Montag, 20. Mai 2019

Isabelle Huppert
© Sean Gallup/Getty Images

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Mein liebster Alptraum

Die am 16. März 1953 in Paris geborene Isabelle Anne Huppert, Tochter eines Sicherheitsingenieurs und einer Englischlehrerin, nahm mit 14 Jahren am Conservatoire de Versailles Schauspielunterricht, dem Kurse bei Schauspieler und Regisseur Jean-Laurent Cochet folgten und der Beginn einer Theaterkarriere.

1971 gab sie ihr Filmdebüt in Faustine et le bel été. Zu den frühen Höhepunkten ihrer Filmkarriere zählen Die Ausgebufften, Der Richter und der Mörder und Die Spitzenklöpplerin. Spätere Filme verfestigten ihren Ruf als Darstellerin tiefgründiger Charaktere, deren zerbrechliche Erscheinung mit ihrer Willensstärke kontrastiert, so z.B. Die Kameliendame. Wiederholt drehte sie unter der Regie von Claude Chabrol, mehrfach spielte sie auch unter der Regie von Michael Haneke, wofür sie zuletzt für die Rolle der Erika Kohut in Die Klavierspielerin bei den Filmfestspielen in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde.

1980 versuchte sie den Sprung nach Hollywood. Michael Ciminos Spätwestern Heaven’s Gate geriet jedoch zu einem der größten Flops der Filmgeschichte. Amerikanische Filme blieben die Ausnahme. So drehte sie 1987 Das Schlafzimmerfenster, im Jahr 1994 Amateur von Regisseur Hal Hartley und im Jahr 2004 I ♥ Huckabees. Im Mai 2009 übernahm Huppert bei den 62. Internationalen Filmfestspielen von Cannes das Amt der Jurypräsidentin. Bereits 1984 war sie neben Michel Deville und Stanley Donen unter der Leitung des britischen Schauspielers Dirk Bogarde Mitglied der Wettbewerbsjury in Cannes gewesen.

Parallel zu ihrer Filmarbeit trat Huppert auch immer wieder als erfolgreiche Theaterschauspielerin in Erscheinung. Auf französischen und europäischen Bühnen übernahm sie sowohl Hauptrollen in klassischen Stücken wie Shakespeares Komödie „Maß für Maß“ und Schillers „Maria Stuart“, als auch in zeitgenössischen Stoffen wie Sarah Kanes „4.48 Psychose“, Heiner Müllers „Quartett“, Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ oder Krzysztof Warlikowskis „Un Tramway“.

Für die Titelrollen in „Un mois à la campagne“, Virginia Woolfs „Orlando“, „Medea“ und Ibsens „Hedda Gabler“ wurde sie insgesamt fünfmal für den Molière als Beste Hauptdarstellerin nominiert, konnte den wichtigsten französischen Theaterpreis bisher aber nicht gewinnen. Als Sängerin zeichnete Huppert gemeinsam mit Jean-Louis Murat für den Liederzyklus „Madame Deshoulières“ verantwortlich, sie übernahm ein Jahr später auch einen Gesangspart in dem Film 8 Frauen.

Isabelle Huppert gewann zahlreiche Preise, darunter 1996 den César für die beste Darstellerin für ihre Rolle der Jeanne im Film Biester von Claude Chabrol. Sie wurde bisher zwölfmal und damit häufiger als jede andere Schauspielerin für den César nominiert. 2002 erhielt sie zusammen mit ihren sieben Partnerinnen einen Silbernen Bären bei der Berlinale für den Kassenschlager 8 Frauen und wurde 2006 erneut für den Goldenen Bären in ihrem Film Geheime Staatsaffären nominiert.

Wie würden Sie Ihre Figur Agathe beschreiben?

Agathe ist dem Anschein nach fest in ihrer sozialen Stellung verwurzelt. Sie arbeitet in der Kunstszene und wirkt selbstsicher in jeder Situation. Sie ist gut organisiert und hyperaktiv. Sie erzieht ihren Sohn distanziert und hat sich mit einer langjährigen Beziehung abgefunden, in der die Partner einander nicht mehr viel zu sagen haben. In allem was sie tut, steckt eine bestimmte Logik, aber sie bleibt uns doch ein Rätsel. Ihre wohlgeordnete Existenz scheint auf den ersten Blick vollkommen gefühlsleer.

Aber nur auf den ersten Blick, denn allmählich öffnet Agathe sich.

Sie hat eine Fassade aufgebaut, die nur darauf wartet zusammenzubrechen. Als sie Patrick trifft, weist sie ihn zurück, weil er aus einer ganz anderen Welt zu kommen scheint und sie es nicht gewohnt ist, ihrer Umgebung Aufmerksamkeit zu schenken. Doch bald schon ziehen die Frivolität und der Eskapismus dieses Eindringlings sie an. Ihre Begegnungen wirken wie ein Katalysator, der ihr die Trostlosigkeit ihrer eigenen Existenz noch deutlicher aufzeigt.

Zu Beginn freilich leben Patrick und Agathe in getrennten Welten. Seine Ausdrucksweise, sein sehr schmutziges Sprechen über Sex wirken wie Gewalt auf Agathe. Der Zusammenprall von Gegensätzen ist eine der Grundstrukturen der Komödie, doch Anne Fontaine nutzt diese, um den Film in ganz andere Bereiche zu tragen.

Mein liebster Alptraum spielt gerne mit Klischees. Ist es das, was Sie an dem Film mochten?

Anfangs denkt man vielleicht, dass die Figuren sich auf ihr Erscheinungsbild reduzieren lassen, aber man merkt schnell, dass die Dinge komplexer liegen. Sogar Klischees, egal ob offene oder verborgene, geraten ins Wanken. Nichts ist von vorneherein festgelegt in Mein liebster Alptraum.

In den ersten Szenen wirkt Ihr Charakter sehr unsympathisch.

Das ist noch gelinde ausgedrückt. Aber mit dem Fortschreiten der Handlung ändert sich alles. Die Figuren bekommen mehr Tiefe, mehr Subtilität, mehr Wahrheit. Der effektive Humor in Mein liebster Alptraum ist kein Selbstzweck, sondern er hilft, Gemeinplätze und Grenzen zu überwinden. Auf eine bestimmte Art und Weise bringt der Film die Welten des Intellekts und der Sinne zueinander, ohne dies je ausdrücklich zu machen. Diese Konzepte an sich sind ja schon Riesenklischees.

Die Fotoaufnahme fungiert als Medium der Annäherung von Patrick und Agathe. Oberflächlich gesehen, symbolisiert die Kunst alles, was sie voneinander trennt, kulturell, sozial, finanziell. Aber dank der Kunst finden die beiden zusammen. Die Kunst steht nicht länger für eine Spaltung oder einen Klassengegensatz, sondern für eine emotionale Annäherung. Die Zerstörung elitären Denkens ist ein wunderbar utopisches Ziel für eine Komödie.

Wollten Sie schon lange einmal mit Anne Fontaine zusammenarbeiten?

Wir wollten schon eine ganze Weile lang einen gemeinsamen Film machen. Mir gefällt, wie frei sie von einem Genre zum anderen wechselt, das ist eine beinahe britische oder amerikanische Herangehensweise. Mir ist als erste ihrer Arbeiten Eine saubere Affäre aufgefallen, ein sehr verstörender, undurchdringlicher Film. In In seinen Händen ließ sie Benoît Poelvoorde andere Facetten seines schauspielerischen Könnens aufzeigen. Sie befasst sich auch gerne mit leichteren Stoffen, wandelt dabei aber nie auf ausgetreten Pfaden. Sie spielt mit den Konventionen der jeweiligen Genres, in ihrem Universum gibt es immer Seltsamkeiten.

Agathe verkörpert perfekt die Attitüde der „bürgerlichen Bohemiens“. Wurden Sie dabei von bestimmten Situationen oder Menschen inspiriert?

Eigentlich nicht. Man muss sich nur in jeden Kreis oder in jede Szene hineinbegeben, dann merkt man schnell, dass sich hinter den Posen und Attitüden ganz normale Menschen verbergen mit all ihren Schwächen, ihren Zweifeln und ihrer Individualität. Der Film beginnt mit dem Klischee einer bestimmten sozialen Gruppe als Grundlage für das Komödiantische, aber diese Schemata brechen schnell auf. So funktioniert der ganze Film bis zum Ende, das Anne mit ihrer Inszenierung und der Auswahl des Sets herrlich seltsam und unfassbar macht.

Sie haben jede Minute von Mein liebster Alptraum sichtlich genossen. Dabei ist Komödie nicht gerade das Genre, dem ihre Karriere am stärksten verbunden scheint.

Das sagen die Leute mir immer, wenn ich eine Komödie gedreht habe – was gar nicht so selten ist. Die Gegenüberstellung von Drama und Komödie ist aber eigentlich bedeutungslos. Man nimmt fälschlicherweise an, das Drama sei nuancierter und facettenreicher. Mein liebster Alptraum ist weder eine Burleske noch eine reine Komödie. Im Amerikanischen würde man es eine „romantic comedy“ nennen, mit allem, was das an Gefühl und Zerbrechlichkeit der Charaktere impliziert.

Es gibt eine große Bandbreite des Komödiantischen, auch in den Filmen, in denen ich selbst mitgespielt habe. Was haben etwa Sac de Nœuds von Josiane Balasko, Die Frau meines Kumpels von Bertrand Blier, Zwei ungleiche Schwestern von Alexandra Leclère, Copacabana von Marc Fitoussi und Mein liebster Alptraum gemeinsam? Gar nichts.

Sie haben zum ersten Mal mit Benoît Poelvoorde vor der Kamera gestanden.

Und es war definitiv eine angenehme Erfahrung, ich sage es ganz direkt: Wir hatten jede Menge Spaß bei der Arbeit. Neben seinen anderen Qualitäten hat Benoît einen großen Vorzug – sein Lachen ist selbstlos, es schließt den Anderen nie aus. Ich habe es genossen, mit ihm zu arbeiten und zu lachen und ich hoffe, er denkt genauso. Wenn’s nach mir ginge, könnten wir gleich wieder loslegen!

Auch mit André Dussollier haben Sie nie zuvor gearbeitet.

Richtig, obwohl wir einander schon eine Ewigkeit kennen. Wir sind beinahe wie eine Familie füreinander, auf jeden Fall stehen wir uns sehr nahe. Komischerweise waren wir noch nie gemeinsam auf der Leinwand zu sehen. Jetzt ist diese Scharte ausgewetzt, und wir spielen auch noch ein Paar, das schon lange zusammenlebt. André hat etwas sehr Subtiles, Zartes und gleichzeitig eine leise Traurigkeit, was alles in seinen Schauspielstil mit einfließt. Es war sehr schön, endlich einmal mit ihm drehen zu können. ■ mz | Quelle: Concorde

25.01.2012 | mz |
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