Vollkommenheit. Und dann war es natürlich eine Szene zu zweit, es ging nicht nur um die Sorge, richtig zu tanzen, sondern auch ihre Gemeinsamkeit zu vermitteln. Zum Glück ist das mit Bérénice leicht. Nach jedem Take waren wir die ersten, die riefen: »Na los, kommt schon. Nochmal!«

Du kommst als kleiner Frenchie da an, dreihundert Leute auf dem Set schauen dir zu, du probst in den Studios von Debbie Reynolds und Gene Kelly, da baut sich schon Druck auf. Das Einzige, was man da sich zur eigenen Beruhigung sagt: Gut, wenn unsere Technik vielleicht auch nicht perfekt ist – auf jeden Fall lasst uns unsere Lust versprühen, unsere Zuversicht. Und die Zuversicht wird von der Kamera geliebt, vor allem wenn Guillaume dahinter steht.

Am Anfang des Films ist Ihre Figur George Valentin ein großer Stummfilmstar. Haben Sie sich von Kinogrößen der Zeit inspirieren lassen?

Von Douglas Fairbanks natürlich! Einer, der immer strahlt, herumwirbelt, echt schneidig ist, und immer mit einem Augenzwinkern zum Publikum. Das zu machen, war ein Riesenspaß, vor allem, wenn es um den Film im Film ging, da konnte ich mich endlich austoben. Ich habe mir alle Filme von Douglas Fairbanks angeschaut, sie sind vielleicht nicht immer die größten Filme aller Zeiten, aber er nimmt sich da unglaubliche Sachen raus. Das ist wie ein Fest des Lebens, und dazu noch mit Augenzwinkern, ich liebe das.

Dahin hab ich also meine Fühler ausgestreckt, aber danach ist es wie mit allem, man muss sich verabschieden können um in seine eigene Figur zu schlüpfen. In den Szenen selbst, ob er am Steuer seines Bugatti sitzt oder im Treibsand feststeckt, ob er mit den Wilden kämpft oder am Abend der großen Premiere im Frack erscheint, da vergisst du das alles. Man fängt damit an, und es ist amüsant, aber dann war ich total in meiner Figur. Da waren wir übrigens OSS noch am nächsten. Und danach, das wusste ich, musste sowieso alles im Leben des George Valentin neu erfunden werden.

Das Spannendste war, mit dieser flamboyanten Figur zu beginnen, die ständig im Showgeschäft steht, vor der Kamera, mit seiner Frau, gegenüber seinen Fans, und Stück für Stück in das Unklare, in die Schattenseiten, das Schmerzhafte hinüber zu gleiten… Vom reinen, fast kindlichen Spiel zu wechseln in eine echte Verkörperung. Diese düsteren, ernsteren Szenen, für die ich keinen Text zum Festhalten hatte, habe ich anfangs gefürchtet. Bis ich schließlich begriff, dass das stumme Spiel fast ein Segen ist: Es reicht, die Gefühle zu empfinden, damit sie sichtbar werden. Kein Dialog kann ihnen etwas anhaben. Es reicht eine Winzigkeit, ein Blick, ein Wimpernschlag, damit die Emotion sinnlich greifbar wird.

Außerdem sind Michel, Guillaume und Bérénice derart vertraut miteinander, dass wir keine Angst zu haben brauchten, nicht soweit vorzudringen. Für diese Szenen war die Musik eine großartige Unterstützung. Das ist einer der großen Vorteile beim Drehen eines Stummfilms: Man kann während der Aufnahmen jede Musik auflegen, die man will. Bei mir kann man Die Dinge des Lebens von Philippe Sarde spielen und ich fange sofort an zu heulen.

Was berührt Sie am meisten an George Valentin?

Sein Absturz. Und die Tatsache, dass er ihn nicht kommen sieht. Anfangs stellt er sich keinen großen Fragen. Er ist ein bisschen von sich eingenommen, aber er ist nicht überheblich. Er weiß, dass er umwerfend charmant ist und hat damit überhaupt kein Problem. Er glänzt gern und steht ständig im Scheinwerferlicht.

Es ist, als ob er lediglich ein Bild von sich selbst wäre, eine Leuchtreklame mit einem Gesicht, und allmählich, Stufe für Stufe, bekommt diese Unbeschwertheit Risse, und er steigt ab, bis ganz nach unten… Zum Glück hat er einen Schutzengel. Am Ende ist er nicht mehr bloß ein Foto seiner selbst, sondern ein Mann, einfach ein Mann… Diese Entwicklung mag ich.

Und dass er Schauspieler ist, hat Sie das auch berührt?

Ja, natürlich. Ich hoffe nur, dass das kein böses Omen ist! Aber natürlich weiß jeder, dass der Schauspielerberuf immer prekär ist. Was mich etwas auf dem falschen Fuß erwischt hat, ist, dass mir nach zwanzig Drehtagen der Abstieg von George Valentin anfing, echt an die Nieren zu gehen. Obwohl ich mich durchaus vorgesehen hatte, gab es einen Moment, wo es mich erwischte.

Du kommst ein bisschen mitgenommen am Abend nach Hause, und am nächsten Morgen musst du in demselben seelischen Zustand wieder los legen. Dein Haus brennt ab, dein Hund bellt verzweifelt, du fragst, ob sie Léo Ferré am Set auflegen, komischerweise verletzt du dich auch noch irgendwo, und auf einmal kommt der Moment, wo du dir sagst: „Achtung jetzt mal, du kannst dich auch plötzlich auf der anderen Seite wiederfinden.“ Das ist natürlich ein Nichts an Unglück, denn… am Ende ist man glücklich, unglücklich zu sein!

Mitten in Hollywood einen Film über Hollywood zu drehen ist natürlich etwas ganz Spezielles, aber ist es nicht nach zwei Drehtagen doch nur wieder ein Film wie jeder andere?

Überhaupt nicht! Schon weil dies kein Film wie jeder andere ist. Und dann kann ich Ihnen versichern, dass man, auch nach zwei Wochen Dreh, zusieht, dass man sein Essen runterschlingt, damit wenigstens noch ein bisschen Zeit bleibt, um allein durch die Studios, die alten Bühnen zu schlendern, die Patina der Wände zu berühren, durch die Straßen zu gehen, das alles in sich aufzunehmen und sich zu sagen: „Ich bin echt in Hollywood.“ Das war mir sehr wohl bewusst.

Die Mütze eines Komparsen, die Uniform eines Polizisten, eine Straßenecke… alles das ruft sofort das Kino wach. Ich liebe die Augenblicke, wo das Leben zum Kino wird und umgekehrt. Unglaublich faszinierend. Um das auszukosten, hab ich mir die Zeit genommen. Dabei fällt jede Blasiertheit von dir ab, du würdest schon alles kennen, über das sich lustig machen ließe, zumal ich zum ersten Mal in L.A. war und alles gleichzeitig in mich aufgesogen habe. Deshalb bin ich ziemlich früh vor dem Dreh rüber gegangen, um die Leute kennenzulernen und mich mit der Stadt vertraut zu machen.

Man darf nicht vergessen, dass ich in der Haut eines Hollywoodstars der 30er steckte. Ich wohnte übrigens in einer Villa in den Hügeln von Hollywood. Ich vermute, Michel hat das mit Absicht eingefädelt, um mich in diesem Riesenhaus zu isolieren. Damit ich mich auch nach Drehschluss noch wie George Valentin fühle! Na, das hat geklappt. Ziemlich gut sogar.

In diesem Beruf ist man immer ein bisschen schizophren, und es hat diesen Spiegeleffekt noch verstärkt, dass der Film ein Kapitel aus der großen Zeit Hollywoods behandelte. Als ob der Tonfilm fast etwas zu früh kam, als ob es noch etwas auszuprobieren gegeben hätte, nicht nur für die Schauspieler damals. Dass Michel 90 Jahre später einen Stummfilm macht, ist doch eigentlich der Beweis.

Es klingt vielleicht angeberisch, aber ich habe das Gefühl, dass Michel, ohne es vorgehabt zu haben, so etwas wie ein winziges fehlendes Verbindungsstück entdeckt hat. Vielleicht spürte man deshalb bei allen Amerikanern, voran die Schauspieler John Goodman und den sehr vornehmen James Cromwell, aber auch die Techniker, eine echte Aufgeschlossenheit und Gespanntheit, eine ungespielte Zuneigung für unser Projekt. Wie ein Kind, das sich freut, bei einem so verrückten Film jenseits aller Normen mitzumachen.

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Stärke von Bérénice Bejo?

Ihre Frische, dass es bei ihr keinerlei Zynismus gibt, ihre Hingabe und ihr Vertrauen, das sie dir bereitwillig schenkt, und die enorme Arbeit, die sie dabei investiert. Ihr großes Herz, und dass sie sich ohne Vorbehalte in dieses Projekt stürzte. Auch für sie war es sehr wichtig, sich mit den Schauspielerinnen der 30er vertraut zu machen – um sie genauso schnell wieder zu vergessen und nur Peppy zu sein.

Wir beide kennen uns in- und auswendig und haben uns seit dem ersten OSS nie aus den Augen verloren. Zwischen uns gibt es nichts Peinliches, beinah nicht einmal so etwas wie eine Schamgrenze. Wir können uns problemlos in den Augen des anderen verlieren. Für einen Film wie diesen war das ein Riesenvorteil, durch den wir eine Menge Zeit gewonnen haben. Und dann waren wir doch alle beide überrascht, dass wir ziemlich heftige Gefühle zeigen konnten, bis zum Schluchzen und Heulen.

Außer Bérénice Bejo und James Cromwell hatten Sie noch einen Hund als Partner.

Jack! In Wirklichkeit heißt er Uggy. Ein echter Star, der schon x Filme gedreht hat. Es waren drei Hunde am Set, aber wir haben alles mit ihm gedreht. Ein cleveres Bürschchen und ein echter Star. Kann dir problemlos die Szene stehlen. Nein, ehrlich, es war sehr einfach mit ihm. Ich musste nur den Trainern genau zuhören, die extrem professionell waren. Das einzig Komplizierte war, ständig mit ein paar Wurstzipfeln in der Tasche herumzulaufen, damit er gehorchte. An manchen Tagen hatte ich am Ende das Gefühl, selbst nur noch eine einzige Wurst zu sein!

Worin ergänzen Sie sich mit Michel Hazanavicius?

Ich glaube, ich bin so eine Art Projektion seiner Vorstellung von Schauspieler. Ich vermute, wenn er selbst einer sein müsste, dann würde er so sein wollen wie ich. Er kann dich sehr gut zeichnen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, er gibt dir genau das richtige Licht, und ich weiß, dass er mich wie eine Frau ansieht, als Objekt der Begierde – was er natürlich niemals zugeben wird, das ist wohl wahr!

Das hier ist unser dritter Film zusammen, wir haben uns zwischendrin oft gesehen, wir sind Freunde, aber haben immer Lust dabei uns gegenseitig zu übertrumpfen. Deshalb musste ich mich bei diesem Film prüfen, ob ich ihm auch im Spektrum der Emotionen gefallen würde. Ich hatte das vorher mit Nicole Garcia und Bertrand Blier gemacht, also wusste ich, dass ich es schaffen würde. Aber Michel kannte mich so nicht, er hatte mich immer nur als Sean-Connery-Kopie mit der Brust raus und zwei Fäusten im Anschlag gesehen.

Andererseits kannte er mich, wie ich wirklich bin, und wusste also genau, wie er mich dahin kriegen würde. Er führt dich mit großer Eleganz und ohne jede Berechnung genau auf den Weg zu den verletzlicheren Gefühlen. Er lässt sie dich auch selbst finden, ohne dass er dabei zögern würde mehr zu verlangen.

Es ist sehr angenehm, mit jemandem zu arbeiten, der dich deine Arbeit machen lässt. Denn am Ende musst du es sowieso selbst finden. Auf der anderen Seite ist es sehr praktisch, beim Drehen Drehbuchautor, Regisseur und Cutter in einer Person vor dir zu haben. Er weiß alles von seinem Film. Michel ist ziemlich verschlossen. Wie ich.

Es gibt jede Menge Sachen, über die wir nicht reden, die wir aber voneinander verstehen, ohne dass wir sie aussprechen müssten. Wir machen oft den Witz, dass es zwischen uns einen Bluetooth geben muss. Er denkt an etwas, und ich spiele es ihm, ohne dass er auch nur ein Wort gesagt hat. Echte Tandemarbeit. Vor dem Dreh sprechen wir oft, auf dem Set probieren wir dann Sachen aus, aber dabei geht es uns immer nur um Nuancen und nicht um große Veränderungen.

Diese Arbeit ist das Interessante auf dem Set: Wie man eine Szene immer noch verbessern kann. Er kennt mich dermaßen genau, dass er bei mir nur ein Zucken der Augenbraue zu sehen braucht, und sich sagt: „Da muss einen kleine Ratte in seinem Kopf rumspuken, soll er sich entspannen.“ Und Hopp, schon knallt er mir einen Witz hin, dass ich laut loslachen muss. Als ob er mir grade gesagt hätte: „Komm schon, ist nicht so schlimm. Wir erzählen nur eine Geschichte, alles wird gut.“

Er stellt immer wieder die Relationen her, es gibt keinen unnötigen Druck. Dabei gibt es zwischen ihm und mir keine Gefälligkeiten, niemals. Nur eine echte Anstrengung, die von uns beiden geteilt wird, entspannt und brüderlich. Er hat eine unstillbare Freude daran, nicht nur Filme zu machen, sondern Kino.

Und was Guillaume Schiffman betrifft, so habe ich das Gefühl, dass dieser Film die beiden noch mehr zusammengeschweißt hat. Die Freude des Einen bedingt sich durch die Freude des Anderen. Und alle nehmen Teil an dieser Freude, ob es die Schauspieler sind oder alle anderen im Team. Das mag ich. Das schafft diese Stimmung am Set, in der einer für den anderen da ist, und ich brauche das, einen gute Umgebung, die Sicherheit, dass das, was wir machen, von allen gemeinsam gemacht wird.

Es ist beruhigend, wenn man jemanden vor sich hat, der nie den Eindruck macht, an allem zu zweifeln. Ich nenne ihn „den Unerschütterlichen“. Er hat nie Angst. Dabei hat er jede Menge Druck verspüren müssen: Mit einer winzigen Truppe von sechs Franzosen in Los Angeles aufzutauchen, um mit einem amerikanischen Bataillon zu arbeiten, in der Absicht, einen Schwarzweißfilm zu drehen! Hätte ein ziemlich eitles Projekt sein können, aber im Gegenteil.

Ich hab ihn nie zittrig werden gesehen, weil er immer ernsthaft und offen bei dem Projekt vorgegangen ist. Niemals nur als Effekthascherei, nie um der Spielerei willen, nie um nur irgendwie interessant oder witzig zu wirken. Immer tief drin in seiner Geschichte und ständig mit den richtigen Fragen: Wohin gehe ich? Welches ist der nächste Schritt? Was erzähle ich?

Wenn sie nur einen Moment von diesem Abenteuer behalten dürften, welcher wäre das?

Die letzte Szene des Films, der Stepptanz mit Bérénice, und alles, was wir in dem Augenblick erlebt haben. Und ganz egoistisch würde ich sagen, die am Ausgang vom Orpheum Theater, am Anfang des Films. Die Premiere bei Warner. Der Set, die Menge, die Autos aus den 20ern, die Blitzlichter, die Gesichter der Komparsen, die Bullen… ich war mitten in einem alten Film, ich war Teil des Kinos! ■ mz | Quelle: Delphi

01.02.2012 | mz |
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