Mittwoch, 22. Mai 2019

Benoît Poelvoorde
© Concorde

IMDb
Mein liebster Alptraum
► Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft

Der 1964 im franko-belgischen Namur geborene Sohn einer Krämerin und eines Fernfahrers studierte bis zu seinem 17. Lebensjahr bei den Jesuiten und verließ dann das heimatliche Domizil, um seiner künstlerischen Ader zu folgen. An der ICT Félicien Rops in Namur begegnete er dem Filmemacher Rémy Belvaux, mit dem er später den Film Man bites Dog drehte. Er verfiel leidenschaftlich dem Theater und machte mit seinen untypischen Interpretationen auf sich aufmerksam. Trotz seiner Bestimmung als Zeichner übte er sich nebenbei in einer zweiten Aktivität – dem Fotografieren. Während seines Studiums visueller Kommunikation an der ERG (Ecole de Recherches Graphiques, Brüssel) drehte er mit Belvaux und André Bonzel, beide Studenten an der INSAS (L’Institut national supérieur des arts du spectacle et des techniques de diffusion), den Kurzfilm Pas de C4 pour Daniel Daniel (Kein C4 für Daniel Daniel).

Während ihrer Studienzeit drehten alle drei zusammen den Spielfilm Man bites Dog, der 1992 in die Kinos kam. Aus einem Testfilm wurde ein Meisterwerk, das schon bald zum Kultfilm avancierte. Danach trat Poelvoorde in Café-Theatern auf und spielte dann in der Sketchserie Jamais au grand jamais und der Comedyserie Les Carnets de monsieur Manatane. Ab 1997 drehte er eine Reihe von Filmen, u.a. Singles unterwegs, Ball & Chain – Zwei Nieten und sechs Richtige, Die wunderbare Welt des Gustave Klopp sowie 2008 Asterix bei den Olympischen Spielen und Louise hires a Contract Killer.

2002 erhielt er den Jean-Gabin-Preis, der an die besten Nachwuchsschauspieler verliehen wird. 2004 war er Mitglied der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes, wo er auf Quentin Tarantino stieß, der sich als Fan von Man bites Dog erklärte. Benoît Poelvoorde ist außerdem mit Jean-Claude van Damme befreundet, mit dem er in Die wunderbare Welt des Gustave Klopp agieren konnte. Die Bewerbung seiner Filme fokussierte er mehr aufs Internet, da er das Fernsehen „mit seinen Wiederholungen für überholt“ ansieht. Der Schauspieler, der sich nie zurückhält, ließ sich im November 2008 kurzzeitig wegen Depressionen in einem psychaitrischen Krankenhaus in Namur behandeln, um kurze Zeit später in Anne Fontaines Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft wieder vor der Kamera zu stehen. Zuletzt war er in der Komödie ►Nichts zu verzollen zu sehen.

Wie würden Sie Ihre Figur Patrick beschreiben?

Er handelt nach seinem Instinkt, alles hat bei ihm eine gewisse Dringlichkeit. Es geht immer um das Hier und Jetzt. Er holt sich seine Genugtuung da, wo er sie gerade bekommt, wann immer möglich. Dies ist auch der Grund für sein Alkoholproblem. Über die Konsequenzen seiner Handlungen macht er sich offenbar keinerlei Gedanken. Doch später im Film wird deutlich, dass er eine sehr viel komplexere, nuancierte Figur ist, die hinter diesem Leben für den Moment eine sorgenvolle Seite verbirgt. So verhält sich das wohl immer mit impulsiven Charakteren.

Identifizieren Sie sich mit ihm?

Überhaupt nicht, und schon gar nicht mit seinem Umgang mit Frauen! Als Darsteller handle auch ich instinktiv, aber nicht im echten Leben. Patrick ist eher so wie mein Bruder. Davon habe ich Anne erzählt, und ein wenig ist dies auch ins Drehbuch eingeflossen.

Dies ist, nach In seinen Händen und Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft, Ihre dritte Zusammenarbeit mit Anne Fontaine. Sie verstehen sich offensichtlich außerordentlich gut.

Sie kennt mich sehr gut und Sie zeigt eine große Nachsicht und Güte mir gegenüber – ob als Mensch oder als Schauspieler. So kann sie mich an Orte mitnehmen, an die ich nicht mit jedem gehen würde. Unser Verhältnis ist eigenartig, es hat gleichzeitig Züge von Mutter- und Geschwisterliebe, von Freundschaft und Leidenschaft. Sie holt, wie aus vielen anderen Schauspielern, so auch aus mir das Beste heraus. Darum ist sie bei den Darstellern so beliebt.

Eigentlich ist das keine große Überraschung, Schauspieler handeln häufig aus dem Bauch heraus. Ich weiß, dass sie unsere Zusammenarbeit an Mein liebster Alptraum besonders schätzte, weil ein wenig von ihr und von mir in die Geschichte eingeflossen ist. Ein wenig des Humors verdankt sich meiner Welt, aber die Behutsamkeit und der Respekt vor den Figuren zeigt, dass es sich um einen Film von Anne Fontaine und von niemand anderem handelt.

Sie vertrauen einander anscheinend sehr.

Sie ist die einzige Person, für die ich eine Szene auch noch zum 40. Mal wiederholen würde. Sie lässt nicht zu, dass ich untergehe, sie verhindert, dass ich Durchschnitt abliefere. Sie sieht in mein Innerstes und weiß, wie sie Ungewöhnliches aus mir herauskitzeln kann, wie man in In seinen Händen und Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft sehen kann. Mein liebster Alptraum schien schon eher bekanntes Territorium für mich zu sein, aber das machte es nicht unbedingt einfacher.

Anne ist ganz anders als ich, aber wir mögen einander sehr, und daher arbeiten wir auch gut zusammen. Wir machen auf jeden Fall noch einen vierten gemeinsamen Film, und danach vielleicht noch mehr. Das Angebot, in einem Film von Anne mitzuspielen, würde ich niemals ablehnen, und wenn ich nur eine Kerze im Hintergrund eine Szene zu halten hätte. Wir sind wahre Freunde. Das ist erwähnenswert, weil es so etwas selten genug gibt.

Haben Sie vor den Dreharbeiten viel geprobt?

Wir haben viele Drehbuchlesungen gehalten, um an meiner Figur zu feilen. Ich habe einige kleine Verbesserungsvorschläge angebracht, da ich mich zufällig mit Partys und Belgien ganz gut auskenne! [lacht] Ich habe bislang immer so mit Anne gearbeitet, es hilft mir sehr dabei, mich auf den Dreh vorzubereiten. Manche Filme, und dazu gehören die von Anne, verlangen mehr Einsatz als andere.

Mein liebster Alptraum lebt nicht von der schieren Menge an Gags und Schauspielern, die die Sau rauslassen. Im Film geht es um Dosierung und Balance. Und ich wusste, dass ich mit Isabelle Huppert und André Dussollier, mit zwei großartigen Darstellern, zusammenarbeiten würde. Da durfte ich nichts vermasseln, und die Proben haben mir sehr geholfen.

Hat es Sie eingeschüchtert, in den meisten Szenen gemeinsam mit der großen Isabelle Huppert spielen zu müssen?

Als mir Anne am Anfang erzählte, sie wolle tatsächlich einen Film mit Isabelle und mir machen, konnte ich es kaum glauben. Es war furchteinflößend, also redete ich mir ein, es würde sicher gar nicht erst dazu kommen. Anne erzählte mir sehr früh von dem Projekt, eine Woche vor dem Start von Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft. Ich dachte mir, sie wird sich einer anderen Aufgabe zuwenden und basta. Doch dann hatte ich irgendwann ein Exposé in der Hand, dann eine Szenenabfolge, damit wurde es langsam Ernst. Ich traf Isabelle zum ersten Mal bei einem Abendessen, das mein Agent vereinbart hatte.

Einen Monat zuvor hatte ich Die Klavierspielerin gesehen, wo sie eine Atem beraubende Leistung ablieferte, die für mich Maßstäbe gesetzt hat, den Höhepunkt ihrer Schauspielkunst. Wir saßen beim Abendessen nebeneinander, aber niemand von uns sprach. Sie ist sehr schüchtern, ich eigentlich weniger. Dann wurden die ersten Drehtermine bekanntgegeben. Eine Woche vor Drehstart gab es keine Zweifel mehr, wir mussten die Sache durchziehen!

Ich muss zugeben, ich war förmlich gelähmt vor Angst. Aber dann war alles unglaublich einfach, aus einem Grund: Isabelle liebt das Schauspielen. Sie kann eine Szene 20 oder 30 Mal spielen und ist jedes Mal hervorragend. Damit verbessert sie auch deine eigene Leistung. Sobald man diese Professionalität und Hingabe versteht, muss man nur noch mit einsteigen und sich von ihr tragen lassen.

Isabelle Huppert sagt, sie würde sehr gerne wieder mit Ihnen drehen.

Ich auch mit Ihr! Isabelle ist wie eine Stradivari. Wenn ein Filmemacher weiß, wie man Geige spielt, kommt kein einziger falscher Ton dabei heraus. Es ist eine Ehre, mit ihr zu arbeiten. ■ mz | Quelle: Concorde

25.01.2012 | mz |
Kategorien: ohne