Dienstag, 18. Juni 2019

Bob Balaban (Erzähler), Jason Schwartzman (Cousin Ben), Bill Murray (Mr. Bishop), Frances McDormand (Mrs. Bishop), Wyatt Ralff (Rudy Bishop), Jake Ryan (Lionel Bishop), Tanner Flood (Murray Bishop), Kara Hayward (Suzy), Jared Gilman (Sam), Edward Norton (Scout Master Ward), Lucas Hedges (Redford), Seamus Davey-Fitzpatrick (Roosevelt), Charlie Kilgore (Lazy Eye), Gabriel Rush (Skotak), Snoopy der Hund, Bruce Willis (Captain Sharp)
© Tobis/Focus Features

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1965, irgendwo vor der Küste Neuenglands. Captain Sharp, Sheriff der kleinen beschaulichen Inselgemeinde New Penzance, steckt in Schwierigkeiten: Suzy, die Tochter des neurotischen Ehepaars Bishop, ist spurlos verschwunden, und die Affäre des Sheriffs mit Mrs. Bishop droht aufzufliegen, was Mr. Bishop gar nicht gefallen dürfte.

Obendrein türmt der junge Pfadfinder Sam zur gleichen Zeit auf der anderen Seite der Insel aus dem Sommercamp. Und der etwas desorientierte Oberpfadfinder Ward hat keine Ahnung wohin. Was noch niemand weiß: Die beiden Ausreißer sind heimlich ineinander verliebt und wollen zusammen durchbrennen.

Hals über Kopf stürzen sich der überforderte Sheriff und das ganze Pfadfindercamp in eine chaotische Suchaktion, bei der die aufgeschreckten Erziehungsberechtigten wenig hilfreich sind und vor allem über ihre eigenen Fallstricke stolpern. Als dann auch noch das alarmierte Jugendamt seinen Besuch ankündigt, droht die ohnehin heikle Situation zu eskalieren. Doch ein herannahendes Gewitter zwingt die erhitzten Gemüter zur Abkühlung…

Erneut schickt Wes Anderson eine Riege hochkarätiger Schauspieler durch seine lebensnah schrägen Tagträume. Die Schlüsselrollen mit zwei Nachwuchsdarstellern mit nur sehr wenig Schauspielerfahrung zu besetzen, hätte sich als großes Risiko für einen Filmregisseur erweisen können, doch Produzent Jeremy Dawson betont: »Wes Anderson vertraut seinem Instinkt, deshalb ging es nur darum, wen er glaubte, sich in diesen beiden Rollen vorstellen zu können. Und wieder einmal hat er besetzungstechnisch ins Schwarze getroffen.«

Die jungen Talente Jared Gilman und Kara Hayward haben Anderson im Laufe eines langwierigen Castingprozesses für sich eingenommen. Sechs Monate nach seinem ersten Vorsprechen, gefolgt von drei weiteren Rückrunden, erinnert sich Gilman: »Nach der Schule stieg ich zu meiner Mom ins Auto und fragte sie, ob es Neuigkeiten gibt. Anstatt zu antworten, rief sie meinen Vater an. Der ließ mich erstmal eine ganze Weile zappeln, bevor er mir sagte, dass ich die Rolle bekommen habe. Ich schrie, ich lachte und ich weinte. Es war wahrscheinlich der glücklichste Tag meines Lebens.«

Haywards Mutter dagegen überbrachte die guten Nachrichten geradeheraus. Die Nachwuchsschauspielerin erinnert sich: »Ich kam gerade von der Schule nach Hause und meine Mutter begrüßte mich mit „Rate mal!“ und ich fragte „Was?“ und sie sagte „Du hast die Rolle.“ Ich brauchte eine Minute um das zu verdauen. Es war total aufregend. Mein kleines Fünf-Minuten-Bewerbungsvideo hatte mir eine Filmrolle eingebracht.«

Obwohl sie Neulinge im Filmgeschäft waren, haben sich die beiden mit Feuereifer auf das Projekt eingelassen. Noch bevor sie am Drehort ankamen, hatten beide bereits das komplette Drehbuch auswendig gelernt. »Mir wird immer wieder gesagt, dass ich ein gutes Gedächtnis habe«, erklärt Hayward. »Es hat mich also nicht besonders viel Zeit gekostet. Ich habe es einfach so oft gelesen, bis ich meinen Text auswendig konnte.«

Für Gilman war der Prozess notwendigerweise ein bisschen langwieriger, wie er erklärt: »Ich musste mir Teile des Drehbuchs schon für die Rückrunden beim Casting merken. Vor den Dreharbeiten hatte ich dann einige Spielproben mit Kara, für die ich im Grunde meinen gesamten Rollentext auswendig lernte. Als wir offiziell mit den Dreharbeiten begannen, hatte ich schließlich alles drauf. Ich hatte eine Leseprobe des Drehbuchs auf meinem Handy gespeichert und habe mir das immer wieder angehört.«

Die Nachwuchsdarsteller probten auch gemeinsam im Produktionsbüro, bevor sie ans Set gingen. Doch die Vorbereitung beinhaltete weit mehr, als nur die Dialoge zu lernen. Anderson wollte, dass sie ihre Figuren erforschen, sich in ihrer Haut wohl fühlen, verstehen, wer sie sind und warum Suzy und Sam tun, was sie tun. Also gab er den Kids ein paar Hausaufgaben.

Gilman berichtet: »Ich habe Unterricht im Kanufahren und ein paar Karatestunden genommen. Und ich lernte ein bisschen Kochen – für eine Szene, in der ich etwas über einem Feuer zubereiten muss.« Im Hinblick auf das 1965er Setting des Films erklärt Gilman, wie er sich auf diese Ära eingestellt hat: »Wes gab mir den Clint Eastwood-Film Flucht von Alcatraz, der im Jahr 1963 spielt, und er war echt toll. Und ich konnte natürlich auch meine Eltern fragen, schließlich sind sie in den 60ern aufgewachsen.«

Hayward verrät: »Wes hat Jared und mich einander Briefe schreiben lassen, weil sich in der Geschichte Sam und Suzy nach ihrer ersten Begegnung ein Jahr lang Briefe schreiben. Er gab uns den Anfang ihrer Sätze…« »…weil im Drehbuch die Briefe mitten im Satz abbrechen«, ergänzt Gilman. »Wes dachte, wir könnten sie doch gut vervollständigen.« Entsprechend der Zeit, in der sie leben und aufgewachsen sind, begannen die zwei jungen Darsteller die ihnen aufgetragene Hausaufgabe eines Briefwechsels per E-Mail. Doch Anderson schob dem rasch einen Riegel vor.

»Ich glaube, dass er E-Mails nicht authentisch genug fand«, sagt Hayward. »Er wollte richtige Briefe.« Nachdem sie die elektronische Datenübertragung zugunsten altmodischer Briefkorrespondenz aufgegeben hatten, nahmen sie sich mit ganzem Herzen ihrer Aufgabe an. »Ich lernte viel über Jared«, erzählt Hayward. »Er ist sehr unterhaltsam!« Gilman merkt an, dass »Karas Briefe sogar einen kleinen Briefkopf hatten, auf dem „Suzy Bishop“ und eine erfundene Adresse stand.«

»Wes kann so gut mit Kindern umgehen – auf die gleiche Art wie Steven Spielberg. Er ermutigt sie«, merkt Bob Balaban an, der die Geschichte erzählt. Anderson konnte sich auch deshalb so gut in die Kinder hineinversetzen, weil seine Filme erwachsene Ernsthaftigkeit mit purer Fantasie kombinieren. Moonrise Kingdom ruft direkt die kindliche Welt voller Geheimnisse in Erinnerung und die vielen magischen Momente, die man mit Sommern in seiner Jugend verbindet.

»Moonrise Kingdom ist universell und für jeden nachfühlbar, weil es eine Geschichte über die erste Liebe und einen magischen Sommer ist«, kommentiert Produzent Dawson. »Es geht um einen Jungen und ein Mädchen, die abhauen, um zusammen sein zu können. Dieser Film ist süß und charmant, aber auch richtig lustig. Der Filmtitel bezieht sich auf eine Bucht, in die die beiden Kinder fliehen. Auf der Karte trägt sie den technischen Namen Gezeitenbucht Meile 3,25. Aber für sie ist es ein geheimer, magischer Ort. Deshalb taufen sie ihn in „Moonrise Kingdom“ um.«

Sowohl der technische als auch der poetischere Name zeigen das kreative Augenmerk hinsichtlich der Details, die das Kinopublikum von einem Wes Anderson-Film gewohnt ist und erwartet. Da Andersons Enthusiasmus auf Cast und Crew gleichermaßen überspringt, haben viele von ihnen bereits bei mehr als einem Projekt mit ihm zusammen gearbeitet. Anderson schrieb das Drehbuch zu Moonrise Kingdom zusammen mit seinem Filmkollegen Roman Coppola, mit dem er bereits bei Darjeeling Limited gearbeitet hatte.

Bill Murray und Jason Schwartzman standen 1998 erstmals für Anderson in seinem gefeierten Rushmore vor der Kamera und haben seitdem schon mehrfach wieder mit ihm gedreht. Dawson bemerkt: »Es ist immer toll, Bill und Jason dabei zu haben. Bill hält uns alle auf Trab, er ist unser großer Schwungbringer.« Oder auch Ratgeber, wie Murray gesteht: »Na ja, man tut, was man tun muss. Einmal hatte ich einem Jungen gezeigt, wie man sich rasiert. Und diesmal zeige ich eben einem Jungen, wie man eine Krawatte bindet.« Hayward verrät: »Bill hat auch Jared und mir den Tipp gegeben, morgens zu summen, um unsere Stimmen für den Dreh startklar zu machen. Es funktioniert wirklich!«

Allerdings ist Murray in diesem Film noch die konservativste Figur. Bruce Willis als einsamer Inselsheriff, Frances McDormand als dessen fremdgehende Geliebte und Edward Norton als piefiger Scout Master, der eigentlich keine Ahnung von Verantwortung hat, sind zwar schon liebens- und merkwürdige Charaktere, jedoch nicht ganz so schräg wie Scout Commander Pierce, gespielt von Filmrauhbein Harvey Keitel oder das Jugendamt, das von Tilda Swinton personifiziert wird.

»Das Jugendamt repräsentiert Autorität, höhere Gewalt«, führt Swinton aus. »Wenn Chaos droht, wird sie gerufen, um für Ordnung zu sorgen. Die Sozialarbeiterin trägt einen blauweißen Hosenanzug. Auf ihrem Kopf ist ein Hut im Stil eines Offiziers der Heilsarmee. Um ihren Hals trägt sie ein rotes Band, das sie zur Schleife gebunden hat. Es gibt zahlreiche filmische Referenzen und Schauspielerinnen und Schauspieler, die uns inspiriert haben. Ich fand es toll, das mit Wes umzusetzen…

In unserer Geschichte wissen die Erwachsenen nicht wirklich, was sie tun. Im Laufe der Zeit stellen sie fest, dass sie nicht weniger kindisch und nicht weniger erwachsen sind als die beiden Kinder. Es hat großen Spaß gemacht und war mir eine echte Freude, bei dem Film dabei zu sein. Es herrscht darin eine solche Verspieltheit, die nur durch absolute Strukturiertheit möglich ist.«

Die Dreharbeiten waren allerdings anders strukturiert, als die Schauspieler es gewöhnt waren. Die Filmemacher wollten keinen aufgeblasenen Dreh, deshalb gab es auch keine großen Trucks und keine Trailer für Schauspieler oder Filmemacher. Die Schauspieler wurden gebeten, kamerabereit zum Dreh zu erscheinen, was bedeutete, dass sie bereits in ihren Hotelzimmern in ihre Kostüme schlüpften, bevor sie ans Set kamen.

Bill Murray erinnert sich: »An meinem ersten Arbeitstag kam ich in ein Lager und mir wurde klar, dass sie keine Trailer und so weiter hatten. Wir hatten Zelte, Notzelte. Draußen waren ungefähr vier Grad und es regnete, aber sobald man 51 Leute in ein Zelt quetscht, wird’s schön warm. Nach einer Weile hatten wir es richtig gemütlich.«

Als schließlich der Hauptdreh losging, »hatten wir alle das Gefühl, in einem Ferienlager oder gar auf einem gut geführtem Spielplatz mit Regeln zu sein«, sagt Balaban. Das war auch so erwünscht: Anderson wollte, dass Schauspieler und Filmcrew beim Drehen so weit wie möglich ein Gemeinschaftserlebnis haben.

Ein solch ungewöhnlicher Film braucht auch ungewöhnliche Musik, dessen Spektrum hier breit gefächert ist – von Klassischem von Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart oder Leonard Bernstein und Benjamin Britten bis hin zu zeitgenössischer Musik von Hank Williams und Françoise Hardy. Auch Alexandre Desplat, der bereits die Filmmusik zu Wes Andersons Der fantastische Mr. Fox komponiert hatte, trug erneut dazu bei.

Ein besonderes cineastisches Schmankerl ist die Szene, in der sich Suzy und Sam an den Klippen der Bucht gegenüber stehen, die filmisch an alte türkische Liebesfilme erinnern – die Wellen rauschen, der Wind weht ihr durchs Haar, beide sehen sich aus der Ferne an und dramatische Musik ertönt aus den Lautsprechern im Kinosaal – das Ganze dann auch mit wechselnden Nahaufnahmen und bestimmter verwaschener Farbgebung von Kameraman Robert Yeoman eingefangen, der neben sämtlichen Realfilmen Andersons auch bei Filmen wie Drugstore Cowboy, Dogma, Roller Girl und zuletzt Brautalarm kameratechnisch verantwortlich zeichnete.

»Moonrise Kingdom ist so eine süße Geschichte«, sagt Hayward. »Sie ist wunderschön. Ich liebe alles an dem Film – wie die Geschichte erzählt wird, die Beziehung zwischen den Figuren – und ich hoffe, die Zuschauer werden alles daran ebenso lieben.« Und Gilman schwärmt: »Es ist ein Actionfilm. Es ist eine Komödie. Es ist ein Drama. Es ist ein Liebesfilm. Er haut richtig rein!« Und wo Wes Anderson drauf steht, ist auch genau das drin! ■ mz

OT: Moonrise Kingdom
USA 2012
Komödie
FSK: 12
94 min

mit
Jared Gilman (Sam) David Kunze
Kara Hayward (Suzy) Emily Gilbert
Edward Norton (Scout Master Ward) Andreas Fröhlich
Bruce Willis (Captain Sharp) Manfred Lehmann
Frances McDormand (Mrs. Bishop) Heidrun Bartholomäus
Bill Murray (Mr. Bishop) Arne Elsholtz
Jason Schwartzman (Cousin Ben) Norman Matt
Bob Balaban (Erzähler) Uli Krohm
Harvey Keitel (Commander Pierce) Joachim Kerzel
Tilda Swinton (Jugendamt) Karin Buchholz
u.a.

musik
Alexandre Desplat

kamera
Robert Yeoman

drehbuch
Wes Anderson
Roman Coppola

regie
Wes Anderson

produktion
Indian Paintbrush
American Empirical Pictures
Moonrise
Scott Rudin Productions

verleih
Tobis

Kinostart: 24. Mai 2012

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26.05.2012 | mz |
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