Mittwoch, 24. Juli 2019

Benoît Poelvoorde und Regisseurin Anne Fontaine
© Concorde

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Mein liebster Alptraum
► Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft

1959 als Fontaine Sibertin-Blanc in Luxemburg geboren, wuchs sie bei ihrem Vater in Lissabon auf, der dort Musikprofessor und Orgelspieler in einer Kathedrale war. Als Jugendliche zog sie nach Paris, um Tanzunterricht bei Joseph Russillo zu nehmen, während sie ihre akademische Bildung fortsetzte, wozu auch Philosophie gehörte. 1980 wurde sie von Robert Hossein entdeckt und spielte die Esmeralda in einer Bühnenversion von „Der Glöckner von Notre-Dame“. Um mit einem gängigen Namen mehr Aufträge zu bekommen nannte sie sich in Anne Fontaine um und spielte kleinere Rollen in Filmen wie Zärtliche Cousinen und P.R.O.F.S… und die Penne steht Kopf. Erste Regieerfahrungen sammelte sie 1986 bei der Bühnenfassung von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ am Renaud-Barrault Theater.

Ihr erster Film in Alleinregie, Liebesgeschichten enden im Allgemeinen böse, gewann 1993 den Jean-Vigo-Preis. 1995 drehte sie mit ihrem Bruder Jean-Chrétien Sibertin-Blanc in der Titelrolle die Komödie Augustin, der 1999 in Augustin, Kung-Fu-König und 2006 in Nouvelle Chance erneut in die Rolle schlüpfte. 1997 erhielt ihr Film Eine saubere Affäre bei den Filmfestspielen von Venedig den Preis für das beste Drehbuch und wird allgemein als Meilenstein auf Fontaines Weg gesehen, „eine bedeutende Figur im zeitgenössischen französischen Kino“ zu werden. Ihre Filme lassen sich nicht so einfach Kategorisieren. Oft wird von „psychologischem Drama“ gesprochen. Zu ihren weiteren Werken gehören Nathalie – Wen liebst Du heute Nacht? und Das Mädchen aus Monaco.

Mein liebster Alptraum ist nach In seinen Händen und Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft die mittlerweil dritte Zusammenarbeit Fontaines mit dem belgischstämmigen Schauspieler Benoît Poelvoorde (►Nichts zu verzollen).

Wie entstand Mein liebster Alptraum?

Ich wollte schon seit einigen Jahren einen Film über ein Paar machen, das nicht zusammenpasst. Mit Benoît Poelvoorde, mit dem ich schon In seinen Händen und Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft gedreht habe, pflege ich eine langjährige Bekanntschaft – und ich wollte unbedingt einmal mit Isabelle Huppert arbeiten. Mit ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten und den Bildern, die damit verbunden sind, schienen sie perfekt, um zwei so gegensätzliche Charaktere wie Patrick und Agathe zu spielen, die sich einander dann jedoch ganz bedächtig öffnen.

Die Auswahl der Darsteller war also ein Schlüsselelement.

Ich wollte die beiden – und niemanden sonst. Sie würden dem Film die nötige Authentizität verleihen, wobei an der Beziehung ihrer Figuren natürlich nichts „gewöhnlich“ oder „normal“ ist. Und es gab noch ein entscheidendes Element, das mit einer persönlichen Erfahrung verbunden ist.

Welche Erfahrung war das?

Vor einigen Jahren brachte mein Sohn einen Freund mit nach Hause, der auf mich wirkte, als sei er von einem fremden Planeten. Mein Sohn erklärte ihn zu seinem besten Freund, und ich fragte mich: Warum nur wirkt dieses Kind derart einsam? Alles an ihm schien geheimnisvoll. Dann traf ich seinen Vater, eine exzentrische Figur, der in sehr prekären Verhältnissen lebte, sich aber keineswegs als Opfer begriff. Ich begann darüber nachzudenken, wie sich wohl eine Beziehung zwischen zwei derart unterschiedlichen Familien entwickeln würde, die mehr oder weniger zufällig durch ihre Kinder zusammengebracht worden waren. Die Kindheit ändert die sozialen Codes, sie stellt unsere Vorurteile infrage und unsere Wahrnehmung von Status und Klasse. Wobei ich dem jetzt in diesem Fall nicht weiter nachgegangen bin.

Aber Sie nutzten es als Grundlage für den Film?

Was ich im echten Leben nicht genau analysiert habe, beschwor ich für die Fiktion herauf – all die Vorstellungen von sozialen Beziehungen, von kulturellen Einstellungen, von Schuld. Ein guter Stoff für eine Komödie! In diesem Genre habe ich bisher nur vorsichtige Gehversuche gemacht, etwa in Das Mädchen aus Monaco, dessen letzte 15 Minuten ihn dann doch zu einem psychologischen Drama machten, ganz so, als schrecke ich davor zurück, eine waschechte Komödie zu drehen. Dieses Mal wollte ich das komödiantische Konzept durchziehen und den humoristischen Blick bis zum Ende beibehalten. Das wollte ich gemeinsam mit meinem Co-Autoren Nicolas Mercier erreichen, mit dem ich zum ersten Mal zusammengearbeitet habe.

Diese Komödie erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheit.

Eine Liebe, die im echten Leben wahrscheinlich chancenlos wäre, aber in einer Komödie kann man Utopien entstehen lassen. Seit Eine saubere Affäre sind Klassengegensätze immer wieder ein Thema in meinen Filmen, wobei die Figuren aber nie ausschließlich durch ihre Herkunft bestimmt werden. Mein liebster Alptraum beschreibt den sanften Zusammenstoß von Snobismus, Kultiviertheit und Selbstkontrolle (die an sich ja schon ein Zeichen von emotionaler Kälte sein kann) mit Rohheit, schlechten Manieren und einem sehr direkten, harschen Lebensstil. Ohne es zu merken, verstecken sich die beiden Charaktere hinter ihren Schutzwällen und steuern langsam auf einen Abgrund zu. Sie haben ihre Leben so eingerichtet, im Chaos oder in der totalen Kontrolle, dass niemand von außen eingreifen kann. Ihre Begegnung zeigt ihnen, wer sie wirklich sind und schließlich transzendieren sie ihr altes Dasein – was eine der Definitionen von Liebe ist. Agathe sagt sogar zu Patrick: „Ich brauche dich“.

Kinder spielen in Mein liebster Alptraum eine wichtige Rolle.

Da der Film ständig mit unseren Vorstellungen davon spielt, was angeboren sei und was erworben, war es schwierig, das Verhältnis nicht übers Lernen herzustellen. Ich fand es amüsant, dass in Patricks Sohn, der praktisch Analphabet ist und die Schule zweifelsohne mit elf Jahren verlassen hat, ein hochtalentierter Bursche steckt – und umgekehrt, dass der Sohn aus der Mittelschicht mit seiner klassischen Erziehung auf die Hochkultur pfeift und sich nur mit Videospielen beschäftigt.

Wie haben Sie sich den illustren Kreis bürgerlicher „Hipster“ um Patrick und Agathe ausgedacht?

Sie sind eine Mischung aus meiner Alltagserfahrung und den Drehbuchbesprechungen. Die Verlagsbranche kenne ich ganz gut, so entstand Agathes Lebensgefährte François, den André Dussollier spielt. Ich stellte es mir witzig vor, wenn sein Starautor ein sehr durchschnittlicher Schriftsteller wäre. So sieht es ja auch oft in Wirklichkeit aus. Ich habe auch viel Zeit in Galerien verbracht und natürlich in der Fondation Cartier (wo das Management so nett war, uns die Einrichtungen ohne jeden Widerspruch nutzen zu lassen). Das Schwarzweißfoto, das eine so große Rolle im Verhältnis der Hauptfiguren spielt, sollte ein echtes Kunstwerk sein, nicht nur ein Requisit. Es ist eine Arbeit des Fotografen Hiroshi Sugimoto, der in Mein liebster Alptraum einen Cameo-Auftritt hat. Er hat die Aufnahme von Isabelle, die einen Klavierspieler betrachtet, tatsächlich selbst geschossen.

Dieses eindrückliche Bild von einem einsamen Beobachter, diese weiße Leinwand, die nicht wirklich weiß ist – das ist wie eine Metapher für die Beziehung von Agathe und Patrick mit ihrer ursprünglichen Distanz, die Schritt für Schritt überwunden werden muss. Ich dachte mir, wenn Sugimoto einen Sinn für Humor hat, sagt er vielleicht zu. Er bestand sogar darauf, das Foto selbst zu „verwüsten“ und machte das letzte Graffiti darauf. Aber mir ging es nicht um eine Satire über die zeitgenössische Kunst oder die kulturelle Elite von Paris. Ich wollte einen Hintergrund, der soweit als möglich von der „Ästhetik“ (falls man es so nennen will) von Benoîts Charakter entfernt ist.

Reden wir von den Schauspielern. Wie kamen Sie mit Benoît Poelvoorde aus?

Ich kenne seine Fantasiewelt und sein Einfühlungsvermögen, und ich habe einen guten Teil unserer persönlichen Beziehung in den Film einfließen lassen. Wir haben uns vor dem Schreiben des Drehbuchs ein paarmal getroffen, weil ich den Grundton von Mein liebster Alptraum an die Dynamik und die Atmosphäre unserer Begegnungen anpassen wollte. Zu Beginn des Films sollte sich seine Undurchsichtigkeit paradoxerweise gerade aus dem scheinbaren Fehlen jeder Tiefe, jedes Geheimnisses entwickeln – „what you see is what you get“, nichts ist verborgen oder wird zurückgehalten. Und man würde sich ihm gegenüber verhalten wie Agathe, die am liebsten weglaufen würde und heimlich hofft, es möge aufhören.

Aber Patrick wird von Benoît gespielt, und das ändert alles! Ein anderer Schauspieler hätte womöglich nicht andeuten können, dass dieser Mann eine tiefe Verletzung in sich trägt, die nach und nach zum Vorschein kommt und unser Mitgefühl weckt. Es ginge nur noch um die Mechanik der einzelnen Gags, die mich überhaupt nicht interessiert. Ich mag menschliche Komödien, in denen Darsteller mit ihrer Wahrhaftigkeit die Ambiguität ihrer Figuren in den Mittelpunkt stellen. Ohne Benoît hätte ich den Film gar nicht erst geschrieben. Dasselbe gilt für Isabelle Huppert, der es rein gar nichts ausmachte, am Anfang des Films unglaublich unfreundlich zu erscheinen.

Wollten Sie schon lange einmal mit Isabelle Huppert arbeiten?

Sie mochte In seinen Händen und wollte mit mir zusammen arbeiten. Wenn ich in einem Film mit ihr Regie führen würde, dann sollte es kein Drama sein, weil ich ihr auf diesem Gebiet nicht mehr viel zu bieten habe. Aber sie hat bislang noch nicht viele Komödien gedreht, also stellte ich es mir interessant vor, sie in diesem Genre einzusetzen. Sie ist ein Denkmal, eine große Künstlerin, die manchmal wirkt, als lebte sie in einem Elfenbeinturm. Aber ich habe sie auch schon oft lachen sehen wie ein kleines Kind und habe Lust bekommen, ein wenig mit ihrem Image zu spielen. Sie hat sich ganz in den Dienst ihrer Figur gestellt. Es ist fantastisch, jemanden zu treffen, der das Schauspielen so sehr liebt.

Wie war es mit André Dussollier? Und mit Virginie Efira, deren Figur allen Männern den Kopf verdreht?

André hatte noch nie zuvor mit Isabelle gedreht – unglaublich eigentlich, wenn man sich beider Karrieren ansieht. Also habe ich mich entschlossen, sie als Paar zusammen zu bringen. Als ich seinen Part geschrieben habe, dachte ich an seinen sanften Charme, an die natürliche Klasse, die er ausstrahlt – und die vielleicht eine Scheu vor Konflikten und Entscheidungen verbergen mag. Er lachte und sagte mir: „Na gut, aber treib das dann auch bis zum Äußersten.“ André hat großes komisches Potenzial, und der Gegensatz zu Benoît schien ideal. Sogar ihr Sprachgebrauch unterscheidet sich: Patrick nutzt Wörter aggressiv, François zur Verteidigung.

Für den Charakter der Julie suchte ich ein natürliches Mädchen, sexy und vor Gesundheit strotzend. Sie sollte glaubwürdig in der Rolle sein. Virginie ist als Darstellerin sehr sinnlich, spielt aber auch unglaublich präzise. Mit ihrer Frische, ihrer Popularität und ihrer entspannten Toleranz erweckt sie wie selbstverständlich Vertrauen. Und in einigen Szenen macht sie aus der scheinbar idealen Verlobten Julie ein wirklich Furcht einflößendes Weib.

Der ganze Film ist sehr physisch. Patrick geht durch Wände, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Am Anfang verwüstet er Agathes Apartment. Benoît spielt solch physischen Szenen sehr glaubwürdig, und ich wollte das Publikum auf diese direkte, spürbare Art in die Handlung einführen, ohne psychologische Erklärungen. François mit seinem linken Gutmenschentum begrüßt diesen Handwerker, der in seinem Haus einen Auftrag zu erledigen hat, natürlich mit den besten Manieren. Auf seine Art atmet Patrick diesem zu Eis erstarrten, musealen Heim ein wenig Leben ein.

Die Dialoge sind recht harsch.

Manche der Sprüche hat Benoît sich ausgedacht, aber das meiste ist von Nicolas Mercier und mir. Manchmal fragten wir uns, ob wir nicht zu weit gingen. Patrick sagt zu Agathe: „Wie kommst du im Bett klar mit so einem eiskalten Arsch?“ Ich fragte mich, wie Isabelle darauf reagieren würde. Zuerst war sie ein wenig schockiert, aber dann fand sie es witzig. Ich warnte sie, ihre Figur sei eine Mischung aus ihr selbst und mir. Das beruhigte sie. Und Agathe gewinnt im Laufe der Handlung an Menschlichkeit. Isabelle endet als verlorene Frau, als Gefangene in ihrer eigenen narzisstischen Zelle. So wie Patrick hat auch Agathe ihre Gefühle ihrem Selbstbild geopfert, und beide können diese Wunde nicht heilen.

Agathe und Patrick sprechen einander die meiste Zeit im Film mit dem förmlichen „vous“, dem „Sie“, an.

Das musste so sein – „vous“ hat viel mehr Sex und Erotik.

Die Handlung entwickelt sich rasend schnell.

Patrick kann nicht stillhalten – genauso wenig wie Benoît. Er ist ein Wirbelwind, und die Inszenierung musste mithalten mit dieser ständigen Bewegung, die mit den Gefühlen seiner Mitmenschen Ping-Pong spielt. Er ist ein Eindringling, ein Raubtier, der die anderen zwingt, Stellung zu beziehen – sogar François, der mit Julie vielleicht gerade einen ganz anderen Albtraum erlebt! Sobald Patrick auftaucht, nimmt der Film Fahrt auf.

Dieses Raubtier hat ein kompliziertes Bild von sich selbst. „Ich bin Gift für andere Menschen“, sagt Patrick einmal, und: „Ich lasse niemanden auf mich herabsehen – außer mich selbst.“

Patrick versteckt seine Verzweiflung hinter dem Exzess. Er trinkt, er ist ein Partylöwe, aber den Kater am Morgen danach kennt er besser als die meisten. Diese schmerzhafte Seite war unvermeidlich. Je exzessiver die Situationen in einer Komödie geraten, umso mehr Wahrheit ist auch notwendig. Auf ihre je eigene Art halten Benoît und Isabelle dieses Gleichgewicht aufrecht. ■ mz | Quelle: Concorde

25.01.2012 | mz |
Kategorien: ohne